Klangkunst

Die Idee des Gesamtkunstwerks, die Entwicklung von Technik und Multimedia haben die ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten für Künstler erweitert. Nicht nur Bildende Künstler, sondern auch Komponisten, Musiker und Architekten schufen neuartige Werke, die die traditionellen Grenzen der Kunst überschritten und individuelle künstlerische Konzepte realisierten.

1971 prägte der Texaner MAX NEUHAUS (1939–2009) dafür den Begriff „Klanginstallation“ („sound installation“), der Werke beschreibt, die weder einen Anfang noch ein Ende haben und deren Struktur sich mehr im Raum als in der Zeit entfaltet.

Wichtige Vertreter der Klangkunst

LLORENÇ BARBER
* 1948 in Aielo de Malferit

  • lebt seit 1972 in Madrid;
  • Klavier-, Orgel-, Kompositions- und Dirigierstudium in Valencia und Madrid, Studium der Kunstgeschichte in Madrid, Studium der zeitgenössischen Musik in Darmstadt und Siena;
  • seit 1990 Professor am Institut für Ästhetik in Madrid;
  • wichtige Elemente seiner Kompositionen nach 1980 sind Obertongesänge, Glocken, Lautgedichte und Volksmusik sowie Improvisation; seit 1980 gibt er Stadtkonzerte und mehrstündige Konzerte von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang; 1981 konstruierte er einen tragbaren Glockenturm; seine Glockentürme sind zerlegbar und bestehen u.a. aus Fundstücken wie alte schüsselförmige Eisenteile oder Deckel von Wassercontainern, die Glocken spielt er mit verschiedenen Schlägeln, mit dem Körper oder mit dem Mund (z.B. „Spanische Glocken“, 1988); er entwickelte die perkussive Seite des Instruments und vollzieht improvisatorisch eine Art zeremoniellen Dialog mit seinem Instrument; er gibt internationale Konzerte und Performances.

HENNING CHRISTIANSEN
* 1932 in Kopenhagen

  • lebt seit 1970 auf der Insel Møn (Dänemark);
  • 1950–55 Studium der Komposition, Klarinette und Klavier in Kopenhagen; 1960–61 Studium der Musikgeschichte und Musiktheorie in Kopenhagen;
  • in den 1960er Jahren an der Fluxus-Bewegung beteiligt; im Bereich Performance Zusammenarbeit mit JOSEPH BEUYS (1921–1986) und BJØRN NØRGAARD (* 1947); 1985–97 Professor für Multimedia an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg;
  • im Mittelpunkt seines Schaffens stehen multimediale happeningartige Performances und Objekte, die mit Klang assoziiert werden; Leben und Freiheit spielen in seinem Werk eine große Rolle, symbolisch stehen dafür z.B. Kanarienvögel, die er in einigen seiner Arbeiten verwendet.

WALTER FÄHNDRICH
* 1944 in Menzingen (Schweiz)

  • lebt im Tessin und in Basel;
  • 1965–71 Musikstudium am Konservatorium Luzern (Hauptfächer Theorie und Viola);
  • 1971–85 Unterrichtstätigkeit; seit 1972 Komposition von Musik zu Hörspiel, Theater, Ballett, Film; seit 1973 Konzerte mit improvisierter Kammermusik; Workshops zu Live-Komposition/Improvisation; seit 1979 Komposition und Realisierung elektroakustischer Musik; seit 1980 „Musik für Räume“, Musikalische Projekte und Klanginstallationen in Innen- und Außenräumen.

BILL FONTANA
* 1947 in Cleveland, Ohio

  • lebt in Paris;
  • Philosophie- und Musikstudium u.a. an der New School of Social Research in New York;
  • nach einem längeren Aufenthalt in Australien, Gastkünstler in Deutschland und Japan; seit 1976 zahlreiche radiophone Projekte und Klangskulpturen; von wesentlicher Bedeutung für Fontanas künstlerische Entwicklung sind seine für das Studio Akustische Kunst des WDR in Köln realisierten Kompositionen und Live-Klangskulpturen, u.a. „Entfernte Züge“ (1983), „Metropolis Köln“ (1984) „Satelliten-Ohrbrücke Köln – San Francisco“ (1987).

ROLF JULIUS
* 1939 in Wilhelmshaven

  • lebt in Berlin;
  • 1961–69 Studium der freien Kunst in Bremen und Berlin;
  • Mitte der 1970er Jahre Experimente mit zeitgenössischer Musik zur Unterstützung der Wahrnehmung seiner visuellen Objekte; 1979 Beginn der Integration von Klängen und Geräuschen in die bildnerische Arbeit und eigene Tonbandkompositionen;
  • seine Arbeiten sind synästhetisch konzipiert und raumbezogen; er arbeitet meist mit Naturgeräuschen und Instrumentalklängen, die so bearbeitet sind, dass sie nicht mehr auf ihren Ursprung verweisen und dem Visuellen analog Qualitäten von „Farbe“, „Form“ und „Plastizität“ erhalten.

KATJA KÖLLE
* 1955 in Hamburg

  • lebt in Viersen (Rheinland);
  • 1975–78 Studium der Malerei und visuellen Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg; 1978–83 an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf und Musikstudien an der Universität in Wuppertal;
  • sie ging von großformatigen Bildpartituren aus, denen sie musikalische Strukturen zugrunde legte, entwickelte ein Farbe-Ton-System für mobileartige Objekte; in ihren Installationen bezieht sie Visuelles, Akustisches und Haptisches sowie u.a. Düfte mit ein; sie beschäftigt sich mit Raum charakterisierenden Klang- und Formschöpfungen, die die Atmosphäre von Innen- und Außenräumen verändern und so die Möglichkeiten geben, vertraute Orte sinnlich wahrzunehmen.

CHRISTINA KUBISCH
* 1948 in Bremen

  • lebt seit 1987 in Berlin;
  • 1967–68 Studium der Malerei in Stuttgart; 1969–74 Kunst- und Musikstudium in Hamburg, Graz und Zürich; 1974–76 und 1980–81 Studium der Komposition und der Elektronischen Musik sowie der Elektronik in Mailand;
  • seit 1994 Professorin für Plastik und Audiovisuelle Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken; seit 1980 Klanginstallationen und Klangskulpturen im Innen- und Außenraum sowie Licht-Klang-Räume mit UV-Licht, Farbpigmenten und verschiedener Audiotechnik; seit 1991 u.a. Verwendung von Solarenergie zur Klangsteuerung; seit 2003 erneut Live-Performances mit Musikern und Tänzern.

BERNHARD LEITNER
* 1938 in Innsbruck

  • 1956–63 Architekturstudium in Wien;
  • 1968 Übersiedlung von Wien nach New York (USA), dort Urban Designer im Department of City Planning; 1982–1986 Aufenthalt in Berlin; seit 1987 Professor für Gestaltungslehre an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien; 1968–1978 Untersuchungen zur Ton-Raum-Arbeit (Ton-Raum-Objekte); theoretische und praktische Untersuchungen zur Idee raumplastischer Kompositionen mit Ton-Linien (Raum-Pendel, Wölben, Vertikale Räume), ab 1975 körperbezogene Arbeiten (Ton-Liege, Ton-Würfel), später Raumkompositionen mit plastisch amorphen, punktuellen und feldartigen Klangbewegungen; 1984 permanente Klanginstallation „Ton-Raum“ im Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin; 2003 Kopf-Ton-Räume; seine Arbeiten verfolgen das Anliegen, die Eigenwahrnehmung zu verstärken, indem bauliche, architektonische, geometrische Aspekte von Raum rein klanglich nachgestellt werden; internationale Ausstellungen von Klanginstallationen und permanente Installationen.

ROBIN MINARD
* 1953 in Montréal

  • lebt seit 1980 in Berlin;
  • studierte Komposition und elektroakustische Musik in Kanada und Paris;
  • seit den frühen 1980er Jahren elektroakustische Komposition und Klanginstallationen im öffentlichen Raum; seit 1997 Professor für elektroakustische Komposition und Klanggestaltung an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ und der Bauhaus-Universität in Weimar, wo er auch das Studio für elektroakustische Musik (SeaM) der Hochschule für Musik leitet; seit den 1980er Jahren instrumentale und elektroakustische Raumkompositionen; seit 1994 Klangistallationen;
  • Beschäftigung mit der Gestaltung der akustischen Umwelt und Konzentration auf pflanzenartige Lautsprecherinstallationen mit einer Mischung aus synthetischen und natürlichen Elementen; weltweite Ausstellungen von Klanginstallationen.

MAX NEUHAUS
* 1939 in Beaumont, Texas
† 2009 in Maratea, Italien

  • lebt in New York und Paris;
  • 1957–62 Schlagzeugstudium in New York;
  • Anfang der 1960er Jahre Konzerte u.a. mit PIERRE BOULEZ (* 1925) und KARLHEINZ STOCKHAUSEN (* 1928) in Europa und den USA, 1966 erstes akustisches Netzwerk WBAI („Public Supply“) in New York, wo er eine Radiostation und das öffentliche Telefonnetz einbezog; 1967 realisierte Neuhaus die erste elektroakustische Installation „Drive-in-Music“ in Buffalo, New York, und verfolgte das Konzept einer Musik im öffentlichen Raum; 1977 erste permanente Klanginstallation (Times Square) in New York und „Radi Net“, ein landesweites Netzwerkprojekt mit 190 Radiostationen; 1979 erste Klangarbeit für eine Museumssammlung (Museum of Contemporary Art, Chicago); seitdem diverse permanente Arbeiten für Museen und öffentliche Orte; Max Neuhaus prägte den Begriff „Klanginstallation“ (sound installation).

ANDREAS OLDÖRP
* 1959 in Lübeck-Travemünde

  • lebt in Hamburg;
  • 1978–88 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und an der Universität Hamburg (Philosophie); 1989/90 Studium an der Zhejiang Akademie Hangzhou in China;
  • 1990–92 Referendar für das Lehramt an Gymnasien (Kunst und Philosophie); Objekt- und Installationskunst; seit 1985 Beschäftigung mit den Wechselwirkungen von Klang und Raum bzw. Architektur (Akustische Innenarchitektur); seit 1988 Klanginstallationen und –skulpturen mit konstanten Klängen, die durch ihre Schwebungen im Raum komplexe Klanggewebe erzeugen; meist verwendet er Orgelpfeifen oder „Singende Flammen“, bei denen gas- oder wasserstoffbetriebene Flammen Luftsäulen in installierten Glasröhren zum Schwingen und Klingen bringen; zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen.

NICOLAS SCHÖFFER
* 1912 in Kalocsa (Ungarn)
† 1992 in Paris

  • lebte seit 1936 in Paris;
  • Studium am Jesuitkolleg von Kalocsa; Doktor der Rechtswissenschaft; Kunststudium in Budapest; Studien an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris;
  • er ist einer der Väter der Cybernetic-Art (1954) und der Video-Art (1961); um 1948 begann er mit dem Bau von spatio-dynamischen Skulpturen aus Metallteilen; Arbeit an kybernetischen Kunstprojekten seit den 1950er Jahren bis zu seinem Tod; seine künstlerische Arbeit umfasst Skulptur, Architektur, Urbanismus, totales Theater, Dekorentwürfe, Film, Musik; 1954 Kybernetischer Turm für den ersten Salon Bâtimat in Paris; 1956 „CYPSI“, interaktive Skulptur mit photoelektrischen Zellen und Mikrophonen, bei der die Bewegung durch Licht und Umgebungsklänge gesteuert wird; 1961 eine der ersten Videoaufzeichnungen in der Geschichte des Fernsehens, „Variations Luminodynamiques 1“ (Télévision Française); 1965 Mitgründer der GIAP (International Group of Prospective Architecture); verschiedene kybernetische Skulpturen im öffentlichen Raum; 1973 erste experimentelle kybernetische Theaterproduktion an der Hamburger Oper; Gründung eines Nicolas Schöffer Museums in seinem Geburtsort.

JEAN TINGUELY
* 1925 in Freiburg (Schweiz)
† 1991 in Bern

  • 1940 Lehre als Schaufensterdekorateur; 1941–1945 Kunstgewerbeschule in Basel;
  • 1951 siedelte er nach Paris; der schweizerisch-französische Bildhauer und Objektkünstler zählt zu den führenden Mitgliedern der Nouveaux Réalistes und nahm u.a. mit ROBERT RAUSCHENBERG (* 1925) an internationalen Happenings teil; seit 1944 Beschäftigung mit räumlicher Bewegung in seinen maschinenartigen Skulpturen; er baute Phantasiemaschinen aus Schrott mit programmierten Zufallselementen (die sogenannten „Métamatics“), Maschinen zur Herstellung von Zeichnungen oder sich selbst zerstörende Maschinen und wurde einer der wichtigsten Repräsentanten der kinetischen Kunst; ab 1958 auch klingende Objekte; 1977 Beginn mit der Arbeit an dem tönenden Relief „Méta-Harmonique“; ihm ist heute ein eigenes Museum in Basel gewidmet.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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