Gegenstand der Geschichtswissenschaft

Gegenstand der Geschichtswissenschaft

Die Geschichtswissenschaft ist eine Geistes- bzw. Sozialwissenschaft Sie erforscht die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Ihre Ergebnisse werden in der Geschichtsschreibung dargestellt. Die ersten Anfänge der Geschichtswissenschaft liegen im klassischen Altertum. Ihre Ausprägung zu einer mit wissenschaftlichen Methoden betriebenen Erforschung und Darstellung des Entwicklungsprozesses der menschlichen Gesellschaft begann jedoch erst im 18. Jahrhundert.

Grundlage der Geschichtswissenschaft sind die Überlieferungen und Zeugnisse (Quellen) aller Art aus der Vergangenheit der Menschen, die sie kritisch mit den ihr zur Verfügung stehenden Methoden auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Aussagefähigkeit überprüft.
Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist das gesamte gesellschaftliche Geschehen der Vergangenheit in seiner Komplexität und wechselseitigen Verflechtung, vor allem sind es
die Gemeinschaftsbildungen der Menschen, wie Staaten, Nationen, Klassen und Institutionen unterschiedlicher Art;
die wirtschaftliche Entwicklungen und Verhältnisse;
die Herausbildung, Entwicklung und Wirkungen von Ideen;
das Handeln einzelner Persönlichkeiten, sozialer Gruppen und der Volksmassen.
Ziele der Geschichtswissenschaft sind:
die möglichst genaue Feststellung der geschichtlichen Tatbestände,
deren Einordnung in Zusammenhänge, Entwicklungen und Wirkungen;
und - je nach den geschichtswissenschaftlichen oder geschichtsphilosophischen Standpunkten und Auffassungen des Historikers
das Herausarbeiten von Tendenzen, Typen oder Besonderheiten der geschichtlichen Entwicklung.


Aufgabe der Geschichtswissenschaft

Über die Aufgabe der Geschichtswissenschaft bzw. die Nutzbarkeit ihrer Erkenntnisse vertraten die Historiker verschiedene Auffassungen. Einige sahen lediglich die Aufgabe, die historischen Fakten möglichst exakt zu erforschen und als einmalige und nicht wiederholbare Tatsachen, Sachverhalte oder Ereignisabläufe darzustellen. Andere vertraten die Auffassung, dass in der Geschichte Gesetzmäßigkeiten wirken, die aufgedeckt und dargestellt werden sollten. So betrachteten beispielsweise die Vertreter des historischen Materialismus (Marx, Engels) die Geschichte der menschlichen Gesellschaft als eine gesetzmäßige Aufeinanderfolge verschiedener sozialökonomischer Formationen (Gesellschaftsordnungen). Sie beginne mit der Urgesellschaft und führe über die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und den Kapitalismus schließlich zum Sozialismus und Kommunismus.
Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft wird heute vor allem darin gesehen, alle bezeugten geschichtlichen Tatbestände möglichst genau und vollständig festzustellen sowie ihre Zusammenhänge, Bedingtheiten und Wirkungen verständlich zu machen. Sie versucht also die Wurzeln der Gegenwart freizulegen und deren geschichtliche Struktur erkennbar zu machen. Ihrem Wesen nach kann die Geschichtswissenschaft dem politisch Handelnden keine Anweisungen bereitstellen, wohl aber die Bedingungen erhellen, unter denen sich politisches Handeln vollzieht.

Objektivität in der Geschichtswissenschaft

Die Frage nach der Objektivität der Geschichtswissenschaft, die das tatsächliche Geschen in der Vergangenheit der menschlichen Gesellschaft unvoreingenommenen und wertungsfrei widerspiegelt, ist eines der immer wieder diskutierten Probleme dieser Wissenschaft. Es berührt die Frage nach dem Wahrheitsgehalt und damit auch nach der Zuverlässigkeit der getroffenen Aussagen. Auch hierzu wurden und werden von den Wissenschaftlern verschiedene, sogar konträre Auffassungen vertreten:
so wird einerseits die Möglichkeit einer objektiven Geschichtswissenschaft grundsätzlich bestritten, andererseits wird sie sogar als unerlässliche Forderung vertreten. In zunehmendem Maße wird jedoch der radikale Erkenntnisrelativismus (Auffassung, dass alle Erkenntnis nur relativ sei, weil sie durch den Standort des Erkennenden und durch seine Individualität bedingt sei) von den Geschichtswissenschaftlern abgelehnt. Sie verbinden die Forderung nach Objektivität mit der Einsicht, dass eine vollständig abgesicherte Erkenntnis und eine völlig identische Rekonstruktion des Geschichtsprozesses nicht möglich ist.
Das liegt sowohl in der Gegenstandsspezifik von Geschichte (Geschehen in der Vergangenheit) wie auch in der Subjektivität der Personen, die Geschichte erforschen und darstellen, begründet:

  1. Je weiter ein geschichtliches Ereignis oder geschichtliche Abläufe zurückliegen und je spärlicher die Quellenlage ist, desto komplizierter ist eine objektive Darstellung und sachlich begründete Wertung dieser Ereignisse und Entwicklungen. Andererseits macht es ein größerer Abstand von geschichtlichen Sachverhalten und Abläufen eher möglich, ihre Bedeutsamkeit (beispielsweise anhand ihrer Auswirkungen und Folgen) besser zu erkennen;
  2. Zwischen dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte und seiner Wahrnehmung und Darstellung zu verschiedenen Zeiten und durch unterschiedliche Personen gibt es beträchtliche Unterschiede:
    – Jede Generation stellt aus ihrem Blickwinkel neue Fragen und wertet mit größerem Abstand zu den Ereignissen nicht selten anders als die an ihnen Beteiligten;
    – Bei der Wertung von geschichtlichen Ereignissen und Abläufen und ihrer Darstellung in der Geschichtsschreibung spielen unterschiedliche ökonomische, soziale und politische Interessen eine große Rolle. Auch verschiedene weltanschauliche Standpunkte (Vertreten einer bestimmten Geschichtsphilosophie oder Geschichtsauffassung, d. h. einer Auffassung über den „Sinn“ von Geschichte und ihrem Wesen, über Ursachen und Triebkräfte geschichtlicher Entwicklungen) prägen eine Wertung mit.
  3. Das Verhältnis von Ursache und Wirkung in den geschichtlichen Abläufen zu erkennen, ist besonders schwierig. Mitunter erliegen Geschichtswissenschaftler und Geschichtsschreiber, noch häufiger Politiker und Journalisten der Gefahr, geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen von ihren Ergebnissen her zu beurteilen.
Eine um Objektivität bemühte Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung geht vor allem davon aus:
Geschichtsprozesse sind multikausal. Das bedeutet, dass geschichtliche Ereignisse und Abläufe haben immer mehrere Ursachen, Anlässe und Wirkungen haben, auch wenn diese unterschiedlich bedeutsam sind.
Es gibt verschiedene Sichten und Methoden der Erforschung und Bewertung von historischen Ereignissen, eine Multiperspektivität. Das verpflichtet dazu, die Sichten auf die Geschichte durch verschiedene Personen und Gruppen bei einer Untersuchung und Wertung heranzuziehen und mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen.
Die Geschichte ist kein linearer Prozess und stets nach vorn offen ist. Es gibt also keine alternativlosen Entscheidungssituationen. Die Ursachen für die Realisierung einer der möglichen Alternativen müssen jeweils konkret untersucht und herausgearbeitet werden.
Alle jeweils heranziehbaren Geschichtszeugnisse (Quellen) müssen kritisch geprüft und gründlich ausgewertet werden.

Gliederung der Geschichtswissenschaft

Das immer tiefere Eindringen in den Geschichtsprozess führte dazu, dass die Geschichtswissenschaft eine immer weitere Aufgliederung und Spezialisierung in verschiedene Wissenschafts- und Arbeitsbereiche erfahren hat. Diese Entwicklung setzt sich in der Gegenwart weiter fort.
So gibt es Aufgliederungen nach zeitlichen, räumlichen, strukturellen Gesichtspunkten.

  1. Zeitliche Aufgliederung (Periodisierung)
    Die klassische Periodisierung in Alte, Mittlere und Neuere Geschichte (Altertum, Mittelalter und Neuzeit) ist auch heute noch gängig. Sie wird beispielsweise an den Universitäten in der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre zugrunde gelegt. Neuere Geschichte wird zumeist in Neueste Geschichte (seit der Französischen Revolution von 1789 bis 1794 bzw. der Industrialisierung gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts) und Zeitgeschichte unterschieden.
    Hinzu kommen noch die Vor- und Frühgeschichte, die dem Altertum vorgelagert sind.
  2. Räumliche Aufgliederung
    Die Geschichte der Menschheit in ihrer Gesamtheit ist Gegenstand der Weltgeschichte. Die Erforschung und Darstellung geografischer Großräume erfolgt in der europäischen, amerikanischen oder afrikanischen Geschichte. Die Geschichte einzelner Staaten und Völker wird als Nationalgeschichte gefasst und die des raumgebundenen Teilgeschehens innerhalb der Nationalgeschichte als Landes-, Regional- oder Heimatgeschichte.
  3. Strukturelle Aufgliederung
    Die Untersuchung einzelner Bestandteile des Geschichtsprozesses führte zur Herausbildung und Entwicklung einzelner Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft. Einige sind inzwischen selbstständige Wissenschaften geworden. Hierzu zählen u. a.: Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Rechts- und Religionsgeschichte, die Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung oder auch die Geschichte der Technik.

Historische Hilfswissenschaften

Hierbei handelt es sich um jene Bereiche oder Teilgebiete der Geschichtswissenschaft, die sich mit der Auswertung und Beurteilung geschichtlicher Quellen befassen. Sie sind das unerlässliche „Handwerkszeug“ eines Historikers und werden deshalb als historische Hilfswissenschaften bezeichnet. Da sie zugleich aber auch in sich geschlossene Disziplinen mit eigenem Gegenstand und eigener Forschungsmethodik sind, sind sie auch eigenständige Wissenschaften. Wichtige historische Hilfswissenschaften sind:

Archäologie (Altertumskunde); sie erforscht alte Kulturen anhand von Kulturdenkmälern und Bodenfunden durch Ausgrabungen und Deutungen der nicht schriftlichen Überreste;
Diplomatik oder Urkundenlehre; sie dient der kritischen Bestimmung des Wertes (z. B. der Echtheit) historischer Zeugnisse;
Paläografie (Handschriftenkunde); sie befasst sich mit der Entzifferung, Datierung, Lokalisierung, Echtheitskritik der Handschriften und Schriftarten historischer Quellen;
Chronologie (Zeitkunde); sie ist die Wissenschaft von der Zeiteinteilung und Zeitrechnung bei verschiedenen Völkern und der Einordnung historischer Ereignisse in ein richtiges Zeitverhältnis;
Sphragistik (Siegelkunde);
Heraldik (Wappenkunde, auch Wappenkunst und Wappenrecht);
Genealogie (Geschlechterkunde und Ahnenforschung); sie beschäftigt sich mit der besonders für die Geschichte des Mittelalters wichtigen Herkunft der Geschlechter (Familienverbände und Herrscherhäuser) und ihrer Rolle im gesellschaftlichen Geschehen;
Numismatik (Münzkunde).
Darüber hinaus gibt es andere Wissenschaften, die bei der Erforschung der Geschichte mit ihren jeweils spezifischen Methoden herangezogen werden. Dazu gehören vor allem:
historische Geografie,
historische Anthropologie (die Untersuchung des Menschen als sozialem, geschichtsbildendem Wesen und seiner dabei wirksamen Verhaltensweisen),
Kunst-, Rechts-, Religions- und Sprachwissenschaft,
Ethnologie (Völkerkunde),
Philosophie; Soziologie (Gesellschaftslehre, Wissenschaft von der Gesellschaft) und
Volkswirtschaftslehre.
Ausgrabungsfunde: Zeugnisse der Vergangenheit

Ausgrabungsfunde: Zeugnisse der Vergangenheit

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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