Die Polnischen Teilungen

Polen versinkt im Chaos

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) hatten sich in den europäischen Ländern die Herrschaftsstrukturen verändert:
In den meisten Staaten, u. a. in Frankreich, Spanien, Portugal und Dänemark, setzte sich das Königtum gegenüber den Ständen, Adel, Klerus und Bürgertum, durch. Die Monarchen übten fortan mehr oder weniger die alleinige und nahezu uneingeschränkte Macht in ihren Territorien aus.
Polen dagegen hatte sich seit dem Aussterben des Königsgeschlechts der Jagellonen zu einer Adelsrepublik entwickelt. Dabei handelte es sich um eine Wahlmonarchie. An ihrer Spitze stand ein weitgehend entmachteter König. Auf dessen Wahl nahmen in zunehmendem Maße ausländische Mächte, vor allem Russland, Preußen und Österreich, Einfluss.
Im Inneren herrschte Chaos. Die unbegrenzten Freiheiten des Hochadels und der höchsten Würdenträger, der sogenannten Magnaten, und des übrigen Adels lähmten jedes Staatsleben. Die Ursache dafür war vor allem der polnische Reichstag, der Sejm. Im polnischen Sejm konnten Beschlüsse nur nach dem Prinzip der Einstimmigkeit gefasst werden. Das bedeutete in der Praxis, dass der Reichstag meist auseinanderging, ohne dass Beschlüsse gefasst worden waren. Wechselnde Adelskonföderationen brachten nahezu jede Beschlussvorlage, auch die des Königs, zu Fall.

Die erste Polnische Teilung

Diesen Zustand Polens machten sich die am Zerfall des Landes interessierten Nachbarmächte zunutze:
Im Jahre 1764 hatte die russische Zarin KATHARINA II. ihren Günstling STANISLAUS AUGUST PONIATOWSKI als König STANISLAUS II. auf den polnischen Thron lanciert. Der wollte trotz des Widerstands von Russland und des polnischen Adels eine Staatsreform durchsetzen, durch die u. a. das Einstimmigkeitsprinzip im Sejm fallen sollte. Die russische Zarin ließ daraufhin durch Mittelsleute den Widerstand organisieren. Es folgten bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen im Lande, die
zunächst Russland und dann auch Preußen und Österreich Anlässe zum militärischen Eingreifen und zur Besetzung von Teilen Polens lieferten.
Diese drei Mächte einigten sich schließlich im Jahre 1772 auch vertraglich auf die erste Polnische Teilung, in der das Land 30 % seines Territoriums und 35 % seiner Einwohner verlor:

  • Preußen schuf sich durch die Vereinnahmung des Ermlandes außer Danzig und Westpreußen die lang gewünschte Landverbindung zwischen Pommern und der Provinz Ostpreußen um Königsberg. Es weitete dadurch sein Territorium um 35 000 km² aus und gewann knapp 500 000 Steuerzahler dazu, die zur knappen Hälfte Deutsche waren.
  • Russland schob sein Territorium nach Westen bis zum Dnepr und zur Düna vor. Es annektierte damit ein Gebiet von mehr als 90 000 km² mit 1,3 Mio. Einwohnern, hauptsächlich Russen und Letten.
  • Österreich schnitt sich Galizien vom „Kuchen“ ab und vergrößerte seine Fläche um 80 000 km², auf denen mehr als 2,5 Mio. Menschen, mehrheitlich Ruthenen, lebten.

Zwei weitere Polnische Teilungen

Im Jahre 1791 verabschiedete der polnische Sejm eine neue Verfassung für das Land. Diese war an den Ideen der Französischen Revolution orientiert, gehörte zu den fortschrittlichsten im damaligen Europa und war die erste geschriebene Verfassung überhaupt. Sie bekannte sich zu den Prinzipien der Volkssouveränität, vor allem aber zu der für einen starken Staat notwendigen Gewaltenteilung. Der König und ein Staatsrat sollten die exekutive (ausführende, vollstreckende) Gewalt ausüben, ein aus zwei Kammern bestehender Sejm die legislative (gesetzgebende) Gewalt. Polen sollte konstitutionelle Erbmonarchie werden, das Einstimmigkeitsprinzip endlich fallen.
Die russische Zarin fühlte sich dadurch erneut provoziert und organisierte wiederum den Widerstand des Adels, der schließlich russische Truppen ins Land rief. Die polnischen Patrioten unter Führung des königlichen Neffens Fürst PONIATOWSKI und des Nationalhelden General TADEUSZ KOSCIUSZKO unterliegen der Übermacht. In deren Ergebnis vereinbaren Russland und Österreich die zweite Polnische Teilung , die den beiden Mächten weiteren Landgewinn und Bevölkerungszuwachs brachte. Der im Juni 1793 einberufene Reichstag des gedemütigten Polen nimmt diese mit stummem Protest zur Kenntnis.
Wiederum unter Führung von KOSCIUSZKO stemmen sich die noch verbliebenen bewaffneten Kräfte Polens gegen die Teilung und den unvermeidlichen Untergang ihres Staates. Der Aufstand wird jedoch von russisch-preußischen Truppen im Oktober 1794 niedergeschlagen. Russland, Preußen und Österreich nahmen aber diese nationale Erhebung zum Anlass, die noch verbliebenen polnischen Territorien vollständig unter sich aufzuteilen:
Preußen erhielt mit dem Land zwischen den Flüssen Weichsel, Bug und Memel mit der Hauptstadt Warschau erstmals nur von Polen besiedeltes Land.
Russland verlegte seine Grenze noch weiter nach Westen, bis an Bug und Memel.
Österreich versicherte sich des „Restes“, indem es sich das Land zwischen Bug und Pilica mit Krakau und Lublin aneignete.
Diese dritte Polnische Teilung im Jahre 1795 bedeutete zugleich das Ende bzw. die Auflösung des Staates Polen. Das ursprünglich 733 500 km² große Land war zu knapp 20 % an Preußen, zu mehr als 60 % an Russland und zu rund 18 % an Österreich gegangen.
Mit der Auflösung des Staates Polen konnten die Teilungsmächte jedoch die polnische Nation zu keiner Zeit auslöschen. Vielmehr belasteten die Teilungen in Zeiten des Vorherrschens nationalistischer Denkweisen zunehmend das Verhältnis zwischen den Völkern im östlichen Mitteleuropa.

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