Lyrik

Lyrik gehört neben der Epik und der Dramatik zu den drei Gattungen der Literatur. Der Begriff Lyrik stammt vom griechischen „Lyra“ = Leier, bzw. lyrikós ab. Letzteres bedeutet „zum Spiel der Lyra gehörend, mit Lyrabegleitung“. Ursprünglich waren damit Gesänge gemeint, die mit der Lyra begleitet wurden, denn bei den Griechen bestand Lyrik vorwiegend aus Festdichtung im eigentlichen Sinn, d. h aus Liedern, die zur Leier (Lyra) gesungen wurden, und aus Chorliedern.“

Allgemein ist Lyrik alles in Gedichtform Geschriebene und Überlieferte. Die lyrische Form ist meist kurz, eine Gliederung erfolgt in Versen und Strophen.

Material zum Thema

Die Zuordnung eines literarischen Werkes zur Gattung Lyrik lässt sich nicht auf rein formale Elemente reduzieren. So ist Lyrik nicht unbedingt an den Reim und eine bestimmte rhythmische Gestaltung gebunden. Das Vorhandensein eines strukturierenden Versmaßes und/oder eines Reims wurde zwar bis ins 20. Jahrhundert bei der Identifizierung eines lyrischen Textes angenommen, moderne Texte arbeiten jedoch auch mit freien Versen und mit freien Rhythmen.
Wichtig für die Zuordnung eines lyrischen Textes sind:

– Bildhaftigkeit,
– besondere sprachliche Ausdrucksmittel
– Klangreichtum, Stimmungshaftigkeit und Rhythmusbetontheit,
– Assoziationsreichtum,
– Aus- bzw. Ansprechen von Empfindungen.

Lyrischer Sprecher

Wie in anderen poetischen Texten ist auch in der Lyrik der lyrische Sprecher lediglich eine Vermittlungsinstanz, die sich der Autor schafft und dessen Blick der Leser nachvollzieht, dessen Wahrnehmungen er folgen oder ablehnen kann. In vielen Rollengedichten sprechen sogar zwei oder mehrere Personen. Mitunter weisen sogar Gedichttitel (z.B. GOETHEs „Prometheus“) auf den lyrischen Sprecher hin.

JOHANN WOLFGANG GOETHE
Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zevs,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn’ als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt’ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermuth?
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühend jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Thränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blüthenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!
(Goethe, Johann Wolfgang von: Prometheus. In: ders.: Goethes Schriften. Achter Band, Leipzig: G. J. Göschen. 1789. S. 207–209)

An diesem Gedicht GOETHEs erkennen wir leicht, dass der lyrische Sprecher Prometheus ist und dass der Autor sich hier eine Instanz, eine Erzählfigur erschaffen hat. Das folgende Gedicht KAROLINE VON GÜNDERODEs entspinnt einen Dioalog zwischen einem kleinen Jungen und einer Blume:

KARIOLINE VON GÜNDERODE
Der Knabe und das Vergismeinnicht
 
Der Knabe
O Blümelein Vergismeinnicht!
Entzieh Dich meinem Auge nicht.
Ihr, Veilchen! Nelken! Rosen!
Auf euch verweilt der Sonne Licht,
Als wollt es mit euch kosen;
Doch wenn die Sonne tiefer sinkt,
Wenn Nacht die Farben all verschlingt,
Da reden süße Düfte
Von eurem stillen Leben mir
Und die vertrauten Lüfte
Die bringen eure Grüße mir.
Doch ach! Vergismeinnicht, von Dir
Bringt nichts, bringt nichts mir Kunde.
Sag, Blümlein, lebst dem Aug Du nur?
Flieht mit den Farben jede Spur
Mir hin von Deinem Leben?
Hast keine Stimm, die zu mir spricht
Wenn Schatten Dich umgeben?
 
Vergismeinnicht
Die Stimme, ach Süßer! die hab ich nicht.
Doch trag ich den Namen Vergismeinnicht,
Der, wenn ich auch schweige, dem Herzen spricht.
(in: Gesammelte Werke der Karoline von Günderode. Hrsg. von Leopold Hirschberg. 3 Bde. Berlin: Bibliophiler Verlag O. Goldschmidt-Gabrielli 1920-22)

Auch hier ist sofort klar, dass Autor und ICH des Gedichtes nicht identisch sein können. Anders scheint dies, wenn der lyrische Sprecher sich nicht innerhalb einer Rolle entäußert, wie im folgenden Gedicht von EDUARD MÖRIKE:

EDUARD MÖRIKE
Im Frühling

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldener Kuss
Mir tief ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,

Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung? –
Alte unnennbare Tage.
(In: Eduard Mörike. Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. v. Hans-Henrik Krummacher, Herbert Meyer und Bernhard Zeller. Bd. 1. Stuttgart 2003, S. 42.)

Hier ist man sofort versucht, den Sprecher mit dem Autor gleichzusetzen. Das Beschriebene oder Gesagte scheint dem Leser als Erlebnis herüber, deshalb hat die Literaturwissenschaft dieser Art Gedicht den Terminus Erlebnisdichtung zugewiesen.

Aber auch das Erlebnisgedicht beschreibt niemals reines Erleben des Autors, sondern kann ein Erleben lediglich zum Schreibanlass nehmen. Der Autor schafft sich stets auch hier eine Figur, durch die er sprechen lässt. Also nicht MÖRIKE selbst spricht im oben zitierten Gedicht, sondern der Autor schafft sich eine Instanz, die den Text strukturiert und gegebenenfalls über einen lyrischen Sprecher in Erscheinung tritt. Das folgende Gedicht HEINRICH HEINEs ist ein Monolog des lyrischen Sprechers an jemanden, der offensichtlich im Text anwesend ist, aber als Person nicht genannt wird. Er kann jedoch auch als gedanklicher Monolog des lyrischen Sprechers mit sich selbst gewertet werden. Solche Erzählhaltungen begegnen uns in der modernen Prosa relativ häufig (u.a. CHRISTA WOLF: Leibhaftig). Zum Dritten kann dieser Monolog auch als einer des lyrischen Sprechers mit dem Leser des Gedichtes interpretiert werden. Die angesprochene Person „DU“ ist nicht gleich dem Autor, kann hier

  • lyrischer Sprecher oder
     
  • eine Rolle sein oder aber
     
  • eine Instanz, die sich außerhalb des Gedichtes befindet:.

HEINRICH HEINE
Neuer Frühling
1.

Unterm weißen Baume sitzend,
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst, wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren; –
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon, mit Schneegestöber
Hab der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freud'gem Schrecken;
Duft'ge Frühlingsblüten sind es,
Die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maie,
Schnee verwandelt sich in Blüten,
Und dein Herz, es liebt aufs neue.
(Heine, Heinrich: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1972, S. 215-216)

Die Instanz, welche die Zuweisungen der Rollen im Gedicht vornimmt – also ob ein ICH spricht oder ob ganz auf die Instanz eines Sprechers verzichtet wird –, bezeichnet BURDORF als Textsubjekt.

Begriff „lyrisches Ich"

Der Begriff „lyrisches Ich", der noch vielfach für den Sprecher benutzt wird, ist von der Literaturwissenschaft inzwischen überholt worden. Man folgt inzwischen allgemein den Thesen des Literaturwissenschaftlers DIETER BURDORF (geb. 1960), der in seinem Buch „Einführung in die Gedichtanalyse“ (1997 ff.) eindringlich vor der Verwendung dieses Begriffs warnt. Das ICH im Gedicht ist lediglich ein „artikuliertes“, denn hinter diesem ICH verbirgt sich nicht der Autor des Textes, sondern eine Instanz, die der Autor zwischen sich und den Text stellt. Er ist durchaus mit dem Erzähler in Prosatexten vergleichbar, also eine fiktive Figur. Das „lyrische Ich“ wird jedoch sehr häufig mit dem Autor des Gedichtes identifiziert. Da der Begriff aber bis heute noch in den Schulen verwendet wird, soll im Folgenden auf ein Unterscheidungsmerkmal eingegangen werden, das in manchen Bundesländern von Schülern erwartet wird: die Unterscheidung von explizitem und implizitem lyrischen Ich:

explizit–implizit

Manche Wissenschaftler teilen das lyrische Ich ein in:

explizites lyrisches Ichimplizites lyrisches Ich

Bild

individuelles Ich:Bild

gibt persönliches Empfinden wieder

Bild

explizit = deutlich

Bild

überindividuelles Ich:Bild

Das lyrische Ich als Stellvertreter für eine Personengruppe

Bild

implizit = nicht ausdrücklich formuliert

manche deuten das implizite lyrische Ich deshalb auch als
verstecktes lyrisches Ich

Diese Zuordnung ist abhängig von der internen Redesituation im Gedicht. Im folgenden Gedicht taucht das ICH zu Beginn lediglich in der flektierten Form mir auf, und erst in Vers 6 als „ich“:

JOHANN WOLFGANG GOETHE
Römische Elegie I

Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer
Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei: dann wird ein einziger Tempel
Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
(In:Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 1. Hrsg.: Karl Eibl. Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker-Verlag 1987, S. 393.)

Es gibt eine Vielfalt lyrischer Ausdrucksmöglichkeiten . Lyrik ist sehr traditionsreich in bezug auf

  • Inhalt und
  • Form (etwa die Formenstrenge des Sonetts).

Der Inhalt-Form-Zusammenhang modernerer Lyrik wird oft weitgehend über die Form vermittelt. Die Form der Dichtung kann den Inhalt verdeutlichen:

CHRISTIAN MORGENSTERN
Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfes verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u. s.
w.

(in: Christian Morgenstern: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Klaus Schuhmann, Leipzig: Insel, 1975, S. 254)

In der konkreten Dichtung (konkrete Poesie , konkrete Literatur) wird das Gedicht sogar oft auf sein reines Sprachmaterial bezogen, auf seine optischen bzw. akustischen Aspekte, auf

  • Wörter,
  • Buchstaben,
  • Satzstrukturen.

FRANZ MON, HELMUT HEISSENBÜTTEL , GERHARD RÜHM, H. C. ARTMANN und andere bedienen sich dieses Verfahrens.

Einteilung der Lyrik

nach
äußerer Form
nach
innerer Struktur
nach
Genres
nach
Vers- bzw. Strophen-
formen

Rhythmus

Versmaß

Reim

Metrum

Strophe

lehrhafte Dichtung

Sprüche

Epigramme

politisches Lied

Stimmungsgedicht (Lied, Erlebnislyrik)

Naturlyrik

experimentelle Dichtung

konkrete Poesie

Lautgedicht

Ballade

Unsinnspoesie

Volkslied

Hymne

Sonett

Ode

Elegie

Alexandriner

Blankvers

Distichon

Dithyrambus

Hexameter

Knittelvers

Pentameter

Odenstrophe

Sonett

Stanze

Terzine

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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