Sonett

Das italienische Sonett nutzt den Vers des „Endecasillabo“, des Elfsilblers. Im Deutschen besteht es aus meist fünffüßigen Jamben.
Zum Sonett gehören zwei vierzeilige Quartette (Aufgesang) und zwei dreizeilige Terzette (Abgesang). Das erste Quartett liefert die These, das zweite Quartett die Antithese. These und Antithese werden in den Terzetten zur Synthese zusammengeführt. In der neueren Lyrik wird diese strenge Form immer wieder durchbrochen durch drei vierzeilige Quartette und einem zweiteiligen Duett.

Die Reime in den Quartetten folgen dem Schema abba abba (umschlingender Reim) bzw. abab cdcd, während in den Terzetten unterschiedliche Reimstellungen möglich sind.

Mögliche Reimschemata des Sonetts:

abba – abba – cdc – dcd  
abba – abba – ccd – eed
abba – abba – cde – cde
abba – abba – ccd – dee
abba – cddc – eef – ggf
abba – cddc – efg – efg
abba – cddc – efe – fef ...

Bedeutende Sonettdichter (u. a.):

  • FRANCESCO PETRARCA (1304-1374) mit seinen „Canzoniere“ (auch: „Rime in vita e morta di Madonna Laura“) und
  • WILLIAM SHAKESPEARE, dessen 154 Sonette in deutscher Übersetzung von SCHLEGEL/TIECK und in neuerer Zeit von PAUL CELAN (1920–1970) und FRANZ JOSEF  CZERNIN (geb. 1952) vorliegen, außerdem
  • der Barockdichter ANDREAS GRYPHIUS (1616–1664) sowie
  • FRIEDRICH RÜCKERT (1788–1866, „ Geharnischte Sonette“)
  • AUGUST GRAF VON PLATEN (1796–1835, „Sonette aus Venedig“),
  • RAINER MARIA RILKE (1875–1926, „Sonette an Orpheus“),
  • GEORG HEYM (1887–1912),
  • PAUL BOLDT (1885 –1921) und
  • JOHANNES R. BECHER (1891–1958).

Jeder Vers besteht aus zehn (männliche Kadenz) oder elf (weibliche Kadenz) Silben.

Das Sonett ist am Hofe FRIEDRICHs II. (Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) in Palermo mit dem Aufkommen der Sizilianischen Dichterschule (Scuola poetica siciliana) entstanden. Als Begründer gilt GIACOMO DA LENTINI (um 1210–um 1260), der die Gedichtform wahrscheinlich aus dem Minnegesang weiterentwickelt hat. Dass ausgerechnet ein kaiserlicher Hof als Geburtsort des Sonetts gilt, ist nicht verwunderlich. Im Mittelalter hielten sich Spielleute und Dichter gern an den Höfen von Fürsten und Königen auf. FRIEDRICHs Vater, Kaiser HEINRICH VI., war selbst auch ein Minnesänger, seine Dichtungen sind in der Manessischen Liederhandschrift überliefert. Der hoch gebildete Kaiser FRIEDRICH II. allerdings ist ist lediglich als Verfasser des Falkenbuches „De arte venandi cum avibus“ (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen) überliefert.

Erste Höhepunkte fand das Sonett in der italienischen Renaissance mit PETRARCA sowie in der englischen Klassik mit SHAKESPEARE (siehe PDF "Berühmte Sonette"):

WILLIAM SHAKESPEARE: Sonett Nr. 1

FROM fairest creatures we desire increase,
That thereby beauty's rose might never die,
But as the riper should by time decease,
His tender heir might bear his memory:

But thou, contracted to thine own bright eyes,
Feed'st thy light'st flame with self-substantial fuel,
Making a famine where abundance lies,
Thyself thy foe, to thy sweet self too cruel.

Thou that art now the world's fresh ornament
And only herald to the gaudy spring,
Within thine own bud buriest thy content
And, tender churl, makest waste in niggarding.

Pity the world, or else this glutton be,
To eat the world's due, by the grave and thee.

(SHAKESPEARES SONNETS. London: G. Eld for T. T. and sold by William Aspley, 1609)

Übersetzung des ersten Sonetts durch STEFAN GEORGE:

Von schönsten wesen wünscht man einen spross
Dass dadurch nie der schönheit rose sterbe:
Und wenn die reifere mit der zeit verschoss
Ihr angedenken trag ein zarter erbe.

Doch der sein eignes helles auge freit
Du nährst dein licht mit eignen wesens loh ·
Machst aus dem überfluss die teure-zeit ·
Dir feind und für dein süsses selbst zu roh.

Du für die welt jezt eine frische zier
Und erst der herold vor des frühlings reiz:
In eigner knospe gräbst ein grab du dir
Und · zarter neider · schleuderst weg im geiz.

Gönn dich der welt! Nicht wie ein schlemmer tu:
Esst nicht der welt behör · das grab und du!

(George, Stefan: Shakespeare. Sonette, Umdichtung, Vermehrt um einige Stücke aus dem liebenden Pilgrim, Gesamt-Ausgabe der Werke, Endgültige Fassung, Band 12, Berlin: Georg Bondi, 1931, S. 7)

Die Sonette SHAKESPEAREs reimen stets männlich, sie bestehen aus drei Quartetten und einem abschließenden Reimpaar.

Der deutsche Barock brachte mit FLEMING, OPITZ und GRYPHIUS (siehe PDF "Berühmte Sonette") drei sehr bedeutende Sonettdichter hervor.

ANDREAS GRYPHIUS: Abend

Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt jhre fahn/
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen
Verlassen feld vnd werck/ Wo Thier vnd Vögel waren
Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!
Der port naht mehr vnd mehr sich/ zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel/ so wird in wenig Jahren
Ich/ du/ vnd was man hat/ vnd was man siht/ hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.
Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten/
Laß mich nicht ach/ nicht pracht/ nicht lust/ nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir/
Laß/ wenn der müde Leib entschläfft/ die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen/
So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.

(Gryphius, Andreas: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Herausgegeben von Marian Szyrocki und Hugh Powell, Tübingen: Niemeyer, 1963, S. 66.)

GRYPHIUS reimte in Alexandrinern, wie er es von seinen französischen Vorbildern her kannte. Somit erhielt er jambische Verse mit sechs Hebungen und einer deutlichen Zäsur nach der dritten Hebung.

Auch MARTIN OPITZ favorisierte den Alexandriner:

Sonnet

Du schöne Tyndaris / wer findet deines gleichen /
Vnd wolt' er hin vnd her das gantze landt durchziehn?
Dein' augen trutzen wol den edelsten Rubin /
Vnd für den Lippen muß ein Türckiß auch verbleichen,

Die zeene kan kein goldt an hoher farb' erreichen /
Der mundt ist Himmelweit / der halß sticht Attstein hin.
Wo ich mein vrtheil nur zue fellen würdig bin /
Alecto wird dir selbst des haares halber weichen /

Der Venus ehemann geht so gerade nicht /
Vnd auch der Venus sohn hat kein solch scharff gesicht;
In summa du bezwingst die Götter vnnd Göttinnen.

Weil man dan denen auch die vns gleich nicht sindt wol /
Geht es schon sawer ein / doch guttes gönnen soll /
So wündtsch' ich das mein feind dich möge lieb gewinnen.

(Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poetery, Breslau: David Müller, 1624, S. 41f.)

Im Stile dieser drei Dichter entstanden Unmassen an Sonetten, die allerdings oft recht unkünstlerisch gestaltet waren.

Bereits der Barockdichter- und theoretiker CHRISTIAN WEISE (1642–1708, bedeutendstes Werk waren seine 1692 erschienenen „Curiösen Gedancken Von Deutschen Versen“) hatte das Sonett als „Sclaverey mit den Reimen“ abgelehnt. Trotzdem versuchte auch er sich in dieser Kunst:

CHRISTIAN WEISE
Es wil ein iederman geschickte Lieder machen

Es wil ein iederman geschickte Lieder machen;
Doch wenn er einen Reim auf seine Tafel schreibt,
So fehlt der andre Vers, der ihm zurücke bleibt,
Und so besteht er nicht mit seinen halben Sachen.

Biß er den Vorrath gantz mit Kummer, Noth und Wachen
Aus allen Winckeln sucht, daß ihm nur eins bekleibt
Darbey er selbsten zwar die Zeit gar wol vertreibt;
Doch müssen destomehr die andern Leute lachen.

Darum bedenckt euch wol und nehmt die Lehren an
Die mein getreuer Sinn auff kurtze Sätze gründet:
Folgt mir und seyd bemüht, biß ihr auf dieser Bahn

Den kleinen Überdruß im Anfang überwindet:
Da wil ich fröhlich seyn, wenn ich mich rühmen kan,
Wie daß mein Fleiß sein Lob in euren Lobe findet.
(www.sonett-archiv.com/vz/weise.htm)

So dichtete ein gewisser CHRISTIAN HEINRICH POSTEL (1658–1705):

Als Pallas heiligs bild aus Troja ward entwendet,
Und ein mord-schwangres pferd durch Phobus mawren brach,
War heil und wolfahrt hin. Gluth, raub, mord, bann und schmach
Ward Priamus geschlecht’ und landern zugesendet.

So gings auch Griechenland. Es war sein Ruhm geendet
Wie Pindus schwester-schaar der Raserei zu schwach,
Das sie den Helicon verliessen allgemach,
Dieweil der Scythen Moond sein sonnenlicht geblendet.

Wo aber hemmete sich der vertriebnen lauff?
Das edle Welschland nam die Klugen schwestern auf,
Und Ward ihr Weisheit-sitz in Rom dem haupt der Erden

Da sie mit Ruhm ein neu Arcadien gestifft,
Wer zweifelt nun das sie kein Unglücks-fall mehr trifft,
Weil CLEMENS sich nun selbst muss zum Apollo werden?

 

Und PHILIPP VON ZESEN (1619–1689) schrieb neben alexandrinischen Sonetten auch jambische, allerdings keine Elfsilbler, sondern Neun- (bzw. Acht-)Silbler. Dem folgenden gab er einen gewichtigen Titel „Ein Klingendes, darinnen das zwei-bändige über-folkomne und folkomne reimband miteinander geschränket werden“:

Ihr frischen wasser, und ihr steine,
ihr bäume, felder, thal und wald,
ach hört! wie seuftz’ ich mannigfalt;
schreibt auf mein letztes wort, ihr haine,

seid meine schreiber, wie ich weine,
grabts in die rinden, daß es bald
bekleibe, wan ich werde kalt,
und leb-loß ähnlich bin dem scheine.

Ich sterb’ aus lauter grausamkeit
der Liebsten, welche mich (ach leid!)
hat niemahls wollen lieb-gewinnen.

Nun gute nacht, ihr meine lust,
ihr wälder, die ihr mier bewußt,
und oft erfrischt die matten sinnen!

(www.sonett-archiv.com/vz/zesen.htm)

Dem Spuk der Form- und Inhaltsbeliebigkeit machte einer ein Ende: Der „LIteraturpapst“ der Aufklärung, JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED (1700–1766), fand kaum lobende Worte über das Sonett:

„... verlohnt sichs wohl der Mühe, der gesunden Vernunft solche Fessel anzulegen, und um eines einzigen guten Sonnetts halber, welches von ungefähr einem Dichter geräth, viel hundert schlechte geduldig durchzulesen?“
(Aus: Versuch einer Critischen Dichtkunst. 3. Auflage 1742)

Über Jahrzehnte blieb das Sonett daraufhin unbeachtet. Erst GOTTFRIED AUGUST BÜRGER rehabilitierte die Gedichtform:

„Ein gutes deutsches Sonnett kann demjenigen, der nur einigermaßen Ohr hat, seiner Sprache mächtig ist, und ihren Knoten, deren sie freylich leider! genug hat, auszuweichen verstehet, nicht viel schwerer seyn, als jedes andre kleine gute Gedicht von diesem Umfange; und wenn es gut ist, so schlägt es mit ungemein lieblichen Klängen an Ohr und Herz. Das Hin- und herschweben seine Rhythmen und Reime wirkt auf meine Empfindung beynahe eben so, als ein von einem schönen, anmuthigen, bescheidenen jungen Paare, schön und mit bescheidener Anmuth getanztes kleines Menuet, [...] vornehmlich alsdann ist das Sonnett gut, wann sein Inhalt ein kleines, volles, wohl abgerundetes Ganzes ist, das kein Glied merklich zu viel, oder zu wenig hat, dem der Ausdruck überall so glatt und faltenlos, als möglich, anliegt, ohne jedoch im mindesten die leichte Grazie seiner hin und her schwebenden Fortbewegung zu hemmen. [...] Wenn man versuchte, das gute und vollkommene So­nnett in Prose aufzulösen, so müßte es einem schwer werden, eine Sylbe, ein Wort, einen Satz aufzugeben, oder anders zu stellen, als alles das im Verse stehet. Ja sogar die überall äußerst richtig, voll und wohl tönenden Reimwörter müssen nicht nur irgendwo im Ganzen, sondern auch gerade an ihren Stellen, um des Inhalts' willen, unentbehrlich scheinen.“
(Aus: GOTTFRIED AUGUST BÜRGER: Gedichte. Erster Theil. Vorrede) (siehe PDF "Gottfried August Bürger - Gedichte")

 

Material zum Thema
  • Gottfried August Bürger - Gedichte
    Format: PDF

Der Romantiker AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL (1767–1845) schrieb eine Art „Lehrgedicht“ auf die Gedichtform:

AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL

Das Sonett

Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Dass hier und dort zwei eingefasst von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder,
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih ich Hoheit, Füll’ in engen Grenzen,
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.

(Schlegel, August Wilhelm von: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig: Weidmann, 1846, S. 303) .

Als höchste Vollendung des Sonetts gilt der Sonettenkranz („corona dei sonetti“), das sind vierzehn Sonette, wobei der letzte Vers des vorangegangenen Sonetts auch den Beginn des nächsten darstellt. Schlussvers von Sonett vierzehn ist zugleich Vers eins des ersten Sonetts. Das Meistersonett wird als fünfzehntes Sonett aus den Schlussversen der vierzehn Sonette gebildet.

Material zum Thema
  • Berühmte Sonette
    Format: PDF
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