Star

Zum Begriff

Der Begriff „Star“ entstand in den 1910er-Jahren im Umfeld von Hollywoods Filmstudios. Zwar gab es das Phänomen bereits auf den Unterhaltungsbühnen des 19. Jh. in Form der sich verselbstständigenden Popularität einzelner herausgehobener Darsteller oder auch Musiker, aber ein Begriff existierte noch nicht dafür. Als Anfang des 20. Jh. dann die ersten abendfüllenden Spielfilme („The Great Train Robbery“, 1903) das Publikum in Erstaunen versetzten, blieben die Namen der Schauspieler jedoch ungenannt, da die Filmstudios fürchteten, das von der Bühne bekannte Phänomen der sich verselbstständigenden Popularität, würde die Produktionskosten des Films nur mit hohen Gagen belasten.

Binnen weniger Jahre änderte sich die Politik der Filmstudios jedoch. Am 3. April 1909 erschien in dem US-Filmmagazin „Moving Picture World“ das erste Porträt eines Filmschauspielers, ein zweiseitiger Artikel über den Komödianten BEN TURPIN (1869–1940). 1910 kreierte der renommierte Filmproduzent CARL LAEMMLE (1867–1939) erstmals ein unabhängig und neben den Filmen existierendes Persönlichkeitsbild für FLORENCE LAWRENCE (1886–1938), die weibliche Hauptdarstellerin seiner Filme. Zu diesem Zweck lancierte er zunächst die Nachricht von ihrem Tod in die Öffentlichkeit, um sie dann mit ganzseitigen Zeitungs-Anzeigen zu widerrufen und als Trick der Konkurrenz auszugeben. Die so erzeugte öffentliche Aufmerksamkeit fütterte er mit geeigneten Informationen über das vermeintliche Privatleben der Filmdiva, um dem Widerruf Glaubwürdigkeit zu verleihen. So wurde ein Publikumsliebling geboren, „Flo Lo“, bei deren öffentlichen Auftritten Personenschutz vonnöten war, zugleich die erste Darstellerin in der Filmgeschichte, die unter ihrem eigenen Namen und nicht nur als Filmfigur bekannt war.

Ab 1912 begannen die Namen der Filmschauspieler regulär auf den Ankündigungsplakaten zu erscheinen; Hollywoods Filmstudios richteten „Publicity Departements“ ein, die Pressematerial über die Filme und ihre Schauspieler zusammenstellten. Das im Vergleich zum Theater durch die Kamera viel distanzlosere Verhältnis zu den Filmschauspielern, ihre scheinbare Nähe zum Publikum, wurde nun systematisch zu einem zentralen Bestandteil der Promotion von Filmproduktionen ausgebaut. 1913 kam „Motion Picture Stories“ in die Zeitungskioske, ein Blatt, das mit der Veröffentlichung von Fotos und Biografien ausschließlich für die Image-Produktion von Hollywood-Stars geschaffen worden war und bereits im Folgejahr eine Auflage von wöchentlich 270 000 Exemplaren erreichte. Hollywoods „Star-System“ war etabliert und mit ihm auch der Begriff, der 1913 in den „Motion Picture Stories“ als Sinnbild für die am Firmament der Berühmtheit aufsteigenden Namen erstmals gebraucht wurde.

Vom Filmstar zum Popstar

Der Begriff „Star“ etablierte sich mit dem Erfolg von Hollywoods Filmproduktionen nicht nur binnen weniger Jahre in allen europäischen Sprachen, er fand auch umgehend Anwendung auf Berühmtheiten in Sport und Musik. Hollywoods „Star-System“, die kalkulierte Produktion von Popularität über geeignete Persönlichkeitsbilder zum Zwecke der Vermarktung von Filmproduktionen, wurde mit dem Aufkommen des Tonfilms in den späten 1920er-Jahren auch auf die Musik übertragen. Der erste Vertreter der Musik, der nach dem Hollywood-System zum Star gemacht wurde, war der Sänger und Entertainer AL JOLSON (ASA YOELSON, 1885–1950), der die Hauptrolle im ersten Tonfilm in der Geschichte des Films – „The Jazz Singer“ (1927) – bestritt. Die Methoden für die Produktion von Musik-Stars waren jedoch schon im 19. Jh., beispielsweise im Umfeld des Wiener Walzers, gebräuchlich. JOHANN STRAUSS (Sohn, 1825–1899) erfüllte bereits alle Bedingungen eines Stars, auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab.

Charakteristisch für den modernen Popstar wurde der Medienverbund, die kombinierte Nutzung von Radio, Film, später Fernsehen, und der gesamten Palette der Printmedien, um ein Star-Image zu etablieren, das zur „Verkörperung“ der Musikproduktionen im Wortsinne werden konnte.

BING CROSBY (1903–1977, links)

BING CROSBY (1903–1977, links)

Star - BING CROSBY (Links)

Die ersten Popstars in diesem Sinne waren die Sänger, Filmschauspieler und Entertainer BING CROSBY (1903–1977) und FRANK SINATRA (1915–1998).

Das erste Mal zur vollen Entfaltung kam das Star-System in der Musik bei ELVIS PRESLEY (1935–1977), dessen Manager „COLONEL“ TOM PARKER (1909–1997) wie keiner vor ihm die Maschinerie der Image-Produktion zu organisieren und in Bewegung zu halten vermochte. Damit einher ging für die Stars trotz ihres Ruhms und Reichtums freilich der völlig Verlust der Selbstbestimmung. Sie sind vertraglich zu Objekten ihrer eigenen Vermarktung gemacht, womit die wenigsten komplikationslos zurechtkommen.

Der Star-Komplex

Aus Hollywoods Star-System zur Vermarktung von Filmen ist ein komplexes kulturelles Phänomen hervorgegangen, das schon lange nicht mehr eindimensional auf den bloßen Marketing-Aspekt zu reduzieren ist. Stars erfüllen vielmehr vielfältige Funktionen, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass sie selbst zu einem sehr komplexen Phänomen geworden sind. Ein Star nämlich ist nicht einfach nur eine Berühmtheit. Star zu sein bedeutet vielmehr, dass die Popularität neben denen, die sie verkörpern (ein Musiker, ein Sänger, eine Sängerin), und abgetrennt von ihnen eine selbstständige mediale Gestalt erhält. Diese existiert in Form eines Image (engl. = Bild), das nicht nur im Wortsinne aus Bildern, aus Medienbildern (Fotos, Videos) zusammengefügt ist, sondern zugleich die Imagination (lat. „imaginatio“ = Einbildung, Vorstellung) bedient, das heißt nach dem Bild geformt ist, das sich die Fans vom Objekt ihrer Verehrung machen. Stars sind Verkörperungen von Images, die aus der Verbindung von Bildern und Wunschbildern entstehen.

Hinter jedem Star steht damit nicht nur eine erfolgreich produzierte Musik, sondern vor allem ein erfolgreich produziertes Image, das ähnlich einem Markennamen Aufmerksamkeit für die damit verbundenen Produkte (Songs, CDs etc.) sichert. Für erfolgreiche Imageproduktionen spielen nicht nur Bilder eine große Rolle, sondern jede Form der öffentlichen Präsentation:

  • Statements,
  • Interviews,
  • Outfit,
  • charakteristische Verhaltensweisen,
  • scheinbar biografische und persönliche Informationen.

Hierfür ist eine ganze Imageindustrie entstanden, Agenturen, die sich mit professionellen Kommunikationsstrategien und in der Regel hohem personellen und finanziellen Aufwand darum bemühen, ein geeignetes Image in der Öffentlichkeit zu etablieren. Da es dabei immer auch um Wunschbilder geht, ist nicht die Wahrheit, sondern allein die Glaubwürdigkeit der dafür eingesetzten Informationen entscheidend. Sowohl mit Interviews und Statements, vor allem aber mit biografischen Fakten wird dabei sehr freizügig umgegangen.

An den Zwängen, die die machtvollen Medienbilder ihren Trägern aufnötigen, sind immer wieder Künstler zerbrochen. Beispiele dafür sind:

  • JIMI HENDRIX (1942–1970),
  • JANIS JOPLIN (1943–1970),
  • JIM MORRISON (1943–1971),
  • KURT COBAIN (1964–1970).
BOB DYLAN (* 1941) bei einem Konzert in Spanien 2012

BOB DYLAN (* 1941) bei einem Konzert in Spanien 2012

Bob Dylan - Bob Dylan bei einem Konzert in Spanien

Andere, wie BOB DYLAN (* 1941) oder JOHN LENNON (1940–1980), haben sehr deutlich artikuliert, dass sie sich als Gefangene ihrer Images fühlen und sich dadurch jeder Möglichkeit zur künstlerischen und persönlichen Weiterentwicklung beraubt sehen.

Images werden nicht zum Zweck der Information, sondern zum Zweck der Identifikation produziert. Identifikation, die Projektion des eigenen Selbst auf das Image des Stars, ist zu einer entscheidenden Komponente im Star-Komplex geworden. Dieser sozialpsychologische Vorgang spielt heute nicht nur eine kaum zu überschätzende Rolle im Prozess des Heranwachsens, sondern er stellt auch einen wesentlichen Zugang zur Musik dar. Dieses „Sich-in-die-Musik-Hineinversetzen“ durch Identifikation mit ihr findet zum Beispiel im „Air-Gitarre-Spielen“ einen sichtbaren Ausdruck.

Die öffentliche Akzeptanz, die Stars finden, lässt sie zu Idolen, zu nachahmenswerten Idealgestalten werden. Die Nachahmung kann bis zur doubleartigen Kopie gehen. Insbesondere ELVIS PRESLEY hat bis heute zahllose solche „Impersonatoren“ gefunden. Stars liefern mit ihren Images soziale Rollenmuster, die risikolos kopierbar sind.

So hat MADONNA (* 1958) wohl einer ganzen Generation von Mädchen alternative Wege zum „Frau-Sein“ gewiesen, auch wenn die „im wirklichen Leben“ dann ihre Grenzen finden. Dennoch führt das zu Veränderungen, denn auf andere Weise erwachsen zu werden heißt auch, auf andere Weise erwachsen zu sein.

Stars sind somit nicht nur zu einem unerlässlichen und unersetzbaren Teil der Popmusik geworden, sondern ihre Wirkung geht weit über das Feld der Musik hinaus. Ihre Funktion erschöpft sich nicht im Marketing von Tonträgern, sondern Stars erfüllen eine Reihe von kulturellen Funktionen, die nicht zuletzt der Popmusik zugleich jenen Event-Charakter geben, ohne den sie nicht wäre, was sie ist. Da im Reich der Popmusik Musik und Image wechselseitig aufeinander abstimmbar sind, ist der Spielraum für erfolgreiche Imagekonstruktionen hier zweifellos am größten, die Bedeutung der Stars entsprechend hoch. Doch hat der Star-Komplex längst alle Bereiche der Musik erfasst und funktioniert in der Klassik inzwischen genauso wie in der Popmusik.

Star-Konstruktionen im Wandel

Die Umsetzung der für den Star charakteristischen Image-Konstruktionen hat im Verlauf der Entwicklung eine Reihe von Veränderungen erfahren, die zwar am Star-Komplex nichts grundsätzlich geändert, ihn jedoch den sich wandelnden Bedingungen angepasst haben. So trat mit dem Aufkommen der Rockmusik an die Stelle des herkömmlichen Star-Image das Gruppen-Image der Band, das freilich schon bald wieder durch traditionelle Image-Konstruktionen, festgemacht am „frontman“ der Band, überlagert wurde. Diese erheblich komplexere Situation war eine Herausforderung für jede Marketing-Agentur, denn die „Stars“ der Rockmusik durften aus dem kollektiven Zusammenhang der Band nicht herausgelöst werden, mussten dennoch aber die Züge eines ganz individuellen Image besitzen.

Zu einem weiteren Entwicklungsschritt kam es in den 1980er-Jahren, als die langlebigen Image-Strategien nicht zuletzt unter dem Einfluss des Musikfernsehens durch kurzfristige oder multiple, von Video zu Video sich wandelnde Image-Konstruktionen ersetzt wurden. DAVID BOWIE (* 1957) und vor allem MADONNA sind Beispiele für Künstler, die ein multiples Image tragen. Zugleich wurde die Halbwertzeit der Stars immer kürzer; was früher auf möglichst lange Zeit angelegt war, erschöpft sich heute oftmals schon in einer Saison – ein Ausdruck für die drastisch erhöhte Zirkulationsgeschwindigkeit des Kapitals in der Musikindustrie.

Mit der Verbreitung der Internet-Chats entstanden interaktive Formen der Imagebildung, die auf der scheinbaren Kommunikation mit dem Star basieren. Das Internet ist mit seinen vielfältigen Möglichkeiten zur visuellen und akustischen Präsentation ohnehin ein zunehmend wichtigeres Medium für die Produktion von Star-Images geworden.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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