Theater des Sturm und Drang

GOETHE und die Dichter des Sturm und Drang zu SHAKESPEARE

Im Gegensatz zu GOTTSCHEDs Orientierung an der französischen Literatur war für GOETHESHAKESPEAREs Werk das Erweckungserlebnis schlechthin:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt' ich sehen, und, Dank sei meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhaft, was ich gewonnen habe.
(in: JOHANN WOLFGANG GOETHE: Zum Schäkespears Tag, siehe PDF)

Die Dichter des Sturm und Drang erlebten SHAKESPEARE völlig neu, sie begriffen ihn als Genie und großes Vorbild. Schnell waren sich die jungen Dichter einig, mit jeder Regelpoetik zu brechen, vor allem mit den drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung. GOETHE betonte:

„Ich zweifelte keinen Augenblick, dem regelmäßigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerkermäßig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskraft. Ich sprang in die freie Luft und fühlte erst, dass ich Hände und Füße hatte. Und jetzo, da ich sahe, wie viel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angetan haben, wie viel freie Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte und nicht täglich suchte, ihre Türne zusammenzuschlagen.“ (ebenda)

GOETHE lehnte überzeitliche Regeln für die Produktion von Dramen strikt ab. Für ihn war die griechische Tragödie lediglich Ausdruck des Lebensverständnisses und der moralischen Wertvorstellungen der Antike. Eine neue Zeit erfordert auch eine neue Formensprache. Aus diesem Grunde kritisierte er auch die französischen Trauerspiele, die GOTTSCHED noch zum Vorbild dienten und sich streng am aristotelischen Regelwerk orientierten:

„Und in was für Seelen! Griechischen! Ich kann mich nicht erklären, was das heißt, aber ich fühl's und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die haben's mich fühlen gelehrt. Nun sag' ich geschwind hintendrein: Französchen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu groß und zu schwer. Drum sind auch alle französischen Trauerspiele Parodien von sich selbst.“ (ebenda)

GOETHE ging sogar so weit, das von LESSING erhobene Postulat, im Drama müssten vernunftgemäße Erkenntnisse und vernünftige Moral vermittelt werden, abzulehnen. GOETHE stellte klar, dass entsprechend dem Genieverständnis seiner Generation nicht die Vernunft allein zur totalen Welterkenntnis führt, sondern einer Ergänzung durch die Empfindungen eines genialen Individuums bedarf: Diese Vorstellung sah GOETHE im Theater SHAKESPEAREs verwirklicht:

„Schäkespears Theater ist ein schöner Raritätenkasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaren Faden der Zeit vorbeiwallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Stil zu reden, keine Plane, aber seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat), in dem das Eigentümliche unseres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.“ (ebenda)

Der Dichter ist zu einer Welterkenntnis fähig, die dem nur mit dem Verstand arbeitenden Philosophen versagt bleibt. Der Dramatiker zeichnet jedoch nicht nur ein Bild der Welt, sondern das besondere Verhältnis des Einzelnen zu ihr. Hier wird angedeutet, was das Drama noch lange thematisch bestimmen sollte: der Konflikt des Individuums mit der Gesellschaft.

SCHILLER definierte die Funktion des Theaters als Hilfe zur individuellen Lebensbewältigung. Es sollte Humanität vermitteln und Gerechtigkeit zwischen den Menschen schaffen. Auch für ihn war SHAKESPEAREs Werk ein „Erweckungserlebnis“ geworden. In seinem Aufsatz „Über naive und sentimentalische Dichtung“ schrieb er über sein Verhältnis zu SHAKESPEARE:

„Als ich in einem sehr frühen Alter den letztern Dichter zuerst kennen lernte, empörte mich seine Kälte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen, die herzzerschneidenden Auftritte im Hamlet, im König Lear, im Macbeth u. s. f. durch einen Narren zu stören, die ihn bald da festhielt, wo meine Empfindung forteilte, bald da kaltherzig fortriß, wo das Herz so gern still gestanden wäre. Durch die Bekanntschaft mit neuern Poeten verleitet, in dem Werke den Dichter zuerst aufzusuchen, seinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinschaftlich über seinen Gegenstand zu reflektieren, kurz, das Objekt in dem Subjekt anzuschauen, war es mir unerträglich, daß der Poet sich hier gar nirgends fassen ließ und mir nirgends Rede stehen wollte. Mehrere Jahre hatte er schon meine ganze Verehrung und war mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen. Nur ihr durch den Verstand reflektiertes und durch die Regel zurecht gelegtes Bild konnte ich ertragen, und dazu waren die sentimentalischen Dichter der Franzosen und auch der Deutschen, von den Jahren 1750 bis etwa 1780, gerade die rechten Subjekte. Uebrigens schäme ich mich dieses Kinderurtheils nicht, da die bejahrte Kritik ein ähnliches fällte und naiv genug war, es in die Welt hineinzuschreiben.“
(FRIEDRICH SCHILLER: „Über naive und sentimentalische Dichtung“, siehe PDF)

Die „Erfurthische Gelehrten Zeitung“ nannte SCHILLER anlässlich der Veröffentlichung der „Räuber“ 1781 bereits den „teutschen Shakespeare“. SCHILLERs Begeisterung für SHAKESPEARE ging soweit, dass er begann, dessen Stücke zu übersetzen (siehe PDF "William Shakespeare – Macbeth").

Politisch fand sich SCHILLER auf der Ebene der Herrscher wieder. Im klassischen Drama SCHILLERs und GOETHEs wurde die gehobene Sprache (keine Umgangssprache) und eine gebundene Sprache (meist mit Blankvers = 5-hebiger Jambus, ungereimt) bevorzugt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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