Commonwealth Literature

Was bedeutet Commonwealth Literature?

Eine Definition für Commonwealth Literature zu finden, erweist sich als einigermaßen schwierig: Einerseits umfasst dieser Begriff alle Literaturen aus den Commonwealth-Ländern wie z. B. Jamaika, Nigeria, Indien, Australien, andererseits schließt er jedoch auch Nationen wie Südafrika mit ein, die zwar einst zum britischen Imperium gehörten, aber keine Commonwealth-Mitglieder mehr sind. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass es sich in der Commonwealth-Literatur um Werke handelt, die in Englisch verfasst sind, deren Autoren aber anderen Nationalitäten und Kulturen entstammen oder zumindest deutlich von ihnen geprägt sind.

Von der Commonwealth Literature zur Postcolonial Literature

Nachdem die Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangten und die Verbindung zu Großbritannien und dem Commonwealth schwächer wurde, spricht man heute häufig von New Literatures in English oder Postcolonial Literature (lat. post = nach, colonial = kolonial). Diese beiden Begriffe scheinen der gegenwärtigen Situation besser zu entsprechen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Da Großbritannien Kolonien auf allen Kontinenten besaß, sind die Autoren der New Literatures sehr unterschiedlich beeinflusst. Ihre Werke zeichnen sich durch eine große Bandbreite an Themen, Schreibstilen, Vorstellungen und politischen Einstellungen aus. Bedingt durch die parallelen Entwicklungen in den Geschichten der einzelnen Länder kommen jedoch auch immer wieder ähnliche Problemstellungen auf:

  • die koloniale Vergangenheit,
  • das Verhältnis zu England,
  • nationale und individuelle Identitätsfindung.

In den Ländern, in denen mehrere Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen leben und Englisch nur Zweitsprache ist, schreiben Autoren häufig bewusst auf Englisch und nicht in ihrer Muttersprache, um so eine größere nationale und internationale Leserschaft zu gewinnen.

Die Literatur der Einwanderer

Viele Menschen aus den ehemaligen Kolonien sind in die USA oder nach Großbritannien ausgewandert, wodurch das Thema der Emigration einen weiteren Schwerpunkt der New Literatures darstellt. Commonwealth-Literatur beschränkt sich daher nicht unbedingt auf die ehemaligen Kolonien Großbritanniens, sondern handelt inzwischen auch häufig von dem Leben in einer multikulturellen Gesellschaft in den USA oder Großbritannien selbst.

Autorenbeispiele

Der nigerianische Schriftsteller WOLE SOYINKA wurde 1934 bei Abeokuta/Westnigeria geboren. Seine Familie gehört zu Volk der Yoruba, und Englisch ist somit nur seine Zweitsprache. SOYINKA hat in Ibadan/Nigeria und Leeds/Großbritannien englische Sprache und Literatur studiert. Er verfasst Dramen, Romane, Gedichte und Essays und ist in allen literarischen Gattungen aktiv. Da er als Autor seine politische Meinung frei äußert und seine Werke oft politische Botschaften enthalten, geriet er wiederholt in Konflikt mit den jeweiligen nigerianischen Machthabern. Mehrmals musste er das Land verlassen, was ihn aber nicht davon abhält, weiter entschlossen für demokratische Werte einzutreten.

SOYINKAS Werk weist sowohl afrikanische als auch britische Einflüsse auf. In seinen Dramen verwertet der Autor Youruba-Techniken und Traditionen in Form von Pantomime, Masken und anderen darstellerischen Mitteln. Eines seiner Theaterstücke trägt den Titel A Dance in the Forest. Es handelt von den Problemen, mit denen sich die nigerianische Gesellschaft seit der Unabhängigkeit konfrontiert sieht.
Viele seiner Romane haben autobiographische Züge, handeln aber auch vom kolonialen Erbe, mit dem sich WOLE SOYINKA als Afrikaner auseinandersetzt. Eines dieser Prosastücke heißt Ibadan: The Penkelman Years. Der Titel ist bewusst in einer afrikanischen Variante des Englischen verfasst, denn penkelman years bedeutet nichts weiter als peculiar years auf Standard English.
SOYINKAS Werk stellt eine Symbiose aus politischer Beobachtung und künstlerischem Schaffen dar. 1986 erhielt er als erster schwarzafrikanischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis. Seitdem ist er einer der bekanntesten afrikanischen Intellektuellen.

British Empire und Commonwealth

British Empire und Commonwealth

Ein weiterer Nobelpreisträger aus den Commonwealth-Staaten ist Vidiadhar Surajprasad NAIPAUL. 1932 auf der Karibik-Insel Trinidad geboren, absolvierte er ein Literaturstudium in England. Als Sohn indischer Einwanderer aus der Karibik mit europäischer Ausbildung hat er beinahe alle Sphären des einstigen britischen Imperiums durchwandert. Auch auf Trinidad gehört er zu einer Minderheit, da das Land von den Nachfahren afrikanischer Sklaven dominiert ist.
NAIPAULS literarisches Œuvre besteht aus Reiseberichten - so genannten Travelogues über Indien und einige weitere asiatischen Länder - sowie Kurzgeschichten und Romanen. Die Romane thematisieren die Zustände auf Trinidad, aber sein neueres Schaffen trägt zunehmend autobiographischen Charakter. In A House for Mr. Biswas verarbeitet NAIPAUL z. B. die Geschichte seiner eigenen Familie.

Seine distanzierte Haltung und die Kritik an den Bewohnern von Trinidad wird V.S. NAIPAUL von manchen Kritikern vorgeworfen, die der Ansicht sind, er stelle sich zu sehr auf die Seite der einstigen Kolonialmächte.
Heute lebt V.S. NAIPAUL in England. Am Beispiel NAIPAULS lässt sich jedoch erkennen, wie schwer manche Autoren einer Nation und einer Kultur zuzuordnen sind und was Bezeichnungen wie New Literatures in English sinvoll macht.

Zur neuesten englischsprachigen Literatur zählt ZADIE SMITH: Sie gilt als eine der Hoffnungsträgerinnen der jungen britischen Literaturszene. 1975 als Tochter eines englischen Vaters und einer jamaikanischen Mutter in London geboren, studierte sie Literaturwissenschaft. Ihren hohen Bekanntheitsgrad verdankt sie vor allem ihrem Erstlingswerk White Teeth. Die Handlung beschreibt die Geschichten dreier Familien jamaikanischer, bangladeschischer und jüdischer Herkunft. In Gestalt der Kinder kreuzen sich alle Traditionen, Werte und Lebensweisen dieser Kulturen. Die Schicksale der Kinder werden von alltäglichen Erlebnissen geprägt und verlaufen anders, als es die traditionellen Vorstellungen ihre Eltern vorgeben. Erwartungen, die sich an political correctness oder Stereotypen orientieren, werden enttäuscht. Damit zeigt ZADIE SMITH, wie wenig diese beiden Einstellungen der postkolonialen Realität gerecht werden.

Die Handlung ihres zweiten Romans The Autograph Man spielt in der multikulturellen jüdischen Gemeinde Londons. Drei Kindheitsfreunde unterschiedlicher Herkunft leben nebeneinander ihre Träume, was Konfrontationen, aber auch gegenseitige Unterstützung und Verständnis bedeutet.

Mit diesen drei Autoren lässt sich jedoch nur ein kleiner Ausschnitt aus den vielfältigen New Literatures darstellen. Neben ihnen gibt es noch zahlreiche weitere wie JAMAICA KINCAID, SAMUEL SELVSON, AMA ATA AIDOO, NARDINE GORDIMER und HANIF KUREISHI, deren Literatur als postkolonial charakterisiert werden kann.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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