Karolingische Architektur

Als der Reiseherrscher¹ KARL DER GROSSE seinen Hof (palatium) nach Aachen verlegte und dort seine Pfalz (Königshof) errichten ließ, griff er auf die Kirche San Vitale (527 begonnen) in Ravenna, einem Umgangszentralbau nach byzantinischem Vorbild, zurück (die Stadt war nach 540 Sitz des byzantinischen Vizekaisers im eroberten Verwaltungsdistrikt, dem Exarchat von Ravenna).

¹ Der Terminus Reiseherrscher deutet darauf hin, dass die frühen fränkischen Herrscher über keine eigentliche Hauptstadt verfügten, also auch nicht über einen ständigen Herrschaftssitz. Sie reisten vielmehr von einer herrschaftlichen Pfalz zur nächsten. Das Wort palatium aus dem Lateinischen deutet auf den Königssitz bereits hin, denn es leiten sich die Wörter Pfalz, Palast und Palais ab. Das Wort selbst bezeichnete ursprünglich das Haus des Augustus auf dem Palatin, einem der sieben Hügel Roms.

Blick ins Innere der Aachener Pfalzkapelle

Blick ins Innere der Aachener Pfalzkapelle

Die Architektur und die Mosaiken im Inneren der Kirche beeinflussten besonders die Romanik.

Die Aachener Pfalzkapelle

Die Aachener Kapelle in Form eines Achtecks (Oktogon) wurde 796–805 nach einem Entwurf von EUDES (ODO) VON METZ als damals größter Kuppelbau nördlich der Alpen erbaut.

Grundriss der Aachener Pfalzkapelle

Grundriss der Aachener Pfalzkapelle

Der Kuppelraum wird von einem kreuzgratgewölbten zweigeschossigen Umgang umzogen, dessen Außenmauern ein Sechzehneck bilden. Die über den halbrunden Arkaden befindlichen Geschosse des Umgangs stattete EUDES VON METZ mit Rundbögen unter Verwendung spätantiker Granit-, Porphyr- und Marmorsäulen aus Rom, Trier und Ravenna aus.

Ein Kreuzgratgewölbe als Kombination von zwei gleich großen Tonnengewölben

Ein Kreuzgratgewölbe als Kombination von zwei gleich großen Tonnengewölben

An der Westseite des Oktogons befinden sich zwei aus karolingischer Zeit stammende Treppentürme sowie ein aufwendig gestaltetes Westwerk (als baulicher Ausdruck für das „imperium mundi“, die weltliche Herrschaft), das Vorbildcharakter für romanische und gotische Bauten hatte. Spätere An- und Einbauten stammen vorwiegend aus der Romanik (Karlsschrein) und Gotik (Chor, Kapellen).

Frühchristliche Basilika

Die Übernahme der frühchristlichen Basilika als weitere Bauform neben dem Zentralbau durch die Baumeister der karolingischen Renaissance wirkte sich nachhaltig auf die Kirchenbauten der Romanik und Gotik aus. Vorbild wurde die Kirche von Saint Denis (775 geweiht, von Abt SUGER im gotischen Stil umgebaut). Sie verfügte über

  • Langhaus sowie
  • Querhaus und
  • Apsis mit Ringkrypta.

Mit der Stiftskirche in Fulda (790–819) wurde die Doppelchoranlage als typischer Bestandteil der späteren Romanik in die Architektur Westeuropas eingeführt. Das Benediktinerkloster Corvey bei Höxter (Westfalen, 844 geweiht) war – als eines der wenigen noch erhaltenen Bauten – mit einem Westwerk (885 geweiht) ausgestattet.

In Sankt Gallen begann ab etwa 820 der Bau eines karolingischen Klosters. Der vollständig erhaltene Grundrissplan zeigt eine doppelchörige Basilika. Der Bau wurde nicht vollendet.

Weitere karolingische Bauten sind u. a.:

  • Kirche St. Michael zu Rohr; geweiht 875 als Pfalzkapelle. Die Fundamente sind noch erhalten.
  • Ratgarbasilika in Fulda; gebaut 791–891;
  • ehemalige Abtei Saint-Pierre in Flavigny-sur-Ozerain (Frankreich); geweiht 864, wurde 887 von Normannen zerstört;
  • Benediktinerabtei in Lorsch, erhalten ist die Torhalle (um 800);
  • ehemalige Klosterkirche Saint-Germain in Auxerre (Frankreich); 841–860 wurde die Krypta errichtet;
  • Einhardsbasilika in Seligenstadt; begonnen 830.

 

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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