Elektronische Musik

Zum Begriff

Der Begriff „elektronische Musik“ geht auf den Phonetiker WERNER MEYER-EPPLER (1913–1960) zurück, der ihn erstmals 1949 im Untertitel eines seiner Bücher (Elektrische Klangerzeugung: Elektronische Musik und synthetische Sprache) verwendete. 1954 wurde dann eine Definition versucht, nach der die elektronische Musik ausschließlich synthetisch erzeugte Klänge umfassen sollte, also weder Instrumentalklänge noch mit dem Mikrofon aufgezeichnetes akustisches Material. Da die Komponisten elektronischer Musik auch andere Klänge einbezogen, war diese Definition jedoch nicht von Dauer.

Entstehung

Die ersten Experimente mit elektronischer Musik fanden 1951 im Haus des Nordwestdeutschen Rundfunks Köln (heute Westdeutscher Rundfunk) statt. Zur Klangerzeugung standen dort ein Monochord und ein Melochord (tastaturgesteuerte einstimmige elektrische Klangerzeuger auf Röhrenbasis) sowie zwei Magnettonbandgeräte zur Verfügung. 1953 wurde dann auf Initiative von MEYER-EPPLER, des Rundfunkstechnikers FRITZ ENKEL und des Komponisten und Tonmeisters ROBERT BEYER (1901–1989) am Nordwestdeutschen Rundfunk in Köln ein Studio für elektronische Musik eingerichtet, ausgestattet u.a. mit

  • einem Ringmodulator,
  • einem Verzerrer,
  • einem Rauschgenerator,
  • einem Schwebungssummer,
  • einem Sinusgenerator
  • und anderen Geräten zur elektrischen und elektronischen Klangsynthese.

Geleitet wurde das Studio für elektronische Musik von dem Komponisten HERBERT EIMERT (1897–1972).

1953 kamen die ersten elektronischen Stücke von HERBERT EIMERT und ROBERT BEYER zur Aufführung. Das Publikum saß vor den auf der Bühne aufgebauten Lautsprechern und hörte zu. Die bekanntesten Komponisten des Kölner Studios waren KARLHEINZ STOCKHAUSEN (* 1928) und GOTTFRIED MICHAEL KÖNIG (* 1926). Die Kompositionsweise wurde von der Technik geprägt und orientierte sich zunächst an der seriellen Musik. Das heißt alle Klangparameter konnten genau bestimmt werden und das Komponieren mit 12 gleichberechtigten Tönen konnte durch festgelegte Lautstärkegrade, eine Reihe von vorherbestimmten Klangfarben, exakten Tondauern etc. erweitert werden. Gestaltungsmöglichkeiten waren:

  • das Erzeugen von Klängen aus Sinustönen, von weißem Rauschen,
  • die Klänge oder das Rauschen konnten gefiltert werden,
  • Tonbandschleifen erlaubten beliebige Wiederholungen,
  • Klänge konnten überlagert werden,
  • die Magnettonbänder wurden je nach Kompositionsmodell geschnitten und aneinandermontiert,
  • durch schnelles oder langsames Abspielen des Tonbandgerätes wurden die Tonhöhen verändert und
  • Hall konnte den Klängen hinzugefügt werden.

Die bekanntesten Kompositionen dieser frühen Phase der elektronischen Musik sind „Gesang der Jünglinge“ (1955/56) und „Kontakte“ (1959–1960) von KARLHEINZ STOCKHAUSEN.

Bis heute hat sich die elektronische Musik mit der Entfaltung der Technik sehr weit entwickelt und eine Vielzahl von kompositorischen Möglichkeiten und Stilen hervorgebracht.

Computer gekoppelt mit Schallplattenspieler

Computer gekoppelt mit Schallplattenspieler

Musique Concrète

Der Begriff „Musique Concrète“ wurde Ende der 1940er-Jahre von dem französischen Komponisten PIERRE SCHAEFFER (1910–1995) geprägt. Er bezeichnet Musik, die ebenfalls allein über Lautsprecher zu hören ist, aber aus aufgezeichnetem Klangmaterial besteht.

  • Text,
  • Klang,
  • Musik,
  • Geräusch etc.

werden in der Musique Concète gleichberechtigt behandelt. Das Klangmaterial wurde hierzu mit dem Mikrofon aufgenommen und kompositorisch verarbeitet. Es konnten

  • Worte sein,
  • Schritte,
  • das Knarren einer Tür,
  • das Zerspringen eines Glases
  • oder auch Instrumentalklänge z.B. eines Klaviers.

PIERRE SCHAEFFER gründete 1943 ein Studio bzw. eine Forschungsstelle für radiophonische Kunst, wo die Grundlagen der Musique Concrète geschaffen wurden. Hier ist ein Archiv aufgezeichneter Klänge zur Analyse ihrer Eigenschaften angelegt worden. Es entstanden zunächst experimentelle Hörspiele für das Radio und später Klang- und Geräuschkompositionen, die 1948 erstmals als Konzert im Französischen Rundfunk gesendet wurden („Cinq études de bruits“, 1948).

Bewegt man einen feuchten Finger auf dem Rand des Glases entlang, so kann man dies mit etwas Geschick zum Klingen – oder sogar zum Zerspringen – bringen.

Bewegt man einen feuchten Finger auf dem Rand des Glases entlang, so kann man dies mit etwas Geschick zum Klingen – oder sogar zum Zerspringen – bringen.

Die Ästhetik der frühen Musique Concrète war durch die technischen Möglichkeiten geprägt. Anfangs gab es noch keine Magnettonbänder, so dass mit Schallplatten gearbeitet werden musste. PIERRE SCHAEFFER hat die Schallplatten beispielsweise so präpariert, dass geschlossene Rillen entstanden. Dadurch konnten Klänge im Loop, also wiederholt gespielt werden. Er arbeitete

  • mit rückwärtslaufenden Schallplatten,
  • variierte ihre Abspielgeschwindigkeit und
  • ließ mehrere Schallplatten gleichzeitig abspielen.

Er wurde damit zum Urvater heutiger Turntablisten, die sich nicht selten auch direkt auf ihn bezogen. Als Magnettonbänder zur Verfügung standen, wurden Schnitt und Montage möglich.

1958 gründete sich die Forschungsgruppe „Groupe de Recherches Musicales“ (GRM) in Paris, die auf den Erkenntnissen PIERRE SCHAEFFERs aufbaute und sich mit Akustik und akustischer Wahrnehmung beschäftigte. Das Wissen nutzten die Komponisten im Studio, um eine neue musikalische Sprache zu finden:

  • Musik aus isolierten und nun in einen neuen,
  • ästhetischen Kontext gebrachten
  • Klängen,
  • Lauten und
  • Geräuschen.

Zu den wichtigsten Komponisten gehörte neben PIERRE SCHAEFFER u.a. PIERRE HENRY (* 1927), der mit seinen plattenspielerbasierten Klangexperimenten vielen Techno-Musikern zum Vorbild wurde und deshalb auch als „Vater des Techno“ apostrophiert wird.

Die elektronische Musik aus Köln und die Pariser Musique Concrète stellten über Jahre hinweg konträre ästhetische Gegenpole dar. Heute sind die einstigen Gegensätze jedoch in einer Vielfalt verschiedenartiger Kompositionsansätze aufgehoben. Die Komponisten bedienen sich sowohl synthetisch erzeugter wie „natürlicher“ Klänge.

Tape Music

Mit „Tape Music“ bezeichnet man die frühe amerikanische elektroakustische Musik. In New York experimentierten 1948 das Komponistenehepaar LOUIS BARRON (1920–1989) und BEBE BARRON (* 1927) mit Magnettonbändern. Der Komponist JOHN CAGE (1912–1992) lernte ihre Arbeit kennen und gründete eine Gruppe, mit der er Musik für Magnettonband produzieren wollte. Zu ihr gehörten u.a. MORTON FELDMAN (1926–1987), DAVID TUDOR (1926–1976) und CHRISTIAN WOLFF (* 1934). Ihr gemeinsames Projekt nannten sie „Music for Magnetic Tape“. Zu Beginn hatten sie über 600 verschiedene Tonbandaufnahmen gesammelt und eingeteilt in:

  • elektronische Klänge,
  • Instrumentalklänge,
  • Klänge der Stadt,
  • Klänge des Landes etc.

Eine der bekanntesten Kompositionen ist „Williams Mix“ (1952) von JOHN CAGE. Das Stück ist für acht Einspur- oder vier Zweispur-Tonbänder. Es wird realisiert, in dem mit den Aufnahmen der Tonbänder ein neues Tonband nach Partituranweisung erstellt wird.

„Imaginary Landscape No.5“ (1951–1952) von JOHN CAGE ist vermutlich das erste Stück für Magnettonband in den USA. Hier werden 42 beliebige Schallplatten ausgewählt und die Partitur gibt an, wann und wie welche Schallplatten gespielt werden sollen. Parallel wird dieses auf Tonband aufgenommen, um das entstehende Stück festzuhalten. Die Verfahren und technischen Mittel sind mit denen der Musique Concrète vergleichbar. Aber die Idee der „Music for Magnetic Tape“ ist stärker auf den Prozess der Entstehung der Musik und den musikalischen Zufall (Zufallskomposition) fokussiert. Parallel zur Gruppe von JOHN CAGE arbeitete in New York um 1951 auch VLADIMIR USSACHEVSKY (1911–1990) mit Magnettonbändern und legte den Grundstein für das „Tape Music“-Studio der Columbia University. Dort wurde vor allem mit Transposition und Rückkopplung („feedback“) experimentiert. Die bekanntesten Komponisten waren hier neben USSACHEVSKY, HENRY COWELL (1887–1956) und OTTO LUENING (1900–1996).

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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