Jugendgewalt

Gewalt im gesellschaftlichen Wandel

Gewalt ist universal. Sie begegnet in unterschiedlichsten physischen und psychischen Erscheinungsformen z. B.

  • als tätlicher körperlicher Angriff,
  • als geistige Manipulation von Wahrheit und Fakten,
  • als strukturelle Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Gesellschaft.

Die Auslöser von Gewalt sind so vielfältig wie ihre Arten:

  • ökonomische und soziale Veränderungen und Umbrüche,
  • die Auflösung von sozialen und kulturellen Bindungen,
  • das Auseinanderbrechen von staatlichen Ordnungen.

Instabile politische Systeme erhöhen die Gewaltneigung. Wo das Gemeinwesen als Bezugspunkt des eigenen Handelns schwächer wird, geraten die Individualinteressen leicht in Konflikt mit den Ansprüchen der Gesellschaft.

Seit der Aufklärung wird innergesellschaftliche Gewalt als unvereinbar mit der Gesellschaft angesehen. Der moderne Staat beansprucht das „Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit“. Seine Bürger verzichten auf das Verfügungsrecht über eigene Gewaltmittel. Der moderne Staat ist damit Rechts- und Gewaltstaat in einem. Durch Gewaltkonzentration befriedet er die Gesellschaft im Innern, setzt aber seine zahlreichen Regelungen (Gesetze, Verordnungen) notfalls selbst mit Gewalt (Polizei, Justiz) durch. Nach den Vorstellungen der Aufklärung wird davon ausgegangen, dass Industrialisierung, Modernisierung und Demokratisierung zu einer fortschreitenden Abnahme von innergesellschaftlicher Gewalt führen. Der historische Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme ist schwer zu erbringen. Doch kann immerhin festgestellt werden, dass Demokratien untereinander durchschnittlich weniger Kriege führen als andere Staaten.

Jugendgewalt

Der Anteil gewalttätiger Jugendlicher in der Bevölkerung ist seit mehreren Jahrzehnten relativ konstant. Kriminalität und Gewalt unter Jugendlichen sind in der großen Mehrheit der Fälle entwicklungstypisch und episodenhaft und „überleben“ sich in der Regel mit Erreichen eines bestimmten Alters („aging out“). Während das Opferrisiko von Kindern und Jugendlichen zunächst mit zunehmendem Alter ansteigt, nimmt es ab dem 21. Lebensjahr kontinuierlich wieder ab. Jugendgewalt ist also häufig eine vorübergehende Erscheinung.

Gewalt unter Jugendlichen hat stets mehrere Ursachen. Seit den 1960er-Jahren arbeitet die Gewaltforschung an ihrer Identifizierung. Ihren vorläufigen Höhepunkt fanden diese Bemühungen zu Beginn der 1990er-Jahre angesichts der großen sozialen Veränderungen, die die deutsch-deutsche Vereinigung mit sich brachte. Die Gewaltforschung richtete sich dabei allerdings nicht nur auf das Verhalten Jugendlicher, sondern reagierte auch auf die gestiegene Sensibilität der Bevölkerung gegenüber Gewalt in der Ehe oder innerhalb fremder Ethnien in Deutschland.

Jugendgewalt ist sehr öffentlichkeitswirksam, da ihr Ansteigen als Beweis für den Verlust von Werten und Traditionen gilt. Tatsächlich ist sie aber oft mur eine Form von Provokationsverhalten gegenüber der Gesellschaft, eine Rebellion gegen die Überzeugungen der „Anständigen“, ein gewollter Normverstoß. Psychologen verweisen darauf, dass ein Regelverstoß oder die Übertretung eines Gesetzes im Prozess des Heranwachsens nahezu aller Jugendlichen vorkommen.

Das schwankende Bild der Jugendgewalt in der Öffentlichkeit hängt mit dem unterschiedlichen Anzeigenverhalten der Bevölkerung zusammen. Anzeigen aus der Bevölkerung sind die Grundlage der polizeilichen Gewaltregistrierung. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist die Anzeigenbereitschaft stark gestiegen. Gründe dafür müssen nicht unbedingt in einer realen Zunahme von Gewalt liegen. Konflikte und Jugendgewalt können das subjektive Unsicherheitsgefühl durchaus so erhöhen, dass die Anzeigenbereitschaft steigt.

Familiärer Hintergrund

Die Gewaltforschung belegt, dass zur Herausbildung von jugendlicher Gewalt nie eine einzelne Ursache führt, sondern stets ein Bündel von Faktoren gehört. Von wesentlicher Bedeutung ist dabei der Einfluss der Familie. Aggression ist erlerntes Verhalten und wird zuerst in der unmittelbaren familiären Umwelt erfahren. Am Anfang „krimineller Karrieren“ stehen deshalb häufig entsprechende Erlebnisse im Elternhaus. Kinder nicht gewalttätiger Eltern treten demgegenüber ihrerseits ebenfalls nur unterdurchschnittlich durch Gewalttätigkeit in Erscheinung.

Gewalt in Gruppen

Gewalt in Gruppen kennt in Industrienationen im Allgemeinen drei Erscheinungsformen:

  • Street-corner-Gruppen mit Cliquencharakter,
     
  • mehr oder weniger fest organisierte Jugendgangs und
     
  • Netzwerke junger Männer im Bereich von Drogenhandel, Prostitution und Eigentumskriminalität.

Nachbarschaftscliquen und Jugendgangs sind die Brennpunkte von Jugendgewalt. Sie wollen provozieren und suchen die Konfrontation. Als Treffpunkte bevorzugen sie Orte, wo ihnen hohe Aufmerksamkeit garantiert ist, z. B. Bahnhöfe. Beliebt sind auch Tankstellen, Parkplätze und nachts geöffnete Läden. Mit Graffiti markieren sie ihre Territorialansprüche. Uniformes Auftreten macht sie sichtbarer. Besonders starke Beachtung finden Jugendliche, wenn sie nationalsozialistische Symbole verwenden. Der Verhaltenskodex gewaltbereiter Jugendgruppen kreist im Wesentlichen um folgenden „Tugendkatalog“:

  • Bewährung angesichts von Gefahr und Rausch,
  • Kampfbereitschaft bis zur Todesverachtung,
  • Fertigkeit mit Motorfahrzeugen,
  • Waffenverehrung,
  • Ehre, Respekt, Kameradschaft, Zusammenhalt,
  • Heterosexualität, Verachtung des Weiblichen, der Schwulen,
  • Fremdenhass.

Zur Legitimierung von Gewaltsamkeit berufen sie sich auf:

  • territoriale Ansprüche, verletzte Ehre, mangelnden Respekt,
     
  • ihre Beschützerrolle gegenüber den „eigenen“ Frauen, auf die sie Besitzansprüche stellen,
     
  • Konflikte um Autos und Motorräder.

Entgegen der gängigen These von Gewalt als Folge von Desintegration spricht vieles dafür, dass Gewalt in Gruppen eine durchaus integrierende, Ordnung stiftende und stabilisierende Wirkung haben kann. Jugendgewalt kann insofern „attraktiv“ sein, weil sie gemeinschaftsbildend ist. Die mit ihr verbundene Kriminalität hat eine verführerische Ausstrahlung, macht Spaß, gilt als cool und kann als Verteidigung einer „gerechten Sache“ empfunden werden.

Medien und Gewalt

Das Verhältnis zwischen Medien und Gewalt ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Vor allem dem Fernsehen wird vielfach Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung zugeschrieben. Tatsächlich aber ist der Zusammenhang zwischen Konsum von Gewaltdarstellungen im Fernsehen und späterem Aggressionsverhalten nur zu einem sehr geringen Maße nachweisbar. Bei manchen Jugendlichen scheint allerdings durchaus ein sich selbst verstärkender Prozess abzulaufen: Das Konsumieren von Gewaltfilmen erhöht das aggressive Verhalten vor allem im Zusammenspiel von schwachem Selbstbewusstsein, sozialer Isolation und gewalttätigem Umfeld, oft kombiniert mit Alkohol- und Drogenmissbrauch. Auf die Mehrheit der jugendlichen Betrachter haben mediale Gewaltdarstellungen allerdings keine oder eine nur geringe Wirkung. Jedenfalls sind sie nicht Alleinauslöser gewalttätigen Verhaltens.

Generell genießen Gewalt und Verbrechen eine sehr hohe Medienaufmerksamkeit. Über sie wird überdurchschnittlich häufig berichtet. Da Medienaufmerksamkeit auf gewaltbereite Menschen wie eine Art Belohnung wirkt, kann sie Gewaltkonflikte aber auch stimulieren. Das lässt sich zum Beispiel bei Großveranstaltungen wie „Chaostagen“ oder alternativen Maifeiern beobachten. Führen Berichte über Gewalt in fernen Ländern in der Regel zu größerer Zufriedenheit unter den Medienkonsumenten über ihre eigene Lebenssituation, kann die Berichterstattung über fremdenfeindliche oder antisemitische Gewaltakte in der unmittelbaren Nachbarschaft dagegen sowohl eine öffentliche Gegenreaktion mobilisieren als auch zur Nachahmung provozieren. Die mediale Berichterstattung über Gewalt steht damit im Dilemma zwischen Informationspflicht einerseits und negativer Beeinflussung andererseits.

Gewalt in der Schule

Kaum zu unterschätzen ist die Bedeutung der Schulen für die Sozialisation von Jugendlichen. Gewalt in der Schule äußert sich in Gestalt verbaler und psychischer Aggression, als „Spaßkampf“ oder als Angriff gegen Lehrer. Hauptschulen sind von Gewalt überdurchschnittlich stark betroffen. Häufigste Tatmotive gewalttätiger Schüler sind die Suche nach Anerkennung und der Zugewinn an Selbstvertrauen. Ursachen schulischer Gewalt können neben der Familiensituation und dem sozialen Umfeld auch die Schulkultur, speziell das Lehrer-Schüler-Verhältnis, sein. Zwischen fast allen Aspekten des Lehrerhandelns, der Klassensituation und der Schülerbefindlichkeit sowie den Formen von Gewalt und Aggression bestehen Kausalzusammenhänge.

Gewalt schwappt nicht einfach nur von außen in die Schule hinein. Sie wird dort auch selbst produziert. Schulen verantworten ihr soziales Klima wesentlich selber. Schulstudien belegen den Zusammenhang zwischen Noten, Selbstbewusstsein und Sozialverhalten und verweisen auf geschlechtsspezifische Differenzen. So haben Mädchen an Gymnasien überdurchschnittlich häufig gute Noten, aber nur ein geringes Selbstvertrauen und legen dennoch ein ausgeprägt gutes soziales Verhalten an den Tag. Gewalt abbauend oder verhindernd kann neben schülerorientiertem Unterricht und einem deutlichen Lebensweltbezug der Inhalte auch eine bewusste Gestaltung des Sozialklimas sein. Soziale Etikettierungen und Stigmatisierungen können dagegen zu einer „Negativkarriere“ führen.

Ost-West-Vergleich

Im Ost-West-Vergleich lässt sich seit Beginn der 1990er-Jahre bei den Jugendlichen im Osten Deutschlands eine geringfügig höhere Bereitschaft zu Gewalt, zum Verstoß gegen Gesetze und zu Vandalismus erkennen als im Westen. Zurückgeführt wird dies auf eine höhere Frustrationsrate der ostdeutschen Jugendlichen. Sie wird unter anderem damit begründet, dass Eltern durch die deutsch-deutsche Vereinigung ihren sozialen und ökonomischen Lebensort verlassen mussten und erlerntes Denken im Freund-Feind-Schema nachwirkt.

Migranten

Immer mehr Kinder und Jugendliche, die in der deutschen Gesellschaft leben, sind Nachfahren von Migranten mit eigenen Werten, Normen und Traditionen. Männliche Jugendliche aus zugewanderten Familien weisen ein höheres Kriminalitäts- und Opferrisiko als einheimische Jugendliche auf. Allerdings gilt dies nur für eine sehr kleine Gruppe unter ihnen. Die große Mehrheit (ca. 90 %) der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist davon nicht betroffen.

Die Nähe der Migranten zur Gewalt ist vor dem Hintergrund ihrer fremden Sozialisation zu sehen. Am Beispiel russischer Aussiedler lässt sich zeigen, dass Männlichkeit mit körperlicher Stärke verknüpft wird, Passivität hingegen als weibliches Verhalten gilt. Das prädestiniert die einen zu Tätern, die anderen zu Opfern. In der russischen Männerwelt gilt das Recht des Stärkeren. Besonders der obligatorische Wehrdienst, den viele nur überstehen, weil sie jahrelang zuvor mit abhärtendem Selbstschutztraining beginnen, führt leicht auf eine Straße der Gewalt. Wenn exzessiver Alkoholkonsum, ebenfalls Ausdruck von „Männlichkeit“, hinzukommt, ist das fast unausweichlich. Junge Aussiedler werden nach der Übersiedlung nicht nur aus ihrer bisherigen Welt herausgerissen, sondern auch mit einer vorerst unübersichtlichen Außenwelt konfrontiert. Damit gehen Verunsicherung und Orientierungsprobleme einher. Auch der Statusverlust des Vaters kann Probleme mit sich bringen. Demgegenüber scheinen Härte, Stärke und Durchsetzungsvermögen Schutz zu bieten.

Religion und Kultur

Religion und Kultur können sowohl im Sinne der Überwindung als auch im Sinne der Verstärkung von Gewalt Einfluss nehmen. Letzteres ist vielfach dann der Fall, wenn beide eine sehr enge Verbindung eingegangen sind und zu ihrer Verteidigung gegen Andersgläubige aufrufen, um dem Verlust eigener Identität entgegenzuwirken. Dieses Problem stellt sich insbesondere für Migranten in einer ihnen religiös und kulturell fremden Umgebung. Junge Leute mit einer im Vergleich zu älteren Menschen höheren Risikobereitschaft und auch einer höheren Opferbereitschaft können so zu Gewalttätern im Namen der „besseren Sache“ ihrer Religion und Kultur werden.

Prävention

Gewaltprävention beginnt im Alltag, in den Familien, in den Schulen, in den Vereinen, in der Freizeit. Ihre Mittel sind Erziehung zu Urteilsfähigkeit und Angstfreiheit, zu einem Selbstwertgefühl, das nicht auf der „Zerstörung des Anderen“ aufbaut. Gewaltprävention muss gesellschaftliche Teilhabe und Gemeinschaftserleben ermöglichen. Junge Menschen dürfen nicht von Bildung und Arbeit ausgeschlossen werden. Ausbildungs- und Arbeitsplätze wirken der Desintegration entgegen. Gewaltprävention ist Thema

  • der politischen Bildungseinrichtungen,
  • der Schulen,
  • der Jugendzentren und
  • der Kirchen.

Mobile Teams der Bundeszentrale für politische Bildung leisten Beratung, Hilfe, Fortbildung und Informationen dort, wo Gespräche an die Stelle von Gewalt treten sollen.

Einstimmigkeit besteht insbesondere darin, dass jungen Menschen mehr Beteiligung an der gesellschaftlichen Wertschöpfung ermöglicht werden muss. Ausbildungs- und Arbeitsplätze wirken der Desintegration und der mit ihr zusammenhängenden Jugendgewalt vor allem entgegen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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