Marcus Vitruvius Pollio

MARCUS VITRUVIUS POLLIO (kurz: VITRUV) lebte im 1. Jahrhundert v.Chr. Über sein Leben ist wenig bekannt. Er war ein Baumeister, Militärtechniker und Architekturtheoretiker. Sein Werk „Zehn Bücher der Architektur“ („De architectura libri decem“) wurde bedeutsam für die Architektur der Renaissance.

Leben und Werk

Wahrscheinlich wurde VITRUV in Kampanien (ital.=Campania),

„zwischen Aversa, Kapua, Kaserta, Nola und Neapel, zwischen dem Vesuv, dem Gaurus und den hohen Apenninen, oder das sogenannte Kampanertal“ (JOHANN GOTTFRIED SEUME)

geboren. Andere verlegen seinen Geburtsort nach Verona oder Formia. Einige Kunsthistoriker geben die Jahre 90 v.Chr. –20 v.Chr. als Lebensdaten an, andere wiederum ca. 55 v.Chr. –14 n.Chr. Dritte glauben, er sei um 84 v.Chr. geboren und um 10 v.Chr. bzw. 27 v.Chr. gestorben.

Wer sein Lehrer während der Zeit seiner Architekturausbildung war, ist nicht bekannt. Unter dem „Consul“ und „Dictator“ JULIUS CAESAR soll er bereits im Römischen Bürgerkrieg einige Kriegsmaschinen sowie Festungsanlagen konstruiert haben. Nachdem er den Dienst im römischen Heer um etwa 33 v.Chr. quittiert hatte, widmerte er sich zivilen Bauaufgaben. Unter anderem baute er die Basilika von Fanum Fortunae.

„Zehn Bücher der Architektur“

Die „Zehn Bücher der Architektur“ („De architectura libri decem“) entstanden um 22–14 v.Chr. VITRUV widmete sie dem ersten römischen Kaiser AUGUSTUS (d.i. GAIUS OCTAVIUS, ein Großneffe und Adoptivsohn des JULIUS CAESAR, 63 v.Chr.–14 n.Chr.), in dessen Diensten er stand. Diese Bücher über das Bauen im Altertum sind als Einzige aus jener Zeit erhalten. Es ist also auch nicht klar, ob VITRUV sich in seinem Denken und Schreiben von älteren Baumeistern und Architekturschriftstellern leiten bzw. beeinflussen ließ.

Aufgrund der spärlichen Funde über ihn geht die heutige Kunstwissenschaft davon aus, dass sein wichtigstes Werk „De architectura“ zu seinen Lebzeiten nur von wenigen zur Kenntnis genommen wurde. Unter wenigen anderen findet sich sein Name bei SEXTUS IULIUS FRONTINUS (um 40 n.Chr.–103 n.Chr.). Auch PLINIUS DER ÄLTERE (lat. PLINIUS MAIOR, d.i. GAIUS PLINIUS SECUNDUS, ca. 23–79 n.Chr.) erwähnt die Schrift des VITRUV.

VITRUV fordert vom Architekten eine universelle Bildung, er soll kulturelle, insbesondere literarische, und philosophische Hintergründe mitbringen, wenn er Architekt sein will. Wer also ein Haus baut, eine Wasserleitung plant oder einen Tempel errichtet, muss über die Kultur seines Volkes Bescheid wissen. Demzufolge widmet sich das Buch 1 der Ausbildung des Architekten. Alle Bücher des Werkes sind:

1:Ausbildung, Grundbegriffe der Architektur,
2:Baumaterialien,
3–4:Tempelbau,
5:öffentliche Gebäude,
6 –7:Privathäuser,
8:Wasserleitungen,
9:Astronomie,
10:Maschinen.

Er deckte somit ein weites Feld des damaligen Wissens über das Bauen an sich ab: Nicht nur

  • Architektur, sondern auch
  • Ingenieurskunst (Maschinen, Wasserleitungen),
  • Kartographie und Geodäsie (Erdvermessung),
  • Astronomie sowie
  • Raumgestaltung

werden als Teilgebiete des Architekten beschrieben. Darin zeigt sich die allumfassende Ausbildung, die VITRUV genoss. Er selbst äußerte:

„Die Baukunst besteht aus Ordinatio, die griechisch Taxis genannt wird, Disposito, die die Griechen Diathesis nennen, Eurythmia, Symetria, Decor und Distributio, die griechisch Oikonomia genannt wird.“ (VITRUV)

Als Ordinatio bezeichnete er die „Abmessung der Glieder eines Bauwerks ... und die Herausarbeitung der proportionalen Verhältnisse ...“. Dispositio war für VITRUV „die passende Zusammenstellung der Dinge und die ... schöne Ausführung des Baues“. Als Eurythmia sah er „das anmutige Aussehn und den symmetrische(n) Anblick“ an. Symmetria solle sich aus dem Einklang der Glieder eines Bauwerkes ergeben, also aus der „Wechselbeziehung der einzelnen Teile für sich gesondert zur Gestalt des Bauwerks als Ganzem.“
(Zitate nach: Vitruv; de architectura libri decem; übersetzt von Fensterbusch, Darmstadt 1976)

Grundprinzip der Architekturtheorie VITRUVs

Das Grundprinzip der Architekturtheorie VITRUVs übernahm der Architekt aus dem hellenistischen Zeitalter. Das Streben nach Harmonie und Schönheit der Hellenen orientierte sich an verschiedenen Anhaltspunkten. Als Idealmaß der Architektur galt VITRUV demzufolge die idealisierte Gestalt des Menschen:

„Kein Gebäude kann ohne Ebenmaß und gutes Verhältnis gut eingerichtet sein, wenn es sich nicht genau wie der Körper eines wohl gebildeten Menschen zu seinen Gliedern verhält.“

Der wohlgeformte Mensch („homo bene figuratus“) der griechischen Antike galt auch der römischen als Vorbild. Seine Proportionslehre (Kanon) führte er besonders an der Tempelarchitektur aus. Dies hat bedeutende Baumeister der Renaissance beeinflusst.

Wiederentdeckung VITRUVs

Die „Zehn Bücher der Architektur“ wurden 1411 von GIANFRANCESCO POGGIO BRACCIOLINI (1380–1459) wiederentdeckt, als dieser in verschiedenen Klosterbibliotheken nach alten Schriften suchte. Der Erstdruck erfolgte aber erst 1486.

Berühmt wurde die Beschäftigung des Mathematikers LUCA PACIOLI (um 1445–1514) mit dem Werk VITRUVs. Nicht weniger wichtig war dessen Theorie vom „Goldenen Schnitt“ (lat. sectio aurea), die er in mehreren Werken, u.a. in „De Divina Proportione“ und in seinem Hauptwerk „Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità“ von 1494 formulierte. Hier ging er auch unmittelbar auf VITRUVs Vorstellungen von den Proportionen zurück.

PACIOLIs Freund LEONARDO DA VINCI inspirierte die Abhandlung und Theorie VITRUVs zu seiner berühmten Zeichnung „Die menschlichen Proportionen nach Vitruv“. Auch ALBRECHT DÜRER kannte das Werk des antiken Architekten.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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