Motivisch-thematische Arbeit der Wiener Klassik

Bereits einige Jahrzehnte vor der Zeit der Wiener Klassiker wird die strenge Polyfonie des 17. und frühen 18. Jh. aufgebrochen. Es finden sich in den neuen Werken

  • extreme Tempiwechsel,
  • wechselnde Dynamik und
  • Kontraste zwischen Bass und Sopran.

Dabei streben die Kompositionen klare Formen an. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Prinzip der motivisch-thematischen Arbeit an Bedeutung für die kompositorische Praxis, entsteht im Rahmen der Sonate und Sinfonie die Durchführung (der zweite und mittlere Teil der Sonatenhauptsatzform, der der Exposition folgt).

Das Thema

Verarbeitet wird in der Durchführung das Thema der Komposition. Darunter versteht man den Hauptgedanken eines Werkes, sofern aus ihm der weitere Fortgang der Komposition abgeleitet ist, wie in der Sonatenhauptsatzform oder auch in der Fuge. Ein Thema ist

  • aus mehreren Motiven aufgebaut,
  • meist in sich strukturiert und
  • von klarer melodischer und rhythmischer Gestalt.
  • Es ist mit einem offenen Ende versehen und daher entwicklungsfähig.

So bildet es die Grundlage für die thematische Arbeit, also die kompositorische Entfaltung des Gehalts eines Themas insbesondere durch Zerlegung in Motive.

Das Motiv

Das musikalische Motiv ist eine kurze Tonfolge von spezifischer Gestaltqualität

  • im Tonhöhenverlauf,
  • in ihrer rhythmischen oder
  • in ihrer harmonischen Struktur.

Es ist die kleinste Sinneinheit innerhalb einer Melodie oder eines Themas. Auch das Motiv ist in sich nicht abgeschlossen und kann so kompositionstechnisch der Ausgangspunkt für Fortspinnung oder motivische Arbeit sein. Dabei wird das Motiv kompositorisch weiterentwickelt, z.B. durch

  • Wiederholung,
  • Imitation,
  • intervallische, rhythmische oder metrische Änderungen,
  • zeitliche Vergrößerung oder Verkleinerung,
  • Verlängerung oder Verkürzung,
  • Sequenzierung oder Variation.

In den meisten Stücken in Sonatenhauptsatzform findet man zwei Themen mit jeweils eigenen Motiven:

  • das Hauptthema bzw. den Hauptsatz und
  • das Seitenthema bzw. den Seitensatz.

Da sowohl die Themen als auch die Motive entwicklungsfähig sind, wird die Arbeit daran als motivisch-thematische Arbeit bezeichnet. Ihr Ziel ist die Verdichtung, der Zusammenhang, das Ausloten verschiedener Aspekte und die lebendige Erfüllung der Charaktere.

Sonatenhauptsatzform

Die motivisch-thematische Arbeit findet sich in erster Linie in Stücken, die in der Sonatenhauptsatzform komponiert sind. In der Epoche der Klassik hat die Entwicklung der Sonatenhauptsatzform ihren Höhepunkt. In ihrem dramatischen Aufbau und ihrer Darstellung gegensätzlicher Charaktere wird sie zur zentralen Form für Kopfsätze in der Kammermusik und der Sinfonik. Die verschiedenen Charaktere werden in der Regel durch die unterschiedlichen Motive innerhalb eines Themas bzw. durch die unterschiedlichen Themen innerhalb eines Satzes dargestellt.

Der Begriff „Sonatenhauptsatzform“ (oder auch einfach nur Sonatenform) taucht jedoch erst ab etwa 1840 auf, ebenso die Begriffe

  • „Exposition“ für ihren ersten,
  • „Durchführung“ für ihren zweiten und
  • „Reprise“ für ihren letzten Teil.

Man sprach vorher von Wiederholungen innerhalb eines Satzes.

Die Musik wird in der Epoche der Klassik vom kirchlichen in den weltlichen Bereich verlagert. Besonders die Instrumentalmusik mit ihren Streichquartetten, Sinfonien und Konzerten gewinnt an Bedeutung. Vorbild für die Instrumentalmusik ist die menschliche Stimme. Man sucht eine besondere Ausdrucksfähigkeit. Daraus erklärt sich die Vorliebe der Klassiker für Klarinette, Violine und Hammerklavier. Die thematisch-motivische Arbeit findet sich also sowohl in Sonaten und Sinfonien als auch in Klavier- und Violinkonzerten.

Aufgrund ihrer besonderen Ausdrucksfähigkeit war die Violine eines der bevorzugten Instrumente in der Epoche der Klassik.

Aufgrund ihrer besonderen Ausdrucksfähigkeit war die Violine eines der bevorzugten Instrumente in der Epoche der Klassik.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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