Pythagoreer

Der Grund, der PYTHAGORAS dazu bewogen haben könnte seine griechische Heimat zu verlassen, ist schwer nachzuvollziehen. Fest steht, dass er als Vierzigjähriger (um 530 v. Chr.) nach Unteritalien in den antiken Ort Kroton, dem heutigen Crotone in Kalabrien, übersiedelte. Dort unterrichte er anfangs die Jugend in griechischer Weisheit. Er benutzte seine Lehrtätigkeit aber vor allem dazu, sich eine Anhängerschaft heranzuziehen, was schließlich in der Gründung einer „Schule“ mündete.
Der Begriff der „Sekte“ passt aber wohl eher. Die unmittelbaren „Schüler“ und Anhänger seines religiösen und politischen Bundes bezeichnet man noch heute als die „Pythagoreer“. Sie lebten, zumindest zu Anfang, wahrscheinlich klosterartig in einer Gütergemeinschaft und fühlten sich als eine geistige Elite, die über ein „Geheimwissen“ verfügte. Der Überlieferung nach gehörte es auch zu ihren Riten, sich bei Sonnenuntergang stets drei Fragen zustellen:

a) „Was habe ich Schlechtes getan?“

b) „Was habe ich Gutes getan?“

c) „Was habe ich versäumt zu tun?“

Es herrschte das Führerprinzip, dessen erste Person zu seinen Lebzeiten PYTHAGORAS war. Dieser lehrte jeden Abend in Form einer Vorlesung. Viele seiner Zuhörer kamen von weither angereist. Interessanterweise verbarg er sich bei seinen Vorträgen stets hinter einem Vorhang. Nur wenige bekamen ihn direkt zu Gesicht. Seinen Anhängern war dieses Erlebnis erst nach Abschluss der vorgeschriebenen fünf Studienjahre, die unter Wahrung strikten Schweigens abliefen, vergönnt. Entsprechend ranken sich um sein Aussehen und seine Erscheinung viele Legenden.

Der große PYTHAGORAS teilte seine Zuhörer gewöhnlich in zwei Kategorien ein: die „Mathematiker“ waren jene, die das Recht hatten, Wissen, „mathematha“, zu erwerben. Die andere Gruppe, die „Akusmatiker“, durften nur zuhören.

So wundert es nicht, dass die Pythagoreer, wie alle esoterischen Bünde, auch ihre eigene, nur den Eingeweihen verständliche Sprache hatten. Sie bestand u. a. aus Zahlencodes und Symbolen. So sollte verhindert werden, dass ihr Geheimwissen an Unwürdige gelangte. Zu den Erkennungszeichen der Pythagoreer untereinander gehörten z. B. das Pentagramm und der Satz „Bleib gesund“.

Doch gerade an diesem Symbol sollte der Bund zerbrechen. Einer der Schüler, der Mathematiker HIPPASOS VON METAPONT fand bei der Untersuchungen des Verhältnisses von Seiten und Diagonalen eben des Pentagramms – des Geheimzeichen der Schule – , dass sich die Diagonalen stetig teilen und die Seitenlänge dem größeren Teilstück gleich ist. Er berechnete das Verhältnis von Diagonale zu Seite mit 1,681... und fand dafür keine Darstellung mit natürlichen Zahlen. Er suchte umsonst, denn dies ist, wie wir heute wissen, keine rationale, sondern eine irrationale Zahl – die sich über den Goldenen Schnitt erzeugen lässt. Hieran zerbrach die Schule, da sie ihrer Leitidee beraubt war.

Zur Ethik der Pythagoreer

Die geistigen Vorstellungen der Pythagoreer basieren auf einem grundlegenden Ordnungsprinzip, magischen Vorstellungen und einer harmonischen Lebensführung sowie der Musik. Die Lehre von der Seelenwanderung war eine ihrer esoterischen Basen. PYTHAGORAS selbst behauptete offenbar, dass dieses sein viertes menschliches Leben war.

Die Pythagoreer waren folglich strenge Vegetarier, da im Tier die Seelen verstorbener Menschen weiterlebten. Begründet in der Vorstellung der Wiedergeburt war den Pythagoreern die Vorstellung von der Vergeltung der Taten wichtig. Ihre Annahme war, dass man im nächsten Leben für seine derzeitigen Taten bestraft oder belohnt wurde. Bestraft bedeutete ein Wandern der unsterbliche Seele in eine niedere Spezies, also z. B. eine Pflanze, einen Hund oder ein Schwein. Belohnt bedeutete eine Seelenwanderung in einen anderen menschlichen Körper, der im damaligen Verständnis sozial höher stand, also in einen Kaufmann, Athleten oder Zuschauer. Der Tod ist für die Pythagoreer somit ein Ende, aber auch ein neuer Anfang. Die Parallelen zu fernöstlichen Philosophien und Religionen sind eindeutig zu erkennen und von PYTHAGORAS von dort offensichtlich übernommen worden.

Zur Zahlenmystik der Pythagoreer

Den Pythagoreern galt als Erklärungsgrundlage aller Dinge, als oberstes Ordnungsprinzip, die Mathematik, die Zahl und die Form, auf keinen Fall etwas Materielles. Die Zahlen und die Mathematik bildeten für PYTHAGORAS die Bausteine der Welt. Zahlenspielereien und deren postulierte Mystik bildeten in Folge der grundlegenden Annahme somit einen Hauptpunkt der Esoterik dieses Bundes. Die Verknüpfung von Geometrie und Zahltheorie wurde hoch entwickelt und mit esoterisch mystischen Bedeutungen belegt. Ein kleines Beispiel mag das hier verdeutlichen:
So war der Punkt der Eins, die Linie der Zwei, die Fläche, die ja im Dreieck erstmals erscheint, der Drei, und der von vier Flächen umschriebene Körper der Vier zugeordnet. Parallelen zu heutigen geometrischen Grundvorstellungen sind eindeutig zu sehen.

Gerade und ungerade Zahlen waren von besonderer Bedeutung für die Pythagoreer. Nach ihnen ist alles in die zwei Kategorien ungerade und gerade eingeteilt. Die ungeraden Zahlen sind „der rechten Seite, der Grenze, dem Männlichen, Ruhenden, Geraden, dem Licht, dem Guten und, geometrisch ausgedrückt, dem Quadrat“ zugeordnet. Die geraden Zahlen sind „dem Unbegrenzten, der Vielheit, der linken Seite, dem Weiblichen, Bewegten, Gekrümmten, der Finsternis, ja dem Bösen und, in geometrischer Form, dem Rechteck“ zugeordnet.
Die Zahl Sechs war nach der Lehre der Pythagoreer eine „vollkommene Zahl“. Was waren die Kriterien für solche Zahlen? Die entscheidende Bedingung war, dass die Summe der sogenannten echten Teiler die Zahl selbst ergibt. Unter den echten Teiler einer Zahl wiederum verstand man die Teiler einschließlich der Zahl Eins, aber ausschließlich der Zahl selbst. Das klassisches Beispiel hierfür ist eben die Zahl Sechs. Sie hat die Teiler 1, 2, 3 und 6. Die Summe der Zahlen 1, 2 und 3 ist 6. Auch die Zahlen 28, 496 oder 8128 erfüllen die o. g. Bedingung. Schon EUKLID hatte herausgefunden, dass es so viele vollkommene Zahlen gibt, wie man Primzahlen kennt.

Die Zahl Zehn war den Pythagoreern besonders heilig, da sie die Summe aus den ersten vier, den „edelsten“ der damals bekannten natürlichen Zahlen, hervorgeht (1+ 2 + 3 + 4 = 10). War es nicht in ihrem Sinne eine Bestätigung ihrer Vorstellungen, da man doch aus den ersten vier Zahlen ein göttliches, gleichseitiges Dreieck bilden konnte. Damit wurde aus vier Einzelteilen wieder ein Ganzes.

Pentagramm

Pentagramm

Das Erbe der Pythagoreer

Die Pythagoreer starben praktisch in der ersten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. als Sekte aus. Aber im 1. Jh. v. Chr. lebte ihre Lehre im „Neupythagoreismus“ wieder auf, die Esoterik der Pythagoreer beeinflusste maßgeblich das griechische Geistesleben, insbesondere PLATON und ARISTOTELES.

PHILO VON ALEXANDRIA (13 v. Chr. bis 45/50 n. Chr.) hat in seinem Werk alttestamentarische und pythagoreische Esoterik verschmolzen und so die Grundlage für eine stark von der Zahlenmystik geprägte Bibelauslegung geschaffen. Auch die jüdische Kabbala hat einen extrem komplizierten, zahlenmystischen Hintergrund, der ebenfalls auf die Pythagoreer zurückgeht.

Auch die christliche Kirche des Mittelalters befasste sich mit den mystischen Zahlendeutungen der Pythagoreer. So verwundert es nicht, dass die Theologie und auch der Volksglaube z. B. gerade und ungerade Zahlen im wesentlichen im Sinne der Pythagoreer zahlenmystisch interpretierten. Die Vorliebe für ungerade Zahlen führte dazu, dass rituelle Handlungen, Gebete, Beschwörungen in ungerader Anzahl vorgenommen wurden und oft noch werden oder man vollzieht einen Zauber dreimal oder siebenmal und wiederholt ein Gebet oder das Amen dreimal. Auch soll immer eine ungerade Zahl von Personen anwesend sein, wenn Magie getrieben wird. Schließlich verschenkt man auch heute noch nur eine ungerade Anzahl von Blumen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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