Skandinavischer und französischer Einfluss

Die Wikinger erobern Englands Küsten

Als Wikinger oder Normannen bezeichnet man die Bewohner Skandinaviens, die vom 8. bis ins 11. Jahrhundert hinein teils als Seeräuber und Kaufleute, teils als Eroberer und Siedler an den Küsten Europas landeten. Der Begriff Wikinger lässt sich aus deren Sprache, dem Altnordischen, von vik (Küste bzw. im weiteren Sinne jemand, der von der Küste kommt oder sich zu Küsten begibt) oder auch víkingr (Mitglied einer Gefolgschaft) ableiten.
Mitte des 9. Jahrhunderts steuerte eine große dänische Flotte die britische Insel an. Dänische Truppen zogen nach Wessex und bedrohten dort den englischen König ALFRED (871-899). Nach langem verzweifeltem Widerstand konnte ALFRED schließlich die Dänen zurückdrängen, ihre Ausbreitung vertraglich auf das Danelaw Territory beschränken (Vertrag von Wedmore, 878) und sie für den Übertritt zum christlichen Glauben gewinnen.
Nach einer friedlichen Phase bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts erschütterten erneute Einfälle der Dänen England. Sie führten schließlich zur Verbannung des englischen Königs und zur Machtübernahme durch den Dänenkönig KNUT (1016). In seiner Nachfolge regierten bis 1042 dänische Könige auf dem englischen Thron.

Sprachliche Einflüsse

Der nachhaltige Einfluss des Skandinavischen wird deutlich an den über 1 400 Ortsnamen, die sich im ehemaligen Gebiet des Danelaw finden, vor allem im heutigen Yorkshire und Lincolnshire (englische Ostküste). Norweger ließen sich vor allem im Nordwesten Englands nieder (heutiges Cumbria).
Besonders häufig findet sich die Endung -by, die farm oder town bedeutet. Sie lässt auf dänische Besiedlung und deren weite Verbreitung schließen: Whitby, Grimsby, Derby, Rugby, Thoresby
Auch die Endung -thorp (Dorf) ist altnordischen Ursprungs:
Althorp, Bishopsthorpe, Linthorpe
Das Suffix -thwaite, das ein isoliertes Stück Land bezeichnet:
Applethwaite, Langthwaite
Ein Indiz für den skandinavischen Ursprung eines Wortes ist die Konsonantenfolge sk in Wörtern wie sky, skin, skull, skirt. Das in seiner Bedeutung und Aussprache sehr ähnliche Wort shirt hingegen stammt aus dem Altenglischen, da sc in scyrte durch einen Wandel in der Aussprache zu sh wurde. Diese sprachliche Veränderung hat auch bei den Wörtern fish und ship stattgefunden.

Auffällig an der englischen Sprache ist, dass es oft zwei oder mehr Begriffe für dasselbe Phänomen gibt.
Für Himmel gibt es das aus dem Altnordischen hervorgegangene sky, aber auch das altenglische Wort heaven. Ebenso gibt es für das Adjektiv krank die Bezeichnungen ill und sick.
Manche altnordischen Lehnwörter haben auch die englischen Entsprechungen im Sprachgebrauch verdrängt, wie im Fall von egg gegenüber dem vorhandenen altenglischen Begriff eiren.

Zu wichtigen altnordischen Entlehnungen für das moderne Englisch gehören außer den bereits genannten folgende Wörter: birth, to get, to give, leg, loose, low, race, reindeer, rotten, seat, sister, to take, to want, window.
Einige dieser Lehnwörter wie die Verben to get und to give gehören zu meistgebrauchten im heutigen Englisch. Insgesamt sind etwa 900 Wörter skandinavischen Ursprungs in den modernen englischen Wortschatz eingegangen.

Die Franzosen übernehmen die Herrschaft

Zu den wichtigsten Daten in der englischen Geschichte gehört das Jahr 1066, in der die Schlacht bei Hastings an der Südküste Englands stattfand. Normannische Siedler, die sich in der heutigen Normandie niedergelassen und die Herrschaft des französischen König anerkannt hatten, überquerten den Ärmelkanal. Sie besiegten den englische König HAROLD II. unter der Führung von WILHELM, der fortan den Beinamen der Eroberer -WILLIAM THE CONQUEROR - trug und Weihnachten 1066 in London zum König gekrönt wurde. Nach der Normannischen Eroberung (Norman Conquest) wurde der gesamte englische Adel abgesetzt, an seine Stelle traten Franzosen.

Auswirkungen auf die englische Sprache

Die neuen Herrscher sprachen ihre Muttersprache Französisch und zeigten kein Interesse daran, sich die Landessprache Englisch anzueignen. Innerhalb der gesellschaftlichen Oberschicht und am Hof sollte dieser Zustand etwa 200 Jahre andauern. Der Großteil der Bevölkerung hingegen sprach nach der Normannischen Eroberung weiterhin Englisch.

Sprachgeschichte

Die Geschichte der englischen Sprache wird in drei Perioden eingeteilt:
450-1150 Altenglisch, 1150-1450 Mittelenglisch und 1450-1700 Frühneuenglisch. Die Abgrenzung des Mittelenglischen vom Altenglischen wird vor allem durch den starken französischen Einfluss bestimmt. Im Vergleich zum Lateinischen wirkte die französische Sprache nicht in mehreren Phasen der Sprachentwicklung, sondern dominiert die gesamte mittelenglische Periode. Dieser über Jahrhunderte andauernde direkte Sprachkontakt hat das moderne Englisch grundlegend geprägt.

Wortschatz

Zu den ersten Entlehnungen aus dem Französischen gehören Titel und Ämter, darunter baron, dame, messenger, noble, servant und Rangbezeichnungen wie count, countess, duke, duchess, prince, princess, marquis, squire sowie die respektvollen Anreden sir, madam, mistress.

Begriffe, die mit Regierung und Verwaltung zusammenhängen, wie empire, to govern, government, liberty, majesty, parliament, reign, royal, tax, wurden in derselben Zeit aus dem Französischen übernommen.
Da die Kriegsführung im Mittelalter eine unvermeidliche Aufgabe jedes Herrschers war, ist auch der militärische Wortschatz französisch geprägt. Noch heute werden Begriffe verwendet, die im Mittelalter entlehnt wurden, unter ihnen arms, battle, enemy, guard, soldier, spy.
Das Gebiet des Rechts wurde durch den französischen Einfluss grundlegend umgestaltet, so dass justice und equity statt der altenglischen Bezeichnung gerihte verwendet wurden, ebenso judgment statt doom, crime statt synn, gylt oder undœd. Im heutigen Englisch häufig verwendete Wörter wie to arrest, to blame, (to) judge, jury, to pardon, petition, prison sind ebenfalls auf den französischen Einfluss zurückzuführen.
Auch das französische Wortfeld Kirche wurde umgehend ins Englische eingeführt: einerseits Amtsbezeichnungen wie cardinal, friar, parson, vicar, andererseits Gegenstände wie abbey, chancel, crucifix, priory und abstrakte Begriffe des religiösen Lebens (faith, mercy, miracle, saint, temptation, trinity, virgin).
Dasselbe gilt für Mode (coat, gown, robe, angefertigt durch den tailor), Schmuck (button, crystal, diamond, ivory, jewel, pearl), Essen im weiteren Sinne (die Mahlzeiten dinner, supper, Nahrungsmittel wie bacon, biscuit, cream, salmon, sausage, orange, raisin, tart, toast), Kunst (art, beauty, colour, image, music), Architektur (ceiling, cellar, chimney, palace, tower) und Medizin (malady, pain, plague, poison, surgeon).
Nicht immer verdrängte das neue französische Wort den entsprechenden englischen Begriff. Das wird besonders deutlich bei der Bezeichnung von folgenden Tieren:

Deutsch

Englisch

Französisch

Rindoxbeef
Schafsheepmutton
Schweinswinepork
Kalbcalfveal


Während im Französischen mit dem Wort das Tier benannt wird, bezeichnen die Entlehnungen im Englischen das jeweilige Fleisch im Gegensatz zum lebendigen Tier.
Schließlich setzte sich Englisch als gesprochene Sprache durch. Im 15. Jahrhundert wurde Französisch auch in der Schriftsprache verdrängt.
Die Vielfalt des englischen Wortschatzes, die zu Beginn der Renaissance durch den französischen und den lateinischen Einfluss erreicht war, führte zu einem großen Reichtum an Synonymen. Diese sind teilweise auch im modernen Englisch noch erhalten. Das englische Wort wird oft für einen bestimmten Sachverhalt im Alltag verwendet, das französische meist in der Literatur, das entsprechende lateinische vor allem im wissenschaftlichen Bereich. Die folgende Tabelle soll einen Eindruck des sprachlichen Reichtums geben:

Deutsch

Englisch

Französisch

Latein

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Wortbildung

Die Assimilation französischer Wörter ist an verschiedenen Wortbildungen im Englischen zu beobachten. So ergaben sich bald nach der Übernahme des Adjektivs gentile die Komposita gentlewoman und gentleman, das dazu gehörige Substantiv gentleness und das Adverb gently.
Häufig wird ein französisches Lehnwort mit einem englischen Präfix oder Suffix verbunden, so dass sich neue Wörter wie un-gracious oder poor-ness ergeben.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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