Ich-Erzähler

Ein Beispiel für eine Ich-Erzählung

DORIS MEISSNER JOHANNKNECHT: Am Ende das Bett ...

Meine Mutter findet mich schön. Das sagt sie immer dann, wenn ich mal wieder vor dem Spiegel steh und über Pickel und Zahnspange fluche. Und sie sagt es so, dass ich ihr glauben könnte ... Aber ich glaube ihr nicht. Ich finde mich schrecklich! Nur mit meiner Haarfarbe kann ich mich inzwischen anfreunden. Echtes Rot. Nicht das Rot aus der Tüte, das sich momentan die halbe Menschheit auf die Haare schmiert. Aber sonst? Zufrieden bin ich nicht.
Du brauchst einfach einen Freund, das ist alles! Das sagt meine Freundin Anne. Der stabilisiert dein Selbstwertgefühl! Das sagt meine Freundin Judith. Damit sind mit einem Schlag deine ganzen Probleme erledigt! Das sagt meine Freundin Meike. Ha! Sage ich da bloß. Wenn das so wäre! Ist es aber nicht! Sie machen sich bloß was vor!
Erst letzte Woche war Meike mal wieder nah am Abgrund. Seit vier Tagen überfällig. Wieder mal der Gang zur Apotheke für den Test. Zum Glück war er negativ. Und dann Anne mit ihren Lovern! Also, für den Alexander kaufe ich lieber kein Weihnachtsgeschenk. Das lohnt nicht mehr, hat sie gesagt. Ich mach’ vorher Schluss. Das war auch letzte Woche.

Nur Judith ist zufrieden. Mein Benny! sagt sie tausendmal am Tag und verdreht die Augen. Sie kriegt nichts mehr mit von der übrigen Welt. In Englisch, Russisch und Mathe hat sie sich inzwischen auf eine glatte Fünf hinabgearbeitet. Nur in Deutsch hat sie sich kometenhaft nach oben bewegt. Wir interpretieren gerade Liebesgedichte ...
Ich finde, sie haben alle bloß Stress mit der Liebe oder wie man das nennt – also, wenn ich ehrlich bin – dann hab ich mich schon gefragt, wer es denn sein könnte ... so als Freund ... mehr nicht. Aber ich weiß gar nicht, ob das geht. Anne und Meike sagen, ohne Bett geht es nicht. Ganz schnell verfolgen sie dieses eine Ziel. Damit musst du rechnen. Das ist eben so! Ich finde es total blöd, dass es so ist! Ich bin schließlich erst vierzehn!

Der absolute Star unserer Schule ist Tim. Aber der ist unerreichbar. Bei meinen Pickeln und der Zahnspange – also, da brauch’ ich mir überhaupt keine Hoffnungen zu machen. Und dann mein Alter! Tim ist achtzehn. Alle Frauen liegen ihm zu Füßen. Er spielt Schlagzeug in der Schulband. Und wie er da so weltentrückt mit seinen Stäben rumhackt – das finde ich ziemlich beeindruckend. Grüne Augen hat er und blonde Haare, länger als ich, hinten zusammengebunden. Neuerdings fährt er sogar einen Wagen. Einen alten Volvo. Das passt alles. Und dann die Rosen! Die faszinieren mich besonders. Seine Mutter hat eine Rosenzucht. Zehn riesige Glashäuser stehen auf ihrem Gelände – und alle voller Rosen. Millionen Rosen ... Wahnsinnig!
Ja, und dann ist er noch der Star der Theatergruppe ... das Schicksal hat es besonders gut mit ihm gemeint. Eigentlich ziemlich unfair, finde ich. Kein einziger Pickel klebt an seiner Nase – und eine Zahnspange haben seine geraden Zähne sowieso nicht nötig ... Na, ja! Aber er interessiert sich ja eh nicht für mich ... Genauso wenig, wie ich mich für Sören interessiere. Dabei ist schon echt beeindruckend, wie hartnäckig er mich mit seinem Dackelblick verfolgt. Und das seit einem Jahr! Aber ich will ihn nicht. Niemals! Da kann er noch so hinreißend gucken. Wir passen nicht zusammen. Ich steh nicht auf Fußball und Bier. Und ich steh erst recht nicht auf seine Sprüche. Die sind mir zu rechts. Und er kommt nicht davon runter.
Ach, was mach’ ich mir den Kopf heiß! Ich brauch’ keinen Freund! Ich hab ja meine Clique. Genau!
Also, ich hab ja echt nicht geglaubt, dass es auf dieser Welt noch Wunder gibt! Aber es gibt sie! Das, was mir heute Abend nach der Premiere von „Anatevka“ passiert ist, das ist ein echtes Wunder! Also, ich warte auf Anne, bei der ich heute übernachten will, steh noch herum und rede mit diesem und jenem, da steht er plötzlich vor mir! Vor mir! Der große Tim, der mal wieder den meisten Beifall abgekriegt hat, steht vor mir und fragt: Soll ich dich mitnehmen? Wir haben ja den gleichen Weg! Das sagt er so dahin, als wären wir uralte Freunde ...
Und ich, wie hypnotisiert, sage ja ... ohne zu überlegen, ob es gut für mich ist.
Anne ist sauer, dass ich sie sitzen lasse. Der Stress mit der Liebe – oder was es auch ist – hat schon angefangen! Also, passiert ist nichts! Überhaupt nichts! Er hat mich nach Hause gefahren und ist mir kein bisschen zu nahe gerückt! Echt edel! Ich ruf dich morgen an, ja? Hat er gesagt. Dabei hat er mich angelächelt, mehr nicht! Und ist davongedüst mit quietschenden Reifen, so dass bestimmt die halbe Nachbarschaft aufgewacht ist! Jetzt lieg ich im Bett und fühl’ mich wohl wie lange nicht – trotz Pickel und Zahnspange. ...

(Aus: Zwischen Nicht Mehr und Noch Nicht. Humanist. Verband Deutschlands. Mercedes Druck März 2000.)

Nacherzählung zu diesem Beispiel:

Einleitung:

Die Erzählung ist aus der persönlichen Sicht eines 14-jährigen Mädchens geschrieben. Sie hat mit ihrem Äußeren so ihre Probleme und setzt sich damit intensiv auseinander. Dabei prüft sie auch die Meinungen und Handlungsweisen ihrer Freundinnen.

Hauptteil:

Zunächst setzt sie sich mit der Mutter auseinander. Immer wenn sie vor dem Spiegel steht und ihre Pickel und Zahnspange verabscheut, meint die Mutter, sie sei schön. So recht glauben will das Mädchen ihr nicht. Das Einzige, was ihr gefällt, sind ihre roten Haare.
Auch die Ratschläge der Freundinnen können ihr nicht so recht helfen. Die meinen, dass nur ein Freund ihr Selbstwertgefühl erhöhen könnte und sie sich dann besser fühlen würde. Doch wenn sie die Probleme der Freundinnen sieht, kann sie auch ihnen nicht richtig glauben. Da ist z. B. Meike, die bereits Angst vor einer Schwangerschaft hatte – Gott sei Dank aber einen negativen Befund erhielt. Anne hat sehr viele Freunde und macht gerade wieder einmal Schluss mit einem. Glücklich ist nur eine Freundin. Die hat allerdings in ihren schulischen Leistungen sehr nachgelassen, da sie nur noch ihren Benny im Kopf hat. Außer im Fach Deutsch, da hat sie sich stark verbessert, es wird nämlich gerade die Interpretation von Liebesgedichten behandelt.
Das Mädchen möchte all den Stress ihrer Freundinnen nicht erleben – sie hat ja schließlich ihre Clique.
Und für den Typ, für den sich alle interessieren, fühlt sie sich nicht attraktiv genug. Dieser Junge, Tim, ist bereits 18 Jahre alt, sieht gut aus und spielt in der Schulband sehr beeindruckend Schlagzeug. Außerdem fährt er auch noch einen alten Volvo.
Dagegen bemüht sich Sören intensiv um das Mädchen. Doch den lehnt sie ab. Seine Interessen sind Fußball und Bier. Hinzu kommt, dass er Ansichten vertritt, die das Mädchen nicht teilt.
Doch dann geschieht das Wunder! Nach der Premiere von „Anatevka“ spricht Tim, der große Tim, sie an und lädt sie ein, sie nach Hause zu fahren, da sie den gleichen Weg haben. Er sagte das so, als wären die beiden uralte Freunde. Das Mädchen war wie hypnotisiert. Zu Hause setzte er sie mit einem Lächeln ab und versprach, sie am nächsten Tag anzurufen. Nichts war sonst passiert.

Schluss:

Trotz Pickel und Zahnspange lag dann das Mädchen glücklich wie lange nicht in ihrem Bett.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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