Musical Communities

Musical Communities und Fanklubs im „Global Village“

MICHAEL JACKSONs Videoclip „Black and White“ brachte die Idee der World Community visuell (wenn auch nicht auditiv) mit der Technik des Morphing zum Ausdruck (Video-Clip: „Black and White“). Die Gesichter von Menschen aller Hautfarben gehen stufenlos ineinander über, die eine Person verwandelt sich während des Songs in eine andere, diese wiederum in eine weitere und auch in der optischen Vermittlung von Musikstilen verschiedener Kulturen wird symbolisch veranschaulicht, wie alle Musiken Platz in der einen großen Welt haben, wenn es auch nicht so gemeint werden kann, dass alle zu der einen world music des einen Pop-Sängers tanzen sollen, sondern die vielen musics of one world sich gleichberechtigter nebeneinander in ihren unterschiedlichen Individualstilen und Qualitäten behaupten können, wie dies auch etwa in einem Musikprojekt wie One World – Many Voices angedacht war.

Die Fanklubs sind nicht mehr nur national ausgerichtet, sondern finden ihre Musical Community „ortslos“ im Internet und im chat-room. Die Musikstars reisen von Ort zu Ort, von Kontinent zu Kontinent. Durchorganisierte Festivals verschreiben sich verschiedenster Ideen und Konzepte. Internationale Veranstaltungen des European Forum of World Wide Music Festivals, zu denen auch das in Deutschland wohl größte Tanz&FolkFest in Rudolstadt zählt, tragen bei zur interkulturellen Verständigung über alle nationalen Grenzen und sozialen Schranken hinweg.

Regionale Kirchweihfeste mit lokalen und überregionalen Musikgruppen, traditionelle Volksmusikfeste, Musik-Fan-Clubs, Liebhaber von Reggae, türkischem HipHop, River Dance, Salsa, Samba, Heavy Metal oder „Musikantenstadl“, das alpenländische Musikfestival, das Bardentreffen in Nürnberg – sie alle stehen im Wettbewerb, Zuschauer, Zuhörer und Fans für eine musikalische Erlebnisgesellschaft zu gewinnen.

Reggae World Music Festival, California World Music Festival, Winnipeg’s Festival of World Music, Drums around the World, World Peace Festival, Himalaya Festival, Pacific Festivals, Hindu Festivals, Voices of the World, das Smithsonian Folkore Festival in Washington, die internationale Folk-Festivals traditioneller Musik des Extra European Arts Committee in allen größeren Städten Europas, die Europeade der Trachtengruppen, das Rainforest World Music Festival, die Musikschau der Nationen mit Blasmusiken der Welt, der Eurovision Schlagerwettbewerb und verschiedenste Arten von Jazz- und World Beat-Festivals, Love Parade und Karneval der Kulturen, – sie alle stehen im Wettbewerb zueinander und feiern die Differenz der Regionen, die kulturelle Vielfalt und Identität in einer globalisierten Welt.

Den Veranstaltungen liegen musikalisch regionale, nationale oder globale Identifikationsmuster und unterschiedliche Gesellschaftsmodelle zugrunde. Ihre Akteure, Musiker, Veranstalter, Zuhörer und Kritiker interpretieren und kritisieren die globalen Musikprodukte und Ideen höchst unterschiedlich: Die Ausdifferenzierung der Welt erfolgt über ein globales Referenzsystem.

Die fünf Dimensionen des globalen kulturellen Flusses

Kultur wird nach IMMANUEL WALLERSTEIN zum „ideologischen Schlachtfeld des modernen Weltsystems“ (1995). Charakteristisch hierbei sei die Tatsache, dass „die Weltkultur sowohl durch die zunehmende Vernetzung unterschiedlicher Lokalkulturen geschaffen wird als auch durch die Weiterentwicklung von Kulturen, die überhaupt nicht mehr in einer bestimmten Region ihre Verankerung kennen. Hierbei sind es nach dem Anthropologen ARJUN APPADURAI besonders fünf Dimensionen, die den globalen kulturellen Fluss (global cultural flow) bestimmen. Es sind dies

  1. ethnische,
  2. mediale,
  3. technologische,
  4. ökonomische und
  5. ideologische

Vorstellungen bzw. Landschaften (land-scapes) wie APPADURAI es bezeichnet:

  1. Ethnoscape,
  2. Mediascape,
  3. Technoscape,
  4. Finanscape und
  5. Ideoscape.

Die fünf Dimensionen des globalen kulturellen Flusses (global cultural flow):

  • Die Ethnoscape bezieht sich auf das globale Phänomen des musikalischen Tourismus, der Immigrationsbewegungen von Flüchtlingen und Gastarbeitern, die ein multikulturelles Phänomen mit ihrer mitgebrachten Musik forcieren.
     
  • Die Mediascape zeigt den Zuschauern komplexe Images von musiksozialen Narrationen und ethnischen Bräuchen auf der Bühne oder im Fernsehen.
     
  • Die Technoscape verbreitet mechanische und infomationsbezogene Technologie, mit welcher das Wissen, die Klänge, die Musiker und die Bühnenshows transportiert wird.
     
  • Die Finanscape ist der Fluss des Kapitals, mit denen Konzert- und Festivalunternehmen finanziert werden.
     
  • Die Ideoscape wird dominiert durch (kultur)politische Ideologien und post-modernistische Fortschrittsideen.

Alle fünf Bereiche haben ihre Eigengesetzlichkeit: Leute, Maschinerie, Geld, Bilder und Ideen folgen inzwischen dynamischen Prozessen, die voneinander losgekoppelt sind. In diesem kulturell zunehmend de-territorialisierten Kontext sind heute gewiss auch alle unterschiedlichen Arten von großen und internationalen Festivals zu sehen, sei es nun das internationale Rudolstädter Festival, das Afrika-Festival in Würzburg, das Samba-Festival in Coburg, ein Hackbrett-Festival in München, das Routes & Routes Festival in Landsberg, das Festival traditioneller Musik in Berlin oder die World Music Exhibition WOMEX.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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