Schwank

Begriff, Kennzeichen, Historie

Beim Schwank (mhd.: swanc = schwingende Bewegung, Streich, Hieb) handelt es sich um einen kürzeren erzählenden Text, der meist eine Begebenheit aus dem Leben unterer Volksschichten, der Bauern, Fahrenden und Plebejer, zum Inhalt hat. Die Handlung und Darbietungsweise trug dem Unterhaltungsbedürfnis dieser Bevölkerungsgruppen Rechnung. Sie hat oft komische Züge, wobei diese Komik recht derb und drastisch sein kann. Nicht selten geht es dabei um sexuelle Tabubrüche, Verstöße gegen die guten Sitten und soziale Normverletzungen.

Schwankdichtungen entstanden insbesondere zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert und wurden sowohl schriftlich als auch mündlich überliefert. Meist ist ein Verfassername bekannt, nicht selten bleibt der Verfasser auch anonym. Der Schwank ist in Versen oder Prosa abgefasst und straff auf eine Pointe oder überraschende Wendung hin erzählt.

Häufig ist der Schwank so angelegt, dass gegensätzliche Figuren aufeinander treffen (Armer und Reicher, Herr und Knecht, Einfältiger und Schlauer, Pfaffe und Laie) und der scheinbar Unterlegene triumphiert, indem er Wortwitz und Situationskomik, aber auch List und Gewalt für sich nutzt. Es gibt jedoch auch den Schwanktyp, in dem der Überlegene nach der Provokation seine Position festigen kann. Bestimmte Rollenmuster wiederholen sich: der geizige Bauer, die untreue Ehefrau, der scheinheilige Pfaffe. Es werden meist menschliche Schwächen, aber auch soziale Missstände aufs Korn genommen, indem die missliebige Wahrheit hinter der wohlanständigen Fassade der Frömmigkeit oder Tugend hervorgeholt wird.

Die Quellen des deutschen Schwankes sind

  • die lateinischen Lügenmärchen aus dem 10. und 11. Jahrhundert,
  • die mittelalterlichen Predigtmärlein sowie
  • Volksüberlieferungen und mittelalterliche Versschwänke,
  • später übten auch die Renaissance-Novellen und die Fazetie (komisch-ironische Kurzprosaform mit meist erotischer Thematik) aus Italien Einfluss aus.

Schwanksammlungen

Schwänke wurden meist in Schwanksammlungen zusammengestellt.

  • Den ersten deutschen Schwankzyklus, „Der Pfaffe Amîs“, schuf DER STRICKER um 1230.
  • Im 15. Jahrhundert waren Schwänke um die Figur des NEIDHART VON REUENTHAL verbreitet. Als Sammlung unter dem Titel „Neidhart Fuchs“ wurden sie 1482 gedruckt.
  • Eine weitere Sammlung waren die „Geschichten des Pfarrers vom Kahlenberg“, zusammengestellt von PHILIPP FRANKFURTER und 1473 gedruckt.
  • Einen Höhepunkt in der Schwankliteratur bildet die berühmteste mittelalterliche Schwanksammlung um die Gestalt des Schelms Till Eulenspiegel (siehe PDF "Hermann Bote - Till Eulenspiegel"), für die es aller Wahrscheinlichkeit nach ein historisches Vorbild gab. Um 1478 wurde diese Schwanksammlung erstmals in niederdeutscher Sprache gedruckt. 1515 erfolgte der Druck in Hochdeutsch unter dem Titel „Ein kurzweilig Lesen von Dyl Ulenspiegel“. Till wählt entgegen dem Rat seiner Mutter ein Leben als fahrender Gesell und schlägt sich mit kleinen Gaunereien durch. Er wandert umher und vollbringt seine Schelmenstreiche auf Kosten der Reichen, Geizigen und Überheblichen. Mit Schalkhaftigkeit erleichtert er einen Bauern um sein Brot, einen Pfaffen um sein Pferd, eine Bäuerin um ihr Mus und übertölpelt sogar König und Papst. Seine Gewitztheit und Welterfahrenheit machen ihn seinen mächtigeren Widersachern überlegen. Die witzigen Situationen führt der Schalk Till Eulenspiegel oft dadurch herbei, dass er wörtlich nimmt, was die anderen im übertragenen Sinne meinen. „Till Eulenspiegel“ wurde in viele Sprachen übersetzt und im Laufe der Jahrhunderte vielfach nacherzählt und in anderen Kunstgattungen nachgestaltet.
  • Die erste locker gefügte Schwanksammlung ohne eine zentrale Figur war „Schimpff und Ernst“ von JOHANNES PAULI (1522 gedruckt).
  • Diesem Vorbild folgte das „Rollwagenbüchlein“ (1505) von JÖRG WICKRAM (1505–1562). Seine Schwankdichtungen zeichnen sich durch besonders detailgenaue Abbildung der Wirklichkeit aus.
  • Weit in die folgenden Jahrhunderte gewirkt hat auch das „Lalebuch“, besser bekannt unter dem Titel der Ausgabe von 1597 „Die Schildbürger“ von VALENTIN SCHUMANN und dessen siebenbändiges „Wendunmut“ (1565–1603). Die Streiche der einfältigen Schildbürger sind wie die Historien des Till Eulenspiegel zu einem festen Bestandteil der Kinderliteratur geworden.
  • Weitere Schwanksammlungen des 16. Jahrhunderts waren „Rastbüchlein und Katzipori“ (1558) von MICHAEL LINDENER und das „Nachtbüchlein“ (1559) von VALENTIN SCHUMANN.
  • Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts ging die Schwankdichtung zurück. 1645 entstand die Sammlung „Kurtzweilige Reißgespahn“ von J. L. TALITZ und 1656 die „Lustige Gesellschaft“ von JOHANN PETER DE MEMEL. Ein Jahrhundert später erschienen die zehn Bände des „Vade Mecum für lustige Leute“ (1764/92), wovon Band 8 und 10 die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen enthalten.

Der Schwank nach dem 16. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert verlor der Schwank allmählich seine Bedeutung als eigenständiges Genre. Er half aber, die größeren Erzählformen wie Erzählung und Roman vorzubereiten und schwankhaftes Erzählen floss bald auch in andere literarische und gebrauchssprachliche Texte ein.

Schwankhafte Züge tragen bis in heutige Zeit vor allem Theaterpossen, die ihre unterhaltende Wirkung aus vordergründiger Situationskomik und Wortwitz beziehen und seit dem 18. Jahrhundert in recht großer Zahl entstanden. Die beliebten Comedyshows im Fernsehen bedienen sich dieses Prinzips wie auch die Sitcoms.

Wesentliche Funktionen des Schwankes hat heute die epische Kleinform des Witzes übernommen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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