Orgel

Historischer Hintergrund

Die Technik, Pfeifen statt mit dem Atem mittels mechanischer Luftzufuhr zum Klingen zu bringen, reicht bis in die Antike zurück. Die von KTESIBIOS aus Alexandria 246 v.Chr. konstruierte Orgel wurde von einer Kolbenpumpe mit Winddruck versorgt, der durch ein halb mit Wasser gefülltes Gefäß konstant gehalten wurde („Wasserorgel“, Hydraulis).

Da im Mittelalter die Entwicklung und Weitergabe von Wissenschaft und Kunstfertigkeit vielfach in den Händen von Mönchen lag, fand die Orgel als ursprünglich weltliches Instrument schnell ihren Weg in die Kirche. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war die Orgel in ganz Europa als Kircheninstrument eingeführt. In der Barockzeit erlebten Orgelbau und Orgelmusik ihre größte Blüte.

Die folgende Abbildung zeigt den schematischen Aufbau des Prospekts einer Orgel mit vier Manualen und Pedal. Hauptwerk (HW), Oberwerk (OW), Brustwerk (BW) und Rückpositiv (RP) werden jeweils auf einer separaten Klaviatur (Manual) mit den Händen, die Pfeifen der Pedaltürme (PT) auf der Pedalklaviatur mit den Füßen gespielt.

Schematischer Aufbau des Prospekts einer Orgel mit vier Manualen und Pedal.

Funktion und Aufbau der Orgel

Die Frontseite der Orgel, die oft bis hoch unter das Kirchengewölbe reicht, wird Prospekt genannt und enthält neben Dekorationselementen auch einzelne Pfeifenreihen, die Prospektpfeifen.

Prospekt und gesamter Baukörper vieler Orgeln lassen eine Gliederung in Werke erkennen. Dies sind separate, nach vorn offene Gehäuse, in denen die Pfeifen untergebracht sind. Bei vielen Orgeln befinden sich an den Seiten des Gehäuses die Pedaltürme mit den besonders langen Pfeifen für die tiefen Stimmen der Orgel, die mit dem Pedal gespielt werden.

Oft ragt an der Brüstung der Orgelempore, im Rücken des Spielers, noch ein separates schrankartiges Gehäuse in den Kirchenraum hinein: das Rückpositiv.

An zentraler Position, direkt vor dem Orgelprospekt, befindet sich der Spieltisch; von hier aus werden alle Funktionselemente der Orgel bedient.

In der Mitte des Spieltisches befinden sich mehrere terrassenförmig übereinanderliegende Klaviaturen, die Manuale, sowie am Boden eine Klaviatur, das Pedal, mit der gleichen Anordnung von Unter- und Obertasten. Die „Tasten“ des Pedals werden mit den Füßen gespielt und sind daher breiter und länger.

Jede Klaviatur ist einem Werk zugeordnet. Große Orgeln haben bis zu 5 Manuale und Tausende von Pfeifen.

Rechts und links von den Manualen oder im Halbkreis um die Manuale herum sind die Registerzüge, -knöpfe oder -schalter angeordnet. Mit diesen können Register an- und abgeschaltet werden. Ein Register ist eine Reihe von Pfeifen gleicher Bauart und Klangcharakteristik. Jede Pfeife eines Registers entspricht einer Taste der zugehörigen Klaviatur.

Größere Orgeln sind mit zusätzlichen Spielhilfen ausgestattet, die sich in Form von Knöpfen, Schaltern oder Fußwippen am Spieltisch befinden: Koppeln zum Zusammenschalten einzelner Klaviaturen oder Schalter für feste oder wählbare Kombinationen von Registern, die per Knopfdruck abgerufen werden können.

Über den Manualen befindet sich das Notenbrett. Leicht versetzt über dem Pedal steht die Orgelbank, auf der der Spieler sitzt und von der aus er alle Manuale, das Pedal, Registerzüge und Spielhilfen sowie das Notenbrett bequem erreichen kann.

Jede Pfeifenorgel benötigt Wind mit konstantem Druck. Winddruck wird von einem Gebläsemotor erzeugt und, ehe er durch Rohrleitungen zu den Pfeifen geführt wird, durch einen dazwischen geschalteten Magazinbalg geregelt und konstant gehalten. Vor der Erfindung des Elektromotors wurde der Wind von „Balgtretern“ (Kalkanten) erzeugt, die ohne Pause mit den Füßen lange Hebel auf und ab bewegen mussten, an denen die Blasebälge befestigt waren.

Durch Rohrleitungen wird der Wind zu den Windladen geführt, auf denen die Pfeifenreihen der Register stehen. Bevor der Wind in die Pfeifen gelangt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Nur diejenigen Register, die der Organist am Spieltisch „gezogen“ (aktiviert) hat, dürfen zu hören sein, und nur diejenigen Pfeifen, für die der Organist am Spieltisch die Tasten gedrückt hat, dürfen Wind erhalten.

In den (begehbaren) Werkgehäusen sieht man Pfeifenreihen nebeneinander auf langen schmalen Holzkästen, den Windladen, stehen. Jede Pfeifenreihe besteht aus ca. 30 bis 50 Pfeifen gleicher Bauart, die der Größe nach auf der Windlade angeordnet sind: Dies sind die Pfeifen eines Registers. Alle Pfeifen eines Registers sind von gleicher Form, aber abgestufter Größe („wie die Orgelpfeifen“). Die Register untereinander sehen dagegen unterschiedlich aus.

Spiel- und Registertraktur einer Orgel in vereinfachter Darstellung

Die Traktur besteht aus einem System von Latten und Leisten, die die Bewegungen von Tasten und Registerzügen zu den Windladen bzw. den Pfeifen überträgt, oft über viele Meter Distanz hinweg.

  • Spieltraktur: An den Tasten der Klaviaturen sind schmale Latten, die Zugruten (Abstrakten), befestigt, deren Zugbewegung über Wellen am Wellenbrett zu den Windladen übertragen wird und die dort das Ventil (Spiel-, Ton- oder Pfeifenventil) direkt unter der Pfeife öffnen, sodass Wind hineinströmen kann.
     
  • Registertraktur: Der Registerzug am Spieltisch ist mit einem Transmissionssystem von Holzlatten und Scharnieren mit den Registerschleifen in der Windlade verbunden, die je nach Stellung die Windzufuhr für ein ganzes Register sperren oder freigeben kann. Bei einer Orgel mit elektrischer Registertraktur übernimmt diese Funktion ein kleiner Elektromagnet, der vom Spieltisch aus durch einen Registerschalter bedient wird.

Es muss also beim Niederdrücken der Taste mindestens ein Register gezogen sein, sonst ist nichts zu hören. Es können aber auch mehrere Register gezogen sein: Dann erklingen beim Niederdrücken einer einzigen Taste mehrere Pfeifen, und zwar die einer Taste zugeordneten Pfeifen aller gezogenen Register.

Die Windlade hat eine „zweigeschossige“ Bauweise: Die unten liegende Windkammer steht unter ständigem Luftdruck. An ihrer Oberseite befinden sich kleine Öffnungen, die von innen mit Ventilklappen verschlossen sind. Durch das Niederdrücken einer Taste wird dieses Spielventil geöffnet und die Luft kann nach oben in die quer dazu angeordnete Tonkanzelle strömen. Es gibt so viele Tonkanzellen wie Tasten auf einer Klaviatur; alle Pfeifen, die einer Taste zugeordnet sind, stehen genau über derselben Tonkanzelle.

Damit beim Tastendruck ein Ton zu hören ist, muss das Register „freigegeben“ werden. Dies geschieht durch die Registerschleifen, die in die obere Decke der Windlade eingelassen sind. Registerschleifen sind Bretter mit Lochbohrungen, die mit den Löchern unter den Pfeifen genau übereinanderliegen. In diesem Fall erhält das ganze Register Wind, bzw. jeweils die Pfeife, deren Kanzelle unter Winddruck steht; in Bild 3 ist das die linke Pfeifenreihe. Wird die Registerschleife so verschoben, dass die Bohrungen nicht übereinanderliegen, ist die Windzufuhr für das gesamte Register gesperrt. Das Hin- und Herschieben der Registerschleife geschieht am Spieltisch durch die Registerzüge.

Der Organist hat durch das Anschlagen der Taste keinen Einfluss auf Lautstärke oder Lautstärkeverlauf des Tons: Solange die Taste gedrückt und das Register gezogen ist, strömt gleichmäßig Wind durch die Pfeife; lässt der Organist die Taste los oder schaltet das Register ab, so wird die Windzufuhr gesperrt und die Pfeife verstummt.

Im 19. Jahrhundert wurde die in der Barockzeit perfektionierte mechanische Traktur durch die pneumatische Traktur ersetzt. Dabei werden durch Tastenanschläge und Schaltbefehle vom Spieltisch kleine Bälge geöffnet oder geschlossen, die einzelne Röhren in einem komplizierten Rohrleitungssystem unter Luftdruck setzen. Dieser Luftdruck bewirkt durch Öffnen oder Schließen weiterer kleiner Bälge mechanische Vorgänge wie das Öffnen von Spielventilen oder das Zuschalten von Registern. Im 20. Jahrhundert wurde zusätzlich die elektrische Traktur entwickelt. Dabei werden Tastenanschläge und Schaltbefehle vom Spieltisch über elektrische Kontakte an kleine Motoren oder Elektromagnete übertragen, die die Bewegung von Ventilen und Registerschleifen ausführen.

Die „Stimmen“ der Orgel: Pfeifen und Register

Das Instrument Pfeifenorgel besteht eigentlich aus einer Vielzahl von Instrumenten: Jede einzelne Pfeife – dies können bei großen Orgeln Tausende sein – kann separat „angeblasen“ werden. Die orchestrale Klangfülle der Orgel wird beim Spielen durch mehrfache Verdopplung aller auf der Klaviatur gespielten Töne erzielt. Ähnlich wie beim Orchester werden beim Orgelspiel melodische Linien und Akkorde sowohl in der gleichen Lage verdoppelt als auch nach oben oder unten oktaviert. Dies wird dadurch erreicht, dass mehrere Register gleichzeitig gezogen werden. Drückt der Spieler also eine Taste, so erklingen die dieser Taste zugeordneten Pfeifen aller gezogener Register gleichzeitig. Register können prinzipiell in beliebigen Kombinationen eingeschaltet werden. Dadurch wird eine Fülle von Klangfarbenmischungen möglich, zwischen denen auch während eines Musikstücks gewechselt werden kann.

Die Tonlage eines Registers wird in „Fuß“ (etwa 30 cm) angegeben; damit ist die Länge der Pfeife für den Ton C (große Oktave, auf den meisten Orgelklaviaturen der tiefste Ton) gemeint. Die „Grundregister“ der Orgel, die so klingen, wie sie notiert sind, sind „Achtfuß-Register“ (8'). Die längste Pfeife eines 8'-Registers ist also etwa 2,40 m lang. Die anderen Pfeifen des Registers sind proportional kürzer, also z.B. 1,20 m für das c, 60 cm für c', usw.

Neben den 8'-Registern gibt es solche, die eine oder mehrere Oktaven (4', 2', 1') oder auch eine Quinte, Duodezime (5 1/3', 2 2/3') etc. höher klingen. Außerdem verfügen die meisten Orgeln über Mixturen, bei denen mehrere solcher „Verdopplungsstimmen“ gleichzeitig erklingen. Hier erklingt beim Niederdrücken einer Taste ein ganzer hochliegender Akkord. Der Name eines solchen Registers enthält daher keine Fuß-Angabe, sondern die Anzahl der Verdopplungsstimmen („4-fach“, „6-fach“ etc.). Die tiefen Lagen, vor allem für das Pedal, sind durch 16'- oder bei großen Orgeln sogar durch 32'-Register vertreten, die eine bzw. zwei Oktaven tiefer als notiert klingen; die tiefste Pfeife eines 32'-Registers ist fast 10 m lang.

Das Prinzip der Registrierung beruht also darauf, dass eine einstimmige Melodie, die der Organist auf der Klaviatur spielt, allein durch das Zuschalten von Registern in einen mehrstimmigen Satz parallel laufender Melodielinien verwandelt wird. Hierin – und nicht nur in der Lautstärke – liegt der Grund für die Klangfülle der Orgel. Die klangliche Vielfalt der Orgelregister hängt außer von den unterschiedlichen „Fußlagen“ auch vom Material, der Form und dem Verhältnis von Länge und Durchmesser (Mensur) der Pfeifen ab: Es gibt Pfeifen aus Holz oder Metall, Pfeifen mit rundem oder viereckigem Querschnitt, in konischer oder zylindrischer Form, enge und weite, offene oder mit einem Deckel verschlossene Pfeifen (Gedackte, die eine Oktave tiefer als offene Pfeifen klingen) und andere zahllose Varianten. Die Namen vieler Register stammen von Musikinstrumenten, denen sie im Klang ähneln (Trompete, Flöte, Gambe etc.).

Die zahlreichen Pfeifenarten sind in zwei Grundtypen der Klangerzeugung einteilbar, die sich in Tonansprache und Klang deutlich unterscheiden:

  • Lippenpfeifen (Labiale) mit blockflötenartiger Klangerzeugung
  • Zungenpfeifen (Linguale, auch Rohrwerke oder Schnarrwerke) mit klarinettenartiger Klangerzeugung.
Die Werke der barocken Orgel sind optisch gut zu erkennen und stellen selbstständige Orgeln mit klanglicher Spezifierung dar.

Musikstil und Orgelbau

Die Barockzeit war die Blütezeit des Orgelbaus und des Orgelspiels. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen die prächtigen Orgeln aus den Werkstätten von berühmten Orgelbauerfamilien wie SCHNITGER im Norden, SILBERMANN im Osten oder GABLER im Süden Deutschlands. Fachkundige Hörer erkennen zwar am Klang der Orgel, aus welcher Werkstatt sie stammt, jedoch haben alle Instrumente ihren individuellen Klangcharakter: Keine Orgel klingt wie die andere.

Die Werke der barocken Orgel, die auch optisch gut zu erkennen sind, stellen im Grunde kleine selbstständige Orgeln mit jeweils klanglicher Spezifierung dar: Grundtönig-kräftige Stimmen prägen das Hauptwerk, das Rückpositiv enthält scharfe Klangmischungen oder farbige Solostimmen; an hochliegenden, spitzen Klangfarben erkennt man das Brustwerk; das Pedal liefert den Bass und die harmonische Grundlage der Musik. Diese klangliche Aufteilung findet sich auch in den Orgelkompositionen der Barockzeit wieder. Diese sind entweder terrassendynamisch angelegt oder verlaufen in klanglich streng getrennter Polyphonie. Der Klang, vor allem bei größerer Lautstärke, ist hell und silbrig, fast scharf.

Einen starken Stilumbruch verzeichneten Orgelbau und Orgelmusik im 19. Jahrhundert. Das klangliche Vorbild war jetzt das große Sinfonieorchester der Romantik. Ein grundtöniger, voluminöser oder auch schwebender Klang trat an die Stelle der klaren, hellen Registerfarben der Barockzeit. Mischklänge lösten die klaren Registergruppen der Barockzeit ab, und technische Entwicklungen im Orgelbau wie Schweller, Crescendowalze u.a. erlaubten fließende dynamische Übergänge.

Heute bemüht man sich um stilistische Vielseitigkeit, d.h. um den Bau von Orgeln, die das stilgerechte Spiel von Musikstücken aus mehreren Epochen ermöglichen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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