Professor Unrat

Inhalt

Dem Titel des Romans „Professor Unrat“ liegt ein Wortspiel zugrunde, die Verballhornung des Namens des Gymnasialprofessors Raat, der am Gymnasium einer norddeutschen Stadt bereits seit fünfundzwanzig Jahren Schülergenerationen tyrannisiert. Der steife, verknöcherte Prof. Raat sieht in den Schülern seine Feinde, die er „fassen“ und vernichten will, auch dann noch, wenn sie bereits die Schule verlassen haben und zu den ehrbaren Bürgern der Stadt gehören. Er, der sich als Ordnungshüter und Vertreter der Staatsgewalt sieht, hat nur das eine Ziel, die harmlosen Späße der Schüler, in denen er umstürzlerische Umtriebe sieht, zu unterbinden und zu bestrafen. Hat er wieder einmal einen Schüler ins Kabuff gesperrt, fühlt er die Genugtuung eines selbstgerechten Herrschers. Professor Raat ist in höchstem Maße unbeliebt. Wenn der Schultyrann sich nähert, kündigen ihn die Schüler mit dem Satz an: „Ich wittere Unrat.“

Das Trio

Unter den Schülern ist ein Trio besonders herausgehoben: der frühreife Lohmann, Sohn eines Senators der Stadt, der angeberische und etwas dumme Graf Erztum und der schwächliche Kieselack. Diese drei Freunde unterhalten Beziehungen zu der „Barfußtänzerin“ und Sängerin Rosa Fröhlich, die in der Kneipe zum „Blauen Engel“ arbeitet. Während Kieselack sich in dem lockeren Milieu des „Blauen Engels“ nur amüsieren will, hat Lohmann die Absicht, seine reife Angebetete, die Konsulin Breetpoot, mit seiner Beziehung zu Rosa Fröhlich zu kränken. Graf Erztum hingegen hegt ernsthaft die Absicht, die Sängerin mit dem zweifelhaften Ruf durch Heirat zu sich zu erheben.

Raat als Moralapostel

Eines Tages entdeckt Prof. Raat bei seinem Schüler Lohmann ein unsittliches Gedicht auf Rosa Fröhlich. Er wittert eine Chance, seine Schüler der Übertretung sittlicher Regeln zu überführen und begibt sich schließlich in das besagte Etablissement, wo Rosa Fröhlich arbeitet. Es dauert nicht lange und er ist von der der lasziven Sinnlichkeit der Sängerin in den Bann geschlagen. Bald taucht er Abend für Abend im „Blauen Engel“ auf, zunächst unter dem Vorwand, seine Schüler auf frischer Tat ertappen zu wollen, tatsächlich ist er jedoch bald der erotischen Ausstrahlung Rosa Fröhlichs verfallen. In der ganzen Stadt weiß man bereits über den Wandel des Professors Bescheid und registriert seinen moralischen Abstieg.

Raat und die Liebe

Während einer Wanderung der drei Jungen mit Rosa Fröhlich hat Erztum ein Hünengrab zerstört und muss sich deshalb vor Gericht verantworten. In der Verhandlung kommt zutage, dass die Sängerin eine intime Beziehung zu Kieselack unterhalten hat. Unrat ist zutiefst gekränkt, denn inzwischen ist er unrettbar in Rosa Fröhlich verliebt. Zudem werden zwar Kieselack und Erztum der Schule verwiesen, der von ihm besonders gehasste „Anführer“ Lohmann darf jedoch bleiben; dafür hat dessen einflussreicher Vater, der Konsul, gesorgt.
Professor Unrat hat sich allerdings inzwischen derart kompromittiert, dass er als Gymnasialprofessor unhaltbar geworden ist und in die Pension geschickt wird.Er entschließt sich, Rosa Fröhlich die Ehe anzutragen, woraufhin sie ihm sofort ihr bis dahin verschwiegenes Kind präsentiert.

Rosas Vergnügungsetablissement

Da die Ersparnisse Unrats schnell aufgebraucht sind, richtet die „Künstlerin“ Fröhlich in der Villa ihres Mannes einVergnügungsetablissement ein. Zu ihren Kunden gehören die zahlungskräftigen Honoratioren der Stadt, mit denen sie sich im Einverständnis weiß bei der Verschleierung des wahren Charakters ihres Unternehmens. Das Theater der Stadt und die „Gesellschaft für Gemeinsam“ fristen fortan ein klägliches Dasein, denn Rosa Fröhlich zieht ihnen die Kundschaft ab. Ihre Gäste, zum großen Teil die ehemaligen Schüler Unrats, richten sich allmählich moralisch und finanziell zugrunde. Diese Wendung empfindet der abgeschobene Gymnasiallehrer als späte Genugtuung. Die Lasterhaftigkeit und Verdorbenheit seiner einstigen Zöglinge, von der er immer zutiefst überzeugt war, bestätigt sich ihm. Als strenger Ordnungshüter und strafender Richter bleibt er gleichsam im Hintergrund und beobachtet den „Abstieg“ seiner Gegner mit Genugtuung. Er will allerdings nicht wahrhaben, dass auch seine Frau Rosa sich an die Gäste verkauft.

Raats Abstieg

Erst als eines Tages Lohmann auftaucht und diese Illusion brutal zerstört, indem er die sorgsam verschleierten Verhältnisse im Hause Unrats aufdeckt, gerät er außer sich. In rasender Wut und Eifersucht beraubt er Lohmann und greift seine Frau tätlich an. Mit diesem zerstörerischen, anarchistischen Akt verletzt er vollends und offen die Regeln der „feinen Gesellschaft“ und katapultiert sich selbst ins gesellschaftliche Aus. Er und seine Frau werden verhaftet, die „anständigen“ Bürger stellen ihre vermeintliche Ordnung wieder her, indem sie sich des offenen Skandals entledigen. Beim Abtransport ins Gefängnis begegnet dem verhafteten Paar Kieselack, der inzwischen Bierkutscher geworden ist und das Zusammentreffen mit den Worten kommentiert: „'ne Fuhre Unrat.“

Einordnung

Den Roman „Professor Unrat“ schrieb HEINRICH MANN 1904 in wenigen Monaten (erschienen 1905 in München). Damit hat er, neben seinen Romanen „Im Schlaraffenland“ (1900) und „Der Untertan“ (1906), eine der bedeutendsten Gesellschaftssatiren über die Zustände im kaiserlichen Deutschland geschaffen. Dieses Werk begründete seinen Ruf als scharf beobachtender Sozialkritiker. Der Roman liefert eine sozialpsychologische Analyse des gedrillten wilhelminischen Untertanen und verzerrt dessen Züge von moralischer Strenge, Menschenhass, Erstarrung und Bigotterie ins Satirisch-Groteske. Zudem zeichnet er wie kaum ein anderes literarisches Werk der Zeit in scharfen Konturen das kaiserliche Schulwesen und seine Erziehungsprinzipien, die vor allem in der Heranbildung von Untertanengeist und Kadavergehorsam bestanden. Unrat, der sich für einen unbestechlichen Ordnungs- und Sittenhüter hält, ist letztlich auch nur ein Werkzeug der Machtstrukturen und den Spielregeln der gesellschaftlichen Verhältnisse unterworfen. Er wird aus der „guten Gesellschaft“ ausgestoßen, als er seinen anstößigen Lebenswandel nicht mehr im Verborgenen hält, so wie alle anderen es tun und erwarten, sondern von seiner erotischen Verfallenheit an die Bartänzerin beherrscht wird. Den letzten Schritt seiner gesellschaftlichen Ächtung vollzieht die ehrbare Bürgerschaft mit seiner Verhaftung, nachdem er in einem verkappten Akt des Anarchismus letztlich alle Regeln gebrochen hat.

HEINRICH MANNs Roman lieferte die Vorlage für den Film „Der blaue Engel“ (1930) von JOSEF VON STERNBERG, der MARLENE DIETRICH in der Rolle der „feschen Lola" weltberühmt machte.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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