Höhlenzeichen

Im Freien wären die entdeckten Höhlenmalereien der Verwitterung ausgesetzt gewesen. Abgeschirmt in den Tiefen vieler Höhlen, geschützt vor schädigenden Lichteinflüssen und bei konstanten Temperaturen konnten sich jedoch etliche Felsbilder bis zum heutigen Tag in sehr gutem Zustand erhalten.

Die meisten Fundorte in Europa befinden sich in Frankreich (150 Orte), gefolgt von Spanien (128) und Italien (21). Auch aus Afrika und den anderen Kontinenten sind Funde bekannt. Die Felszeichnungen handeln meist von Tieren und Menschen, wobei Pferde und Wisente den Hauptanteil ausmachen. Zeichen und unbestimmte Linien ergänzen die Vielfalt der Felskunst, die auch als „Kunst einer Jagdkultur“ bezeichnet wird.

Bison aus der Höhle von Lascaux, Dordogne, Frankreich

Beispiele für die bekanntesten Vorkommen von Höhlenmalerei in Europa
(Name des Ortes, nähere Beschreibung des Fundortes, in Klammern das Entdeckungsjahr und das geschätzte Alter der Höhlenzeichen):

NameFundortAlter (Jahre)
1. ChauvetVallon Pont d'Arc/Südfrankreich (1994)31500
2. CosquerMarseille (1985 bzw. 1992)18000 - 27000
3. AltamiraKantabrien/Spanien (1880)14000 - 15000
4. LascauxMontignac/Dordogne (1940)17000

Frankreich verfügt über insgesamt 24 zugängliche Höhlen, die jedes Jahr von mehr als 1 Million Besuchern bewundert werden, davon kommen allein 400000 zu der Reproduktion der Lascaux-Höhle.

Die Grotte von Chauvet

In Südostfrankreich haben Amateur-Höhlenforscher in einer Felswand der Schluchten der Ardèche-Region die älteste mit Wandmalereien verzierte prähistorische Höhlenwohnung der Welt entdeckt. Dieses altsteinzeitliche (paläolithische) Heiligtum, gibt nun allmählich seine Geheimnisse preis und verblüfft dabei so manchen Urgeschichtsforscher: tatsächlich malte und gravierte bereits der Cro-Magnon-Mensch vor rund 31000 Jahren mit einer nie geahnten Präzision. Das gilt es näher zu erforschen:

Die Entdeckung der Grotte Chauvet im Vallon Pont d'Arc in Südfrankreich durch die Höhlenforscher CHAUVET, DESCHAMPS und HILLAIRE am 18. Dezember 1994 stellte in der Höhlenforschung einen Meilenstein dar. Die heute für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Höhle gilt als die bisher älteste und bedeutendste Bilderhöhle aller bisher entdeckten Höhlenkunstwerke. Ihr Alter wurde auf etwa 31500 Jahre datiert. Im Inneren der Höhle wurden mehrere weitläufige Wandgemälde mit großflächigen und ausladenden Darstellungen von Tieren und Tiergruppen entdeckt. Die steinzeitlichen Künstler zeichneten sich durch ein sehr hohes Maß an Fähigkeit zur Abstraktion und Bildgestaltung aus und ihre Höhlenzeichen besitzen bereits eine beeindruckend hohe künstlerische Qualität.

„...Draußen herrscht an diesem 18. Dezember 1994 trotz Sonnenscheins beißende Kälte in Vallon-Pont d'Arc. Hier unten strahlt der feuchte Lehmboden großzügig seinen süßlichen Duft aus, und das ist gut so. Ringsum tiefe Stille. Die Dunkelheit ist vollständig und hüllt alles ein: wie befinden uns zehn Meter unter dem Erdboden. Das Abenteuer beginnt für JEAN-MARIE CHAUVET, ELIETTE BRUNEL-DESCHAMPS und CHRISTIAN HILLAIRE, die eine Leidenschaft verbindet: das Wühlen im Inneren der Erde ihrer Heimat... So haben die Höhlenforscher bei Entdeckung dieser Höhle, neugierig gemacht durch einen spürbaren Luftzug, erst einen Hohlraum entdeckt, dann ein ausgedehntes System von Gängen und Einzelhöhlen. Staunen und Begeisterung prägen von nun an das Unternehmen der Entdecker. Im Lichtstrahl ihrer Stirnlampen tut sich vor ihnen eine wunderbare Szenerie auf: riesige Säulen aus weißem Kalkstein, durchscheinend oder mit Perlmutterglanz, üppige Vorhänge aus Stein, funkelnde Teppiche auf dem Boden, der mit Bärenknochen übersät ist, einige davon in Unterschlüpfen für den Winterschlaf; die Wände sind von Krallenspuren gezeichnet. ELIETTE stösst einen Schrei aus: vor ihr taucht das Bild eines kleinen Mammuts auf. Nun kommt der Höhepunkt der Entdeckung: Wände, auf denen eingeritzte Zeichnungen erscheinen, Malereien mit rötlichem Ocker oder in schwarzer Farbe. Die Entdecker trauen ihren Augen nicht. An die 300 Pferde, Nashörner, Löwen, Büffel, Mammuts, einzeln oder in prächtigen Gruppen, scheinen plötzlich aus einem vieltausendjährigen Schlaf zu erwachen ...“.

JEAN CLOTTES, bekannt als Spezialist für Höhlenmalerei, wird beauftragt, die Höhle zu begutachten; er merkt sehr schnell, dass es sich hier tatsächlich um altsteinzeitliche oder auch paläolithische Kunst handelt. Es passt alles zusammen: „...Untersucht man mit der Lupe einen Abschnitt der Malerei, bemerkt er, dann bemerkt man rasch, dass die scheinbar durchgezogene und intakte Linie in Wahrheit eine Reihe kleiner Lücken aufweist, die auf die Erosion zurückzuführen sind...“.
Der Fachmann versteht sein Handwerk und hat auch die nötigen Erklärungsansätze parat: Das Innere der Gravuren muss sich mit der Zeit mit Mikrokristallisationen füllen, Konkremente (geologischer Fachbegriff: hierbei handelt es sich um Mineralausscheidungen in den unterschiedlichen Sedimenten, die von einem Kern - in der Regel ein Fossil - aus nach außen gewachsen sind) müssen die Kunstwerke überdecken. Wenn diese Indizien nachzuweisen sind, handelt es sich tatsächtlich um altsteinzeitliche Kunst.

Ein weiterer Beweis: Ein Pferd, ein Mammut und eine Eule sind in der Rundung eines Gewölbes eingraviert, heute in fünf Metern Höhe, weil der Boden sich mit der Zeit abgesenkt hat. Für die Höhlenmaler wäre es unmöglich, an diese Zeichnung zu gelangen, ohne Spuren zu hinterlassen; aber es gibt nicht die geringste Spur jüngeren Datums: Der Boden ist unversehrt, die Reste der Zeichnung sind intakt, und das ganze Kunstwerk, dank des pfleglichen Umgangs der Entdecker, gut erhalten.
JEAN CLOTTES hat seine Mission als Höhlenexperte erfüllt: Durch seine Argumentation konnte er die Echtheit der Zeichnungen bezeugen.

Im nächsten Schritt sollte anhand der Radoikarbonmethode das Alter dieser Wunderwerke festgestellt werden:

Prinzip der Radiokarbonmethode:
Mit dem Tod von Lebewesen endet ihre Kohlenstoffaufnahme. Die Überreste der Lebewesen enthalten Spuren von Kohlenstoff. Natürlicher Kohlenstoff enthält einen minimalen Anteil des radioaktiven C14- Kohlenstoffisotops. Dieses zerfällt im Laufe der Zeit zu dem stabileren C12- Kohlenstoff. Die Halbwertzeit des C14- Kohlenstoff beträgt 5730 Jahre, d.h. innerhalb dieses Zeitraums hat sich die Hälfte des radioaktiven Kohlenstoffs umgewandelt. Durch Bestimmung des Gehalts an übrig gebliebenem C14- Kohlenstoff lässt sich mit einer Abweichung von ca. 1000 Jahren das Alter von Tier- und Pflanzenresten bestimmen.

Sechs Monate danach kommt endlich das heiß ersehnte Resultat:
Die C14- Analyse zeigt, dass das Bild eines Büffels und zweier Nashörner ein Alter von sage und schreibe 31000 Jahren hat. Damit sind die Malereien von Vallon-Pont d'Arc vom Kultusministerium zu den „ältesten bis heute bekanntenHöhlenmalereien erklärt worden, und der tüchtige Cro-Magnon-Künstler hat sich den Rang eines kleinen Genies erworben. Tatsächlich fügt die Behörde hinzu, diese Datierungen würden „...die bislang allgemein anerkannten Annahmen bezüglich des erstmaligen Auftretens von Kunst und ihrer weiteren Entwicklung in Frage stellen und den Beweis dafür abgeben, dass der Homo sapiens bereits sehr früh zur Meisterschaft im Zeichnen gelangt ist...“. Allgemeine Verwirrung. Und noch eine Entdeckung: Einige tausend Jahre nach diesem Ahnherrn des künstlerischen Talents sind andere Menschen da gewesen. Rußflecken von Fackeln an der Wand und Spuren späterer Wohnstätten sind der Beweis dafür.

Hirsch und Rentier aus der Höhle von Lascaux, Dordogne, Frankreich

Zwischen all diesen Erhebungen, Fotografien, Probenentnahmen bleiben die Forscher selbst nicht untätig. Innere Klimatologie der Höhle, Entwicklung der natürlichen Umwelt, paläolithische Fauna (Tierwelt) der Region Ardèche stehen auf dem Programm. Für den Archäologen hat der Mensch zahlreiche Spuren seiner Tätigkeiten hinterlassen: Holzkohle, Punkte, an denen Sedimente entnommen wurden, behauene Feuersteine, Fußspuren, usw. - all das muss nun haargenau untersucht werden. Bereits jetzt lässt sich sagen, dass er nicht hier gewohnt hat. Die Bodenanalyse wird genaueren Aufschluss über die späteren Bewohner der Räume geben, und somit auch über mögliche Verbindungen zwischen den Bären und den „kleinen Genies“.
Wenn man die Höhle von Lascaux als „Sixtinische Kapelle des Périgord“ bezeichnet hat, welchen Namen soll man dann jetzt der Chauvet-Höhle geben? Denn wenngleich sie auch nicht so riesenhafte Darstellungen zu bieten hat, kann sie es mit der Höhle von Lascaux durchaus aufnehmen, was die Zahl, die Verschiedenheit, die Originalität, die Schönheit und den Zustand ihrer Werke betrifft.

Wenn man nun die Zeichnungen näher betrachtet, dominieren unter den dargestellten Tieren eindeutig die Nashörner. Es folgen Löwen, Mammuts und Pferde, von denen zwei in gelb gemalt wurden. Es gibt aber auch Büffel, Bären, Rentiere, Auerochsen, Steinböcke, Hirsche, und, am Ende der Karawane, einen roten Panther und eine eingravierte Eule. Menschenähnliche Darstellungen wurden nicht gefunden, mit Ausnahme einzelner Körperteile und einer Art Mischwesen, halb Mensch, halb Büffel.

Zeichnungen mit einem kräftigen Strich, bisweilen in satten Farben ausgemalt, gekonnte Modellierung, Tiefe: Das gesamte Werk zeugt überall von hoher Kunstfertigkeit. Unsere Vorfahren waren - welch eine Überraschung - bereits Meister in der Kunst der Verwendung des Raums von Höhlenwänden, in der Wischtechnik und in der Perspektivtechnik. Vor allem vier Pferdeköpfe vermitteln durch ihre Anordnung übereinander und die Abschattierungen der Farbe Schwarz einen verblüffenden Eindruck von Relief und Zweifarbigkeit. Zudem wurden einige Wände durch Abschaben vorbereitet, um die Striche besser hervortreten zu lassen.

Stier aus der Höhle von Lascaux, Dordogne, Frankreich

Geradezu strotzend vor Leben und Kraft stellen sich diese Jahrtausende alten Tiere zum Kampf, verfolgen einander oder bilden Gruppen, die durch ein und dieselbe Haltung verbunden sind. Sehr erstaunlich sind auch die häufigen Aktionsszenen: Löwen auf der Lauer, Rentiere in vollem Lauf.
Einige Rätsel bleiben noch zu lösen: Die Prähistoriker werden sich wie die Nashörner auf den Zeichnungen einander zum Kampf stellen, und die Schüler eines berühmten Spezialisten für steinzeitliche Kunst, ANDRÈ LEROI-GOURHAN, dessen Thesen dreißig Jahre lang Gesetz schienen, werden ihre Überzeugungen zurücknehmen müssen. Die Datierung der Grotte von Chauvet widerlegt ihre Theorie von einem langsamen und allmählichen künstlerischen Reifeprozess. Tatsächlich hatten die Spezialisten in Europa Epochen und Stile unterschieden, von dem gröbsten, dem Aurignac - Stil (35000 bis 28000 Jahre vor unserer Zeit) bis zum Höhepunkt des Magdalénien und der Ära von Lascaux (13500 Jahre).

In Chauvet ist von Grobheit keine Rede. Da gibt es kein Gekritzel, sondern „Gemälde“ alter Meister, die der besten Galerien würdig wären. Während einige noch in der Phase des Stammelns der Bilder waren, hatten sich andere bereits zu reifen und fertigen Künstlern entwickelt.
Dennoch hält sich auch die Idee, die geschmückten Höhlen seien Naturheiligtümer, Kathedralen gewesen, in denen man religiöse Gefühle zum Ausdruck brachte. Warum haben die Leute damals gemalt? Und warum malen sie heute? Der aus Rußland stammende Maler WASSILY KANDINSKY, von dem einige Bilder an die Höhlenmalerei erinnern, behauptete, ein Kunstwerk sei die Vereinigung von drei spirituellen Ausdrucksmöglichkeiten: jener des Künstlers als Individuum, als „Kind seiner Zeit“, aber auch als „Diener der Kunst“. Werden wir auf diesem Wege die Universalität und die außerordentliche Modernität der ungewöhnlichen Ardèche-Fresken erfassen lernen?

(Auszüge aus: La grotte Chauvet (Die Chauvet-Höhle), Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel-Deschamps, Christian Hillaire, Verlag Seuil, Reihe „Felskünste“, geleitet von Jean Clottes, Paris 1995).

Die Unterwasserhöhle von Cosquer

HENRI COSQUER entdeckte bereits 1985 den Eingang zu der später nach ihm benannten „Unterwasserhöhle von Cosquer“, doch erst einige Jahre später wurde die ganze Bedeutung dieses Fundes erkannt. Erst im Sommer 1991 entdeckte er nämlich auf einem seiner Dias den ersten negativen Handabdruck. Diese Entdeckung führte im Juni 1992 zur ersten wissenschaftlichen „Befahrung“ der Höhle. Die Wandmalereien sollten näher in Augenschein genommen werden, man suchte nach Kohlestückchen, um die Funde zu datieren, des weiteren wurden Objekte und Strukturen des Bodens eingesammelt, um erste geologische Untersuchungen anstellen zu können.

Von Herbst 1994 bis Ende des Jahres 1994 versuchte man trotz sehr schlechter Witterung mehr über die Höhle und ihren Inhalt herauszufinden. Das gestaltete sich als äußerst problematisch, denn der Zugang zur Höhle war ausgesprochen schwierig: Ein 150 Meter langer Schlauchtunnel führt ca. 37 Meter unter dem Meeresspiegel in die Höhle, deren Eingang sich etwa 50 Meter von der Küste entfernt im Meer befindet und inzwischen, um das einmalige Kulturdenkmal in der Höhle zu schützen, von Tauchern der französischen Marine zugemauert wurde. Unter zähem Forscherdrang und bei sehr hohem Einsatz konnten dennoch folgende Arbeitsschritte erfolgreich durchgeführt werden:

  • das Einrichten einer automatischen meteorologischen Station
  • eine fotogrammetrische Aufnahme
  • eine Laser-Scanner „Soisic“ - Aufnahme, die eine dreidimensionale virtuelle Rekonstruktion der Höhle ermöglichte.
  • eine vollständige fotografische Dokumentation der Wandmalereien
  • eine vollständige Kartierung auch der unter Wasser gelegenen Teile der Höhle durch die beiden Taucher THIERRY BETTON und LUC VANRELL

Während der Durchführung dieser Arbeiten wurde immer offensichtlicher, dass der wahrscheinlich bedeutendste Teil der Wandmalereien unglücklicherweise durch den Anstieg des Meeresspiegels vernichtet wurde. Als die älteren Malereien entstanden, lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter tiefer. Dadurch, dass der Wasserstand in der Höhle nie höher als heute war, wurden in den bisher noch nicht überschwemmten Teilen die Spuren des Steinzeitmenschen in einzigartiger Weise erhalten. Es gab zahlreiche Spuren lehmverschmutzer Finger an den Wänden, oder zu Kugeln geformte und durch mit den Fingern gezogene Linien verzierte, danach jedoch weggeworfene Lehmbatzen, Spuren von schmutzigen Fingern auf der Mondmilch. Diese Spuren erweckten schon den Eindruck als sei der Platz von den Künstlern erst vor wenigen Tagen verlassen worden, tatsächlich dürfte HENRI COSQUER aber der erste Mensch seit Tausenden von Jahren gewesen sein, der sich dort aufhielt.

Man geht davon aus, dass die künstlerische Gestaltung der Höhle im wesentlichen in zwei Zeiträumen stattfand. Der ersten Phase, vor etwa 27000 Jahren und von noch unbestimmter Dauer, werden die zahlreichen Fingerspuren an den Wänden und die negativen Handabdrücke zugeordnet. Es wird auch vermutet, dass einige Tiere, hauptsächlich Pferde, und verschiedene geometrische Figuren in diese Epoche gehören, gesicherte Erkenntnisse liegen darüber jedoch nicht vor. Der Großteil der Kunstwerke stammt jedoch aus der zweiten Phase, von vor 18500 bis 19200 Jahren. Dabei sind nur ein Drittel aller Werke Kohlezeichnungen, bei der Mehrzahl (125 Einzelbildern) handelt es sich um Ritzzeichnungen. Auf den ersten Blick dominieren Pferdedarstellungen, gefolgt von Steinböcken und Gemsen sowie Bisons, Aurochsen und Rentieren.

Stier und Pferde (Lascaux, Dordogne, Frankreich)

Die Höhle von Lascaux

Die Höhle von Lascaux liegt zwei Kilometer südöstlich von Montignac im französischen Département Dordogne. Der Eingang zur Höhle befindet sich in einem Wald am Rande des Flusstals der Vézère.
Die Originalhöhle („Lascaux I“ genannt) wurde 1963 für die Allgemeinheit geschlossen und darf täglich nur noch von maximal fünf Personen besucht werden. Ursache für diese rigorose Zugangsbeschränkung war die Zerstörung der Malereien durch die Atemluft zu vieler Besucher. Seit 1983 können jedoch täglich bis zu 2000 Menschen originalgetreue Nachbildungen der „Lascaux I“-Höhlenmalereien in „Lascaux II“ besichtigen, da die beiden wichtigsten Teilbereiche der Originalhöhle („Raum der Stiere“ und „Axiale Divertikel“) im Verhältnis 1:1 nachgebaut wurden. Der Eingang von „Lascaux II“ befindet sich ca. 200 Meter von „Lascaux I“ entfernt. Obwohl Kopien für manchen Kunstfreund keinen besonderen Reiz besitzen, sind durch diesen Nachbau immerhin 90% der Höhlenmalereien von „Lascaux I“ wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Stierhalle (Lascaux, Dordogne, Frankreich)

Diese 1940 in der Dordogne entdeckte Höhle ist eines der reichsten und besterhaltensten Ensembles prähistorischer Kunst in Europa. Die Malereien hier sind wie die in der 1879 im Nordwesten Spaniens entdeckten Höhle von Altamira etwa 13000 Jahre alt.In einer Höhle von Lascaux, in Südwestfrankreich, wurden zwischen 15000 und 10000 v. Chr. Tiere an die Wände gemalt. Die Höhlen, die 1940 entdeckt wurden, zeigen bemerkenswerte und eindrucksvolle Felsbilder von enormer Lebendigkeit. Man vermutet, dass sie ursprünglich den Jägern Macht verleihen sollten, Tiere zu töten.

Techniken der Höhlenmalerei

Striche und Punkte wurden mit der gefärbten Fingerspitze oder mit Pinseln aus Tierhaar gezeichnet. Bei der Versprühtechnik zerrieb man das Pigment zu einem feinen Pulver, das mit dem Mund oder mithilfe eines Röhrchens auf die Wand gesprüht wurde. Hielt der Künstler eine Hand dazwischen, entstanden durch diese Schablonentechnik Handnegative. In der Grotte Chauvet wurde auch die Verwischtechnik angewandt. Flachreliefe entstanden durch das Abmeiseln der umliegenden Fläche. Die wahre Meisterschaft der Höhlenkünstler bestand darin, dass sie die dreidimensionale Wirkung von Rissen und Vorsprüngen des Felsuntergrundes in das Bild mit einbezogen.

Angeregt durch die hohe künstlerische und technische Leistung der Höhlenmaler, haben sich Archäologen und Kunstexperten daran gemacht, zu rekonstruieren wie solche Bilder wohl angefertigt wurden.
Die Farbstoffe konnten bestimmt werden: Es handelt sich um natürlich vorkommende Pigmente, in der Hauptsache verschiedene Arten von Kohle (schwarz) und Ocker (gelblich-rot). Zur Beleuchtung der Höhle dienten steinerne Talglämpchen. Gemalt wurde mit einfachen Stiften oder mit den Fingern. Allerdings lassen sich auf diese Weise kaum die vielen plastischen, flächigen Schattierungen herstellen, die gerade auch die Bilder von Chauvet auszeichnen.

Der Archäologe und Höhlenkunstexperte MICHEL LORBLANCHET hat mit einer anderen Methode experimentiert. Dabei werden die Grundstoffe erst einmal zu feinem Pulver zerrieben. Der zunächst trockene Grundstoff muss verflüssigt und gebunden werden. Fette kommen dafür nicht in Frage. Eine solche Mischung ließe sich kaum auf das Gestein auftragen. Wird der Staub aber in den Mund genommen und zerkaut, durchmischt er sich gut mit Speichel. Ein kleiner Schluck Wasser zusätzlich, sorgt für die nötige Dünnflüssigkeit. Dann spuckt man aus. Die Lippen benetzen sich mit der farbigen Flüssigkeit. Man nähert sich der Wand bis auf wenige Zentimeter und stößt in kurzen Abständen Luft aus. Dadurch wird der Farbstoff mit großer Gleichmäßigkeit aufgetragen. Eine Art „Airbrush“-Verfahren also. Keine andere Methode hat bisher ein vergleichbares Ergebnis hervor gebracht. Viele Stunden sind nötig, um auf diese Art ein Bild zu kolorieren. Die mit Speichel angebundene Farbe haftet aber hervorragend.

In den schwarzen Flächen der Originale fand man nicht nur Kohlepartikel. Sie enthalten auch Anteile eines Minerals, Manganosit, dass ausgesprochen giftig wirkt. Verschluckt man es, kann es Halluzinationen auslösen. Haben die Eiszeitmaler wirklich nach LORBLANCHETS Methode gemalt, dann war es nicht zu vermeiden, dass sie auch etwas von dem Manganosit geschluckt haben. Es dürfte auf sie wie eine Droge gewirkt haben.

Verwendete Pigmente und Bindemittel

Rote Farbe wurde mithilfe von Erdfarben und Gesteinen hergestellt, welche durch Eisenoxide und Eisenhydroxide rot (Roteisenerz), gelb (Goethit und Ton) oder braun (Brauneisenerz) gefärbt waren. Manganerze (Manganoxid), Kohle von Knochen, Horn und Zahnbein oder die Holzkohle des Wachholders dienten zur Herstellung von schwarzen Pigmenten. Zur Verbesserung der Haftfähigkeit auf der rauhen Felsoberfläche mischten die Künstler der Steinzeit zu den Pigmenten Kalk und Wasser als Bindemittel. Der Kalk bildete Kristalle, welche das Pigment dauerhaft umhüllten. Auch pflanzliche Harze und Blut wurden als Bindemittel verwendet.

Funktion und Bedeutung der Malereien

Für manche stellte die Kunst wohl eine Verschönerung des Wohnraumes dar, doch sie hatte auch eine andere Bedeutung: Das Auffinden von künstlerisch bearbeiteten Kultgegenständen wie Zähne oder Knochen und die Tatsache, dass sich viele Höhlenbilder an Stellen mit einer besonders guten Akustik befinden, lässt auf eine kultische und religiöse Bedeutung der Höhlenkunst schließen. Die Australischen Ureinwohner haben ihre Kultur bis in die heutige Zeit erhalten.

Pferd (Lascaux, Dordogne, Frankreich)

Sie gibt Aufschluss über die religiöse Bedeutung der Höhlenkunst. Nach ihren Vorstellungen sind in den Felsbildern die Seelen der dargestellten Wesen erhalten und können durch das Malen, Berühren und durch das Abhalten von Kulthandlungen in den Höhlen zu neuer Verkörperung und Fruchtbarkeit angeregt werden. Die geometrischen Zeichen auf den Felsbildern in Südfrankreich sind Tiersymbole, die auch auf Kulthölzern angebracht wurden.
Die Symbole sollen die Förderung der Fruchtbarkeit und des Jagderfolgs durch die symbolische Kraft des Zeichens in besonderem Maße anregen. Um dies zu verdeutlichen wurden die Tiere mit „Lebenslinien“ versehen: Innere Organe, Herz, Lunge, Magen fasste man zu einer Linie zusammen.
Die älteste fassbare Religion der Menschheit ist der Schamanismus. Sie entstand in der Zeit, als die Jagd für den Menschen von zentraler Bedeutung war. Auf manchen Höhlenbildern zeigen sich Darstellungen von Menschen, die in Tierhäute eingehüllt sind oder als Kopfaufsatz Geweihe oder Tierkappen tragen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die Darstellung von Schamanen. Nach der alten Vorstellung besaß der Schamane zu den Tierseelen und zu den Naturkräften eine besonders enge Verbindung. Er konnte durch das Malen von Felsbildern oder auch durch das Schlagen von Trommeln in Trance auf die Geister und Tierseelen einwirken, sie zur Fruchtbarkeit anregen oder die Naturkräfte zur Anwendung von Heilungen benützen.

Zwei Stiere (Lascaux, Dordogne, Frankreich)
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