Matthias Schleiden

Die Zeit, in der er lebte

MATTHIAS SCHLEIDEN wurde just in dem Jahr geboren, als ALEXANDER VON HUMBOLDT (1769-1859) von seiner Forschungsreise aus dem spanischen Amerika zurückkam - an Bord 30 Kisten mit vielen neu entdeckten Pflanzen und Tieren - und NAPOLEON BONAPARTE (1769-1815) in Paris zum Kaiser gekrönt wurde.
Politisch folgten 1806 die Besetzung Preußens durch NAPOLEON und später (1813/14) die Befreiungskriege mit der berühmten Völkerschlacht bei Leipzig. Viele revolutionäre Unruhen erschütterten die Länder Europas. Es war die Zeit des Kampfes des neuen Bildungsbürgertums gegen die monarchisch-absolutistische Feudalherrschaft und den Klerus. In den Geisteswissenschaften wurde die Romantik vom Realismus abgelöst.

Auch in den Naturwissenschaften kam es mit CHARLES DARWINs (1809-1882) Evolutionstheorie (1859), die auch SCHLEIDENs Ansichten sehr beeinflusste, zu einem revolutionären Umschwung. Die neue mechanistische Abstammungslehre widersprach der damaligen spekulativen Naturphilosophie und erntete viel Kritik, vor allem von Seite der Kirche. Fast zur gleichen Zeit stellte GREGOR MENDEL (1822-1884) seine Vererbungsregeln auf, die er an Pflanzenhybriden entwickelte.
Mittels der immer präziser werdenden Mikroskope wurden erste Vorstöße in die Mikrobiologie gewagt, es wurden Gewebe untersucht und die Zellen und Bakterien entdeckt, doch deren Bedeutung blieb noch einige Zeit unklar.

Werdegang

Als Sohn eines angesehenen Arztes wurde MATTHIAS JAKOB SCHLEIDEN am 5. April 1804 in Hamburg geboren. Er genoss eine ordentliche Schulausbildung, schlug zuerst jedoch nicht den Weg zum Mediziner ein, wie sein Vater es war sondern studierte Jura - Jurastudium in Heidelberg von 1824. 1831 ließ er sich als Rechtsanwalt in seiner Geburtsstadt Hamburg nieder, doch der geringe Erfolg seiner Praxis - der teils auch an SCHLEIDENs Unlust auf diesem Gebiet lag - sowie aufkommende Depressionen und ein misslungener Selbstmordversuch, führten ihn dazu seinen beruflichen Werdegang noch einmal zu überdenken.

Er begann zunächst ein Medizinstudium in Göttingen (1832) wechselte jedoch bald darauf, auf Anraten seines Onkels, dem Botaniker JOHANN HORKEL (1769-1846), das Fach und studierte unter GOTTLIEB BARTLING (1798-1875) Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Botanik. 1835 ging SCHLEIDEN nach Berlin, wo sein Onkel HORKEL Professor war und die Antatomie, aber auch die Physiologie der Pflanzen untersuchte. Zusammen mit ROBERT BROWN (1773-1858), konnte sein Onkel ihn für Forschungen an der Zellbildung und Pflanzenembryologie interessieren.

1840, nach Erhalt seines zweiten Doktortitels (Dr. phil.), wurde SCHLEIDEN in Jena außerordentlicher Professor, sechs Jahre später zum ordentlichen Honorarprofessor und 1850 zum Ordinarius und Direktor des Botanischen Gartens und ordentlichen Professor für Naturwissenschaften ernannt. Neben seiner Botanik hielt er auch anthropologische Vorlesungen und Lesungen zu philosophischen und kulturhistorischen Fragen. Wie auch ALEXANDER VON HUMBOLDT war es ihm ein Bedürfnis, die Erkenntnisse der Wissenschaften einem großen Teil der Bevölkerung, vornehmlich dem damaligen Bildungsbürgertum, zugänglich zu machen und das allgemeine Interesse an den Naturwissenschaften im Volk zu wecken.

1843 führte er zusammen mit dem Mineralogen ERNST ERHARD SCHMID (1815-1885) das erste „Physilogische Praktikum“ in den Universitätsunterricht ein. Dabei unterstützte er die Verwendung und den richtigen Umgang von Mikroskopen bei den Lehrpraktikas, wie er sie selbst bei seinen Forschungen benutzte. Er brachte den Jenaer Mechaniker CARL ZEISS (1816-1888) dazu, mithilfe des Physikers ERNST ABBE (1840-1905), die Präzision der optischen Geräte weiter zu entwickeln und kommerziell zu produzieren. SCHLEIDEN war einer der ersten, der eine Kooperation zwischen Industrie und Universität aufbaute. Bald standen in jedem Praktikumsraum des Instituts für Botanik moderne Lichtmikroskope der Carl Zeiss Jena GmbH.

Als Anhänger des Mathematikers und Philosophen JAKOB FRIEDRICH FRIES, dem Begründer der „mathematischen Naturphilosophie“, trat SCHLEIDEN für eine exakte, induktive und nicht durch spekulative Philosophie beeinflusste Wissenschaft ein.

Wie aus drei 1863 veröffentlichten Vorträgen zu lesen ist, war SCHLEIDEN einer der ersten, der in die Anthropologie , die darwinistischen Neuinterpretation integrierte. Diese wandte er später auch auf physiologischer und molekularer Ebene an, wie er es 1884 in seiner Publikation „Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre“ darlegte.

Wegen auftretender Spannungen mit den vorgesetzten Behörden in Jena legte er 1863 seine Ämter nieder. Nach einem kurzen Aufenthalt in Dresden übernahm er 1864 eine Professur für Pflanzenphysiologie an der Universität Tartu in Dorpat (Estland, damaligen Livland), wo er ebenfalls Vorlesungen in Anthropologie hielt. Er verließ Dorpat jedoch wieder im gleichen Jahr, da er den Feindseligkeiten der konservativen und theologischen Institutionen, die aufgrund seiner darwinistischen Interpretationen auftraten, nicht entgegen stehen konnte. Der Streit wurde von der dortigen Presse dermaßen angeheizt, dass er nicht nur die Universität, sondern bald sogar die ganze Stadt in zwei Lager spaltete.

SCHLEIDEN kehrte als Privatgelehrter wieder zurück, verbrachte einige Zeit in Dresden, Darmstadt und Wiesbaden, bis er dann siebenundsiebzig jährig 1881 in Frankfurt am Main verstarb.

Wissenschaftliche Leistungen

Die Zelle war zwar zu SCHLEIDENs Zeiten schon bekannt und beschrieben, aber sie war noch ein Mysterium. ROBERT HOOKE (1635-1703) gab 1665 als erster, den schachtelförmigen Gebilden eines Korkschnittes, die er unter dem Mikroskop sah, den Namen „Zelle“, ahnte jedoch noch nicht dessen Bedeutung. Anfang des 19. Jhs. wurden die verschiedenen Gewebe beschrieben, bei Pflanzen sowie bei tierischen Organismen. 1833 entdeckte ROBERT BROWN einen verdichteten kreisförmigen Bereich in den einzelnen Zellen, den er Zellkern nannte.

Bekannt ist SCHLEIDEN vornehmlich durch seine Erkenntnis, dass alle Pflanzen aus kernhaltigen Zellen aufgebaut sind und sich daraus entwickeln, dass damit die Zelle Grundbaustein einer jeder Pflanze ist (1838). Damit hatte er den Grundstein für die „Zelltheorie“ gelegt, die von RUDOLF VIRCHOW (1821-1902) 1885 zu seiner „Zellularpathologie“ weiter entwickelt wurde. Etwa ein Jahr später postulierte THEODOR SCHWANN (1810 - 1882), dass die tierischen Organismen ebenfalls auf dem Bauprinzip der Zelle aufgebaut sind.
SCHLEIDEN erkannte die grundlegende Bedeutung der Zelle als funktionelle Einheit, für physiologische und reproduktive Mechanismen.

Trotz seiner Erkenntnisse über die Bedeutung des Zellkerns für die Zellteilung nahm SCHLEIDEN an, dass die Zellbildung, der Kristallisation analog vor sich ging, was später widerlegt wurde.

Seine wissenschaftliche Bedeutung beruht auch auf seinem neuen Konzept einer analytischen und induktiven Vorgehensweise in der Botanik, die er in seinem Lehrbuch „Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik “ (1842) darlegte, dass als maßgebliches Botaniklehrbuch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts galt.

Als Verfechter der exakten Wissenschaften betonte er die Notwendigkeit eindeutiger Experimente und der Anwendung mathematischer Gesetze auf biologische und botanische Erkenntnisse für die wissenschaftliche Forschung. Dies war für GREGOR MENDELs (1822-1884) Vererbungsforschung ein wichtiger Ansatz. MENDEL konzentrierte sich nun mehr auf die Wichtigkeit der statistischen Gesetze, welche das Wiederauftreten bestimmter Merkmale bei den Nachkommen der Pflanzen steuerten und konnte damit seine Vererbungsregeln entwickeln.

Daneben lieferte SCHLEIDEN eine Reihe anatomisch-mikroskopischer und physiologischer Forschungsbeiträge. Er entdeckte z. B. dass bei der Fotosynthese Wasser und nicht Kohlenstoffdioxid gespalten wird. Seine späteren mikroskopischen Arbeiten über die verschiedenen Arten der Chinarinde, und den verschiedenen Sarsaparille-Wurzeln, die er anhand ihrer Anatomie unterschied, wurden bedeutend für die Fortentwicklung der Pharmazie. Chinarinde wurde damals bei Fieber und Malaria verwendet, Sarsaparille war Bestandteil der Syphillis-Behandlung.

SCHLEIDEN war einer der ersten Wissenschaftler, der das neue darwinistische Konzept der Abstammungslehre auf die Anthropologie und später auf die physiolgisch-molekulare Ebene anwendete und vertrat. SCHLEIDEN war sehr vielseitig und beschäftigte sich neben der Forschung auch mit natur- und kulturhistorischen Themen, wie die folgende Liste einiger seiner Publikationen zeigt.

  • 1842 „Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik nebst einer methodologischen Einleitung zum Studium der Pflanze“, Leipzig
  • 1844 „Schelling´s und Hegel´s Verhältnis zur Naturwissenschaft. Zum Verhältnis der physikalischen Naturwissenschaft zur Spekulativen Naturphilosophie.“
  • 1847 „Swedenborg und der Aberblaube.“ In: Fries, J. „Abhandlungen der Fries'schen Schule.“
  • 1848 „Die Pflanze und ihr Leben. Populäre Vorträge von M. J. Schleiden.“, Leipzig 1848
  • 1867 „Das Meer.“ Berlin 1867
  • 1868 „Goethe als Naturforscher.“ In: Westermanns Illustrierte Monatshefte 23, 1868.
  • 1870 „Für Baum und Wald. Eine Schutzschrift an Fachmänner und Laien gerichtet.“, Leipzig 1870
  • 1873 „Die Rose. Geschichte und Symbolik in ethnographischer und kulturhistorischer Beziehung.“, Leipzig 1873
  • 1875 „Das Salz. Seine Geschichte, seine Symbolik und seine Bedeutung im Menschenleben. Eine monographische Skizze.“, Leipzig 1875.
  • 1876 „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter.“
Matthias Schleiden (1804 bis 1881)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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