Giovanni Lorenzo (Gianlorenzo) Bernini

BERNINI – ein genialer Künstler

Kaum ein europäischer Bildhauer nach MICHELANGELO hat seine Epoche so geprägt wie GIOVANNI LORENZO BERNINI, der als Inbegriff des barocken Künstlerfürsten galt.
Als Sohn des aus Florenz stammenden Bildhauers PIETRO BERNINI erlernte der junge GIOVIANNI LORENZO die Bildhauerkunst im Atelier des Vaters.

Der Vater erkannte früh die außerordentliche Begabung seines Sohnes. Bereits mit acht Jahren fertigte GIOVANNI LORENZO selbstständig Skulpturen an. Mit 11 Jahren erhielt er schon den ersten päpstlichen Auftrag. Papst PAUL V. empfahl den Jungen dem Kardinal BARBERINI, dem späteren Papst URBAN VIII. Jener wurde zum entscheidenden Förderer BERNINIs und vertraute ihm im Jahre sogar die Bauleitung im Petersdom an.

BERNINI war künstlerisch in vielen Bereichen begabt. So soll er u. a. auch Theaterstücke geschrieben, Bühnendekorationen entworfen und Musik komponiert haben, aber vor allem in der Bildhauerei zeigte sich seine Genialität. Die perfekte Bearbeitung des Steines machte ihn weit über die Grenzen Italiens berühmt.

Ohne Hilfskonstruktion oder Berechnung gelang es ihm, Figuren in enormer Geschwindigkeit aus dem Stein zu meißeln. Besonders durch die Oberflächengestaltung des Steines erreichte er eine Wirkung, die bis ins Kleinste die Zusammenhänge zwischen Haut und darunter liegenden Muskeln und Knochen aufzeigte und somit die Härte des Steines in eine ungeahnte Weichheit fließen ließ.

Unter den Händen BERNINIs wurde auch die Architektur Bildwerk und Bauwerk in einem. Er wurde häufig als Inbegriff des römischen Barock bezeichnet.

Stationen seines Lebens und Wirkens

Im Rom des 17. Jahrhunderts diente BERNINI nicht weniger als acht Päpsten. Nach ersten Arbeiten für Papst URBAN VIII. schuf BERNINI vier bedeutende Marmorskulpturen für den kunstsinnigen Kardinal SCIPIONE BORGHESE, darunter die berühmte Figurengruppe „Apoll und Daphne“. Inspiriert von den „Metamorphosen“ des römischen Dichters OVID (43 v. Chr.–17 n. Chr.) entstand eines der Urbilder der profanen Barockskulptur: Der junge Gott Apoll entbrennt in Liebe zur schönen Nymphe Daphne. Als diese den Nachstellungen zu entfliehen versucht, eilt Apoll ihr nach, bis sie auf ihr Bitten hin gerettet wird durch die Verwandlung in einen Lorbeerbaum. BERNINI zeigt hier, dass sich eine erzählende Handlung auch in einer Skulptur wiedergeben lässt. Um das Geschehen in seiner dramatischen Abfolge – und nicht nur im Höhepunkt – sichtbar zu machen, nutzte er die verschiedenen Schauseiten, die sich beim Umschreiten der Marmorgruppe ergeben.

Auch in den drei Figurengruppen „Aeneas und Anchises„ (1618/19), „Pluto und Prosperina“ (1621/22) und „David“ (1623; alle Rom, Villa Borghese) veranschaulicht BERNINI die Abfolge einer Handlung.

Im Jahre 1623 stieg BERNINI unter Papst URBAN VIII. zum unangefochtenen künstlerischen Leiter Roms auf. URBAN VIII. ernannte ihn 1629 zum Nachfolger CARLO MADERNOs als Baumeister des Petersplatzes.

„Sie sind für Rom gemacht und Rom für Sie“,

soll URBAN VIII. zu BERNINI gesagt haben.

BERNINI zeichnete von nun an verantwortlich für den gesamten Bezirk von St. Peter, zu der die Gestaltung des Petersplatzes mit den Kolonnaden (1656–1667) ebenso gehörte, wie die Innenausstattung des Petersdomes mit der Vierung und den Kuppelpfeilerstatuen, von denen BERNINI den Heiligen LONGINUS schuf. In den Jahren 1628 bis 1647 arbeitete er an dem Grabmal Papst URBANs VII.

Als ein Haupt- und Meisterwerk BERNINIs gilt der Bronzebaldachin über dem Petrusgrab (1624–1633): Vier kolossale, fast elf Meter hohe, gewundene Säulen aus Gold und Bronze werden überfangen von einem Baldachinhimmel, der mit dem Gebälk zu einer Einheit verschmolzen ist. Stehende Engel auf den vier Ecken des Gebälks sind mit Lorbeerranken ausgestattet. URBAN VIII. beauftragte BERNINI auch mit der Errichtung von zwei Glockentürmen an der Fassade von St. Peter. Nachdem der 1638 bis zum zweiten Geschoss errichtete Turm wegen aufgetretener Risse an der Fassade wieder abgetragen werden musste, erlitt BERNINIs Karriere einen ersten und einzigen Rückschlag.

Mit Entwurf und Ausführung des Vierströmebrunnens auf der Piazza Navona 1647, einem Meisterwerk im urbanen Kontext auf einem der wichtigsten Plätze Roms, erlangte BERNINI die Gunst seiner Auftraggeber zurück: Vier überlebensgroße Personifikationen der Flüsse Nil, Ganges, Donau und Rio de la Plata, der vier großen Ströme der damals bekannten vier Kontinente, sind verbunden mit einem Travertinblock, dessen vier Teile die damals bekannten vier Erdteile verkörpern. Bekrönt wird diese Komposition von einem Obelisken aus der Zeit DIOKLETIANs und dem Wappentier des Papsttums der Taube, womit dem Auftraggeber Papst INNOZENZ X. gehuldigt wird.

Im Auftrag Papst ALEXANDERs VII. realisierte BERNINI in der Apsis die Cathedra Petri (1657–1666), die als ein Höhepunkt seines Schaffens gilt: In diesem Bronzemonument wird der Thron PETRI getragen von den vier Kirchenvätern. In der Zone darüber, inmitten stuckierter Wolkenformationen, wird ein ovales Fenster – mit der Taube den Heiligen Geist symbolisierend – zu einer für BERNINIs Kompositionen charakteristischen Lichtquelle, die der Darstellung ihre mystische Qualität verleihen. 1658–1670 vollendete er die Kirche Sant' Andrea al Quirinale, 1663–1666 die Scala Regia und 1664–1667 den Palazzo Chigi-Odescalchi.

BERNINI, der sich auch als Maler, als Autor von Schauspielen und als Theaterregisseur betätigte, war ein barocker Universalkünstler. Seiner Architektur wie auch seinen Skulpturen ist die Freude am Theater anzumerken. So wird etwa die Figurengruppe „Die Verzückung der heiligen Theresia von Ávila“, die BERNINI selbst für sein bestes Werk hielt, durch eine dem Betrachter verborgene Lichtquelle in Szene gesetzt und ins Übernatürliche entrückt. Mit seiner viel bewunderten Meißeltechnik schuf er Skulpturen von ergreifender Lebensnähe wie von barocker Gottessehnsucht.

BERNINI in Paris

1665, gegen Ende der Arbeiten an der Cathedra Petri, reiste BERNINI auf Einladung des französischen Königs LOUIS XIV. nach Paris, um Pläne für die Neugestaltung der Ostfassade des Louvre vorzulegen. Voller Tatendrang und Enthusiasmus machte sich BERNINI auf den Weg nach Paris. PAUL FRÉART, Herr von Chantelou, der BERNINI als Begleiter auf dieser fünfmonatigen Reise zugeteilt war, berichtet in seinem Tagebuch über den inzwischen 67-jährigen Künstler:

„Berninis Temperament ist nichts als Feuer … Für sein Alter ist er sehr energisch und will immer zu Fuß gehen, so als sei er 30 oder 40 Jahre alt.“

BERNINIs Umbaupläne für den Louvre waren jedoch dem französischen König zu „barock“, zu „italienisch“, sodass ihnen wenig später die streng klassizistischen Entwürfe CLAUDE PERRAULTs vorgezogen wurden. Erfolg war ihm indessen beschieden mit der Marmorbüste des Königs (1665; Versailles, Schloss). Diese in starker Untersicht und damit Erhabenheit demonstrierende Darstellung des Königs wurde unübertroffenes Vorbild vieler Herrscherdarstellungen ebenso wie BERNINIs Reiterstatue des „Sonnenkönigs“.

Am 28. November 1680 verstarb BERNINI. Sein Leichnam wurde in einer dem barocken Künstlerfürsten würdigen Zeremonie im Familiengrab in der römischen Kirche Santa Maria Maggiore bestattet.

BERNINIS Einfluss auf die barocke Stilepoche und darüber hinaus

Erst seit etwa 100 Jahren wird der Barock als eigenständige Kunstrichtung zwischen Renaissance (Manierismus) und Klassizismus betrachtet. So konnte BERNINI zu seiner Zeit noch gar nichts vom Barock wissen. Der römische Barock kann etwa mit den Jahren 1590–1760 angesetzt werden. Doch erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde diese Kunstrichtung als „baroque“ – schlechter, regelwidriger Geschmack bezeichnet. Warum? Die einst negative Bedeutung bezog sich auf die späte Phase der Renaissance und wurde deshalb als Verfall und Entartung betrachtet. Etwa seit 1860 werden die Kunstwerke des Barock mit anderen Augen betrachtet, auch das ist u. a. den genialen Werken BERNINIs geschuldet.

Besonders im katholischen Italien konnte sich der Barock entfalten. Mit diesem Stil wollte sich die katholische Kirche vom Protestantismus abgrenzen. Der Barock übernahm vom Manierismus die Dynamik und von der Hochrenaissance die Pracht und Erhabenheit. Mit diesem Stil gelang es, intensivst religiöse Gefühle auszudrücken. Auch BERNINI war wie die meisten Künstler seiner Zeit tief religiös. Die Geburtsstunde des römischen Barock beschreibt FRIEDERIKE NEBEL (www.latein-pagina.de):

„Als Geburtsstunde des römischen Barock können wir den 18. November 1593 ansehen, an welchem das vergoldete Gipfelkreuz auf der eben vollendeten Kuppel des Peterdomes aufgerichtet wurde. Michelangelo öffnete mit dieser Kuppel, die alles Vorangegangene übertraf, den Weg für die barocke Kunst. Die Kuppel, die trotz ihrer riesigen materiellen Ausmaße eine Illusion aufstrebender, schwebender Belebung erweckt und sowohl non Nahem, als auch von Weitem betrachtet als Ganzes erscheint war das Neue, Einzigartige und für den Barock von nun an schlechthin Vorbildliche.“

Während MICHELANGELO in gewissem Sinne als der Stammvater des Barock angesehen werden kann, wird BERNINI als der Inbegriff des römischen Barock bezeichnet. Eines seiner frühen Werke ist der „David mit der Schleuder“ (1623–1625). Der Gesichtsausdruck des David ist starr fast pathologisch.

Im Gegensatz zu MICHELANGELOs David zeigt BERNINI den Augenblick der Tat. Diese Art der Gestaltung wurde typisch für den Barock. BERNINI erfasst die Bewegung des Körpers, die Spannung der Muskeln, das Moment mit größter Virtuosität. Die Wiedergabe des flüchtigen Augenblicks, was BERNINI z. B. auch mit Apoll und Daphne gelang, kennzeichnete das Schaffen dieses Künstlers. Mit seiner grandiosen handwerklichen Leistung bei der Darstellung verschiedener Elemente wie Haare, Haut, Stoff, Blätter gelangen BERNINI alle Zeiten überdauernde Kunstwerke.

BERNINI beeinflusste sowohl zeitgenössische wie spätere Generationen mit Vorträgen an der Akademie in Paris aber vor allem durch seine unsterblichen Kunstwerke. Seine Skulpturen erscheinen noch heute wie „beseelte Organismen“, unter seinen Händen schien „Marmor sich in Wachs verwandelt zu haben“.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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