Chicha

Der Name „chicha“ leitet sich von dem traditionellen Maisbier her, das seit der Inkazeit das typische Getränk der Andenhochländer ist. Im Zusammenhang mit den Festen, die in dem traditionellen Restaurant, der chichería, gefeiert wurden, entwickelte sich im städtischen und sozial angespannten Umfeld unter den vom Land herbeigezogenen Arbeitsmigranten zahllose Tanzlokale, die Bailódromos und später dann die Chichodrómos, in denen getanzt und gefeiert wurde, um die Probleme des Alltags zu bewältigen und zu vergessen.

Bongos

Bongos

Chicha - Foto, Bongo Trommeln

Chicha als pan-andines Lebensgefühl

Die traditionelle wayno-Musik sowie die ländliche kommerzielle Musik des Hochlandes war zu regional-spezifisch als dass sie ein solidarischer Ausdruck der zusammengewürfelten neuen Migranten sein konnte. Aus diesem Grund musste ein musikalische Genre geschaffen werden, das eine Art pan-andines Musikgefühl hervorbrachte und die Erinnerung an die Melodien des Hochlandes in Verbindung mit dem neuen Lebensrhythmus der música tropical verband. Zugleich konnte diese neue Musik die Massen begeistern und die Ideen von Politikern, Werbeleuten und Fans bewegen.

Lieder und Texte der Chicha-Musik sind nicht so abstrakt wie die der früheren linken Folkloregruppen, sondern erzählen konkret über die Schwierigkeiten und Probleme der abgewanderten Bauern (campesinos), die in den Slums von Lima und anderen größeren Städten Perus mit Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend konfrontiert waren.

Mitte der 1980er-Jahren wurde Chicha so bekannt und kommerziell so attraktiv, dass sich ein Starkult entwickelte und einzelne Gruppen wie LOS SHAPIS oder die GRUPO ALEGRIA als professionelle Musiker ihr Leben fristen konnten.

Die Musik und ihre Liedtexte selber wurden gelegentlich interpretiert als eine Art Resistance und als Medium, mit dem das andine kulturelle Erbe in Großstädten wie Lima auch bei den Arbeitsmigranten der zweiten Generation eine Überlebenschance hatte.

Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einer weiteren überregionalen Entwicklung. Als Chicha der Migranten erlebte sie um 1999 und 2000 in der Techno-Cumbia (tecnocumbia) einen zweiten Boom, der vor allem über die Rundfunksender getragen wurde und sich so als eine länderübergreifende Musik noch stärker an eine internationale música tropical anlehnte und gleichzeitig weitere Elemente von Rock, Reggae, Salsa und Techno zusammenführte und sich damit teilweise loslöste von dem einseitigen Image der sozialen Unterschicht.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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