Modellanalyse Fuge

JOHANN SEBASTIAN BACH lotete im „Wohltemperierten Klavier“ erstmals tiefgründig und umfassend die Möglichkeiten aus, die die damals neue temperierte Stimmung bot. (BACH verwendete aber aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht die „gleichschwebend temperierte“ Stimmung, bei der die Oktave in zwölf völlig gleiche Halbtöne geteilt wird.) Eine erste Reinschrift von Teil I des „Wohltemperierten Klaviers“ entstand nach mehreren Ansätzen vermutlich 1722.

Jeweils ein Paar „Präludium und Fuge“ sind chromatisch aufsteigend und zwischen Dur („tertia major“, also große Terz) und Moll („tertia minor“, also kleine Terz) wechselnd angeordnet. Das erste Paar – Präludium und Fuge in C-Dur – zeigt einige Merkmale von BACHS Technik. Das bekannte Präludium in C-Dur (die folgende Abbildung zeigt die endgültige Fassung) basiert auf einem fünfstimmigen homophon-akkordischen Satz. Er wird in Arpeggien (Akkordbrechungen) aufgelöst. Dabei soll vor allem der Basston nach Art des Lautenspiels noch nachklingen. Aus der obersten Stimme der Akkordbrechungen ergibt sich gleichsam eine Oberstimmenmelodie. In den beiden Takten vor dem Schlusstakt löst BACH das gleichmäßige Muster kadenzierend in eine bewegtere Figuration über dem Orgelpunkt auf C auf.

Bemerkenswert ist, dass das Präludium bereits alle 12 Töne enthält. Ergänzend zur siebentönigen C-Dur-Tonleiter sind das: fis (Takt 6), cis und b (Takt 12), as (Takt 14), es (Takt 22).

Das Präludium in C-Dur basiert auf einem fünfstimmigen homophon-akkordischen Satz.

Die Fuge ist vierstimmig. Sie ist extrem verdichtet und enthält keinerlei Zwischenspiele. Das Fugenthema ist sehr ausgeglichen: tonleiterförmiger Aufstieg und stufenweise Quart-Sprünge, dann ein ebenfalls leiterförmiger Abstieg.

Fugenthema

Bei ihrer Analyse geht es vor allem um das Verhältnis von Fugenthema („Subjekt“) und kontrapunktischer Verarbeitung. Die Fuge hat keinen feststehenden Bauplan. Verpflichtend ist nur zweierlei:

  1. Die Fuge muss mit einer Exposition beginnen. Hier stellen alle beteiligten Stimmen das Thema nacheinander vor. Jede Stimme läuft dabei als Kontrapunkt weiter, wenn die nächste Stimme mit dem Thema einsetzt. Am Ende der Exposition ist also ein vollstimmiger Satz erreicht.
    Die Einsatzfolge ist: Dux (Anführer) – Comes (Gefährte) – Dux – Comes usw., je nach Stimmenzahl. Der Comes antwortet in der Regel auf der V. Stufe.
    Die Antwort kann dabei „real“ (intervallgetreu) oder „tonal“(mit Rücksicht auf den Tonika-Akkord umgeformt) sein.
     
  2. Das Thema muss im Verlauf des Stücks immer wieder auftreten, egal in welcher Tonart und mit welchen Gegenstimmen. Diese späteren Auftritte – möglichst in allen Stimmen – werden als „Durchführung“ bezeichnet. Sie werden verbunden durch nicht-thematische „Zwischenspiele“.

In der Fuge C-Dur von BACH ist die Beantwortung „real“, also intervallgetreu. Dadurch sind Dux (Alt Takt 1f.) und Comes – das Thema eine Quinte höher „beantwortend“ (Sopran Takt 2f.) – intervallisch identisch. In Ansätzen gibt es einen festgehaltenen Kontrapunkt bzw. ein Kontrasubjekt, den BACH sequenzierend aus dem Ende des Fugensubjekts (Fugenthema) ableitet (Takt 2 ab f).

Die Gesamtanlage der Fuge im Überblick ergibt die folgende Abbildung (Schema von ALFRED DÜRR; die waagrechten Striche bezeichnen jeweils das Thema).

Gesamtanlage der Fuge

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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