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Jahrhundertwende – Eine Zeit im Wandel

Nach dem Regierungsantritt WILHELMs II. erfolgte die Entlassung BISMARCKs. Die ursprünglichen Bündnisse zerfielen, stattdessen entstand eine Kräftepolarisierung von Dreibund und Triple-Entente in Europa. Die Kriegsgefahr wuchs.

Auch wirtschaftlich und sozial ergaben sich einschneidende Veränderungen: Neue Fabriken und Industrien entstanden. Mit der Industrialisierung stieg die Bevölkerungszahl in den Großstädten massiv an. Die Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten wurde größer.

Darauf reagierte die Literatur mit der Beschreibung der sozialen Verhältnisse (Naturalismus) bzw. mit der Beschwörung des Vergangenen (Décadence). In diese Zeit hinein fielen die Ansichten des Philosophen FRIEDRICH NIETZSCHE, die ein völliges Umdenken bei vielen Intellektuellen bewirkten. NIETZSCHEs Kritik christlicher Moralvorstellungen sollte eine „Umwertung aller Werte“ bewirken, ein Selbstbesinnen der Menschen auf sich selbst.

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Die im Ergebnis des Deutsch-französischen Krieges 1870-71 und der Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs zu beobachtende Liberalisierung dauerte nicht lange. Die Ära BISMARCK sollte mit dem „Gründerkrach“ 1873 und dem erneuten Konservatismus, der sich u. a. im Sozialistengesetz von 1878 und der Einführung von Schutzzöllen 1879 manifestierte, ihr langsames Ende finden.

1879 konnte zwar noch der geheime Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn abgeschlossen werden, der mit dem Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert wurde, BISMARCKs Bündnispolitik war jedoch gescheitert.

Regierungsantritt WILHELMs II.

Nach dem Regierungsantritt WILHELMs II. erfolgte die Entlassung des Eisernen Kanzlers. Mit der Berufung LEO VON CAPRIVIs zum Reichskanzler 1890 setzte innen- und außenpolitisch zwar ein „Neuer Kurs“ ein, der mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 sein sichtbarstes Zeichen fand. Eine Eindämmung der Sozialdemokratie gelang jedoch auch WILHELM II. nicht. Die Parlamentarisierung und Demokratisierung des Deutschen Reiches stagnierten.

Außenpolitisch erneuerte VON CAPRIVI den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht mehr, was zu einem Bündniswechsel Russlands führte. Mit der Eroberung außereuropäischer Gebiete versuchte Deutschland, den Anschluss an die Kolonialmächte England und Frankreich zu schaffen (Platz an der Sonne). Das Wettrüsten begann u.a. mit dem Aufbau einer starken Kriegsflotte.

Erstarken nationalistischer und rassistischer Kreise

Mit der Militarisierung einher ging auch das Erstarken nationalistischer und rassistischer Kreise des deutschen Bürgertums.

Frankreich

Nach dem Zweiten Kaiserreich unter NAPOLEON III. und dem Deutsch-französischen Krieg etablierte sich am 4. September die Dritte Republik (1870–1944). Mit deutscher Hilfe gelang es zwar 1871, die Pariser Kommune niederzuschlagen, aber Frankreich blieb außenpolitisch isoliert. Der Beitritt Frankreichs in die Entente cordiale mit England 1904 führte zu einer Polarisierung der Mächte in Europa: auf der einen Seite der Dreibund

  • Deutschland,
  • Italien,
  • Österreich,

auf der anderen Seite die Triple-Entente aus

  • Frankreich,
  • Großbritannien und
  • Russland.

Die Schüsse von Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Kronprinzen FRANZ FERDINAND führten schließlich am 1. August 1914 zum Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Wirtschaft und Soziales

Wirtschaftlich prägte die industrielle Revolution mehr und mehr das Zeitalter. Neue Fabriken und Industrien entstanden. Mit der Industrialisierung stieg die Bevölkerungszahl in den Großstädten massiv an. Das trug stark zur Vergrößerung der Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten bei.

Die Lebenslage der Arbeiter hatte sich zwar gegenüber der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbessert. Jedoch war es nicht leicht, die Entwicklung der Umwelt zu verarbeiten. In vierhöfigen Mietskasernen in Berlin bewohnten Familien oft nur ein Zimmer ohne genügend Licht.

Probleme wie

  • Isolation,
  • Alkoholsucht und
  • Drogensucht

traten auf.

Kunst und Wirklichkeit

Hatten die Literaten des Naturalismus, die die objektive und naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit forderten, noch versucht, das Elend der Arbeiterschaft zu beschreiben (G. HAUPTMANN: „Die Weber“, 1892), versuchen viele Künstler nun, in neuromantischer Manier die vergangene Welt zu beschwören.

Die Erfahrung der sozialen Entfremdung und Isolierung erwies sich als gesamteuropäisches Problem. In der Philosophie thematisierte FRIEDRICH NIETZSCHE (siehe PDF "Friedrich Nietzsche - Also sprach Zarathustra") diese Veränderungen, innnerhalb der Psychologie entwickelte SIGMUND FREUD die Pysychoanalyse. Seine „Traumdeutung“ (1900) trug zu einem modernen Verständnis der menschlichen Natur bei. Besonders die durch das Unterbewusste verdrängten Erfahrungen und Vorstellungen, die im Traum materialisierten Instinkte und Triebe des Menschen und ihre Steuerung durch das „Über-Ich“ regten bildende Künstler und Literaten zur Reflexion an.

FREUDs und NIETZSCHEs Einfluss auf die moderne Kunst wirken vom Symbolismus über Surrealismus und Pop-Art bis in die Gegenwart nach.
Auch MAX PLANCKs (1858–1947) Quantenphysik und ALBERT EINSTEINs Relativitätstheorie veränderten das Weltbild der Jahrhundertwende entscheidend.

Angesichts der steigenden Bevölkerungszahlen entwickelten sich

  • Wien,
  • München und
  • Berlin

zu Kulturzentren. Ausdruck dafür sind die Wiener Moderne (das 1890 gegründete „Junge Wien“ um

  • HUGO VON HOFMANNSTHAL,
  • ARTHUR SCHNITZLER,
  • RICHARD BEER-HOFMANN,
  • HERRMANN BAHR und
  • LEOPOLD ANDRIAN),

die Berliner Moderne (Berliner Secession) und die sogenannte Kaffeehaus-Literatur (PETER ALTENBERG).

Aber auch die österreichisch-ungarische Metropole Prag brachte mit

  • RAINER MARIA RILKE (1875–1926),
  • FRANZ WERFEL (1890–1945),
  • MAX BROD (1884–1968) und
  • FRANZ KAFKA (1883–1924)

bedeutende Literaten hervor.

NIETZSCHEs Kulturpessimismus

NIETZSCHEs Kulturpessimismus: Bedeutendster Impulsgeber der deutschen Literatur der Jahrhundertwende war der Altphilologe FRIEDRICH NIETZSCHE (1844–1900). Dessen kulturpessimistische Philosophie (siehe PDF "Friedrich Nietzsche - Also sprach Zarathustra") forderte den „Übermenschen“

(„Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss“)

und kritisierte damit das bürgerliche Mittelmaß, das die bürgerliche Moral ausmacht. Das

„Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier Mensch, – der Christ...“

ist nach NIETZSCHE ein Produkt christlicher Moralvorstellungen. Das Christentum war für ihn nihilistisch, deshalb muss es mit dem Nihilismus überwunden werden. Der Ruf „Gott ist tot!“ steht symbolisch für diese Haltung.
Erst durch den Tod Gottes

  • ist auch die Moral, die sich direkt aus Gott ableitet, nicht mehr haltbar,
  • kann sich der Mensch schöpferisch weiter entwickeln,
  • kann er sich emanzipieren von jedweder Religion und Gläubigkeit.

Nur so ist er in der Lage, in unmittelbarster Verantwortung der Macht der Entscheidung die „Umwertung aller Werte“ zu vollziehen und in einem „Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit“ den „Übermenschen“ zu gebären.

„Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen Himmel...“,

meint NIETZSCHE und kritisiert damit den Verzicht auf die Besonderheit des Einzelnen in der Gesellschaft. Sein Egoismus, mit sich selbst Freund zu sein, betont genau diese Besonderheit des Einzelnen und fragt nach den

  • Beschaffenheiten der Seele,
  • Tiefen der Seele
  • Schönheiten der Seele,

Nächstenliebe kann nicht beständig sein, wenn sie in Selbstliebe endet:

„Nur die Liebe soll richten – die schaffende Liebe, die sich selber über ihren Werken vergißt“.

NIETZSCHE greift den Gedanken SCHOPENHAUERs auf, nachdem Erkenntnis nur über den Weg der Verneinung möglich ist (Nihilismus).

Nihilismus ist eine philosophische Theorie der Verneinung aller Werte. Der theoretische Nihilismus verneint die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit, der ehtische Nihilismus die Werte und die Normen des Handelns, der politische Nihilismus jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung.

Der „Glaube“ des Christentums auf „Erlösung“ und „Ewigkeit“ muss zugunsten eines einzigartigen Lebens im Diesseits negiert werden. Das allein schafft „Wahrheit“.

„Was ein Theologe als wahr empfindet, das muss falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit.“

NIETZSCHEs Moralkritik, sein Streben nach Überwindung des Christentums und sein antibürgerlicher Ästhetizismus hat nicht nur THOMAS und HEINRICH MANN beeinflusst. Ganze Generationen von Autoren fühlten sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von ihm verstanden. NIETZSCHE prägte über den

  • Symbolismus und
  • Impressionismus

hinaus die Autoren des

  • Expressionismus
  • Dadaismus und
  • Surrealismus.
  • BWS-DEU2-0517-03.pdf (705.31 KB)

Unzeitgemäße Betrachtungen

NIETZSCHEs „Unzeitgemäße Betrachtungen“ (1873–1876, siehe PDF "Friedrich Nietzsche - Unzeitgemäße Betrachtungen") sind in vier Lieferungen herausgekommen. Sie beinhalten:

  • David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller (1873)
  • Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874)
  • Schopenhauer als Erzieher (1874)
  • Richard Wagner in Bayreuth (1876)

In den kulturkritischen Abhandlungen

„stellt sich Nietzsche kritisch gegen seine Zeit und seine Zeitgenossen, um auf diese Einfluss zu nehmen und zugunsten einer kommenden Zeit zu wirken. Die erste Unzeitgemäße Betrachtung mit dem Titel »David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller« dient der kritisch-polemischen Auseinandersetzung mit dem schwärmerisch-optimistischen Bekenntnisbuch von D.F. Strauss über »Das Leben Jesu für das deutsche Volk«. In der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, »Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben« (1874), zeigt Nietzsche die Zweideutigkeit der historischen Wissenschaften auf, die gerade im 19.Jahrhundert zu besonderer Blüte gelangt war. Die dritte und vierte Unzeitgemäße Betrachtung, »Schopenhauer als Erzieher« (1874) und »Richard Wagner in Bayreuth« (1876), zeigen Nietzsche als deren Anhänger und Verehrer. Er übernimmt von Schopenhauer den Willen als das übersinnliche Prinzip der Welt, allerdings tritt er nicht mit dem Ziel der Erlösung für eine Verneinung des Willens zum Leben ein.“ (Brockhaus multimedial 2007)

  • BWS-DEU2-0517-04.pdf (834.17 KB)
Lernhelfer (Duden Learnattack GmbH): "Jahrhundertwende – Eine Zeit im Wandel." In: Lernhelfer (Duden Learnattack GmbH). URL: http://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/jahrhundertwende-eine-zeit-im-wandel (Abgerufen: 24. January 2026, 08:50 UTC)

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Das historische Vorbild des Dr. Faust

In einer Zeit der Inquisitionsprozesse und Hexenverbrennungen und offensichtlich in moralisierender Absicht geschrieben; tritt das Sujet vom Teufelsbündnis zu Beginn des 16. Jahrhunderts explizit in die Literatur ein. Träger dieses Sujets ist die Faust-Figur. Sie ist einem historischen Vorbild nachgestaltet, einem gewissen Johann oder Georg Faust. Die Literatur kennt darüber hinaus aber auch andere Identitäten Fausts.
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* 01.02.1874 in Wien
† 15.07.1929 in Rodaun (bei Wien)

HUGO VON HOFMANNSTHAL (Pseudonyme: LORIS, LORIS MELIKOW und THEOPHIL MORREN) war ein österreichischer Schriftsteller, der zusammen mit Schriftstellern wie ARTHUR SCHNITZLER, LEOPOLD ANDRIAN und RICHARD BEER-HOFMANN zu den zentralen Gestalten des „Jungen Wien“ und der „Wiener Moderne“ gehörte. Als Lyriker und Dramatiker gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter des österreichischen Impressionismus und Symbolismus.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen jene, die in Zusammenarbeit mit dem Komponisten RICHARD STRAUSS entstanden und die eine neue Form des Musiktheaters begründeten. Bis in die heutige Zeit werden in den Theatern der Welt Stücke wie „Der Rosenkavalier“, „Elektra“ und „Ariadne auf Naxos“ aufgeführt und vom Publikum geschätzt.
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* 02.07.1724 in Quedlinburg
† 14.03.1803 in Hamburg

FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK war ein deutscher Epiker und der Hauptvertreter des lyrischen Dramas im 18. Jahrhundert auf der Schwelle zwischen Spätbarock und Klassik. Vor allem mit seinem Hauptwerk, dem „Messias“, läutete er die klassische Periode ein.
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Faustmotiv, Rezeptionsgeschichte

Die Rezeptionsgeschichte des Faustmotivs beginnt schon vor der Veröffentlichung des Faustbuches:

  • 1507 warnte der Benediktiner JOHANNES TRITHEMIUS aus Würzburg in einem Brief auf Latein seinen Freund JOHANN VIRDUNG in Heidelberg vor FAUST.
  • 1556 wurden die „Erfurter“ Faust – Geschichten aufgezeichnet. FAUST soll in Staufen, im Breisgau, gestorben sein.
  • 1570 erschien die Niederschrift von Faust – Sagen von ROSSHIRT, einem Schulmeister in Nürnberg,
  • 1570 eine Sammlung von Faust – Sagen (zuerst in lateinischer, dann in deutscher Sprache).
  • 1572 veröffentlichte JOHANN SPIES die „Historia und Geschicht Doctor Johannis Fausti des Zauberers" (siehe PDF „Historia und Geschicht Doctor Johannis Fausti“)

Nach der Veröffentlichung des Faustbuches gab es einen regelrechten Boom von Faust-Adaptionen:

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* 11.02.1869 in Wuppertal-Elberfeld
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ELSE LASKER-SCHÜLER ist eine der charaktervollsten und farbigsten Gestalten der deutschen Dichtung des 20. Jahrhunderts. Ihr Ruhm ist heute wieder so groß wie zu ihren Lebenszeiten. „Der schwarze Schwan Israels“ wird in dem Land ihrer Väter (Jerusalem/Palästina) heute so verehrt wie die „Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“ in dem Land ihrer Kindheit und ihrer Sprache (Deutschland).

LASKER-SCHÜLER gilt als Vorläuferin, Repräsentantin und Überwinderin des Expressionismus. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Das Peter Hille Buch“ (1906), „Der siebente Tag“ (1905), „Hebräische Balladen“ (1913) und der zwei Jahre vor ihrem Tod vollendete, für Toleranz und Humanität eintretende Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943).

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