Schauplatz Indochina – Frankreich scheitert

Indochina als französische Kolonie

Der Begriff Indochina (hinter China) ist eine französische Wortschöpfung für die Region, in der die heutigen südostasiatischen Staaten Vietnam, Kambodscha und Laos liegen.
Indochina wurde im 19. Jahrhundert französische Kolonie. Anfänglich waren es vor allem Missionare, die sich dort niederließen. Später unterwarf sich mehr und mehr der französische Staat dieses Gebiet. Dabei übte Frankreich sowohl die direkte Kontrolle durch französische Gouverneure und Verwalter als auch die indirekte durch willigen einheimische Herrscher aus.
Das Interesse der französischen Kolonialmacht konzentrierte sich vor allem auf das östliche Indochina, das heutige Vietnam. Neben der Ausbeutung einiger Rohstofflagerstätten war für Frankreich auch seine geografische Lage von Bedeutung. Sie konnte als Sprungbrett für die Ausdehnung des kolonialen Einflusses nach China dienen.
Entsprechend dieser Bedeutung Vietnams für die Kolonialmacht spielte sich auch der nach dem Zweiten Weltkrieg beginnende erste Indochinakrieg vor allem hier ab. Seine Wurzeln lagen im Widerstand der Vietnamesen gegen die französische Kolonialmacht begründet, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt hatte:

Die Einheimischen waren über Kontakt in Frankreich auch mit fortschrittlichen demokratischen und sozialen Ideen aus Europa konfrontiert worden. Das führte dann rasch auch zu eigenen Forderungen nach Unabhängigkeit und nationaler Selbstbestimmung.

Auch erste Parteien wurden gegründet, deren wichtigste zunächst die 1925 gegründete Vietnamesische Volkspartei war. Schon 1930 initiierte diese einen ersten Aufstand. Dieser war aber so schlecht organisiert, dass er mit einer Niederlage endete und viele Angehörige der Volkspartei nach China flüchteten, wo kurz zuvor die befreundeten nationalchinesischen Kräfte der Kuomintang an die Macht gekommen waren.

Die Revolte wurde dann allerdings von den vietnamesischen Kommunisten fortgesetzt. Diese hatten Anfang der 30er Jahre mit anderen kommunistischen Parteien der Region die Kommunistische Partei Indochinas gegründet.
Die bewaffneten Auseinandersetzungen mit der französischen Kolonialmacht gingen letztlich verloren. Die Kommunisten konnten aber dennoch viele neue Anhänger und Mitglieder gewinnen. Der Grund war, dass sie in jenen Gegenden, wo sie während des Aufstandes die Macht übernommen hatten, oftmals soziale Reformen durchgeführten. Dazu gehörte u. a. die Landumverteilung zugunsten von kleinen Bauern und Landarbeitern.
Unter diesen Voraussetzungen verband sich die Forderung nach Unabhängigkeit für viele Vietnamesen bald mit den Kommunisten unter Führung von HO CHI MINH.
Um der Forderungen eine noch stärkere soziale Basis zu geben, schlossen sich die Kommunisten 1941 mit den bürgerlichen Nationalisten des Landes zur Vietminh (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams) zusammen. Diese Liga spielte in den weiteren Ereignissen nach 1945 eine wichtige Rolle.

Indochina – das Jahr 1945

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges hatte sich der Widerstand der Vietminh vor allem gegen Japan gerichtet, dessen Truppen seit 1940 große Teile Indochinas besetzt hielten. Die japanische Niederlage im Zweiten Weltkrieg verschaffte den Vietminh dann 1945 eine günstige Gelegenheit zur Verwirklichung ihres Wunsches nach Unabhängigkeit: Hatten die japanischen Eroberer nämlich 1940 die französischen Kolonialbeamten gegen die Zusage weitreichender Zugeständnisse zunächst noch im Amt belassen, so verhafteten sie viele von ihnen im März 1945 überraschend.
Damit entstand ein Machtvakuum, in dem die Vietminh ihren Einfluss schnell vergrößerte. So konnte HO CHI MINH am 2. September 1945 in Hanoi im Landesnorden die unabhängige Demokratische Volksrepublik Vietnam (DRV) ausrufen.
Damit jedoch war die nationale Unabhängigkeit aber noch lange nicht erreicht. Auf der Potsdamer Konferenz hatten die alliierten Sieger des Zweiten Weltkrieges u. a. vereinbart, dass das von Japan besetzte Vietnam für eine Übergangszeit in zwei Besatzungszonen geteilt werden sollte.

Im Süden entwaffneten daraufhin Truppen Großbritanniens die Japaner und ließen die von den Japanern internierten französischen Kolonialtruppen wieder frei.

Im Norden erfolgte die Entwaffnung durch Truppen der in China regierenden nationalchinesischen Kuomintang. Dabei kam vielfach zu Plünderungen und anderen Gewalttaten an Einheimischen, von denen insbesondere die vietnamesische Kommunisten betroffen waren. Zudem kehrten aus Vietnam geflüchtete Mitglieder der vietnamesischen Volkspartei im Gefolge der Kuomintang zurück. Diese beanspruchten nun ebenfalls die Führung der vietnamesischen Regierung, konnten sich aber gegen die Vietminh nicht durchsetzen.

So gab es 1945 in Vietnam sehr verschiedene politische Gruppierungen, die um Macht und Einfluss in dieser Region strebten. Dazu kam noch die alte Kolonialmacht Frankreich, die auch Ansprüche auf Vietnam geltend machte

Der erste Indochinakrieg 1946–1954

In Frankreich gab es nach dem Zweiten Weltkrieg einen breiten gesellschaftlichen Konsens zum Erhalt der kolonialen Besitzungen. Damit sollte auch zur Wiederherstellung des durch den Zweiten Weltkrieg angeschlagenen Ansehens Frankreichs als internationale Großmacht beigetragen werden.
Frankreich erreichte zunächst auch schnell einige Fortschritte: 1946 gab es eine Übereinkunft mit China, nach der sich die nationalchinesischen Truppen aus dem Norden des Landes zurückziehen mussten. Im Gegenzug räumte Frankreich seine Besitzungen in China.
Andererseits verstärkten sich in Vietnam die Unabhängigkeitsforderungen. Frankreich musste schließlich am 6. März 1946 seiner Kolonie die formelle Unabhängigkeit gewähren. Gleichzeitig installierte der französische Hohe Kommissar für Indochina in Saigon im Süden des Landes mit Unterstützung der vietnamesischen Oberschicht eine von Frankreich völlig abhängige Marionetten-Regierung. Dieses als Gegenregierung zur rechtmäßigen Regierung in Hanoi geschaffene Gebilde sollte die Demokratische Republik Vietnam unter HO CHI MINH politisch isolieren. Sie verstärkte aber nur die Spannungen mit den Anhängern der nationalen Unabhängigkeit.
Das Pulverfass explodierte schließlich als französische Zollbeamte auf der Suche nach illegalen Waffenlieferungen ein Schiff in Haiphong am Auslaufen hindern wollten und die Hafenstadt danach zwei Tage lang mit Kriegsschiffen beschossen wurde. Dabei starben über 6 000 Vietnamesen.
Im Gegenzug griffen Einheiten der Vietminh die französische Militärgarnison in Hanoi an. Damit hatte der erste Indochinakrieg im Dezember 1946 begonnen. Innerhalb von wenigen Monaten gelang es dabei den Vietminh, große Teile des Nordens unter ihre Kontrolle zu bringen.
Zum Erfolg der Vietminh, die sich kurze Zeit später in Vietnamesische Volksarmee umbenannten, trug bei, dass sie in den von ihnen eroberten Gebieten, die vor allem im Norden des Landes lagen, umgehend soziale Reformen zugunsten großer Teile der verarmten Bevölkerung einleiteten. Aber auch in den nicht von ihnen beherrschten, vor allem im Süden gelegenen Landesteilen, fanden die Kämpfer der Volksarmee vielfältige Unterstützung. Häufig griffen sie feindliche Einheiten überraschend an und verschwanden dann wieder im Schutz der einheimischen Bevölkerung.
Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch der Einfluss, den der Kalte Krieg auf den Indochinakrieg hatte:
Die Vietminh erhielten umfangreiche Militärhilfe aus der 1949 gegründeten Volksrepublik China. Außerdem wurde die Demokratische Republik Vietnam von der Sowjetunion und von China diplomatisch anerkannt.
Im Gegenzug nahmen die USA und Großbritannien aus Furcht vor einem sowjetischen Machtzuwachs in Indochina Beziehungen zur Gegenregierung in Saigon auf.
Die Regierungen im nördlichen Hanoi und im südlichen Saigon waren damit auch in den Kalten Krieg eingebunden, zu Sachwaltern der großen, diesen Krieg bestimmenden Mächte geworden.

Dien Bien Phu – die Entscheidung

Bis 1954 verschlechterte sich die militärische Lage für Frankreich zusehends.
Um die Initiative wiederzugewinnen, fasste der neue französische Oberbefehlshaber einen Plan. Er wollte die im Norden zersplittert operierenden französischen Einheiten in der in einem Tal gelegenen Militärfestung Dien Bien Phu im Nordwesten des Landes zusammenfassen. Dadurch wollte er die Vietminh zur Entscheidungsschlacht zwingen.
Der Plan ging aber gründlich schief. Mit Hilfe der Bevölkerung,
die zum Beispiel unter großem Einsatz im unwegsamen Gelände ganze Artilleriebatterien auf die umliegenden Berge in Stellung brachten, besiegten die Vietminh die Franzosen nach 55-tägigem Kampf entscheidend. Allein auf französischer Seite gab es dabei über 3 000 Tote.
Die militärischen Niederlage beendete die französische Kolonialherrschaft in Indochina. Auf der 1954 in Genf stattgefundenden Indochinakonferenz erklärte sich Frankreich schließlich zum Rückzug aus Indochina bereit.
Insgesamt hatte Frankreich in dem achtjährigen Krieg 50 000 Soldaten verloren und zudem über 100 000 Verwundete zu beklagen. Die Verluste der Gegenseite sind schwer abzuschätzen. Sie gingen aber in die Hundertausende.

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