Interpretation eines vermeintlichen Sachtextes

In seiner Rede zur Eröffnung der 1. Buchmesse in Olten am 4. Oktober 2006 bekannte er:

„Lesen ist das Eindringen in das Unverständliche, in das Unvernünftige– oder ganz einfach: in das Andere: Ich bin nicht der, der ich bin, ich bin ein Anderer. […] Das Recht ein anderer zu werden, das heisst (sic!) Freiheit. Und nicht etwa, wie graue Patrioten meinen, auf ewig gleich zu bleiben.“
(Bichsel, Peter: Rede zur Eröffnung der 1. Buchmesse in Olten am 4. Oktober 2006)

Erste Deutungsebene

Bichsels Kurztext „Die Leser“, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau (FR) vom 03./04.05.1997 hat verschiedene Leseebenen: Er kann als ein journalistischer Text gedeutet werden. Das liegt sehr nahe, da der Autor seit den 1960er-Jahren immer wieder Kolumnen in Schweizer Tages- und Wochenzeitungen veröffentlicht hatte. Diese erste Deutungsebene setzt voraus, dass der Autor über sich selbst und seine Umwelt reflektiert. Das Geschehen ist real, es beruht auf Fakten. Nichts ist konstruiert oder literarisch überhöht. Der Beitrag in der FR gehört dann zu den pragmatischen Texten. Diese Deutung wird durch mehrere Äußerungen unterstützt. Der Autor begegnet einem jungen Mann, den er seinen „Kumpanen“ (Z. 32) nennt und von dem er erfährt, dass jener ein leidenschaftlicher Leser ist. Der Autor selbst bedauert, den jungen Mann kennengelernt zu haben, weil er als Produzent und kenntnisreicher Leser von Literatur ahnt, dass er den Kumpanen mit seinem Wissen über Literatur insofern schaden wird, dass dieser seine „Unschuld“ am Lesen verliert.

Zweite Deutungsebene

Eine zweite Deutungsebene ist, dass da ein Schriftsteller über sich und seinen Leser schreibt. Sie sind einander ähnlich, lesen dieselben Bücher. Und sie sind einander fremd: „Lesen ist eine Verrücktheit wie Glauben.“ (Z. 68 f.) Das aber eint sie wiederum. Bichsel bekennt, er habe noch nie davon gehört, dass man Bücher kaufe, wie Lebensmittel (vgl. Z 90). Und er kokettiert damit. Eine seiner Kolleginnen, Elke Heidenreich, spricht davon, Lesen sei „eine Art Lebenskunst“ (Z. 25, zitiert nach: Elke Heidenreich: Wer nicht liest, ist doof, in: Tagesspiegel, 25.09. 1998, auch in: Kursbuch. Das Buch. Heft 133, Berlin: Rowohlt, 1998). Und sie zitiert den argentinischen Schriftsteller, Lektor und Übersetzer Alberto Manguel: „Lesen ist wie atmen“ (a. a. O., Z. 125).

Dritte Deutungsebene

Eine dritte Deutungsebene versteht den Text als einen rein fiktiven Text. Und darüber ist hier zu schreiben. Auf dieser Deutungsebene wäre der Erzähler nicht identisch mit dem Autor, auch wenn der Autor reales Geschehen wiedergegeben hätte. Wir hätten es mit einem literarisch „verdichteten“, einem fiktiven Text zu tun. Nur solche Ausschnitte würden wiedergegeben, die eine innere Logik des Geschehens befördern, Unwesentliches hätte der Autor weggelassen. Auch dafür gibt es Indizien im Text: Die Geschichte wird linear erzählt. Eine kurze Einleitung berichtet über dem Erzähler unbekannte Leser: Leute im Restaurant, die das Speisenangebot studieren, eine junge Frau, die ein Buch liest. Das ist Erzählimpuls für ihn, über seinen Freund Paul zu reflektieren.

Freund Paul

Das ist ein junger Mann, den er in seiner „Beiz“ (d. i. schweiz = Wirtshaus, Z. 26) kennengelernt hat und der ihm bekannte, ein „Leser“ zu sein. Beide Männer unterscheiden sich in vielem: Paul ist ein junger „Gleisemonteur“ (Z. 35), der nur eine einfache Bildung erhalten und vielleicht – und das verheimlicht der Text – lediglich die Volksschule besucht hat. Über die Schulbildung des Erzählers erfährt man nur durch den Mund Pauls: „Aber du bist in die richtigen Schulen gegangen, und du weißt das alles“ (Z. 61 f.).
Bichsel hat das Lehrerseminar in Solothurn besucht, war danach Primarlehrer, wie man die Grundschule in der Schweiz nennt. Der Autor kennt also die Belesenen, ist selbst ein Belesener. Aus dieser Erfahrungswelt heraus schöpft er sein alter ego.
Sein Erzähler liest Adalbert Stifter und Remarque und Bukowski, lauter schwierige Autoren, wie er bekennt. Sein Gegenpart Paul jedoch ist der naive Leser, der voller Vertrauen an das Lesen geht: Für Paul ist alles wichtig, was gelesen werden kann: das Comic ebenso wie „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow. Nur weil er über Literatur wenig weiß, kann er ein begeisterter Leser sein, in die Welt der Literatur eintauchen und „staunen“ (vgl.: Peter Bichsel: Rede zur Eröffnung der 1. Buchmesse in Olten am 4. Oktober 2006).
Aber dieses Staunen hat der Erzähler längst verloren. Und er fürchtet, auch Paul könnte es verlieren, wenn der Erzähler ihm etwas über die Wirkungsweise von Literatur beibrächte, ihm erzählte, was gute und was schlechte Literatur wäre. Paul liest unbedarft, unbefangen und unsystematisch, er sucht sich die Bücher danach aus, in welchem Verlag sie ediert wurden.

Diese Unschuldigkeit des Lesens fasziniert, erstaunt den Erzähler, für ihn ist das Lesen etwas Intimes, wenn er es bei anderen beobachtet: bei der Frau an der Bushaltestelle ebenso, wie bei Paul, den er zwar nicht lesen sieht, der aber darüber spontan-kindhaft berichtet und das dadurch öffentlich wird, aber dadurch seine Unschuldigkeit nicht verliert. Der Erzähler hat sich das Wissen um das Lesen offenbar mühevoll angeeignet (Schule, Studium …), während Paul spontan zum Lesen gefunden hat, keinen äußeren Antrieb brauchte, zum Lesen zu finden. Der Erzähler sucht sich bewusst aus, was er lesen möchte. Er kennt seine Autoren.

Und er käme nicht auf den Gedanken, sich in Comics zu verlieren. Er liest nach einem System: ausgewählt. Trotz dieser Unterschiede haben beide Figuren entscheidende Gemeinsamkeiten: Sie sind beide Leser. Sie haben große Achtung voreinander: Paul, weil er seinen Freund für einen sehr gebildeten Mann hält, und der Erzähler, weil Paul ohne die geringste Anleitung anderer zum Leser geworden ist. Sie vergleichen und werten einander: “[…] er machte nie den Eindruck, dass er viel mit Buchstaben zu tun hat“ (Z. 37 f.). Dieser Gedanke weist große Ähnlichkeit mit denen des Autors auf, der in der Rede in Olten sagte: „Das Wichtigste, vielleicht das einzig wirklich wichtige, was ich in meinem Leben gelernt habe, das waren die Buchstaben.“ (a.a.O.)

Selbstzweifel

Der Erzähler und Paul haben Selbstzweifel: Paul zweifelt an seiner Bildung und der Erzähler, weil er Paul für überlegen hält. Denn Paul hat „jenen Blick der Leute, die kurz nach der Tür ihren Kopf zur Tafel heben, auf der die Menüs des Tages stehen“ (Z. 71 f.). Aber diesen entscheidenden Satz, er steht am Beginn der Geschichte, hat der Leser der bichselschen Geschichte längst überlesen. Er lautet: Sie sehen „aus, wie wenn sie beten würden, es ist wie der Blick der Frommen zum Hochaltar“ (Z. 7 f.). Literatur wird hier mit Religion verglichen, mit etwas Heiligem, mit unschuldsvoller Gläubigkeit. Literatur ist Ritus, Liturgie, das „Eindringen in das Unverständliche, in das Unvernünftige [...] in das Andere:“ (a.a.O.) . Darin sind sich Paul und der Erzähler gleich.

Der Erzähler liefert den Vergleich der „Frommen“ (Z. 8) mit dem Fernsehzuschauer gleich mit: „Wäre da ein TV-Gerät, der Blick wäre ein anderer“ (Z. 9 f.), weiß er. Fernsehen ist ein passiver Vorgang, reine Konsumtion der Bilder, Lesen aber erfordert den aktiven Menschen, erfordert Vorstellungskraft, gewährt einen Blick in den Leser hinein: „Ich bin nicht der, der ich bin, ich bin ein Anderer.“ (a.a.O.) Und zugleich gewährt Literatur einen Blick in den Autor hinein. Im Leser vollendet sich eine Geschichte, wie sie so nie geschrieben wurde. Das weiß der Erzähler, und er weiß auch, warum, denn er kennt sich aus mit dem Literaturbetrieb. Er hat hinter die Fassade der Literatur geblickt. Für ihn gibt es schwer zu lesende (vgl. Z. 50 f.) Bücher, die vermuten lassen, dass Lesen für ihn auch Arbeit bedeutet, nicht nur Vergnügen.

Warum der Erzähler Paul jedoch außerdem für überlegen hält, wird aus einem Zitat des Autors BICHSEL deutlich, wenn er über die Welt des Lesens sagt: „Ich habe sie verloren, diese Welt – und zwar endgültig und für immer – weil ich nicht verhindern konnte, sie dann doch zu verstehen.“ (a.a.O.), bekennt er in seiner Rede in Olten. Trotzdem kulminiert die Geschichte in dieser Gemeinsamkeit: „[…] wir gehören jetzt zusammen, wir sind Leser“ (Z. 96 f.). Der Erzähler und Paul fühlen sich „zu spät geboren“ (Z. 105). Nur dadurch konnten sie zu Lesern werden.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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