Raffaelo Santi (Raffael)

Der italienische Künstler RAFFAEL war Maler und Baumeister. Mit MICHELANGELO (1475–1564) und LEONARDO DA VINCI (1452–1519) zählt er zu den bedeutendsten Repräsentanten der Hochrenaissance.

Künstlerische Laufbahn

RAFFAELLO SANTI, genannt RAFFAEL, wurde vermutlich am 06.04.1483 in Urbino in Italien als Sohn des Malers GIOVANNI SANTI (um 1435–1494) und dessen Frau MARIA CIARLA geboren. Sein Vater hat ihn schon früh in der Malerei unterrichtet, auch bei TIMOTEO VITI (1469–1523) in Urbino soll er gelernt haben.

GIOVANNI SANTI schickte seinen begabten Sohn dann aber bereits vor dessen zwölften Geburtstag in die Lehre zu dem bekannten Maler PIETRO VANUCCI, genannt PERUGINO (um 1448–1523). PERUGINO wirkte auch an der Ausgestaltung der Sixtinischen Kapelle in Rom mit, von ihm stammt die Schlüsselübergabe an Petrus. Doch schon als Achtzehnjähriger soll RAFFAEL die Werke seines Meisters in den Schatten gestellt haben.

Bereits früh wurde der junge RAFFAEL von italienischen Meistern wie

  • PIERO DELLA FRANCESCA (zw. 1415 und 1420–1492) oder
  • MELOZZO DA FORLI (1438–1494), aber auch von flämischen Meistern wie
  • HIERONYMUS BOSCH (um 1450–1516) beeinflusst.

RAFFAELs erstes nachweisbares eigenständiges Werk ist die „Krönung des Heiligen Nikolaus von Tolentino“. Der damals etwa 17-jährige RAFFAEL malte es für einen Altar in Città di Castello. Heute ist dieser Altar zerstückelt, Teile davon befinden sich unter anderem in Neapel und Brescia. Außerdem entstanden mehrere Heiligendarstellungen.

Florentiner Schaffensphase

Um 1504 ging RAFFAEL nach Florenz, wo er vor allem die Werke von

  • LEONARDO DA VINCI und
  • MICHELANGELO, aber auch
  • FRA BARTOLOMMEO (1472–1517)

bezüglich der Komposition, der Lichtwirkung und der Anatomie studierte. Dabei entfernte sich der junge Maler zusehends vom umbrischen Stil mit seinem strengen geometrischen Aufbau und dem Schwerpunkt der Perspektive, was besonders seine Madonnenbilder aus dieser Zeit zeigen.

Das früheste Beispiel, noch mit umbrischen Einflüssen, ist die „Madonna del Granduca“ (um 1504/1505, heute im Palazzo Pitti, Florenz), spätere wie die „Madonna del Cardellino“ („Madonna mit dem Stieglitz“, um 1506/1507) zeigen deutliche Einflüsse DA VINCIs.

Insgesamt entstehen in RAFFAELs Florentiner Zeit 15 Madonnen, die zu den besten Arbeiten in seinem Oeuvre zählen. Außerdem kopierte RAFFAEL unter anderem Werke von MASACCIO (eigentlich TOMMASO DI GIOVANNI DI SIMONE GUIDI, 1401–1428) – wie die Fresken in Santa Maria del Carmine – und Fresken von DOMENICO GHIRLANDAJO (1449-1494) in der Kirche Santa Maria Novella.

Römische Schaffensphase

Vermutlich auf Vorschlag des Baumeisters DONATO BRAMANTE (1444–1514) wurde RAFFAEL 1508 nach Rom zu Papst JULIUS II. (1443–1513) geschickt. Dort erhielt er den Auftrag, im Vatikanischen Palast drei Zimmer im zweiten Geschoss auszumalen, die sogenannten „Stanzen“. Er begann seine Arbeit im mittleren der drei Räume, der „Stanza della Segnatura“ (1508–1511), Sitzungsraum des päpstlichen Tribunals.

Dort befindet sich unter anderem die „Schule von Athen“ (1509–1510), die die sogenannten „Artes liberales“, die freien Künste, darstellt. Neben zahlreichen Philosophen wie ARISTOTELES, SOKRATES, PYTHAGORAS oder PLATON hat sich RAFFAEL hier auch selbst porträtiert.

Über dem Fenster zum Belvedere-Hof befindet sich ein weiteres bekanntes Fresko, „Der Parnaß“ (1510–1511). Auf ihm thront in der Mitte Apoll, umgeben von den neun Musen, daneben unter anderem die Dichter VERGIL, OVID und HOMER. Gegenüber dem Parnaß, auf der sogenannten „Gerechtigkeitswand“ hat RAFFAEL die Kardinaltugenden

  • „Prudentia“ (Klugheit),
  • „Fortitudo“ (Tapferkeit),
  • „Temperantia“ (Mäßigkeit) dargestellt, darüber an der Decke die
  • „Iustitia“ (Gerechtigkeit).

1511 begann RAFFAEL mit dem Ausmalen der „Stanza di Eliodoro“ (1511–1514), die nach dem Hauptfresko (1511–1512) benannt ist, das die Vertreibung des Heliodor aus dem Tempel zu Jerusalem darstellt.

Etwa zur gleichen Zeit, in der RAFFAEL an den „Stanzen“ arbeitete, war MICHELANGELO mit der Ausmalung der Sixtinischen Kapelle beschäftigt, dessen Einfluss in RAFFAELs Werken zum Teil deutlich erkennbar ist.

Doch RAFFAEL hat in Rom nicht nur an den Fresken gearbeitet. Zu dieser Zeit entstand auch die berühmte „Sixtinische Madonna“ (um 1513/1514, 1516 fertig gestellt), die sich heute in der Gemäldegalerie in Dresden befindet. Sie sollte ursprünglich für den Hochaltar der Kirche S. Sisto zu Piacenza bestimmt sein.

Für den Hochaltar von Santa Maria in Aracoeli entstand die „Madonna di Foligno“. Daneben porträtierte RAFFAEL weiterhin bedeutende Zeitgenossen wie Papst JULIUS II. und Papst LEO X.

1514–17 entstanden die Fresken in der „Stanza dell’Incendio“, die wiederum nach dem Hauptfresko (1514) benannt ist, das den Brand des Borgo im Jahr 847 n.Chr. darstellt, also des Stadtviertels nahe der St.-Peters-Kirche. Daneben finden sich historische Szenen aus dem Leben verschiedener Päpste.

Als DONATO BRAMANTE 1514 stirbt, erhält RAFFAEL die Bauleitung für den neuen Petersdom, für den er sodann Pläne entwirft. Zudem sind noch weitere Entwürfe RAFFAELs für sakrale wie auch profane Bauten in Rom erhalten geblieben. Das bekannteste Bauwerk, das auch realisiert wurde, ist die sogenannte „Villa Madama“. Aber auch am Ausbau des Palastes im Vatikan hat RAFFAEL mitgewirkt.

1515–1516 entstanden die Entwürfe für zehn Wandteppiche (Gobelins), die für die Sixtinische Kapelle bestimmt waren. Gewoben wurde diese in Brüssel. Im Dezember 1519 wurden sie an ihrem Bestimmungsort aufgehängt. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Apostel Petrus und Paulus.

1517 erhält RAFFAEL den Auftrag für die Ausmalung der Vorhalle der „Villa Farnesina“ in Trastevere des päpstlichen Bankiers AGOSTINO CHIGI (1465–1520). Bei seiner Arbeit wurde RAFFAEL von zahlreichen Gehilfen unterstützt; er selbst beschränkte sich im Wesentlichen auf den Entwurf. Dargestellt ist der Mythos von Amor und Psyche (Deckenbilder „Hochzeit von Amor und Psyche“, 1517–1518, und „Rat der Götter“).

Im Mai 1519 kamen die Arbeiten an der „Logge di Raffaello“ zum Abschluss, einem Arkadengang, der an den Damasus-Hof des Vatikanischen Palastes anschließt. Insgesamt entstand ein Zyklus mit biblischen Szenen aus 52 Bildern in den 13 Arkaden, die von Gehilfen nach den Entwürfen RAFFAELs ausgeführt wurden. Sie werden „Bibbia di Raffaello“, also „Bibel Raffaels“, genannt.

Die „Verklärung Christi“ (1519–1520) sollte RAFFAELs letztes monumentales Meisterwerk werden. Den Auftrag für das Werk hatte der Maler von dem Kardinal GIULIO DE MEDICI (1478–1534) erhalten, der seit 1515 Erzbischof von Narbonne war. Es sollte das Altarbild der dortigen Kirche werden. Doch das Bild sollte Rom nie verlassen, denn RAFFAEL starb, bevor er es vollenden konnte.

Am 06. April 1520 starb RAFFAEL an seinem 37. Geburtstag. Ganz Rom trauerte über den Tod des Meisters. Er wurde im Pantheon beigesetzt. Die Inschrift für sein Grab verfasste Kardinal PIETRO BEMBO (1470–1547), einer der berühmtesten Gelehrten seiner Zeit:

„Dies ist Raffaels Grab. Die Natur hatte Angst, als er lebte, Vor seinem Sieg; als er starb, Angst, dass sie sterbe mit ihm.“

Nachwirkung

Etwas, das an RAFFAELs Kunst stets bewundert wurde, war die Schönheit seiner Gestalten. Dabei arbeitete er aber nicht mit Modellen, sondern hielt sich an ein Ideal, eine „certa idea“, eine Idee, die er in Gedanken formte. Damit hielt er sich, wie auch schon sein Meister PERUGINO, nicht mehr an die getreuliche Naturwiedergabe, wie sie im 15. Jahrhundert gebräuchlich war.

Wenn ein Künstler versucht, die Natur zu verbessern, läuft er jedoch auch leicht Gefahr, dass seine Gestalten langweilig oder auch affektiert wirken. In der Tat ist RAFFAEL, im Gegensatz zu seinem Konkurrenten MICHELANGELO, besonders in späterer Zeit oft vorgeworfen worden, dass sein Werk allzu glatt wirke, zu gefällig sei. Betrachtet man aber die Porträts, die RAFFAEL von seinen Zeitgenossen malte, so fällt dabei gerade auf, dass er hier nichts idealisiert.

RAFFAEL hat sich Zeit seines Lebens in keinster Weise geschont und riesige Arbeitspensen bewältigt. Im Vergleich zu den früheren Selbstbildnissen erscheint er auf den späten erschreckend gealtert, manche Quellen sprechen sogar davon, er sei aus Erschöpfung gestorben.

Zurück lässt er ein bildnerisch nahezu vollkommenes Werk, das noch heute überaus beliebt ist, wie zahlreiche Reproduktionen beweisen. Am bekanntesten sind sicher die beiden kleinen Engel, die sich am unteren Bildrand der „Sixtinischen Madonna“ befinden. RAFFAEL gilt nach wie vor als einer der größten Künstler der Hochrenaissance.

Werke

Zu den Werken RAFFAELs gehören u.a.:

  • „Madonna Solly“ (1500/1501, Berlin, Gemäldegalerie)
  • „Madonna Diotalevi“ (um 1502, Berlin, Gemäldegalerie)
  • „Die drei Grazien“ (1502/1503, Chantilly, Musée Condé)
  • „Madonna Conestabile“ (1502/1503, Sankt Petersburg, Eremitage)
  • „Madonna Terranuova“ (um 1505, Berlin, Gemäldegalerie)
  • „Madonna del Granduca“ (um 1504/1505, Florenz, Palazzo Pitti)
  • „Madonna im Grünen“ (um 1505, Wien, Kunsthistorisches Museum)
  • „Madonna del Cardellino“ („Madonna mit dem Stieglitz“, um 1506/1507, Florenz, Uffizien)
  • „Grablegung Christi“ (1507, Rom, Galleria Borghese)
  • „Madonna Colonna“ (1507, Berlin, Gemäldegalerie)
  • „Madonna Tempi“ (1507, München, Alte Pinakothek)
  • „Madonna del Baldacchino“ (1507, Florenz, Palazzo Pitti)
  • „Madonna Alba“ (1510/1511, Washington, District of Columbia, National Gallery of Art)
  • „Stanza della Segnatura“ (Fresken, 1508–1511, u.a. „Schule von Athen“,„Parnaß“, „Gerechtigkeitswand“)
  • „Stanza d’Eliodoro“ (Fresken, 1511–1514)
  • „Sixtinische Madonna“ (um 1513/1514, 1516 fertig gestellt, heute Gemäldegalerie Dresden)
  • „Madonna di Foligno“ (für den Hochaltar von Santa Maria in Aracoeli, 1510/1511, Vatikanische Sammlungen)
  • „Papst Julius II.“ (1510/1511, Florenz, Uffizien, vermutl. Kopie)
  • „Madonna mit dem Fisch“ (um 1513, Madrid, Prado)
  • „Madonna della Tenda“ (um 1514, München, Alte Pinakothek)
  • „Madonna della Seggiola“ (um 1514, Florenz, Palazzo Pitti)
  • „Stanza dell’Incendio“ (Fresken, 1514–17)
  • Petersdom (architektonische Entwürfe)
  • „Villa Madama“
  • Palast im Vatikan (architektonischerAusbau)
  • Gobelins für die Sixtinische Kapelle (10 Wandteppiche, 1515–1516)
  • Vorhalle der „Villa Farnesina“ (Deckenbilder, ab 1517, „Hochzeit von Amor und Psyche“, „Rat der Götter“)
  • „Logge di Raffaello“ (Arkadengang im Vatikanischen Palast, 52 biblische Bilder in 13 Arkaden, sogenannte „Bibbia di Raffaello“ = „Bibel Raffaels“, Abschluss 1519)
  • „Verklärung Christi“ (Altarbild für die Kirche von Narbonne, 1519–1520, nach dem Tod RAFFAELs vollendet von GIULIO ROMANO)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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