Urfaust

Die Etappen der Beschäftigung GOETHEs mit dem Faust-Stoff lassen sich in seinen Arbeiten „Urfaust“ (1772–1775), „Faust- Ein Fragment“ (1790), „Faust, 1. Teil“ (1808) und „Faust, 2. Teil“ (1833) nachvollziehen.

Geschichte des „Urfaust“

Die Geschichte des „Urfaust“ beginnt bereits früh, denn mit dem Faust-Stoff kam GOETHE bereits in seinen Kindertagen in Frankfurt in Berührung. Auf den Jahrmärkten lernte er das „Puppenspiel vom Doktor Faust“ kennen:

„Die bedeutende Puppenspielfabel klang und summte gar vieltönig in mir“,

bekannte er später. Es gilt zudem als sicher, dass er auch das Faustbuch des Christlich Meynenden gekannt hat. In seiner Leipziger Zeit (1765–1768) hat sich der damals dreiundzwanzigjährige GOETHE vermutlich erstmals ernsthaft mit dem dramatischen Stoff auseinandergesetzt. Die Szene „Auerbachs Keller“ ist auf Erlebnisse GOETHEs zurückzuführen. Er hatte als Student diesen Weinkeller häufig besucht. 1625 waren die Wandbilder über Fausts Zaubereien entstanden, von hier dürfte er einige Anregungen für seinen Stoff empfangen haben. 1769 wurde Faust zum ersten Mal in GOETHEs Lustspiel „Die Mitschuldigen“ erwähnt.

Zwischen 1772 und 1775 entstand ein erster Entwurf des „Faust“. Die „Urfaust“ (siehe PDF "Johann Wolfgang Goethe - Faust") genannte einzig existierende Abschrift stammt vom Weimarer Hoffräulein LUISE VON GÖCHHAUSEN (1752–1807). GOETHEs Arbeitsprozess am „Urfaust“ ist jedoch nicht mehr rekonstruierbar.
Um etwa zwischen 1777 und 1778 datiert die Abschrift des Hoffräuleins, jedoch erst 1887 wurde sie im Nachlass LUISE VON GÖCHHAUSENs gefunden und von ERICH SCHMIDT publiziert. Der „Faust in ursprünglicher Gestalt“ besteht aus 22 Szenen.

Zwei Tragödien

Die zwei Tragödien, die im „Faust I“ eine tragende Rolle spielen sind schon im „Urfaust“ als „Gretchentragödie“ und „Gelehrtentragödie“ in ihren Grundmustern angelegt. Die „Gretchentragödie“ beginnt jedoch unvermittelt, d. h., Faust begegnet Gretchen eher zufällig auf der Straße:

F a u s t.
Mein schönes Fräulein, darf ichs wagen,
Mein Arm und Geleit ihr anzutragen?
M a r g a r e t h e.
Binn weder Fräulein weder schön,
Kann ohngeleit nach Hause gehn.

(vgl. PDF "Johann Wolfgang Goethe - Faust")

Die Szene „Hexenküche“, in welcher im „Faust “ die Verjüngung Fausts stattfindet, fehlt in der Urfassung des Textes noch. Auch das Verführungsmotiv ist noch nicht ausgearbeitet. Es erscheint erst im „Faust I“:

MEPHISTOPHELES:
Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
Nun bald leibhaftig vor dir sehn.
(Leise.)
Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

(vgl. PDF "Johann Wolfgang von Goethe - Faust I")

Kindsmordmotiv

Das Motiv des Kindsmordes war ein sehr beliebtes unter den Stürmern und Drängern. Es scheint für die damalige Zeit auch ein sehr brisantes Thema in der Öffentlichkeit gewesen zu sein, denn es kam häufiger zu Anklagen wegen Kindsmordes. Auch wurden die Hinrichtungen der Mörderinnen stets sehr gut besucht. Offenbar nach der Hinrichtung von SUSANNA MARGARETHA BRANDT, die in Frankfurt wegen Kindsmordes angeklagt war, schrieb GOETHE die ersten Szenen „Trüber Tag“, „Feld“ und „Kercker“ nieder.
Die Schluss-Szene „Kercker“ verurteilt Grethgen noch als Kindsmörderin. Der Richter ist Mephistopheles:

M a r g a r e t e.
Ihr heiligen Engel, bewahret meine Seele! – mir grauts vor dir, Heinrich!
M e p h i s t o p h e l e s.
Sie ist gerichtet!
er verschwindet mit Faust, die Thüre rasselt zu, man hört verhallend:
Heinrich! Heinrich!

(vgl. PDF "Johann Wolfgang Goethe - Faust")

In „Faust I“ dagegen wird Margarethe durch eine höhere Macht gerettet:

MARGARETE:
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut's vor dir.
MEPHISTOPHELES:
Sie ist gerichtet!
STIMME (von oben):
Ist gerettet!
MEPHISTOPHELES (zu Faust):
Her zu mir!
(Verschwindet mit Faust.)
STIMME (von innen, verhallend):
Heinrich! Heinrich!

(vgl. PDF "Johann Wolfgang von Goethe - Faust I")

Gelehrtentragödie

Die Gelehrtentragödie wird im „Urfaust“ nur kurz umrissen. Im Prinzip wird sie nur in zwei von 22 Szenen thematisiert. Die Figur des Faust symbolisiert jedoch in der Urfassung bereits den Erkenntnisdrang des Menschen. Dies wird in der Szene „Nacht“ deutlich:

FAUST unruhig auf seinem Sessel am Pulten.
Hab nun, ach! die Philosophey,
Medizin und Juristerey
Und leider auch die Theologie
Durchaus studirt mit heisser Müh.
Da steh ich nun, ich armer Tohr,
Und binn so klug als wie zuvor.
(vgl. PDF "Johann Wolfgang Goethe - Faust")

Diese Passage wurde von GOETHE im „Faust I“ stilistisch überarbeitet:

FAUST: Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

(vgl. PDF "Johann Wolfgang von Goethe - Faust I")

Auffallend am „Urfaust“ ist, dass die Szene, in der Faust und Mephisto einen Pakt in Form einer Wette schließen, noch fehlt.
Ein Scheitern des Gelehrten Faust ist also in der Urfassung noch nicht vorgesehen.
Allerdings sind die komischen Elemente des Dramas in der Szene „Auerbachs Keller“ bereits angelegt.

GOETHES Manuskript des „Urfaust“ ist vom Autor selbst vernichtet worden. In späteren Jahren distanzierte er sich von seinem Frühwerk. Der Autor nannte seinen „Urfaust“ ein „höchst konfuses Manuskript“.
Die Uraufführung des Dramas fand 1918 in Frankfurt statt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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