Tempel und Tempelkult

Das vorstaatliche Israel hatte viele lokale und regionale Heiligtümer besessen, an denen die großen Feste zunächst der Stämme, dann des Volkes begangen wurden. Diese z.T. von der kanaanäischen Vorbevölkerung übernommenen offenen Höhenheiligtümer dienten auch nach der Staatsbildung und der Durchsetzung des Königtums weiterhin der Verehrung von Israels Gott Jahwe.

Das Königtum führte in Israel einen völlig neuen Typ von Heiligtum ein. SALOMO errichtete in der Königsresidenz Jerusalem erstmals in Israel einen Tempel als königliches Zentralheiligtum. Nach der Reichsteilung baute JEROBEAM I. für das Nordreich zwei mit Jerusalem rivalisierende Tempel in Bethel und Dan. Ein Jahrhundert nach dem Untergang des Nordreiches (722 v. Chr.) verbot die Kultreform des Königs JOSIA alle alten Höhenheiligtümer. Legitimer Kultort der seit JOSIA streng monotheistischen israelitischen Religion war fortan nur noch der Jahwe Tempel von Jerusalem. Die Vernichtung des Südreiches Juda durch NEBUKADNEZAR II. von Babylon führte

  • zur Plünderung und Zerstörung des salomonischen Tempels und
  • zur Unterbrechung jeglichen Tempelkultes.

Erst ein Erlass des Perserkönigs KYROS, der Babylon erobert hatte, gestattete den Juden 538 v. Chr. die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil und den Wiederaufbau des Jahwe Tempels. Der zweite Tempel bestand bis zum jüdischen Aufstand gegen Rom. Er wurde 70 n. Chr. bei der Einnahme Jerusalems durch die Truppen des Kaisersohnes TITUS restlos zerstört. Den Wiederaufbau verbot Rom. Die einzigen heute noch existierenden Relikte des Tempels sind Teile der westlichen Umfassungsmauern des Tempelbezirks.

Die Klagemauer in Jerusalem

Dem religiösen Judentum ist diese an die Tempelzerstörung erinnernde Klagemauer (Bild 1,2) eminent wichtig. Da sich oberhalb der Klagemauer auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Tempels mit der Al Aksa Moschee und dem Felsendom wichtige islamische Heiligtümer befinden, ist der alte Tempelbezirk Jerusalems heute ein Brennpunkt des Nahostkonfliktes.

Der Tempel SALOMOS

SALOMO errichtete den ersten Jahwetempel mit Hilfe phönizischer Handwerker. Vermutlich geschah dies am Platz des alten kanaanäischen Tempels von Jerusalem, und zwar westlich des heutigen moslemischen Felsendoms. Das Vorbild für den Tempel lieferte die syrische Tempelarchitektur. Das dreiteilige Gebäude wurde als Langhaus mit vorgezogenen Seitenwänden (Anten) errichtet. Die Vorhalle (Ulam) zwischen den Anten und dem Langhaus trennte ein prächtiges Tor, das Nicht-Priestern den Blick in das Heilige (Hekal), die Halle des Tempelinneren verwehrte. Das Allerheiligste (Debir) im hinteren dritten Teil des Langhauses teilte nochmals eine Doppeltür von der Halle ab. Den Raum hinter der Doppeltür, in dem Jahwe als unsichtbar anwesend galt, war nur dem Hohen Priester zugänglich. Er betrat ihn nur am höchsten Feiertag, dem Versöhnungstag Jom Kippur.

Das Allerheiligste galt als Wohnung Jahwes. Dort thronte er mit der aus nomadischer Zeit stammenden Bundeslade als Fußschemel unsichtbar auf einem riesigen von Flügelwesenstatuen (Cherubim) bewachten Sitz. Den Vorraum erleuchteten auf beiden Seiten fünf goldene Leuchter. Zum wertvollen Tempelinventar gehörten ferner ein goldener Schaubrottisch für 12 eine Woche ausliegende Brote und ein Altar, auf dem täglich Weihrauch verbrannt wurde.
Den Tempeleingang flankierten zwei frei stehende Bronzesäulen, Boas (Kraft) und Jachin (Festigkeit). Den Tempel selbst umgab ein geschlossener Doppelhof. Gewöhnliche Israeliten durften als Laien nur den Vorhof betreten. Allein die Priester hatten Zutritt zum Haupthof. Dort befanden sich vor dem Tempel ein steinerner Altar für Brandopfer das „eherne Meer“, ein von Stierstatuen getragenes riesiges Bronzebecken zur rituellen Reinigung der Priester.

Der zweite Tempel

Nach dem Ende des Exils begann unter der Leitung des davididischen Prinzen SERUBABEL 520 v. Chr. in Jerusalem der Wiederaufbau des Tempels. Die Einweihung erfolgte 515 v. Chr. Unter HERODES, der weite Teile Palästinas als römischer Klientelkönig beherrschte, kam es zu einem völligen Umbau und einer großflächigen Erweiterung von Tempel und Tempelgelände. So entstand für kurze Zeit der prächtigste und größte Tempelkomplex der römischen Antike, mit dem HERODES die Jersalemer Priesterschaft mit einer höchst eindrucksvollen Bühne für die kultischen Zeremonien beschenkte. HERODES begann den Bau 19 v. Chr. vollendet war er erst 64 n. Chr., sechs Jahre vor seiner endgültigen Zerstörung. Um eine rituelle Verunreinigung des Tempelgeländes bei den Bauarbeiten auszuschließen, ließ HERODES die Tempelarbeiten von 1000 eigens zu Bauhandwerkern ausgebildeten Priestern ausführen.
Da die Bundeslade 587 v. Chr. von den Babyloniern geraubt und verloren war, blieb das Allerheiligste des zweiten Tempels leer. Nur ein Vorhang trennte es vom Vorraum ab. Das wichtigste Inventarstück waren ein neuer Schaubrottisch und eine Menorah, ein großer goldener siebenarmiger Leuchter, den Jerusalems römischer Eroberer TITUS 71 n. Chr. als wichtigstes Beutestück in seinem Thriumph über Judaea zeigte. Die Menorah ist noch heute eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums. Das Allerheiligste des Herodestempels war völlig leer.

Klagemauer

HERODES ließ den Tempel aus weißem Marmor erbauen. Die Westfassade war 50 m hoch und ebenso breit. Teile der Fassade und das Dach waren mit Gold verkleidet, so dass antike Betrachter im Sonnenschein den Eindruck einer hellglänzenden schneebedeckten Bergkuppe gewannen. Allein um die riesigen schweren Tempeltore zu schließen, benötigte man 200 Männer. Das gesamte Tempelareal des HERODES umfasste 144 000 m². Um eine plane Fläche für die Erweiterungen zu gewinnen, wurde der Nordteil des Tempelberges planiert, im Süden waren bis zu 38 m hohe Aufschüttungen nötig. Um sie zu stützen wurden gigantische Mauern errichtet, zu deren westlichen Abschnitten die Klagemauer zählt.
Den herodianischen Tempel umgab eine Vielzahl von Höfen. Je näher zum Tempel sie lagen, desto höher musste die rituelle Reinheit der Besucher sein.

  • Nicht-Juden durften nur den „Vorhof der Heiden“ betreten,
  • Jüdinnen bis zum „Vorhof der Frauen“ passieren,
  • jüdische Männer bis zum „Vorhof der Israeliten“.
  • Die inneren Teile waren den Priestern vorbehalten.

Trotz aller Versuche, den Tempel zu fördern und Priester und Bevölkerung zu gewinnen, fürchtete HERODES den Tempel, an dem die Massen unkontrollierbar zusammenströmten, als potenziellen Ausbruchsherd von Revolten. Zur Bewachung des Areals und zur Demonstration seiner Macht verstärkte HERODES daher die im Norden an den Tempelbezirk grenzende Burg Antonia. Deren Festungstürme überragten die Mauern des Tempelbezirks als steinerne Mahnung.

Kult und Kultpersonal

An der Spitze des Kultpersonals stand der Hohe Priester. Den täglichen Kult versahen eine erbliche Priesterschaft. Ihnen unterstanden mit den Leviten ein ebenfalls erblicher niederer Klerus, der Hilfsdienste leistete und z. B. Musiker, Sänger, Wächter und Verwalter stellte. Die Leviten stellten die Masse des Tempelpersonals, erhielten aber nur einen sehr kleinen Teil der überwiegend aus Opfern und Opfertierverkauf stammenden Tempeleinnahmen. Sie waren oft gezwungen, profane Nebenberufe auszuüben.
Die wichtigsten Opfer, die die Priester als Dank der gesamten jüdischen Kultgemeinde an ihren Gott darzubringen hatten, waren zwei tägliche Brandopfer (Tamid), am Morgen und am frühen Nachmittag. Sie durften unter gar keinen Umständen ausbleiben und für die Juden war es eine religiöse Katastrophe, als vor der Wochen vor der Tempelzerstörung des Jahres 70 n. Chr. wegen des Fehlens geeigneter Lämmer im belagerten Jerusalem eingestellt werden mussten. Aber auch jeder Israelit und jede jüdische Gruppe konnte Opfer als Ausdruck von Frömmigkeit darbringen lassen. Bei speziellen Sühne- und Vergebungsopfern wurde nur das Fett verbrannt; Teile verzehrten die Opferteilnehmer in gemeinsamem Mahl.
Die Opfer bestanden überwiegend aus Tieren wie Stieren, Schaf- und Ziegenböcken und, von den Ärmeren bevorzugt, Tauben. Sie hatten völlig makellos zu sein und wurden rituell zum Opfer erklärt, gereinigt, geschlachtet, zerlegt und verbrannt. Dazu wurden Wein, Mehl und Öl geopfert.
Dreimal im Jahr, zu den großen jüdichen Wallfahrtsfesten

  • Pessach bzw. Mazzenfest (Fest der ungesäuerten Brote),
  • Schawuot (Wochenfest),
  • und Sukkoth (Laubhüttenfest)

waren Jerusalem und der Tempel Ziel gewaltiger Pilgermassen aus den jüdischen Gebieten Palästinas und den Diasporagemeinden im Mittelmeerraum. Über 100 000 Pilger dürften die Stadt zur Zeit des HERODES regelmäßig förmlich überschwemmt. haben. Geldwechsler (im Tempel durfte nicht mit rituell unreinem griechischem oder römischem Geld bezahlt werden) und Opferverkäufer verwandelten das Umfeld des Tempels dann in einen riesigen Markt. Nicht zuletzt die vehemente Kritik daran führte um 30 n. Chr. zur Konfrontation zwischen JESUS und den Tempelautoritäten.

Das Ende von Tempel und Kult

Während des jüdischen Aufstandes gegen Rom (68–72 n. Chr.) war der von Aufständischen besetzte Tempel ein Hort des Widerstandes gegen die römischen Belagerer Jerusalems. Als die Römer Jerusalem 70 n. Chr. stürmten, ging der Tempel gegen den ausdrücklichen Befehl des TITUS in Flammen auf. Da Rom den Wiederaufbau verbot, besaß das Judentum seitdem keine Kultstätte mehr. Jüdischer Gottesdienst existiert seitdem nur als opferfreier Wortgottesdienst in der Synagoge.

Meister des Ulmer Hochaltars: Hochaltar des Ulmer Münsters, Szene: Gastmahl des Herodes, um 1405, Leinwand auf Holz
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