Gotische Plastik

Kennzeichen gotischer PlastikMaterialienDarstellungsformen
und -themen
• bewegte Figuren
mit größerer
• Lebendigkeit, oft leidend dargestellt
• Lockerung der Architektur-
gebundenheit
• Herausbildung der Freiplastik
• plastische Durchgestaltung von Architekturteilen, wie z. B. Fialen (Ziertürmchen), Wasserspeier,
Wimperge
• Stein,
z. T. bemalt
• Holz, z. T. bemalt
• Edelmetalle
• Flügelaltar
• Pieta
• Christus-
Johannes-Gruppe
• Christus als Schmerzensmann Madonnengruppe
• Kruzifix
• Christus-
Apostel-Gruppe
• Anna selbdritt (gemeinsame Darstellung der hl. Anna mit Maria und dem Jesuskind)

Relieffiguren im Bamberger Dom

Eine recht frühe Skulptur der Gotik stellt der sogenannte Bamberger Reiter dar. Um 1225 hatte ein Wechsel der Bildhauerschulen in Bamberg stattgefunden. Diese jüngere Bildhauergeneration hatte offensichtlich Kontakt zu dem Reimser Meistern. Sie schuf nach dem Vorbild der Reimser Schule das Reiterstandbild, das einen sehr ungewöhnlichen Platz fand. Es wurden acht Steinblöcken geformt und zusammengesetzt sowie auf zwei Konsolen gestellt, auf der sich eine Akanthusblattkonsole befindet.

Der untere Teil des Reiters ist aus einem Stein gehauen und besteht aus dem unterem Teil des Pferdes, den Beinen und dem Bauch, sowie einer dem Pfeiler vorgeklebten Platte. Diese Platte ist also fest mit dem Pfeiler verbunden. Das Standbild kann deshalb, obwohl es zunächst den Anschein hat, nicht als Freiplastik gelten. Die oberen Teile des Reiters dagegen verbinden sich nicht mit dem Pfeiler.

Die Skulptur erscheint uns überlängt, wie es später im Manierismus üblich war, mit einem raffiniert ausgeführten Mantelwurf. Auffällig ist dagegen die geometrische Gestaltung der Frisur. Die Krone weist den Dargestellten als König oder Fürsten aus. Man vermutet das Porträt des Königs ISTVAN VON UNGARN dahinter. Andere Forscher meinen, beim Bamberger Reiter handele es sich um eine idealisierte Herrscherfigur. Der Bamberger Reiter blickt mit leichter Rechtsdrehung des Kopfes in den Gebetsraum.

Das Reiterstandbild war ursprünglich bemalt, ähnlich wie die Stifterfiguren im Naumburger Dom.

Der Bamberger Reiter stellt wahrscheinlich das idealisierte Bild eines mittelalterlichen Herrschers dar.

Der Bamberger Reiter stellt wahrscheinlich das idealisierte Bild eines mittelalterlichen Herrschers dar.

Im Bamberger Dom befindet sich auch die Grablege des Fürstbischofs von Hohenlohe. Aus einer Platte ragt das Relief einer überlängten Bischofsfigur heraus, sich mit der Rechten auf den Stab stützend, die Linke umfasst ein Buch, weist ihn als Gelehrten aus. Die Figur ist leicht geschraubt, der Kopf löst sich von der Platte, ist demütig nach vorn gebeugt, das Gewand des Bischofs, weist, genau wie das des Bamberger Reiters, den für die Gotik typischen raffinierten Faltenwurf aus. Vor 1352 wurde dieses Relief geschaffen.

Die Grablege des Fürstbischofs von Hohenlohe ist eine für die damalige Zeit typische Steinmetzarbeit. Diese ist gekennzeichnet durch die überlängte Figur und den charakteristischen Faltenwurf des Gewandes.

Die Grablege des Fürstbischofs von Hohenlohe ist eine für die damalige Zeit typische Steinmetzarbeit. Diese ist gekennzeichnet durch die überlängte Figur und den charakteristischen Faltenwurf des Gewandes.

Solche Steinmetzarbeiten, wie den Bamberger Reiter oder das Fürstengrab, wurden auch als reicher Schmuck für die Fassaden der Westwerke benutzt. Im spätgotischen Portal des Erfurter Doms wurden Nischen geschaffen, in denen man Heiligenfiguren aus Sandstein unterbrachte.

Das Portal des Erfurter Doms stammt aus spätgotischer Zeit.

Das Portal des Erfurter Doms stammt aus spätgotischer Zeit.

Geschnitzte Flügelaltäre

Eine besondere Kunstfertigkeit erreichten gotische Holzschnitzer bei Flügelaltären. Diese bestehen aus

  • Mensa (Tisch) und
  • Predella (Sockel). Über der Predella befindet sich
  • das Retabel (der Altaraufsatz, der Schrein).
  • Das Gesprenge bildet den oberen Abschluss des Altars.
Aufbau eines Flügelaltares

Aufbau eines Flügelaltares

Von besonderer Ausdruckskraft ist der in der Marienkirche von Krakau (heute Kraków, Polen) zu sehende Marienaltar (1477–1489), den VEIT STOSS (1447–1533) schuf. Er ist mit seiner Breite von 11 m und einer Höhe von 13 m der größte Schnitzaltar Europas. Die ca. 2,7 m großen Skulpturen wurden aus Lindenholz geschnitzt, die tragende Konstruktion aus Eichenholz.

Die Haupttafel des Retabels in Krakau zeigt Tod und Himmelfahrt Marias. Im Zentrum des unteren Bildteils sinkt Maria sterbend in die Arme eines Apostels, darüber sind Himmelfahrt und Krönung Mariens in Begleitung des heiligen Adalbert dargestellt. Die beiden Flügel des Altars beinhalten Szenen aus dem Leben Marias und Jesu. Am Schaffen VEIT STOSS’ lässt sich der Übergang von der Spätgotik (Krakauer Altar) zur Renaissance (Bamberger Altar) sehr gut ablesen.

Der Marienaltar in der Marienkirche von Krakau (heute Kraków, Polen) wurde von VEIT STOSS zwischen 1477 und 1489 aus dem Holz geschlagen und, wie es damals üblich war, reich mit Farben bemalt und mit Blattgold verziert.

Der Marienaltar in der Marienkirche von Krakau (heute Kraków, Polen) wurde von VEIT STOSS zwischen 1477 und 1489 aus dem Holz geschlagen und, wie es damals üblich war, reich mit Farben bemalt und mit Blattgold verziert.

Der wohl bedeutendste spätgotische Holzschnitzer und Steinbildhauer im mainfränkischen Raum war TILMAN RIEMENSCHNEIDER (um 1455–1531). Auch sein Werk ist ein Beispiel des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance.

Seine Werke sind durch den holländischen Realismus beeinflusst, die Gesichter und Haltungen seiner Figuren sind bereits sehr individuell geprägt. Dadurch wird eine besondere Nähe der Figuren zu den Menschen des ausgehenden Mittelalters deutlich. Die Heiligen werden in den Alltag einbezogen. Während STOSS seine Figuren noch bemalte, verzichtete RIEMENSCHNEIDER in vielen seiner Werke völlig auf Farbe. Sie bestechen durch das Spiel von Licht und Schatten.

RIEMENSCHNEIDERs Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber (1501–1505) stellt das Letzte Abendmahl ins Zentrum. Jesus reicht Judas ein Stück Brot als Zeichen, dass er ihn verraten wird, Judas hält den Beutel mit den
30 Silberlingen bereits in der Hand. Die in der Aposteldarstellung obligatorische sogenannte Christus-Johannes-Gruppe wird durch ihn fast verdeckt.

RIEMENSCHNEIDERs Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber (1501–1505) ist ohne jedwede Farbgebung. Das weist schon in die Zeit der Renaissance hinein. Erst im Barock wird es wieder üblich, Skulpturen zu bemalen.

RIEMENSCHNEIDERs Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber (1501–1505) ist ohne jedwede Farbgebung. Das weist schon in die Zeit der Renaissance hinein. Erst im Barock wird es wieder üblich, Skulpturen zu bemalen.

Traditionell bildet sie die Mitte der Abendmahlsszene. Diese „Johannesminne“ genannte Beziehung der Figuren wird als Vereinigung der Seele mit Gott gedeutet. RIEMENSCHNEIDER stellt sie in die linke Bildhälfte und den Verrat, also Judas, ins Zentrum. Die dargestellten Jünger Jesu wie auch der Heiland selbst tragen individuelle Gesichtszüge, selbst Bart- und Haupthaar sind akribisch aus dem Holz herausgearbeitet, die Körperhaltungen sowie der Fall der Gewänder wirken weitgehend natürlich. Auffallend sind die langgestreckten Gesichter, die noch den Geist der Gotik atmen.

Die Cristus-Johannes-Gruppe von RIEMENSCHNEIDERs Heilig-Blut-Altar stellt die sogenannte „Johannesminne“ als Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott dar.

Die Cristus-Johannes-Gruppe von RIEMENSCHNEIDERs Heilig-Blut-Altar stellt die sogenannte „Johannesminne“ als Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott dar.

Der Maler und Bildschnitzer MICHAEL PACHER (um 1435–1498) ist der Hauptmeister der österreichischen Spätgotik mit Einflüssen der Renaissance. Als seine reifste Leistung gilt der Hochaltar von Sankt Wolfgang (1471) im Salzkammergut. Die Haupttafel zeigt eine geschnitzte Gruppe der Marien-Krönung, die Flügel einen Zyklus von Tafelbildern.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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