Soziobiologie

1975 wurde bei der Harvard University Press in Cambridge (Massachusetts) ein umfangreiches Lehrbuch über das Sozialverhalten von Tieren veröffentlicht. Autor dieses Werkes mit dem Titel „Sociobiology - The New Synthesis“ war der Insektenforscher und Experte für das Sozialleben der Ameisen EDWARD O. WILSON (geb. 1929). WILSON prägte mit diesem Buch den Begriff „Soziobiologie“. Der Beginn dieser Teildisziplin der Verhaltens- bzw. Evolutionsbiologie ist aber weit aus früher anzusetzen. WILLIAM D. HAMILTON (geb. 1936) hatte bereits im Jahr 1964 ein Modell entwickelt und veröffentlicht, indem er beschrieb, dass sich uneigennütziges Verhalten sozialer Insekten aufgrund der engen genetischen Verwandtschaft der Koloniemitglieder in der Evolution durchgesetzt hat. Er schloss aus seinen Beobachtungen, dass die Individuen in ihren Nistgenossen somit nur ihr eigenes Erbmaterial unterstützten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es in der Evolutionstheorie ein ungelöstes Problem, wie in der Tierwelt infolge der natürlichen Auslese soziale Verbände entstehen konnten und wie es zu Verhaltensweisen der Kooperation und Fürsorge kommen konnte. Denn nicht nur die hoch entwickelten Staaten sozial lebender Insekten waren dazu fähig, sondern auch andere Tiere. Individuen einer Art sind letztendlich keine Partner, sondern primär Konkurrenten, die miteinander um die Weitergabe ihres Erbgutes an die nächste Generation konkurrieren. Aus dieser Sichtweise heraus, stellte sich die Frage, warum Individuen manchmal zugunsten anderer Individuen die eigene Fortpflanzung einschränken, oder sogar ganz darauf verzichten (z. B. Insektenstaat, einige Säugetiergemeinschaften).

KONRAD LORENZ (1903-1989) als Vertreter der klassischen Ethologie bzw. vergleichenden Verhaltensforschung hat uneigennütziges Verhalten, wie z. B. die Verteidigung eines anderen Tieres pauschal als Nutzen für die eigene Art interpretiert. Die Soziobiologen kritisierten zu Recht diesen Erklärungsansatz, denn ein Merkmal, das nicht die Weitergabe der eigenen Erbanlagen fördert, kann sich evolutiv auch nicht durchsetzen.

HAMILTON nutzte als Erklärung des uneigennützigen Verhaltens in verschiedenen Tiersozietäten die Verwandtenselektion (kin selection). Die genetische Information, die ein Individuum in seinem Erbgut aufweist, ist auch bei seinen Blutsverwandten zu finden, abhängig vom Verwandtschaftsgrad, d.h. nahe Verwandte teilen miteinander die höchste Übereinstimmung an genetischer Information. Kommt es also aufgrund uneigennützigen Verhaltens zu Fitnesseinbußen, können diese durch Fortpflanzungsvorteile von Verwandten, die von dem einbüßenden Individuum unterstützt werden, ausgeglichen werden. Mithilfe der Verwandtenselektion machte die Soziobiologie in theoretischer Hinsicht einen großen Schritt nach vorne, weil sich dieser evolutionstheoretische Gedanke konsequent auch auf soziale Verhaltensweisen übertragen ließ. EDWARD O. WILSON (geb. 1929) ist es zu verdanken, dass er die Erkenntnisse der damaligen Zeit zusammenfasste und die entscheidenden Kernaussagen heraus kristallisierte. WILSON vertrat allerdings auch die Auffassung, jegliches Sozialverhalten sei generell biologisch erklärbar.

Schon 1975 formulierte er seinen Anspruch, unterschiedliche Aspekte der Ökologie und der Evolutionsforschung in einer neuen Teildisziplin zu vereinen. Schwerpunkt sollten die biologischen Grundlagen des Sozialverhaltens sein. Die Evolutionskonzepte, die in den letzten 100 Jahren in der Biologie basierend auf der Theorie zur Entstehung der Vielfalt der Lebewesen des englischen Naturforschers CHARLES ROBERT DARWIN (1809-1882) entwickelt worden waren, sollten die Basis für diese neue Teildisziplin bilden. Sein Wunsch, auch die Sozialwissenschaften in dieses Fach zu integrieren, scheiterte jedoch.

Evolution von Sozialverhalten

Während die klassische Ethologie (Verhaltensforschung) mithilfe von Beobachtungen, physiologischen und anatomischen Untersuchungen Details des individuellen Verhaltens beziehungsweise den Zusammenhang zwischen auslösenden Reizen und den sich daran anknüpfenden physiologischen Prozessen zu klären versucht, beinhaltet die Soziobiologie auch eine evolutionäre Fragestellung. Dabei wird in erster Linie der adaptive Wert von einer Verhaltensweise als Bestandteil des gesamten Verhaltensrepertoires in den Vordergrund gestellt. Soziobiologen gehen von einer unbegrenzten Vermehrungstendenz der Gene aus. Die DNA-Abschnitte, die in den Chromosomen jedes Zellkerns enthalten sind, haben demnach sowohl die Fähigkeit als auch das Bestreben sich unbegrenzt zu vervielfältigen, indem sie Kopien ihrer selbst herstellen. Gene sind somit in der Lage Generationen zu überleben, sich unendlich vielfältig neu zu kombinieren, primär bei der geschlechtlichen Fortpflanzung.

Während der Genotyp als eine einmalige Verbindung von Genen gesehen werden kann, ist seine Ausdrucksform der Phänotyp. Dieser -und somit u.a. auch das Verhalten- stellt den unmittelbaren Ansatzpunkt für den Selektionsprozess dar. Entscheidend ist hierbei die Anpassungsfähigkeit an die Bedingungen seiner Umwelt. Ist der Phänotyp gut angepasst, weist er hohe Fortpflanzungsraten auf, d.h. seine Gene können sich gegenüber den Genen der weniger gut angepassten Phänotypen besser ausbreiten. Es breiten sich in der Regel die Gene aus, die ihre Träger mit Verhaltensweisen ausstatten, mit denen sie in der Lage sind, zur Verfügung stehende Zeit und Energie so einzusetzen, dass sie eine erfolgreichere Strategie in ihrem Kampf um begrenzte Ressourcen ausbilden, als die mit ihnen in Konkurrenz stehenden Individuen bzw. Artgenossen. Dadurch ermöglichen sie sich Überlebensvorteile und können sich besser ausbreiten. Die Eignung eines Gens wird in der Häufigkeit seiner Verbreitung in der nächsten Generation gemessen.

Gene sind also nach soziobiologischer Betrachtungsweise nicht Gruppen bzw. Arten die Einheiten sind, an denen die Selektion ansetzt, was der Auffassung der Vertreter der Gruppenselektionstheorie entsprechen würde, sondern die Selektion findet am Individuum statt. Nicht die Verhaltensweisen werden begünstigt, die dem Gruppen- bzw. Artvorteil gelten, sondern die Verhaltensweisen setzen sich durch, die für das Individuum von Vorteil sind. Zur Erklärung der Entstehung von altruistischen (uneigennützigen) Verhaltensweisen bietet die Soziobiologie unterschiedliche Ansätze:

Kin-Selektion (Verwandtenselektion, Sippenselektion):

Zwei Faktoren sind für die Gesamteignung eines Gens von Bedeutung:

  1. Die Eignung in dem Individuum selbst und
  2. die Verbreitung des entsprechenden Gens über Verwandte.

Die Strategie der Gene besteht also darin, eine Verhaltensweise heraus zu bilden, die eine Verbreitung und Gesamteignung der Gene nicht nur in individueller Hinsicht, sondern auch über die Verwandten steigert. Daraus folgt: Je näher verwandt zwei Individuen bzw. Artgenossen miteinander sind, umso wahrscheinlicher ist, dass sie die Träger gleicher Gene sind. Uneigennütziges (altruistisches) Verhalten gegenüber Verwandten maximiert demnach die Verbreitung eigener Gene und lohnt sich um so mehr, je näher die Tiere miteinander verwandt sind (Verwandtschaftsgrad). Hierbei handelt es sich um einen dynamischen Prozess, denn alle Strategien, die der Steigerung der Verbreitung von Individuen und ihren Genen dienen, werden von auftretenden Umweltveränderungen und von der Evolution mitbestimmt.

Das Konzept des reziproken Altruismus stellt einen weiteren Erklärungsansatz dar: Wenn ein Helfer mithilfe eines so genannten Helfergens einen direkten Nutzen davon hat und er durch dieses Gen auch zum Empfänger der Hilfe werden kann, setzt dieses Helfergen sich durch.

Anwendung der Sozoiobiologie auf den Menschen

Konkurrierend mit soziologischen Ansätzen versuchen auch Soziobiologen ihre soziobiologische Erkenntnisse auf den Menschen anzuwenden. Aber unsere ethische und moralische Sicht der Dinge sowie die Komplexität unseres menschlichen Handelns macht es den Soziobiologen sehr schwer, Menschen hinsichtlich soziobiolgischer Fragestellungen zu untersuchen. Mithilfe der Untersuchungen menschlicher Gesellschaften, ist es der Soziobiologie dennoch gelungen, aufzuzeigen, dass auch menschliches Verhalten einer natürlichen Selektion unterliegt und Anpassungen festzustellen sind. Man hat Übereinstimmungen in den Verhaltensweisen unterschiedlicher Gesellschaften beobachten können, was dafür spricht, das biologische Faktoren vorhanden sind und diese mithilfe der Evolutionstheorie erklärt werden können.

Die konventionelle Soziobiologie analysierte zunächst allgemeine Verhaltensweisen und untersuchte deren Bedeutung, ihre Vorteile und die genetische Grundlage in Zusammenhang mit der jeweiligen Umweltsituation. Die Theorie von der Gen-Kultur-Koevolution ging aber weit darüber hinaus, sie bietet einen Erklärungsansatz für das entsprechende menschliche Handeln. Somit wurde eine integrative Sicht der Biologie mit den sozial- und Humanwissenschaften ermöglicht.

Die Theorie der Gen-Kultur-Koevolution versucht den Widerspruch zwischen genetischer Bestimmung von menschlichem Verhalten und kultureller Entwicklung zu ignorieren, indem sie annimmt, dass eine Wechselwirkung zwischen genetischer Weitergabe von Verhalten und kultureller Informationsübertragung besteht. Die Entwicklung des menschlichen Geistes definiert sie als Ergebnis genetisch gesteuerter physikalischer Prozesse. Auf diese Weise konnte sich überhaupt erst eine Kultur ausbilden, die im Umkehrprozess wieder Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschen nahm. Auch kulturelle Verhaltensweisen sollen danach - wie die genetisch bestimmten - der natürlichen Selektion unterliegen, es existieren gut und weniger gut angepasste Verhaltensweisen. Von diesen werden allerdings die aufgrund ihrer genetischen Anlagen besser angepassten Verhaltensweisen mithilfe ihrer Träger bzw. dessen Genen mit größerer Häufigkeit verbreitet. Demnach wäre die menschliche Kultur ein Resultat positiver Selektion. Bestimmte, geistige Fähigkeiten haben sich im Sinne der Evolution als vorteilhaft herausgestellt.

Der Mensch konnte also seine Kultur nutzen, Probleme bezüglich Fortpflanzung und Selbsterhaltung besser zu lösen. Er verschaffte sich Vorteile bei der Anpassung an die gegebene Umweltsituation. Aber die genetische und kulturelle Evolution unterscheiden sich trotzdem ganz erheblich:

Bei der genetischen Evolution werden Erbinformationen mithilfe der Fortpflanzung weitergegeben. Es kommt demnach zu einer beständigen, kontinuierlichen, aber nicht allzu flexiblen Entwicklung bzw. Anpassung.

Bei der kulturellen Evolution spielen in erster Linie erlernte Fähigkeiten und individuellen Erfahrungen eine Rolle. Diese werden im Gehirn gespeichert, verarbeitet, variiert und anschließend an die Nachkommen weitergegeben. Die Möglichkeit zur größeren Flexibilität und schnelleren Anpassung ist dadurch gegeben, allerdings kann die kulturelle Evolution um ein Vielfaches unbeständiger sein. So lässt sich die immense Vielfalt der Kulturen und die große Geschwindigkeit erklären, mit der die menschliche Entwicklung stattgefunden hat. Daraus lässt sich ableiten, dass Kultur wie die genetische Weitergabe von Information ebenfalls im Dienst einer erfolgreichen Fortpflanzung steht.

Kritik an der soziobiologischen Forschung:

  • Wissenschaftlich gesehen kann man die Erklärungsansätze nur auf angeborene Verhaltensweisen anwenden. Ist eine Verhaltensweise erlernt, wird sie nicht nur von der biologischen Evolution bestimmt, andere Erklärungsansätze sind notwendig. Die biologische Definition von Kultur scheint noch nicht abschließend formuliert zu sein, es gibt erste Versuche in der Primatenforschung. Spezifische kulturelle Leistungen, die weder dem einzelnen Individuum noch den anderen Kulturträgern einen Vorteil verschaffen, können mit diesem Erklärungsansatz nicht hinreichend beantwortet werden (Beispiel: Kunst, Musik).
  • Der Versuch, die Soziobiologie auf den Menschen zu übertragen, hat unter den unterschiedlichsten Wissenschaftlern eine heftige Kontroverse ausgelöst: Die Kritiker wehrten sich sehr massiv gegen die formulierte Annahme, menschliches Verhalten sei genetisch bestimmt. Würde man tatsächlich davon ausgehen, könnten Phänomene wie Rassismus, Kapitalismus, Sexismus, Imperialismus und Sozialdarwinismus als Rechtfertigung dafür missbraucht werden und somit der Legitimierung zweifelhafter politischer Ziele herrschender Klassen dienen. Dieser Vorwurf ist jedoch niemals Absicht der Soziobiologen gewesen. Die Soziobiologie beschäftigt sich mit der Erforschung des Wesens des Menschen und seines Sozialverhaltens einzig und allein auf der Basis wissenschaftlicher Beweiskraft ohne jegliche politische Zielsetzungen oder ethisch-moralische Bewertungen.
  • Ein kontroverser Diskussionspunkt war lange Zeit auch die angebliche „Unvereinbarkeit zwischen der Biologie und den Geisteswissenschaften“. Viele waren der Ansicht, dass der menschliche Geist und die menschliche Kultur einen selbstständigen losgelösten Komplex bildeten, den man unmöglich mithilfe biologischer Mechanismen erklären könne. Diese Position konnte jedoch mithilfe der Gen-Kultur-Koevolutionstheorie und infolge einer Akzeptanz des Vorhandenseins intensiver Wechselwirkungen zwischen biologisch vorgegebenen Verhaltenstendenzen und kulturellen Normen zurückgewiesen werden.
  • Als Kritik wurde auch angemerkt, dass zum Teil auch Merkmale vererbt werden, die nicht nur keinen Selektionsvorteil, sondern sogar einen Selektionsnachteil mit sich bringen (z. B. Sichelzellenanämie in den Tropen) und dass Gene, die dem Träger einen Vorteil verschaffen, durch Zufall (z. B. Gendrift) abhanden kommen können.
  • Bei der Verwandtenselektion wurde kritisch angemerkt, auf wessen Konto der Nutzen denn zu buchen sei: Auf das Konto des Nutznießers, auf das Konto des Helfers oder gar auf das Konto der gemeinsamen Gene? Wie kann man in diesem Zusammenhang das Phänomen der Symbiose erklären, wo die Helfer in der Regel nicht einmal entfernt miteinander verwandt sind.
  • Während Drohnen mit der Königin zu 100 % verwandt sind, sie aber nicht pflegen, pflegen Arbeiterinnen, die nur zu 50 % mit der Königin und ihren Schwestern verwandt sind, die Königin. Demnach kann das „Pflegen“ aber nur dann weiter vererbt werden, wenn die Arbeiterinnen zu Königinnen werden, was nicht der Fall ist.
  • Fragen, die im Zusammenhang mit altruistischen Verhaltensweisen auftreten: Die Reduktion auf ein Helfergen birgt einige Probleme, denn komplexe Verhaltensweisen werden durch viele Gene bestimmt. Einige dieser Gene sind nicht nur bei sozialen, sondern auch bei anderen Verhaltensweisen von Bedeutung (z. B. Bewertungs- und Belohnungssystem sind auch für den Nahrungserwerb und die Fortpflanzung von Bedeutung). Daraus folgt, dass die Selektion des Helfergens nicht nur einer einfachen Regel folgen kann und somit nicht nur vom Verwandtschaftsgrad abhängt. Dies trifft besonders für erlernte altruistische Verhaltensweisen zu, die unabhängig von den Genen weitergegeben werden (Traditionsbildung). Bei vielen Säugetier- und Vogelarten, die im Zoo leben, konnte man beobachten, dass die weiblichen Handaufzuchten nicht mehr in der Lage waren, ihre eigenen Jungtiere aufzuziehen.

Weiterführende Literaturauswahl

DESMOND MORRIS: Der Menschen Zoo, 1969
E. O. WILSON: Sociobiology: The new synthesis, Cambridge 1978
E. O. WILSON: On Human Nature, Harvard College*
RICHARD DAWKINS: Das egoistische Gen, Berlin 1978
ECKARD VOLAND: Grundriss der Soziobiologie, 1993
FRANZ M. WUKETITS: Was ist Soziobiologie?, 2002
THOMAS P. WEBER: Soziobiologie, 2003

Der Evolutionsbiologe RICHARD DAWKINS (geb. 1941) beschreibt 1976 in seinem Buch „The Selfisch Gene“ (Das egoistische Gen), dass über einen langen Zeitraum Arten als Einheit der Selektion angesehen wurden. („Tiere opfern sich zum Wohl der Art“). Wie bereits erwähnt, weist auch er darauf hin, dass man inzwischen primär das einzelne Individuum und seine Konkurrenz um begrenzte Ressourcen betrachtet. DAWKINS geht in seinen Überlegungen aber noch weiter: Er behauptet, dass die Gene selbst miteinander „im Wettstreit stehen“. Da bei Individuen, die sich sexuell vermehren, nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl an Genen an die nächste Generation weitergegeben werden, existiert eine Konkurrenz dieser Gene um ihre Verbreitung in der nachfolgenden Generation. Vor allem die Gene, die an der gleichen Stelle im Genom angelagert sind und auch die gleiche Aufgabe erfüllen, sich aber hinsichtlich ihrer Erfüllung der Aufgabe unterscheiden, konkurrieren direkt miteinander. Deshalb - so DAWKINS - müssen die Gene untereinander egoistisch sein, um ihre Verbreitung auf Kosten anderer Gene zu sichern. Der „Egoismus der Gene“ dient ihm aber nur als Metapher, auch DAWKINS war sich durchaus darüber im Klaren, das Gene weder Gefühle noch Absichten haben können. DAWKINS erklärt die gesamte Entwicklung des Lebens mit der Selektion von Genen. Diese Gene haben im Laufe der Evolution immer ausgefeiltere „Überlebensmaschinen“ (raffinierte pflanzliche oder tierische Organismen) geschaffen. Die Gene, die keine Allele sind und daher auch nicht direkt miteinander konkurrieren, können selbstverständlich auch kooperieren, um auf diese Weise die komplexen Wechselwirkungen heutiger Lebewesen erst möglich zu machen.

Auch das altruistische (uneigennützige, selbstlose) Verhalten von Individuen erklärt er mithilfe des Egoismus der Gene. Hilfe unter Verwandten kann als selbstloser Akt gesehen werden, da das einzelne Individuum dadurch meist keinerlei Vorteile hat. Für das Gen, das verantwortlich für die Veranlagung zur Verwandtenhilfe ist, kann es unter gewissen Umständen durchaus günstig sein, das andere Individuum zu retten, da unter den engsten Verwandten (Eltern, Kinder, Geschwister) die Chance, dass der andere das gleiche Gen trägt, 50% beträgt. Ist also die Gefahr oder der Schaden für den Helfer weniger als halb so groß wie der Gewinn für den Empfänger, kann sich auf diese Weise das Gen stärker verbreiten. Im Mittel werden dann nämlich über die Generationen mehr Kopien des Gens erhalten bleiben. (An einem Extrembeispiel erklärt: Wenn jemand sein Leben für nahe Verwandte opfert und stirbt, aber zwei Geschwister dafür überleben, spielt das für seine Gene zwar keine Rolle, wenn aber drei Geschwister durch dieses Opfer gerettet werden, ist das für seine Gene im Durchschnitt gesehen ein Gewinn).

Neben seiner Sicht des Gens führt DAWKINS in seinem Buch auch den Begriff des Mems ein: Er versteht darunter eine Art Gedankenbaustein, der nahezu unverändert weitergegeben werden kann, aber auch ähnlich wie ein Gen mutieren kann und durch die „Eingängigkeit“, seine Speicherfähigkeit im Gehirn, unter dem Einfluss der Selektion steht (z. B. Theorien, Phrasen, Melodien, Ideen). DAWKINS geht davon aus, dass jegliches Gedankengut in Meme zerlegt werden kann.

Literatur (unterschiedliche Ausgaben)
RICHARD DAWKINS: The Selfish Gene. Oxford University Press 1976
RICHARD DAWKINS: The Selfish Gene. Oxford University Press 1989 (überarbeitete und erweiterte Auflage mit zwei neuen Kapiteln sowie Nachbemerkungen zu den elf ursprünglichen Kapiteln)
RICHARD DAWKINS: The Selfish Gene. Oxford Paperback 1989 ISBN 0-192-86092-5 (Paperback-Ausgabe)
RICHARD DAWKINS: Das egoistische Gen. Springer-Verlag 1978
RICHARD DAWKINS: Das egoistische Gen. Spektrum Akademischer Verlag 1994 ISBN 3-860-25213-5 (Ausgabe der zweiten Auflage mit einem Vorwort von WOLFGANG WICKLER)
RICHARD DAWKINS: Das egoistische Gen. Rowohlt Taschenbuch Verlag 1996 (rororo science) ISBN 3-499-19609-3 (Taschenbuchausgabe der zweiten Auflage)

Kritische Anmerkung zu DAWKINS:

DAWKINS vermischt in seinem Buch die mechanistische Begrifflichkeit der Evolutionstheorie mit der teleologischen Begrifflichkeit menschlichen Handelns. Ein „egoistisches Gen“ beinhaltet die Assoziation, dass das Gen einen eigenen Willen hat. Dafür bedarf es jedoch komplexerer Strukturen als ein kleiner DNA-Abschnitt (Zitat: „Die ... DNA-Molekülketten ... haben ... das Bestreben, ständig Kopien von sich selbst herzustellen.“). Auch hier bei dem Gebrauch der Metapher vom „egoistischen Gen“ läuft DAWKINS Gefahr missverstanden und ideologisch missbraucht zu werden. Korrekter wäre es, vom egoistischen Allel zu sprechen, außerdem wird der Genbegriff für das gesamte Genom eines Individuums verwendet. Die Fitness bzw. Tauglichkeit des Phänotypen wird durch das Zusammenspiel aller Eigenschaften bestimmt (sowohl der erlernten als auch der tradierten) und bei weitem nicht nur durch die einzelnen Gene. Deshalb bleiben auch nachteilige Allele in einer Population bestehen. Die Kritiker DAWKINS formulieren daher die Frage, wie diese Tatsache mit dem Konzept des „egoistischen Gens“ vereinbar ist?

Zitate zum Thema „Soziobiologie“:

EDWARD O. WILSON, 1979 in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Biologie als Schicksal - Die soziobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens“ Ullstein-Verlag 1980, Titel der amerikanischen Originalausgabe: „On Human Nature“:
„Die Soziobiologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, definiert als die systematische Erforschung der biologischen Grundlage jeglicher Formen des Sozialverhaltens bei allen Arten von sozialen Organismen einschließlich des Menschen. Sie analysiert die biologischen Vorgänge, auf denen die Organisation solcher Einheiten wie der Verband von Eltern und ihren Nachkommen, Termitenkolonien, Vogelscharen, Pavianhorden und Jäger und Sammlerbanden beruht. Das wirkliche Neue an dieser Disziplin ist die Art und Weise, wie ihre Adepten den älteren Disziplinen der Ethologie und der Psychologie eine Vielfalt an Fakten und Ideen entnommen, neue Resultate aus Feldstudien und Laborversuchen hinzugefügt und das Ganze auf der Grundlage der modernen Genetik, der Ökologie und der Populationsbiologie gedeutet haben. Zum ersten Mal werden (menschliche) Gesellschaften streng als Populationen erforscht, und dabei bedienen sich die Wissenschaftler jener Instrumente, die innerhalb der Biologie ausdrücklich für die Untersuchung dieser höheren Organisationseinheiten entwickelt wurden. Der bisherige Forschungsgegenstand der Ethologie - die umfassenden tierischen Verhaltensmuster unter besonderer Berücksichtigung der Anpassung der Tiere an ihre natürliche Umwelt - wurde zur Grundlegung der Soziobiologie herangezogen. Dabei bleibt aber die Ethologie eine eigenständige Disziplin, welche die Soziobiologie in ihrer Zielrichtung und ihrem Forschungsgegenstand ergänzt.“

Aus: ECKARD VOLAND , Grundriß der Soziobiologie, 1993:
„Soziobiologie ist die Wissenschaft von der biologischen Angepasstheit des tierlichen und menschlichen Sozialverhaltens. Weil Sozialverhalten eine ganz wesentliche Rolle in den Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungsbemühungen der Organismen spielt, unterliegt es der formenden und optimierenden Kraft der evolutionsbiologischen Vorgänge.“

Aus: Aufklärung und Kritik 2, 1999: EDWARD O. WILSON: Seines Lebens ganze Fülle - Eine kritische Würdigung von Prof. Dr. FRANZ M. WUKETITS:
„Mittlerweile verlaufen die Diskussionen um die Soziobiologie meist recht sachlich, und die ideologischen Vorwürfe konnten zumindest teilweise aus dem Weg geräumt werden - jedenfalls in Kreisen, die sich davon überzeugen lassen, daß biologische Aussagen oder Theorien über den Menschen keineswegs notgedrungenermaßen mit einer „rechten Ideologie“ einhergehen und daß der Analyse bzw. Rekonstruktion der evolutiven und genetischen Grundlagen unseres (Sozial-)Verhaltens eine wichtige Rolle auf dem Weg zu unserem eigenen Selbstverständnis beizumessen ist. Denkt man im übrigen an den Umstand, daß im Rahmen der soziobiologischen Theorienbildung Individuen und individuelles Interesse im Vordergrund stehen (und nicht die „Arterhaltung“), dann muß man schnell erkennen, daß jedenfalls für den „völkischen Gedanken“ und für jede Form des Nationalismus die Soziobiologie keine geeignete Plattform abgibt. Wilson hätte sich vielleicht im vorhinein auf seine Kritiker besser vorbereiten sollen. Da er in der Soziobiologie aber keine politischen Implikationen sah, wurde er von den politisch motivierten Kritikern gänzlich überrascht.

Alle allgemeiner gehaltenen Vorwürfe, denen zufolge Wilson mit der Soziobiologie die Bedeutung der Kultur für die Evolution des Menschen mißachtet habe, gehen an der Tatsache vorbei, daß er die Spezifität und Eigendynamik von „Kultur“ nie geleugnet und kulturelle Phänomene keineswegs im Sinne eines krassen Reduktionismus auf biologische Vorgänge zurückgeführt hat. Vielmehr unternahm er den Versuch, die komplexen Wechselbeziehungen zwischen der organischen und der kulturellen Evolution zu verstehen, die genetische und die kulturelle Entwicklung als einen „ko-evolutionären“ Prozeß zu begreifen (vgl. LUMSDEN und WILSON, 1981)“.

Aus einem Interview in Campbell, Biologie, 6.Auflage 2003 :
Bert Hölldobler:

„Die Evolutionsforschung der organismischen Biologie beschäftigt sich im Wesentlichen mit zwei großen Themen: Phylogenese und Adaptation. Die Erforschung der Abstammungsgeschichte der Organismen, auch Phylogenie genannt, hat in Deutschland eine große Tradition, denn sie geht auf Ernst Haeckel zurück, und sie erfährt in jüngerer Zeit mit der Entwicklung von rigorosen Konzeptionen und taxonomischen Analysemethoden der phylogenetischen Systematik und der molekularbiologischen Abstammungsforschung einen neue Blüte.

Das andere große Thema der Evolutionsbiologie beschäftigt sich mit der Anpassung. Die vergleichende Analyse physiologischer, ethologischer oder ökologischer Adaptationen untersucht analoge Anpassungsstrategien bei den verschiedenen Organismengruppen. Auf diese Weise können die Faktoren erkannt werden, welche die natürliche Auslese bestimmter Strukturen und Mechanismen begünstigen. Zu diesem Zweig der Evolutionsforschung gehören die Verhaltensökologie, die Soziobiologie und die Evolutionsökologie. Diese Disziplinen überschneiden sich in weiten Bereichen, und ihnen ist gemeinsam, dass die Populationsgenetik einen zentrale Rolle spielt. Das dürfte auch ein wesentlicher Grund dafür sein, warum dieser Zweig vor allem von angelsächsisch-amerikanischen Forschergruppen entwickelt wurde, denn die Populationsgenetik hat erst in jüngerer Zeit in Deutschland wieder Fuß gefasst, und vieles muss noch geschehen, um sie in unserem Lande zur blühenden Wissenschaft zu entwickeln.

Was ist die Zielscheibe der Selektion: das Gen, der Organismus, die Gruppe oder vielleicht sogar die Spezies? Welche genetischen, morphologischen, physiologischen und verhaltensbiologischen Zwänge beeinflussen eine „Optimierung“ der Anpassung? Warum gibt es Sexualität, und wo liegen die Probleme der sexuellen Selektion? Wie kann man die Evolution von altruistischem Verhalten erklären? Gibt es populationsgenetische Beweise für diese Erklärungsmodelle? Das sind einige der Fragen, mit denen sich die Evolutionsökologie beschäftigt.

Die Soziobiologie beinhaltet die vergleichende Untersuchung der sozialen Organisationen und soziogenetischen Strukturen von Tiersozietäten und anderen Organismengruppen. Sie ist bestrebt, mithilfe solcher Analysen die Evolution sozialen Verhaltens in der Natur zu verstehen. Dieses Forschungsgebiet existierte schon lange vor dem Erscheinen von Wilsons Buch „Sociobiology“ im Jahre 1975. Bereits Darwin hatte sich mit der Problematik der Evolution von sozialen Tiergesellschaften beschäftigt, und die Frage ist heutzutage noch genauso aktuell wie zu Darwins Zeit, wenngleich wir heute mehr darüber wissen. Doch hatten bis zu Wilsons Synthese die einzelnen Fachdisziplinen, die sich mit sozialem Verhalten beschäftigten, wenig Kontakt miteinander, und es kam zuweilen zu erstaunlichen Fehlinterpretationen.

WILSONS Buch ordnete und vereinigte das bisherige Wissen aus den einzelnen Fachdisziplinen, vor allem aus der Ethologie, Ökologie und Populationsgenetik. Dadurch hat die soziobiologische Forschung eine erstaunliche Wiederbelebung erfahren. Wilson wagte seinerzeit folgende Vorhersage: Die Ethologie als vorwiegend europäische Tradition der Verhaltensforschung und die vergleichende Tierpsychologie als vorwiegend US-amerikanische Tradition der Verhaltensforschung werden etwa im Jahr 2000 nahezu verschwunden sein. Sie werden ersetzt von der integrierten Neurophysiologie beziehungsweise Neuroethologie sowie der Soziobiologie und Verhaltensökologie.
Wilson hatte damals den Zorn einiger Ethologen und vergleichenden Psychologen auf sich geladen. Wenn man die biologischen Verhaltenswissenschaften heute weltweit betrachtet, muss man feststellen: Wilsons Vorhersage ist eingetroffen!

Frage: Löste das Buch Sociobiology in Deutschland ähnliche Kontroversen aus wie in Amerika? Und woher rühren die Vorbehalte in Deutschland gegenüber dieser Fachrichtung?
Die Kontroverse in den USA, die vor allem das letzte Buchkapitel „Man: From Sociobiology to Sociology“ ausgelöst hatte, war vorwiegend politisch motiviert und hatte wenig mit den wissenschaftlichen Aussagen zu tun. Heute ist diese Kontroverse unbedeutend.
Ich bedaure, dass der Begriff Soziobiologie zunehmend gleichgesetzt wurde mit der Erforschung der biologischen Grundlagen des Verhaltens der Menschen. Hierher rühren sicher auch die Vorbehalte in Deutschland gegenüber dieser Fachrichtung. Ich spreche nicht dagegen, dass unser soziales Verhalten biologische Wurzeln hat, die man soziobiologisch zu ergründen sucht.

Nur, Soziobiologie ist viel mehr: Es ist die vergleichende Erforschung sozialen Verhaltens in der Natur, und das kann sogar die Interaktionen zwischen pflanzlichen Organismen mit einbeziehen.“

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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