Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung

Bevölkerung und Bevölkerungsentwicklung

Alle auf einem abgegrenzten Territorium lebenden Menschen bilden die Bevölkerung. Die Bevölkerungsentwicklung wird von drei Faktoren bestimmt:

  • Geburt (Geburtenrate),
  • Tod (Sterberate) und
  • Wanderung über die Gebietsgrenze (Wanderungsbewegung).

Auf jeden Bestimmungsfaktor wirken wiederum verschiedene Faktoren ein. Auf die Zahl, Häufigkeit und Verteilung von Geburten (Fruchtbarkeit) etwa die biologischen Faktoren des Gesundheitszustandes und Alters, die soziokulturellen Faktoren der Ehe- und Familienregelung und das individuelle Verhalten, das auf ökonomische, soziale, kulturelle und situative Einflüsse reagiert.
Bevölkerungsentwicklung ist ein hoch komplexer Prozess. Vorstellungen, den Prozess politisch oder moralisch genauer steuern zu können, um ihm beispielsweise einen gleichmäßigen Verlauf zu geben (Null-Wachstum), stoßen schnell an Grenzen, in Demokratien früher, in Diktaturen später.

In Deutschland hat das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts abnehmende Risiko eines frühen Todes die Bevölkerungsentwicklung am stärksten von allen Faktoren beeinflusst. Im Zuge des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts stellten sich

  • hohe Geburtenhäufigkeit (Zahl der Lebendgeborenen je 1 000 der Bevölkerung) und gleichzeitig
  • sinkende Sterbehäufigkeit (Zahl der Gestorbenen je 1 000 der Bevölkerung)

– und damit eine längere Lebensdauer (durchschnittlich zu erwartende Lebensdauer = mittlere Lebenserwartung) – ein, was um das Jahr 1900 zu besonders starkem Bevölkerungswachstum führte.
Starke Jahrgänge ziehen sich im Verlauf des Lebens einer Generation als „Verdickungen“ durch den gesamten Jahrgangsaufbau einer Bevölkerung. Häufig werden starke Jahrgänge „Berge“ genannt:

  • zunächst Schülerberg,
  • dann Azubiberg,
  • schließlich Rentnerberg.

Nach dem Übergang aus der vorindustriellen in die industrielle Phase Deutschlands näherten sich die Häufigkeiten der Geburt und des Sterbens im 20. Jahrhundert wieder an, nun allerdings auf einem niedrigeren Niveau. In der Phase der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft der Gegenwart zeichnet sich ab, dass die Geburtenhäufigkeit dauerhaft unter die Sterbehäufigkeit absinkt – die Bevölkerung schrumpft.

Soll die Generation der Eltern quantitativ ersetzt werden, beträgt die erforderliche Geburtenrate in Ländern mit niedriger Sterblichkeit wie in Deutschland 2,1 Kinder pro Frau.
Bleibt die Geburtenrate auf dem Niveau der letzten Jahrzehnte bei 1,2 bis 1,4 Kindern pro Frau, wird die Bevölkerungszahl nach bevölkerungsstatistischen Berechnungen von 82 Mio. im Jahr 2010 auf 50 Mio. im Jahr 2050 absinken, dies ohne Berücksichtigung der Zuwanderung. Auch die Zuwanderung ausländischer Familien mit traditionellen Geburtenraten von mehr als 2 Kindern pro Frau verhindert den Bevölkerungsrückgang nicht, da erfahrungsgemäß die Zahl der Geburten bald jener der Einheimischen angepasst wird.

Wie sich zeigt, hat die Entwicklung des Lebensstandards erheblichen Einfluss auf die Geburtenhäufigkeit. Es besteht ein „demographisch-ökonomisches Paradoxon“ (HERWIG BIRG), das von der Bevölkerungswissenschaft (Demographie) bisher nicht geklärt werden konnte: Offenbar haben Menschen um so weniger Kinder, je mehr sie sich aufgrund des Lebensstandards und wachsender Realeinkommen leisten könnten. Vermutet wird, dass der in der Bevölkerung nach wie vor weit verbreitete Kinderwunsch junger Paare in der Realität dann auf erhebliche Schwierigkeiten stößt, wenn die praktische Vereinbarkeit von Nachwuchs und Berufstätigkeit nicht gesichert ist.

Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung

So vielfältig wie die Ursachen der Bevölkerungsentwicklung sind, so vielfältig sind die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung. Sie zeigen sich in den meisten Lebensbereichen und entsprechend in vielen Politikfeldern:

  • Schule und Bildung,
  • Gesundheit,
  • Familien- und Haushaltsstrukturen,
  • Arbeitsmarkt,
  • Wirtschaftswachstum,
  • Alterssicherung.

In der Alterssicherung Deutschlands sind Veränderungen dringlich, da die Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung auf dem Umlageverfahren beruhen. Die jeweils erwerbstätigen Generationen finanzieren durch Beiträge sowohl die Leistungen für die Generationen der Kinder als auch der älteren Menschen. Bei schrumpfender Zahl der 20- bis 60-jährigen Beitragszahler und gleichzeitig steigenden Zahlen bei den über 60-jährigen ist die Alterssicherung aus Beiträgen nicht mehr finanzierbar. Lösungen werden in drei Richtungen gesucht:

  • Erhöhung der Zahl der Beitragszahler durch geringere Arbeitslosigkeit, durch erhöhte Erwerbstätigkeit der Frauen oder durch verlängerte Erwerbstätigkeit mit späterem Rentenbeginn;
  • Erhöhung der Zahl der Beitragszahler durch mehr erwerbstätige Einwanderer;
  • Erhöhung der Geburtenrate.

Würde nur der letztere Weg beschritten werden, müsste die Kinderzahl pro Frau laut demographischen Berechnungen auf die unrealistische Zahl von 3,8 zunehmen. Bliebe jegliche Reform aus, müssten sich die Beiträge der Erwerbstätigen mehr als verdoppeln, sollte das soziale Leistungsniveau erhalten werden.

Wichtige Auswirkungen ergeben sich aus der Bevölkerungsentwicklung für das Verhältnis der Deutschen zu den Zugewanderten ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Der Anteil der Zugewanderten an der Gesamtbevölkerung steigt, da deren Geburtenrate auch dann höher liegt, wenn sie sich an die niedrige Rate der deutschen Bevölkerung anpasst. Da unter den Ausländern mehr junge Menschen leben, wächst ihr Bevölkerungsanteil. Dies macht sich vor allem bei den Jüngeren unter 20 Jahren bemerkbar.

Nach Ergebnissen von Modellrechnungen, die mit konventionellen Annahmen zu den Bestimmungsfaktoren Geburt, Tod und Auswanderung rechnen, können sich die Anteile der Deutschen und der Zugewanderten an der Gesamtbevölkerung noch im 21. Jahrhundert stark annähern. Besondere Integrationsaufgaben ergeben sich dadurch, dass Zuwanderer im Vergleich zu den Deutschen

  • wesentlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind und
  • ein durchschnittlich geringeres Qualifikations- und Bildungsniveau aufweisen.

Diese Differenzen führen dahin, dass verstärkt staatliche Haushaltsmittel bei der Arbeitslosen- und Sozialhilfe an Zuwanderer umverteilt werden müssen. Im Vergleich der beiden Gruppen weisen Zuwanderer weniger Abschlüsse der mittleren und höheren Schulstufen, der Berufsausbildung und des Universitätsstudiums auf. Die sich daraus insgesamt ergebenden Förder- und Integrationsaufgaben erstrecken sich von der Schul- und Bildungspolitik, über die Arbeitsmarktpolitik bis hin zur Sozial- und Finanzpolitik.

Ausblick

Debatten zu gesellschaftspolitischen Leitvorstellungen begleiten die vorgenannten Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung. Noch zögerlich werden Schritte erörtert, wie die gesellschaftlichen Leitbilder von den Generationen, der Frauenrolle, den Familien, den Lebensphasen und dem Verhältnis zu den Zuwanderern sowie der gesellschaftspolitische Gesamtzusammenhang fortentwickelt werden können.

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