Malerei der Frührenaissance

Vor allem die MEDICI machten die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. COSIMO DE MEDICI begründete mit der „Platonischen Akademie“ einen Gelehrtenzirkel.

MASACCIO: „Heiligen Dreifaltigkeit (Trinität)“;Fresko, Kirche Santa Maria Novella, Florenz, 1426–1427.

MASACCIO: „Heiligen Dreifaltigkeit (Trinität)“;Fresko, Kirche Santa Maria Novella, Florenz, 1426–1427.

„Heilige Dreifaltigkeit (Trinität)“

Auf der Grundlage der Entdeckungen BRUNELLESCHIs schuf MASACCIO (TOMMASO DI GIOVANNI DI SIMONE GUIDI CASSAI, 1401–1428) mit dem Fresko „Heiligen Dreifaltigkeit (Trinität)“ um 1427 dann auch für eine Kapelle in Florenz das erstes Werk der Neuzeit, das die Zentralperspektive¹ in der Malerei anwendet.

¹ Die Zentralperspektive, von lat. perspicere, „mit Blicken durchdringen“, „hindurchsehen“, imitiert Räumlichkeit auf einer Bildfläche. Dabei geht man davon aus, dass sich die Sehstrahlen im Auge des Betrachters treffen. In Augenhöhe befindet sich (in der Regel) der Horizont, auf dem sich der Fluchtpunkt befindet.

Schema der Zentralperspektive in MASACCIOs Fresko „Trinität“

Schema der Zentralperspektive in MASACCIOs Fresko „Trinität“

Die täuschend echte räumliche Perspektive versetzte die Besucher der Kirche in Aufregung. Man glaubte einen Mauerdurchbruch vor sich zu haben und ins Innere einer Kapelle zu schauen. Diese Wirkung entstand durch die perspektivische Darstellung der Architektur und durch das Körper-Raum-Verhältnis. Die streng geometrisch ausgerichteten Menschen und der Raum sind im selben Maßstab gemalt. Der scheinbare Lichteinfall von nur einer Seite gibt den Figuren Plastizität.

MASACCIO schuf sein 6,67 x 3,17 m großes Fresko für die Kirche Santa Maria Novella in Florenz. Gott stützt den Gekreuzigten. Zwischen beider Häupter schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Die Trinität wird ergänzt durch die Gottesmutter Maria (links neben dem Kreuz), die in den realen Kirchenraum blickt und zugleich mit der Rechten auf ihren toten Sohn zeigt, und den Lieblingsjünger Johannes (rechts neben dem Kreuz), der seine Hände zum Gebet gefaltet hat. Vor den korinthischen Säulen, sozusagen außerhalb des eigentlichen Bildes, kniet das Stifterpaar aus der Florentiner Familie LENZI, ebenfalls die Hände zum Gebet gefaltet, dabei das Geschehen betrachtend. Alle Figuren sind lebensgroß gemalt. Unterhalb der Szenerie erinnert ein Skelett an die Endlichkeit alles Irdischen. Das Fresko hat man erst 1861 wiederentdeckt.

Von MASACCIO stammt auch die erste realistische Aktdarstellung der Kunstgeschichte, das Bild „Vertreibung aus dem Paradies“.

MASACCIO: Freskenzyklus: Szenen aus dem Leben Petri,Szene: „Vertreibung aus dem Paradies“;1425–1428, Fresko;Florenz, Santa Maria del Carmine, Cappella Brancacci.

MASACCIO: Freskenzyklus: Szenen aus dem Leben Petri,Szene: „Vertreibung aus dem Paradies“;1425–1428, Fresko;Florenz, Santa Maria del Carmine, Cappella Brancacci.

MASACCIO gilt als der Begründer der Renaissancemalerei. Er schuf sein Fresko im Alter von 27 Jahren. Neben den Arbeiten BRUNELLESCHIs war das plastische Schaffen DONATELLOs stilbildend für seine Malerei.

FRA ANGELICOs „Die Beweinung Christi“

Ein Zeitgenosse war auch der Dominikanermönch FRA ANGELICO (FRA GIOVANNI DA FIESOLE, eigentlich GUIDO DI PIETRO, 1400–1455). Er orientierte sich in seiner Malerei ebenfalls an der neu entdeckten Zentralperspektive. Allerdings sind seine Fresken spärlicher mit Staffage ausgestattet, seine Bilder sind klassisch einfach komponiert, die Figuren seiner Spätzeit wirken, wie die MASACCIOs, plastisch und zart. COSIMO DE MEDICI beauftragte ihn 1436 mit der Ausgestaltung von Kirche und Kloster von San Marco in Florenz. Aus diesem stammt „Die Beweinung Christi“.

FRA ANGELICO, Freskenzyklus im Dominikanerkloster San Marco in Florenz,Szene: „Grablegung Christi“;um 1437–1446, Fresko; Florenz, Museo di San Marco.

FRA ANGELICO, Freskenzyklus im Dominikanerkloster San Marco in Florenz,Szene: „Grablegung Christi“;um 1437–1446, Fresko; Florenz, Museo di San Marco.

FRA ANGELICO wurde 1982 selig gesprochen. Er ist der Patron der christlichen Künstler. Seine Hauptwerke sind die Fresken im Kloster San Marco zu Florenz.

„Geburt der Venus“

Der Florentiner SANDRO BOTTICELLI (eigentlich ALESSANDRO DI MARIANO FILIPEPI, 1444–1510) schuf mythologische Allegorien, wie „Nascita di Venere“ (Geburt der Venus, 1486/87), das die Geburt der Aphrodite (lat. Venus) aus dem Meeresschaum thematisiert. Bei BOTTICELLI trägt eine Muschel die eben Geborene ans Ufer, der Windgott Zephyros, der seine Frau Flora, die Königin der Blumen, eng umschlungen hält, flankiert sie zur Linken, die mit Kleidung zur Göttin eilende Hora zur Rechten. Der warme Atem Zephyros’ (Zephyr steht für den griechischen Westwind) weht die Venus ans Ufer. Die Haltung der Göttin entspricht den Vorstellungen von der Venus pudica, der sittsamen Venus. Wie MASACCIOs und FRA ANGELICOs zeichnet sich das Werk BOTTICELLIs durch genaue Naturbeobachtung aus.

BOTTICELLIs Bild war eine Auftragsarbeit von LORENZO DE MEDICI. Venus trägt das Antlitz der SIMONETTA VESPUCCI, der Geliebten des Auftraggebers. Viele seiner religiösen Bilder für die Florentiner Kirchen sowie Porträts berühmter Patrizier waren Auftragsarbeiten für die MEDICI. Beeinflusst wurde der Künstler von MASACCIO und ANTONIO DEL POLLAIUOLO (um 1431–1498).

SANDRO BOTTICELLI: „Geburt der Venus“;um 1482–1483, Tempera auf Leinwand, 172,5 × 278,5 cm;Florenz, Galleria degli Uffizi.

SANDRO BOTTICELLI: „Geburt der Venus“;um 1482–1483, Tempera auf Leinwand, 172,5 × 278,5 cm;Florenz, Galleria degli Uffizi.

Die Frührenaissance erreichte ab etwa 1450 Mailand und um 1480 Rom und Venedig.

MANTEGNAs „Grablegung Christi“

Die „Beweinung Christi“ (um 1480) von ANDREA MANTEGNA (1431–1506) entstand rund 50 Jahre nach MASACCIOs Trinitätsfresko und rund 35 Jahre nach FRA ANGELICOs „Grablegung Christi“. Das Gemälde besticht nicht nur durch die meisterhaft eingesetzte Perspektive, sondern auch durch die dramatische Inszenierung und die ungewöhnlich kräftige Farbigkeit.

Der Leib des toten Jesus bestimmt in seiner Wuchtigkeit und Plastizität die Bildmitte, perspektivisch verkürzt liegt er auf der Bahre, während von der linken oberen Bildhälfte zwei klagende Frauenköpfe ins Bild ragen, als wollten sie den Leichnam sezieren. Zugleich scheinen ihre Gesichter vom Heiligen Geist erhellt. Bedeutsam ist auch der Faltenwurf des löchrigen Leichentuchs, mit dem der Körper spärlich bedeckt ist. Die Darstellung MONTEGNAs weist schon weit in den Manierismus hinein.

ANDREA MANTEGNA: „Beweinung Christi“;um 1490–1500, Tempera auf Holz, 66 × 81 cm;Mailand, Pinacoteca di Brera.

ANDREA MANTEGNA: „Beweinung Christi“;um 1490–1500, Tempera auf Holz, 66 × 81 cm;Mailand, Pinacoteca di Brera.

Neben Mailand und Padua waren Florenz, Pisa und Rom MANTEGNAs Schaffensorte. Sein Zeitgenosse MELOZZO DA FORLÍ (1438–1494) und sein Schüler CORREGGIO (eigentlich ANTONIO ALLEGRI, 1489–1534) wurden von ihm angeregt.

Die Bewegtheit der Figuren in CORREGIOs Landschafts- und Milieubildern fand viele Nachathmer. MONTEGNAs Einfluss reicht bis in den Manierismus und den Barock hinein: Bei MICHELANGELO CARAVAGGIO z.B. spürt man ihn ganz besonders in dem Bild „Bekehrung Sauli“ (1600–1601).

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo in Rom,Szene: „Bekehrung Sauli“;1600–1601, Öl auf Leinwand, 230 × 175 cm;Rom, Santa Maria del Popolo.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo in Rom,Szene: „Bekehrung Sauli“;1600–1601, Öl auf Leinwand, 230 × 175 cm;Rom, Santa Maria del Popolo.

SALVADOR DALI regte die extreme Verkürzung des Leibes Jesu in MANTAGNAs „Beweinung Christi“ zu seinem Bild „Christus am Kreuz“ an.

In Venedig wirkten u.a. ANTONIO VIVARINI (1415–1484) und sein Atelierkollege deutscher Abstammung GIOVANNI D'ALEMAGNA (gest. 1450), der aus Sizilien stammende ANTONELLO DA MESSINA (um 1430–1479), der die Ölmalerei in Italien bekannt machte und der auch in Neapel und Mailand weilte, sowie die Venezianer VITTORE CARPACCIO (um 1460–um 1525) und CARLO CRIVELLI (1430/35–um 1495).

ANTONELLO DA MESSINAs „Heiliger Sebastian“

ANTONELLO DA MESSINAs „Heiliger Sebastian“ von 1476 ist bereits in der Technik der niederländischen Harzölmalerei gemalt. Es greift eine alte katholische Legende auf, wonach der Hauptmann der Prätorianergarde am kaiserlichen Hof nicht von seinem christlichen Glauben abschwören wollte und daraufhin auf Befehl des Kaisers DIOKLETIAN von numidischen Bogenschützen erschießen lassen wollte. Sebastian wurde zwar von den Pfeilen getroffen, starb jedoch nicht an ihnen. IRENE, Witwe des Märtyrers CASTULUS, nahm den jungen Mann bei sich auf und pflegte ihn. DIOKLETIAN ließ ihn daraufhin im Circus von Rom zu Tode peitschen.

DA MESSINAs Bild zeigt den an einen Baumstamm gefesselten Sebastian, wie er bereits von einigen Pfeilen getroffen, doch scheinbar unberührt durch sie ist. Der Maler stellt ein eher verzücktes Antlitz dar, das in Erwartung weiterer Pfeile gläubig zum Himmel schaut.

MESSINA stellt den Heiligen in den zentralperspektivisch erstellten Raum einer Stadtlandschaft über der sich bedrohlich der Himmel verdüstert. Die Bürger der Stadt beachten das Geschehen kaum. Gleichgültig gehen sie ihren Geschäften nach. Nur einige Frauen blicken zur Hinrichtungsstätte.

Auch an MESSINAs Bildnis verblüfft, mit welcher Genauigkeit der menschliche Körper gemalt ist. Er ist nicht mehr idealisiert, wie noch bei FRA ANGELICO üblich, sondern orientiert sich an der Wirklichkeit. Der Einsatz von Licht und Schatten gibt der Gestalt Körperhaftigkeit. So wird das Martyrium des Heiligen glaubhaft für den Betrachter.

ANTONELLO DA MESSINA: „Heiliger Sebastian“;1476, Öl auf Holz, 171 × 85 cm;Dresden, Gemäldegalerie.

ANTONELLO DA MESSINA: „Heiliger Sebastian“;1476, Öl auf Holz, 171 × 85 cm;Dresden, Gemäldegalerie.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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