Fabel

Begriff

Es geht in diesem Zusammenhang nicht um das Stoff- und Handlungsgerüst eines literarischen Werkes, welches auch alsFabel bezeichnet wird, sondern um die Gattungsbezeichnung für einen kleinen epischen Text.
Die Fabel (lat.: fabula = kleine Erzählung) als epische Kurzform ist eine Beispielerzählung in Prosa oder Versen, aus welcher der Leser am Ende eine moralische Lehre ziehen soll. Als Figuren agieren in der Regel Tiere, die mit menschlichen Zügen wie Vernunft und Sprache ausgestattet sind. Sie handeln in festen Rollen, da sie meistens bestimmte Eigenschaften verkörpern. So steht der Fuchs traditionell für Schlauheit, der Wolf für Gier, der Löwe für Stärke und Macht. Nahezu klassisch ist die Konstellation, dass die Tiere sich versammeln oder zu Gericht sitzen. Häufig sind Konflikte zwischen Mächtigen und Machtlosen, Starken und Schwachen in die Fabelwelt übersetzt.
Fabeln haben meist einen antithetischen Aufbau, d. h., es treffen zwei Gegenspieler aufeinander, die konträre Prinzipien verkörpern. Den kleineren und schwächeren Tieren gelingt es oftmals, durch Gewitztheit oder Charakterstärke die Oberhand zu gewinnen. Somit wird die Ausgangssituation am Ende in ihr Gegenteil verkehrt. Die Handlung folgt einem festen Schema und ist ohne Verzweigungen sehr geradlinig und knapp dargestellt und dabei auf die abschließende Lehre ausgerichtet. Vorherrschendes Gestaltungsmittel ist der Dialog.

GOTTHOLD EPRHRAIM LESSING hat sich in seinen „Abhandlungen über die Fabel“ (siehe PDF) , erschienen in seine Fabeln. „Drey Bücher" (1759) auch theoretisch mit dem Genre auseinandergesetzt. Hier zwei Auszüge:

„Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere Geschöpfe, zu handelnden Personen. – Was ist hiervon zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens schnackisch ist – quod risum movet (zum Lachen reizt)? Oder was ist es? Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er aber anders, z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt?

Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam vorbereitet zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.

Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung, ebenso richtig als fruchtbar finden wird.“

Historie

In Europa ist die Tradition der Fabel durch den sagenhaften griechischen Sklaven AESOP (6. Jh. v. Chr., siehe PDF "Aesop - Fabeln") begründet worden. AESOP, oder AISOPOS, wie sein Name auf Griechisch lautet, war ein Sklave aus Phrygien, dem später die Freiheit geschenkt wurde. Bereits die antiken Dichter berufen sich auf AESOP als den Begründer der Gattung. Eine griechische Sammlung seiner verstreuten Fabeln, die „Collectio Augustana“, stammt aus dem 1./2. Jahrhundert.

Weitere Sammlungen Aesopischer Fabeln in lateinischer Sprache sind bis ins späte Mittelalter überliefert. AESOP hat sowohl den Begriff für das Genre als auch die Stoffe und die Form der Dichtung nachhaltig geprägt. Bis heute hat sich deshalb das Gattungsverständnis kaum gewandelt und auch seine stofflichen Vorgaben wurden immer wieder aufgegriffen (Der Fuchs und die Trauben, Der Löwe und die Maus, Der Wolf und das Lamm, Der Rabe und der Fuchs).

Der Wolf und der Kranich
Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, daß ihm ein Knochen im Rachen steckenblieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde. Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung. „Wie?“ höhnte der Wolf, „du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, daß du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, daß du noch lebest!“
Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.

(AESOP)

In der deutschen Literatur wurden zunächst als kleine Beispielerzählungen, die Textstellen innerhalb anderer literarischer Werke illustrieren sollten, die antiken Fabeln aufgenommen und variiert. Auf diese Weise fand die Fabeldichtung Eingang in die mittelalterliche Literatur. Eine relativ geschlossene Überlieferung unter der Autorschaft des STRICKER erschien erstmals um 1230. Die mit einer religiösen Lehre verbundenen Kurztexte trugen den Titel „Bîspeln“ (Beispiele). Auch die „Bîspeln“ von ULRICH BONER hatten das Ziel, den Leser zu erbauen und zu belehren. Um 1350 entstand seine Sammlung „Der Edelstein“.
Im 15. Jahrhundert wurden nicht nur Sammlungen mit den Fabeln des AESOP in die deutsche Sprache übersetzt (HEINRICH STEINHÖWEL, „Esopus“, 1476/77), sondern auch Fabeln aus dem orientalischen Kulturkreis.

Eine erste Blüte erlebte die Fabeldichtung in der Zeit derReformation und des Humanismus, in der zahlreiche deutschsprachige und neulateinische Fabeln entstanden sind. In jener Zeit befassten sich u.a.

  • ERASMUS VON ROTTERDAM (1466 o. 1469–1536),
  • MARTIN LUTHER (1483–1546),
  • BURKHARD WALDIS (um 1490–1556) und
  • HANS SACHS (1494–1576)

mit dieser didaktischen literarischen Kleinform.

Bis ins 17. Jahrhundert waren die antiken und orientalischen Fabelsammlungen verbreitet, zumeist in lateinischer Sprache, dann wurde der Einfluss zeitgenössischer französischer Fabeldichtungen maßgebend. Große Bedeutung hatte der Franzose JEAN DE LA FONTAINE (1621–1695). Seine Fabeln erschienen 1713 in deutscher Ausgabe, nachdem sie bereits 1668–94 in französischer Sprache erschienen waren.

Ihren Höhepunkt hatte die Fabeldichtung während der Aufklärung. Das lehrhafte Genre war die kongeniale Form für die moralischen und sozialkritischen Intentionen der Aufklärer.

Als Fabeldichter traten vor allem

  • CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT (1715–1769),
  • FRIEDRICH VON HAGEDORN (1708–1754),
  • JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM (1719–1803),
  • GOTTLIEB KONRAD PFEFFEL (1736–1809),
  • MAGNUS GOTTFRIED LICHTWER (1719–1783),
  • GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG (1742–1799),
  • JOHANN GOTTFRIED HERDER (1744–1803) und
  • GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729–1781) hervor.
  • In Russland pflegte insbesondere IWAN A. KRYLOW (1769–1844) das Genre und
  • in England JOHN GAY (1685–1732).

Neben LESSING, der sich auf die sehr knappen, auf einen Lehrsatz hinauslaufenden Prosafabeln in der Tradition des AESOP berief, weiteten andere Fabeldichter ihre Texte zu gleichnishaften Verserzählungen aus. Diese Richtung in der Fabeldichtung, die vor allem die didaktischen Züge unterstrich, wurde im 19. Jahrhundert breit rezipiert und zur erzieherischen Exempelbildung herangezogen.

Seit dem 19. Jahrhundert haben sich in der Fabeldichtung keine wesentlichen Entwicklungen mehr vollzogen und die überlieferten Fabeln gelten heute vor allem als Lektüre für Kinder. Für moderne Autoren hat die Fabel meist den Stellenwert einer Gelegenheitsdichtung, in der in epigrammatischer Kürze und allegorischer Zuspitzung allgemeine Zustände, menschliche Schwächen oder aktuelle politische Vorgänge in meist satirischer Weise aufs Korn genommen werden.

Der Löw saß auf seinem Thron von Knochen
und sann auf Sklaverei und Tod.
Ein Igel kam ihm in den Weg gekrochen.
„Ha! Wurm!“ so brüllte der Despot.
und hielt ihn zwischen seinen Klauen,
„mit einem Schluck verschling ich dich!“
Der Igel sprach: „Verschlingen kannst du mich;
allein du kannst mich nicht verdauen.“

(GOTTLIEB KONRAD PFEFFEL)

HEINRICH VON KLEIST verfasste mit „Die Fabel ohne Moral“ (Audio 1) eine Fabel ohne den von LESSING geforderten „moralischen Satz“. Diese Fabel wirkt auf den Leser eher befremdlich, sie verwirrt:

Die Fabel ohne Moral.
Wenn ich dich nur hätte, sagte der Mensch zu einem Pferde, das mit Sattel und Gebiß vor ihm stand, und ihn nicht aufsitzen lassen wollte; wenn ich dich nur hätte, wie du zuerst, das unerzogene Kind der Natur, aus den Wäldern kamst! Ich wollte dich schon führen, leicht, wie ein Vogel, dahin, über Berg und Tal, wie es mich gut dünkte; und dir und mir sollte dabei wohl sein. Aber da haben sie dir Künste gelehrt, Künste, von welchen ich, nackt, wie ich vor dir stehe, nichts weiß; und ich müßte zu dir in die Reitbahn hinein (wovor mich doch Gott bewahre) wenn wir uns verständigen wollten.

audio

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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