Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt

Das Ende der preußischen Neutralität

In den Koalitionskriegen gegen das napoléonische Frankreich hatte Preußen seit dem Frieden von Basel 1795 Neutralität geübt. Doch wuchs der Druck auf Preußen von Seiten Russlands und Frankreichs beständig an. Beide versuchten, Preußen auf ihre Seite zu ziehen und drohten, die preußische Neutralität nicht länger zu respektieren. Nach der Niederlage Österreichs und Russlands in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 geriet Preußen als einzige nennenswerte Macht in Europa ins Visier der napoléonischen Eroberungspolitik. Dabei wurden die Schwächen der preußischen Armee schonungslos offengelegt. Kriegsführung und Generalität waren hoffnungslos veraltet und konnten trotz ihrer zeitweiligen zahlenmäßigen Überlegenheit den von NAPOLÉON und DAVOUT befehligten Truppen nicht standhalten. Preußen hatte es in der Phase der Neutralität versäumt, die notwendigen Reformen in Gesellschaft und Militär einzuleiten. So konnte NAPOLÉON in einem Brief an seine Frau JOSEPHINE am 15. Oktober 1806 vermelden:

„Es ist alles so eingetroffen, wie ich es vorausgesehen habe: niemals ist eine Armee so vollkommen geschlagen, nie so vollständig zugrunde gerichtet worden.“

Der Einmarsch nach Preußen

Oktober 1806 marschierten die französischen Truppen unter Befehl des Generals Kellermann bei Sickershausen im Kreis Ansbach in preußisches Gebiet ein. Damit begann NAPOLÉONs Feldzug gegen Preußens Monarchie. Seine Armee umfasste etwa 200 000 Mann, als sie aus dem Raum Bamberg/Bayreuth zügig in nördlicher Richtung vordrang. Zu ersten Gefechten kam es am 9. Oktober bei Schleiz und einen Tag darauf in der Nähe von Saalfeld.
Den französischen Einheiten standen auf preußischer Seite und dem mit Preußen verbündeten Sachsen 130 000 Soldaten entgegen. Dazu gehörten:

die 52 000 Mann zählende Hauptarmee unter dem Oberkommando des Generalfeldmarschalls Herzog KARL WILHELM FERDINAND VON BRAUNSCHWEIG. Seine preußisch-sächsischen Streitkräfte setzten sich am 13. Oktober von Weimar in Richtung Auerstedt in Bewegung. Sie wollten bei Freiburg die Unstrut überqueren und nördlich von Naumburg die anmarschierenden Franzosen erwarten.

Weitere 50 000 Mann unter dem Kommando des Generals Fürst FRIEDRICH LUDWIG VON HOHENLOHE-INGELFINGEN, die NAPOLÉON anfangs für die Hauptmacht der preußisch-sächsichen Allianz hielt. Sie sollten bei Jena den Marsch der Hauptarmee decken und dabei Gefechten ausweichen.

Zum gleichen Zweck setzte sich das Reservekorps des Generals ERNST PHILIPP VON RÜCHEL mit 12 000 Soldaten von Erfurt in Richtung Weimar in Bewegung.

Als NAPOLÉON am Nachmittag des 13. Oktober von Gera kommend in Jena eintraf, zog der mit seinen Hauptkräften zwischen Kapellendorf und Isserstedt stehende Fürst HOHENLOHE seine Vorhut aus Jena bis zwischen Lützeroda und Closewitz zurück und gab dabei den strategisch wichtigen Landgrafenberg auf. Zu dieser Zeit befand sich jedoch nur das V. Korps und die Gardeinfanterie NAPOLÉONs bei Jena, deren Truppenstärke lediglich ein Fünftel der von HOHENLOHE geführten Einheiten ausmachte. Erst während der Nacht stieß die französische Verstärkung von 45 000 Soldaten hinzu.

Die Schlacht bei Jena

Die Schlacht bei Jena beginnt am frühen Morgen des 14. Oktober 1806 in nebeliger Dämmerung. Die 20 000 Soldaten des V. Französischen Korps mit Marschall LANNES an der Spitze treffen zwischen Lützeroda und Closewitz auf die Truppen des Grafen VON TAUENTZIEN und vernichten sie binnen drei Stunden. Weiter nördlich zwischen Rödigen und Lehesten kämpfen zur gleichen Zeit Marschall SOULTs 10 000 Franzosen gegen die 4 700 Preußen und Sachsen des Generals HOLTZENDORFF, der sich nach seiner Niederlage gegen 10 Uhr in westlicher Richtung nach Apolda zurückzieht. Marschall SOULT führt seine Truppen jedoch zum Hauptkampfplatz nach Vierzehnheiligen im Südwesten. Hier treffen NAPOLÉONs und HOHENLOHEs Hauptkräfte aufeinander. Obwohl sich hier gegen 9 Uhr auf beiden Seiten jeweils etwa 40 000 Mann gegenüberstehen, haben die Preußen den Vorteil, ausgeruht zu sein, während die Franzosen die Nacht hindurch zu NAPOLÉON aufschließen mussten. Es entwickelt sich ein stehendes Gefecht, das es den Franzosen nur durch die fehlerhafte Führung und Taktik auf preußisch-sächsicher Seite ermöglicht, das Nachrücken der Truppen aus Rödigsdorf und Lützeroda abzuwarten.
Bis zum Mittag sammeln sich so auf französicher Seite etwa 100 000 Mann. Für etwa eine halbe Stunden sieht sich NAPOLÉON jedoch mit einer brenzligen Situation konfrontiert, als der Großangriff auf breiter Front erfolgt. Kurz darauf rücken aus NAPOLÉONs Reihen frische Reserven nach und durchbrechen die preußisch-sächsichen Linien. Jetzt gibt es kein Halten mehr. HOHENLOHEs Truppen fliehen in einem heillosen Durcheinander in Richtung Weimar. Auch RÜCHELs Korps, das gegen 13 Uhr auf dem Schlachtfeld eintrifft, wird von den fliehenden Soldaten mitgerissen. So gelingt es der französischen Kavallerie bei Kapellendorf schließlich, HOHENLOHEs Armee den Todesstoß zu versetzen.

Die Schlacht bei Auerstedt

Ebenfalls am frühen Morgen des 14. Oktober 1806 marschiert Preußens Hauptarmee auf der Straße von Auerstedt über Taugwitz in Richting Kösen. Hier kommt ihnen Marschall LOUIS NICOLAS DAVOUT mit seinem 27 000 Mann starkem III. Korps entgegen, der am 12. Oktober Naumburg eingenommen hat und nun zum Hauptkampfplatz bei Jena vorrücken und dem Feind in den Rücken fallen soll. Stattdessen stößt er, ohne es zu ahnen, bei Hassenhausen auf die preußische Hauptarmee unter Generalfeldmarschall Herzog KARL WILHELM FERDINAND VON BRAUNSCHWEIG.
Nachdem DAVOUT gegen 7 Uhr Hassenhausen eingenommen hat, beginnt fast zeitgleich zu Jena die Schlacht bei Auerstedt. Sowohl der Versuch Generals BLÜCHER, die rechte Flanke der Franzosen anzugreifen, als auch die Entsendung der Divisionen SCHARNHORST und BOYEN zum linken Flügel DAVOUTs bringen dem Herzog von Braunschweig kein Vordringen. Als dieser noch tödlich verletzt wird und König FRIEDRICH WILHELM III. keinen neuen Oberbefehlshaber bestellt, fehlt der Armee die zentrale Führung. Zudem kommt die Hälfte der Soldaten durch die langgestreckte Marschformation überhaupt nicht zum Kampfeinsatz, wogegen die Franzosen alle ihre Kräfte konzentriert einsetzen können.
Es wird immer einfacher, die nun zusammenhanglosen Attacken der Preußen abzuwehren bis diese gegen Mittag zu weichen beginnen. Die zur Deckung eingesetzten 18 000 Mann Reserve unter dem Kommando des Generals KALCKREUTH in die Schlacht einzubeziehen, weigert sich der preußische König. Schließlich ordnet er persönlich den Rückzug an. Unter der Verfolgung der Franzosen fliehen sie in den frühen Nachmittagsstunden Richtung Südwest und verstärken noch das Chaos der ebenfalls fliehenden Armee HOHENLOHEs.

Die Folgen der preußischen Niederlage

Mit dieser verheerenden Niederlage Preußens auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt geriet das Land unter französische Besatzung. Die preußische Militärverwaltung hatte ebenso versagt wie die Kriegsführung von Generalität und König. Der nach vielem Hin und Her endlich gegründete Generalstab war besetzt mit alten Herren, die sich nicht einigen konnten. Die meisten preußischen Generale waren nachheutigen Maßstäben Rentner. Auch die Mobilisierung verlief zäh und unvollständig. Im Kampf kam immer nur ein Teil der Truppen zum Einsatz, während Reserververbände bis zur bitteren Niederlage in der Hinterhand gehalten wurden. Außerdem war die Logistik höchst mangelhaft: es fehlten Lazarette, das Kartenmaterial war veraltet, und es gab erheblich zu wenig Zugpferde für die Artillerie. So befanden sich die Truppen – als Konsequenz der seit Jahren aufgeschobenen Heeresreform – in einem miserablen Zustand.
Am Rande der Schlachten entgingen König FRIEDRICH WILHELM III. und Königin LUISE nur knapp der französischen Gefangenschaft. NAPOLÉON zog als triumphaler Sieger wenige Tage später in Berlin ein.
Die Folgen der Niederlage wurden ein knappes Jahr darauf im Frieden von Tilsit festgeschrieben. Preußen verlor drei Viertel seines Staatsgebietes, musste hohe Kriegsentschädigungen an Frankreich entrichten und sein Heer auf 42 000 Mann reduzieren. Mit der napoléonischen Besatzung begann aber auch die Zeit umfangreicher Reformen, von denen allerdings viele nach dem Wiener Kongress 1815 wieder revidiert oder verwässert wurden.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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