Barthold Hinrich Brockes

Lebensgeschichte

BARTHOLD HINRICH BROCKES' Lebensgeschichte beginnt in Hamburg. Hier wurde er am 22.09.1680 als Sohn eines wohlhabenden, aus Lübeck stammenden Kaufmannes geboren. Der Vater starb bereits 1694, doch das hinterlassene große Vermögen ließen die Witwe und ihre beiden Kinder keine Not leiden. BROCKES erhielt eine gute Ausbildung, zunächst in Form von Privatunterricht, später am Gymnasium.
BROCKES begann 1700 ein Jurastudium an der Universität Halle. 1702 verbrachte er ein halbes Jahr als Praktikant am Kammergericht in Wetzlar. Eine anschließende Bildungsreise führte ihn nach Italien, Frankreich, England, Holland und in die Schweiz. Im holländischen Leyden promovierte er zum Lizentiaten (akademischer Grad) der Rechte. Sein Vorhaben war es, am englischen Hof aufgenommen zu werden, doch starb plötzlich seine Schwester und so kehrte er auf Bitten seiner Mutter Ende 1704 zurück nach Hamburg. Dort widmete er sich in den Folgejahren den schönen Wissenschaften und erbrachte poetische Dienstleistungen für einflussreiche Hamburger Familien und den Rat der Stadt.
1714 verheiratete sich BROCKES und gründete im selben Jahr gemeinsam mit Freunden im Stil der Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts die „Teutschübende Gesellschaft“, 1716 dann die „Patriotische Gesellschaft“. 1721 führte ihn eine diplomatische Mission nach Wien zu Kaiser KARL VI.; 1724 reiste er zum dänischen König nach Glückstadt und zu König FRIEDRICH WILHELM I. nach Berlin. Alle Reisen unternahm er als Gesandter des Rates von Hamburg, in den er 1720 als Senator gewählt worden war.
Von 1724–1726 war BROCKES Herausgeber der moralischen Wochenschrift „Der Patriot“.
BROCKES' Zeitgenossen bezeichneten ihn als „Fürst der Dichter“. Sein dichterisches Schaffen war es, das Fürst GÜNTHER ZU SCHWARZBURG veranlasste, ihn 1730 zum Kaiserlichen Pfalzgrafen und zum „Poeta laureatus“ (lorbeergekrönter Dichter) zu ernennen.
Ab 1730 hatte BROCKES verschiedene Ämter inne, u. a. ab 1730 als Landprätor (Richter), zwischen 1735 und 1741 als Amtmann von Ritzebüttel (heutiges Cuxhaven, damals zu Hamburg gehörend) und ab 1743 als Leiter des Scholarchats von Hamburg. BROCKES starb am 16.01.1747 in seiner Geburtsstadt Hamburg.

Literarisches Schaffen

Am Rand von Cuxhaven erinnert der Brockeswald an das literarische Schaffen des Naturdichters BARTHOLD HINRICH BROCKES.
BROCKES, literaturhistorisch an der Wende zwischen Barock und Aufklärung stehend, wurde berühmt durch seine einmalig aufmerksame Beobachtung und dichterische Lobpreisung der Natur. Er war bekannter als FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK und gilt heute als dessen Vorläufer. BROCKES führte das fromme Naturlied in die Lyrik ein. Er sah sich als „Herold Gottes“ und verkündigte in malerischer Sprache die in der Natur sichtbare Macht, Weisheit und Liebe des Schöpfers. Sein neunbändiges Gedichtwerk „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721–1748) ist der erste Meilenstein poetischer deutscher Naturbeschreibung (sieben Stücke daraus entnahm JOHANN SEBASTIAN BACH für seine „Johannispassion“). Die Gedichte bestechen durch Einfachheit und Klarheit und den dahinter stehenden protestantisch geprägten diesseitigen Gottesglauben.

Gedichtbeispiele

Drei Gedichtbeispiele aus seinem Werk mögen dies belegen:

Die kleine Fliege

Neulich sah ich, mit Ergetzen,
Ein kleine Fliege sich,
Auf ein Erlen-Blättchen setzen,
Deren Form verwunderlich
Von den Fingern der Natur,
So an Farb', als an Figur,
Und an bunden Glantz gebildet.
Es war ihr klein Köpfgen grün,
Und ihr Cörperchen vergüldet,
Ihrer klaren Flügel Par,
Wenn die Sonne sie beschien,
Färbt' ein Roth fast wie Rubin,
Das, indem es wandelbar,
Auch zuweilen bläulich war.
Liebster GOtt! wie kann doch hier
Sich so mancher Farben Zier
Auf so kleinem Platz vereinen,
Und mit solchem Glantz vermählen,
Daß sie wie Metallen scheinen!
Rief ich, mit vergnügter Seelen.
Wie so künstlich! fiel mir ein,
Müssen hier die kleinen Theile
In einander eingeschrenckt
Duch einander hergelenckt,
Wunderbar verbunden seyn!
Zu dem Endzweck, daß der Schein
Unsrer Sonnen und ihr Licht,
Das so wunderbarlich-schön,
Und von uns sonst nicht zu sehn,
Unserm forschenden Gesicht
Sichtbar werd', und unser Sinn,
Von derselben Pracht gerühret,
Durch den Glantz zuletzt dahin
Aufgezogen und geführet,
Woraus selbst der Sonnen Pracht
Erst entsprungen, der die Welt,
Wie erschaffen, so erhält,
Und so herrlich zubereitet.
Hast du also, kleine Fliege,
Da ich mich an dir vergnüge,
Selbst zur GOttheit mich geleitet.

(1736, vergl. PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott")

Die Traubenhyazinthe

Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwundrung mir
Von der bildenden Natur
Eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
Aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
Ein' Erinnerung zu lesen,
Daß wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.

(1727, vgl. PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott")

Gefährliche Verachtung der Welt

Man saget, unser Leben sey
Hier bloß ein Durchgang, eine Reise,
Wohin? Der Zweck ist zweyerley,
Zur Höllen, und zum Paradeise.
So reist man hier denn, ohne Zweifel,
Zum Schöpfer oder auch zum Teufel.
Dieß klingt wahrhaftig hart, die Welt,
Die so viel Wunder in sich hält,
Verächtlich einen Postweg nennen,
Und, sonder Ohr, Gefühl, Gesicht,
Den schönen Bau der Welt durchrennen,
Den Gott so herrlich zugericht.
Sind uns die Sinnen, hier im Leben,
Denn nur fürs Künftige gegeben?
Sind sie und diese Welt nicht werth,
Daß man denjenigen verehrt,
Der sie so herrlich schaffen wollen,
Nebst uns, damit wir, im Genuß,
Bey einem solchen Ueberfluß,
Uns freuen und ihm danken sollen?
Allein man hält uns, bis ins Grab,
Ach leider! so zu denken ab.
Und, bey dem Handel, glaubet man,
Daß man doch selig werden kann.
Ist es vernünftig, so zu denken:
„Ich hab, o Schöpfer, deine Macht,
Und Lieb und Weisheit nichts geacht,
Drum wirst du mir den Himmel schenken?“
Wohl aber würd es besser klingen:
„Mein Gott, ich hab in allen Dingen,
Die deine Huld hervorgebracht,
Die Macht und Weisheit, mit Bedacht,
Betrachtet, und mit Lust besehen,
Und, um dich würdig zu erhöhen,
Den mir gegebenen Verstand
Aus allen Kräften angewandt,
Nach den Gesetzen meiner Pflicht,
Dein im Geschöpf verhülltes Licht,
Und in den wunderbaren Werken,
Herr! deine Weisheit zu bemerken.
Du wirst demnach nach diesem Leben,
Da ich nach Möglichkeit gelebt, wie ich gesollt,
Und das dabey geglaubt, was du gewollt,
Aus Gnaden mir den Himmel geben.
Damit ich auch, nach dieser Zeit,
In jener selgen Ewigkeit,
An deinen nie erschöpften Schätzen,
Mich, sonder Ende, mög ergetzen.“

(1739, vgl. PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott")

Die dichterische Spannweite von BROCKES war beträchtlich. Seine Jugendgedichte standen vor allem unter dem Einfluss der englischen Aufklärungsdichter ALEXANDER POPE und JAMES THOMSON, deren Werke er außerdem übersetzte, so z. B. von POPE das „Essay on Man“ („Versuch vom Menschen“, 1740) und von THOMSON „Seasons“ („Die Jahreszeiten“, 1745). Eine andere Übersetzung, „Der Bethlehemitische Kindermord“ von GIAMBATTISTA MARINO (1715) dagegen, setzt sich mit der europäischen Barockdichtung auseinander.
Ähnlich unterschiedlich sind seine eigenen Dichtungen. 1712 verfasste er das Passionsoratorium „Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus“, das von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL, REINHARD KEISER und JOHANN MATTHESON vertont wurde. Zwischen diesem Oratorientext und seinen Artikeln in der moralischen Wochenschrift „Der Patriot“ (1724–1726), eines der populärsten Aufklärungsjournale, liegen Welten.
Auch sein Hauptwerk, das Gedichtwerk „Irdisches Vergnügen in Gott“ (s.o.), trägt diese Spannweite in sich. Die Metaphorik und die häufig auftauchende Form der Kantate sind der barocken Dichtungstradition entlehnt, zugleich finden sich in den philosophisch-optimistischen Formulierungen Ideen der Aufklärung. Schon der Titel „Irdisches Vergnügen in Gott“ macht deutlich: Gott ist lediglich logischer Ursprung der Schöpfung, das Vergnügen in Gott ist diesseitig, weltlich.

Hauptwerke (Auswahl)

  • Der Bethlehemitische Kindermord (1715, Übersetzung des Werkes von GIAMBATTISTA MARINO)
  • Versuch vom Menschen (1740, Übersetzung des „Essay on Man“ von ALEXANDER POPE)
  • Die Jahreszeiten (1745, Übersetzung der „Seasons“ von JAMES THOMSON
  • Irdisches Vergnügen in Gott (1721–1748, Gedichtwerk, siehe PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott")

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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