Konzepte und Regelungen der Integration

Integration (lat. integratio „Wiederherstellung eines Ganzen“) bedeutet den Zusammenschluss von Teilen zu einer Einheit, indem neue Elemente in ein bestehendes System eingegliedert werden. Das System erhält seinen Zusammenhalt durch die Beziehungen zwischen den Teilen und grenzt sich gegenüber anderen Systemen ab. Das Gegenbild zu Integration ist Segmentation: Hier stehen die einzelnen Teile unabhängig und beziehungslos nebeneinander und bilden kein (integriertes) Systemganzes. In der Soziologie wird mit Integration die Eingliederung von Personen bzw. Gruppen in eine Gesellschaft bzw. einen Staat bezeichnet, wobei die sozialen Beziehungen den gesellschaftlichen „Kitt“ darstellen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dadurch ist die Integration (Eingliederung) von Migranten (Zuwanderern) in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zur dauerhaften Aufgabe geworden. Der Integrationsprozess ist mit Anpassungs- und Veränderungsleistungen sowohl auf der Seite der neu hinzukommenden Migranten wie auch der sie aufnehmenden Gesellschaft verbunden.

Bei der Integration von Migranten sind drei soziale Bezugsebenen von Bedeutung:

  • das Herkunftsland (z. B. Türkei),
  • das Aufnahmeland (z. B. Bundesrepublik Deutschland),
  • die ethnische Gemeinde im Aufnahmeland (z. B. türkische Vereine in Deutschland).

Der Soziologe HARTMUT ESSER unterscheidet vier Ausprägungen des Integrationsprozesses:

  • Marginalität,
  • ethnische Segmentation,
  • Assimilation,
  • Mehrfachintegration.

Marginalität

Marginalität (Randständigkeit) entsteht durch eine nicht vollzogene Integration: Die Migranten sind weder im Aufnahmeland eingegliedert, noch haben sie funktionierende Bindungen zum Herkunftsland oder zu ihrer ethnischen Gemeinde. Der umfassende gesellschaftliche Ausschluss zeigt sich z. B.

  • in geringer Sprachkompetenz,
  • mangelnden sozialen Beziehungen,
  • fehlender gesellschaftlicher Teilhabe (keine akzeptable soziale Position) und
  • fehlender Identifikation mit Aufnahme- und Herkunftsland.

Ethnische Segmentation

Im Fall der ethnischen Segmentation bleiben die Migranten aus dem Milieu der Aufnahmegesellschaft ausgeschlossen, bilden aber ethnische Gemeinden (ihres Herkunftsmilieus), in denen sie sozial integriert sind. Ethnische Gemeinden entstehen häufig in innerstädtischen Gebieten, die sozial und infrastrukturell schwach sind (z. B. Berlin-Kreuzberg mit starkem türkischen Milieu). Sie können Probleme der Migrationssituation auffangen und Identifikations- und Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Eine dauerhafte Abschottung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft kann jedoch zu einer problematischen „Ghettobildung“ führen („Parallelgesellschaften“) und soziale Konflikte hervorrufen (soziale Brennpunkte), wenn sie mit einer Konzentration sozialer Ungleichheiten verbunden sind.

Assimilation

Assimilation bezeichnet den Angleichungsprozess von Menschen an eine ihnen fremde Gesellschaft durch Veränderung der

  • Einstellungen,
  • Werte,
  • Verhaltensgewohnheiten,

der zu einer kompletten Eingliederung von Migranten in die Aufnahmegesellschaft führt.
Assimilation bedeutet nicht Gleichheit aller Individuen, sondern die „Angleichung“ verschiedener sozialer Gruppen bei der Teilhabe an Rechten und Ressourcen (z. B. Bildungschancen, Sprachkompetenz, berufliche Positionen), d. h. es sind keine systematischen sozialen Ungleichheiten mehr festzustellen (z. B. zwischen Deutschen und Nichtdeutschen). Kulturelle Pluralität zeigt sich nicht auf der Ebene ethnischer Gruppen, sondern nur bei einzelnen Individuen.

Doppel- oder Mehrfachintegration

Mit Doppel- oder Mehrfachintegration wird die gleichzeitige Integration der Migranten in Aufnahmegesellschaft und Herkunftsgesellschaft bzw. in ihre ethnische Gemeinde bezeichnet. Kennzeichen sind z. B.

  • Mehrsprachigkeit,
  • soziale Kontakte zu Herkunfts- und Aufnahmemilieu (z. B. gemischte Freundeskreise) und
  • „doppelte“ Identifikation.

Diese Vermischung von verschiedenen Kulturen und Traditionen kann eine Bereicherung darstellen und zur Herausbildung einer „neuen“ Identität führen, aber auch starke Konflikte zwischen unvereinbaren Werten hervorrufen (z. B. traditionelle – moderne Werte im Geschlechterverhältnis, Rolle der Frau). So haben zum Beispiel viele türkische Migranten in Deutschland teilweise deutsche Verhaltensweisen angenommen und pflegen zugleich kulturelle Traditionen ihres Herkunftslandes (weder vollständig Deutsche noch Türken). Diese Form der Integration ist zwar weit verbreitetes Ziel in der Integrationspolitik, aufgrund hoher Anforderungen aber sehr anspruchsvoll (Lern- und Interaktionsfähigkeiten) und daher in der Realität relativ selten zu erreichen.

In der Integrationspolitik werden Marginalisierung (fehlende soziale Integration) und dauerhafte Segmentation (Absonderung von ethnischen Gruppen) als unerwünschte Effekte und problematische Entwicklungen abgelehnt.

In der Bundesrepublik Deutschland werden zwei politische Konzepte der Integration kontrovers diskutiert:

  1. Assimilation (Ziel: kulturell homogene Gesellschaft),
  2. Mehrfachintegration (Modell der multikulturellen Gesellschaft).

Integration als Assimilation

Das Konzept der Integration als Assimilation basiert auf der Annahme, dass der Zusammenhalt und das Funktionieren der Gesellschaft nur gewährleistet ist, wenn es gelingt, die Migranten bzw. die Mitglieder anderer ethnischer Gruppen in die Aufnahmegesellschaft komplett einzugliedern:

  • durch die Gewährung von Rechten,
  • durch die Einnahme sozialer Positionen/Beruf,
  • durch soziale Kontakte und Beziehungen sowie
  • durch emotionale Beziehungen (Identifikation) mit dem Aufnahmeland.

Ziel ist eine kulturell homogene Gesellschaft; systematische soziale Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Gruppen der Deutschen und Nichtdeutschen sollen ebenso verhindert werden wie eine gruppenspezifische Segmentation (Absonderung ethnischer Gemeinden).

Der Prozess der Angleichung eines zugewanderten Individuums (aus einer anderen Ethnie) in eine Aufnahmegesellschaft ist mit

  • Anpassung,
  • Zugeständnissen,
  • Verlust von traditionellen Gewissheiten, aber auch
  • mit dem Zugewinn neuer Erfahrungen und Möglichkeiten

verbunden. Ein Migrant muss sich dann verstärkt für assimilative Handlungsweisen entscheiden, wenn er gesellschaftlich hoch bewertete Ziele erreichen will (z. B. muss er die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen und sich an das Bildungssystem anpassen, um einen bestimmten Beruf zu erlernen bzw. einen höheren sozialen Status zu erreichen).

Das Assimilationskonzept dominierte in der frühen amerikanischen Migrationsforschung der 1950er-Jahre; symbolisch manifestierte sich dieses Konzept im Bild des melting pot (Schmelztiegel). In neueren amerikanischen Forschungsansätzen werden auch die negativen Folgen von Diskrimierung und fehlender Chancengleichheit im Assimilationsprozess diskutiert: Demnach können sich diskrimierte und benachteiligte Migranten auch nicht vollständig assimilieren, da tatsächlich vorhandene und empfundene Barrieren beim Zugang zu wichtigen gesellschaftlichen Gütern Anpassungsprozesse (in die Aufnahmegesellschaft) behindern und den Zusammenhalt ethnischer Strukturen (der Herkunftsgesellschaft) verstärken.

Kritiker des Assimilationskonzepts bemängeln, dass der Integrationsprozess in diesem Verständnis zu einseitig als eine alleine von den Migranten zu erbringende Leistung aufgefasst wird und nicht gleichermaßen auch als Aufgabe der sie aufnehmenden Gesellschaft. Weitere Kritik richtet sich gegen die von den Migranten geforderte Anpassung, die mit dem Verlust der kulturellen Identität und sozialer Bindungen einhergehe.

Das Modell der multikulturellen Integration

Das Konzept der multikulturellen Integration verfolgt die Zielvorstellung eines gegenseitigen Annäherungsprozesses von Migranten und Aufnahmegesellschaft:

  • gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und Religionszugehörigkeit (keine Benachteiligung von Minderheiten);
  • kontinuierliche Kommunikation zwischen Migranten und Einheimischen; Spannungen aufgrund verschiedener kultureller Traditionen werden im Dialog ausgetragen;
  • Integration ist kein einseitiger Anpassungsprozess der Migranten an die Aufnahmegesellschaft, sondern eine beidseitiger Annäherungsprozess mit der Chance gegenseitiger Bereicherung.

Der Ansatz der multikulturellen Integrationspolitik verbindet die Akzeptanz und Chancengleichheit ethnischer Minderheiten mit dem Prinzip der „Einheit in Verschiedenheit“: Ziel sind gesellschaftliche Bedingungen, in denen Mehrheit und ethnische Minderheiten auf der Basis gemeinsamer Sprache, Regeln und Grundwerte (der freiheitlich-demokratischen Grundordnung) im gegenseitigen Respekt für die jeweiligen sozialen und kulturellen Besonderheiten gleichberechtigt und in Frieden miteinander leben. Hinzu kommen Rechtsgleichheit und gleiche Teilhabechancen an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

Ziel ist eine kulturelle Pluralisierung der Gesellschaft:
Die multikulturelle Gesellschaft vereint unter einem gemeinsamen politischen bzw. staatlichen Dach verschiedene ethnische Gruppen, die als Kollektiv ihre Eigenständigkeit bewahren können; jede ethnische Gruppe erhält einen eigenen Status kultureller Selbstständigkeit (ethnisch heterogener Verband). Eine multikulturelle Gesellschaft ist idealerweise durch ethnisch-kulturelle Vielfalt gekennzeichnet und entspricht dem Bild einer salad bowl (Salatschüssel) mit einzelnen, voneinander getrennten Zutaten. Das Zusammenleben beruht auf Unterschieden, die unter Umständen auch zu Konflikten führen können – die aber, solange es keine sozialen Polarisierungen und gesellschaftlichen Spaltungen gibt, akzeptabel sind.

Das Konzept der multikulturellen Integration ist nicht unumstritten; kritisiert wird zum Beispiel die Vorstellung eines (vertikalen) Nebeneinanders der verschiedenen Ethnien (statt einem Miteinander), wodurch sich die Gefahr von Marginalität und ethnischen Schichtungen verstärke. Andere Kritiker beklagen die kulturelle Gleichwertigkeit der verschiedenen ethnischen Gruppen und fordern, dass die Werte der deutschen Aufnahmegesellschaft eine vorrangige Stellung haben müssten („deutsche Leitkultur“).

Trotz der kontroversen Positionen besteht Einigkeit in einigen wichtigen Punkten der Integrationspolitik. Unbestritten sind die zentralen Integrationsfaktoren, die für eine funktionierende Eingliederung von Migranten in die Aufnahmegesellschaft unerlässlich sind:

  • Sprachkompetenz,
  • Bildung,
  • Beruf bzw. Arbeit.

Zum einen ermöglichen diese Faktoren den Migranten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland, zum andern wirken sich Integrationsmängel auch für die deutsche Gesellschaft (und Wirtschaft) negativ aus, da dadurch wichtige kulturelle und volkswirtschaftliche Potenziale verloren gehen. Zugleich besteht die Gefahr zusätzlicher Kosten (Sozialhilfe und Arbeitslosengeld, Kriminalität sozial schwacher Migranten). Auch in der Bundesrepublik Deutschland bestehen weiterhin strukturelle Ungleichheiten von Migranten im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt, die zu einer sozialen Benachteiligung der Migranten im Hinblick auf Lebenschancen und -bedingungen führen (z. B. schlechtere Bildungschancen, höhere Arbeitslosenquote) und damit eine wirkungsvolle Integration erschweren.

Bei allen kontroversen Positionen lässt sich tendenziell folgender Konsens herauskristallisieren:

  • Das Beherrschen der deutschen Sprache ist der Schlüssel für alle Prozesse der Integration. Spracherwerb ist nicht nur eine staatliche Aufgabe (Sprachkurse, Schule), sondern entwickelt sich vor allem über alltägliche Kommunikation zwischen Migranten und deutscher Bevölkerung.
  • Basis der gegenseitigen Akzeptanz und Toleranz ist ein Konsens über die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Werteordnung der Verfassung.
  • Um Integration zu erreichen, müssen die Migranten vor allem in struktureller Hinsicht über Arbeit und Bildung in die Aufnahmegesellschaft einbezogen werden. Geringes
    (Aus-)Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit wirken sich stark integrationshemmend aus, sodass Bildungs- und Berufschancen von Migranten über mehrere Generationen und möglichst frühzeitig gefördert werden müssen.
  • Mangelnde Kenntnisse und fehlende Beschäftigung mit dem Anderen führen zu
    – Vorurteilen,
    – Diskrimierung und
    – Abschottungstendenzen.
    Von großer Bedeutung sind deshalb soziale Kontakte und kontinuierlicher Dialog zwischen Nichtdeutschen und Deutschen (interkulturelles Lernen).

Integration ist in diesem Sinne eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ein beidseitiger sozialer Prozess zwischen Migranten und Aufnahmegesellschaft sowie der Politik als Steuerungsinstanz (Integrationspolitik).

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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