Begriff des Naturalismus

Der naturalistische Dichter ARNO HOLZ brachte den neuen Schreibstil auf die Formel:

BildKunst = Natur-xBild

wobei „x“ das Material der Kunst, d. h.,

  • die Sprache und
  • die dichterischen Formen

darstellt. Die Literatur solle, so HOLZ, die Wirklichkeit möglichst genau abbilden. Dazu müsse „x“ möglichst nach Null tendieren (vgl.: PDF 1).

Der Naturalismus entwickelte sich in Deutschland im Dialog mit der realistischen Literatur aus

  • Frankreich (ÉMILE ZOLA),
  • Skandinavien (HENRIK IBSEN – Der Ankläger)

    AUGUST STRINDBERG, 1849 –1912) und
  • Russland (LEO TOLSTOI, FJODOR DOSTOJEWSKI – vor allem „Schuld und Sühne“ –, MAXIM GORKI).
  • Ein Vertreter des englischen Naturalismus ist ARTHUR CONAN DOYLE (1859 –1930).

WILHELM BÖLSCHE äußerte über die Arbeitsweise des naturalistischen Autors:

„Der Dichter, der Menschen, deren Eigenschaften er sich möglichst genau ausmalt, durch die Macht der Umstände in alle möglichen Conflicte gerathen und unter Bethätigung jener Eigenschaften als Sieger oder Besiegte, umwandelnd oder umgewandelt, daraus hervorgehen oder darin untergehen lässt, ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber, wie oben ausgesprochen ist, auch diese Menschen fallen in's Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagiren gegen Äussere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen werthlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkimgen vorher berechnen muss, ehe er an's Werk geht und Stoffe combinirt.“
(WILHELM BÖLSCHE: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik, Leipzig: Carl Reissner, 1887)

(siehe PDF 2)

Ziel der Dichtung ist, nach BÖLSCHE, „zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur.“ (ebenda)

Vererbung und Milieu

Vererbung und Milieu sind zentrale Begriffe, mit denen der Zustand der Menschen und ihrer Realität erklärt wird. Milieuprägung und Vererbung waren die beiden Faktoren, die aus dem Menschen das machen, was er ist. Bildung, Konvention und Moral galten als „Masken“.
Die Natur war allgemeines Organisationsprinzip, auch der künstlerischen Formen. Seinen antiklassizistischen und antiromantischen Reflex bezog der deutsche Naturalismus aus den Vorbildern

  • Sturm und Drang und
  • Junges Deutschland.

Seine literarischen Hauptformen waren

  • das Drama und
  • der Roman.

Auch die Zeitschrift wurde von den Naturalisten als literarisch-journalistische Form erkannt. Die Brüder HEINRICH und JULIUS HART gründeten mit den „Kritischen Waffengängen“ (1882–84) eine der wichtigsten naturalistischen Zeitungen in Berlin. MICHAEL GEORG CONRAD gab in München die Zeitschrift „Die Gesellschaft“ (1885–1902) heraus.

Der Naturalismus bildete eine wichtige Tradition der Neuen Sachlichkeit.BildDie Zeit von 1880 bis 1890 nennt man das eigentliche naturalistische Jahrzehnt.

Techniken des Naturalismus

Wichtige Techniken des Naturalismus sind:

  • Sekundensti,
  • innerer Monolog,
  • Verwendung von Dialekten.

ADALBERT VON HANSTEIN (1861–1904) prägte um 1900 den Begriff Sekundenstil :

„Die alte Kunst hat von einem fallenden Blatt weiter nicht zu melden gewußt, als daß es im Wirbel sich drehend zu Boden sinkt. Die neue Kunst schildert diesen Vorgang von Sekunde zu Sekunde; sie schildert, wie das Blatt jetzt auf dieser Stelle, vom Lichte beglänzt, rötlich aufleuchtet, auf der anderen Seite schattengrau erscheint, in der nächsten Sekunde ist die Sache umgekehrt; sie schildert, wie das Blatt erst senkrecht fällt, dann zur Seite getrieben wird .... Eine Kette von einzelnen, ausgeführten, minuziösen Zustandsschilderungen, geschildert in einer Prosasprache, die unter Verzicht auf jede rhythmische oder stilistische Wirkung der Wirklichkeit sich fest anzuschmiegen sucht, in treuer Wiedergabe jeden Lauts, jeden Hauchs, jeder Pause - das war es, worauf die neue Technik abzielte.“

Die Reise nach Tilsit (PDF 3) schrieb der aus Ostpreußen stammende HERMANN SUDERMANN erst, als sein Ruhm als naturalistischer Theaterdichter bereits verblasste. Auch in dieser Erzählung sind naturalistische Strukturelemente zu beobachten, so verwendet der Autor zwar nur spärlich den schwerfälligen ostpreußischen Dialekt, jedoch ist der Singsang der Sprache in ebenso beeindruckender Weise selbst im Erzählerkommentar zu beobachten, wie Jahrzehnte später in den Geschichten „So zärtlich war Suleiken“ von SIEGFRIED LENZ.

ÉMILE ZOLA

ÉMILE ZOLA (1840 –1902, Bild 1) gilt als Biograf, Pionier und Repräsentant des europäischen Naturalismus.
Unter dem Einfluss von HIPPOLYTE TAINE (1828 –1893) und CLAUDE BERNARD (1813 –1878) konzipierte ZOLA seine Auffassung von der Determiniertheit (Prägung und Festgelegtsein) des Menschen durch Milieu (= soziales Umfeld und Umgebung) und Vererbung. Wenn ein Mensch in dieser Weise bestimmt ist, trägt er auch keine Verantwortung für das, was er tut. Das war das Ende der Idee, es gäbe eine Moral im Leben der Natur und in der Kunst.

Sein Werk zeigt den engen Zusammenhang von Dichtung und Wissenschaft. Für ZOLA bedeutete die positivistische Theorie in der Arbeit eines Schriftstellers, dass Voraussetzungen der Arbeit

  • Beobachtung,
  • Analyse und
  • Experiment

sind. Es ist eine Form der empirischen Ästhetik, d. h., das auf Erfahrungen Beruhende und Nachprüfbare wird zum Gegenstand der Kunst. In mehreren Romanzyklen, in denen er Formen des biographischen Porträts und der Reportage benutzte, erzählte ZOLA vom Leben der besitzlosen Klasse und sozialer Randgruppen.

ZOLAs bekanntestes Werk ist sein Romanzyklus „Les Rougon Macquart“ (20 Bände). Daraus besonders bekannt sind „Nana“ (das biografische Porträt einer Dirne, PDF 4) und „Germinal“ (ein Report über die sozialen Verhältnisse im nordfranzösischen Kohlerevier).

Im Unterschied zum französischen Naturalismus, der im positivistischen Sinne stärker der Exaktheit verpflichtet war, war der deutsche Naturalismus stärker durch

  • vagen Fortschrittsoptimismus und
  • volkspädagogischen Utopismus geprägt.

Positivismus

Die positivistische Theorie ist eine philosophische Strömung des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie bezeichnet eine erkenntnistheoretische und methodologische Grundhaltung, die davon ausgeht, dass die Quelle aller Erkenntnisse allein das Gegebene ist, d. h. die durch Beobachtung gewonnenen (wahrnehmbaren) „positiven“ Tatsachen. Die Beschreibung der Welt, weniger die Suche nach Ursachen, waren das Ziel. Dieser Weg zur Erkenntnis ist der wissenschaftliche.
Unter dieser Voraussetzung entwickelte sich zur Erfassung, Beschreibung und Prognostizierung von Gesellschaften und deren Gruppen erste Formen der modernen Statistik.

Die Positivisten waren der Meinung, für jede natürliche Erscheinung gebe es eine Beziehung von Ursache und Wirkung. Begründer des Positivismus war der Franzose AUGUSTE COMTE (1798 –1857). Sein Werk „Discours sur l’esprit positif“ (1844) gilt als Programm- und Hauptschrift des „klassischen Positivismus“. JOHN STUART MILL (1806 –1873) und HERBERT SPENCER (1820 –1903) sind die Hauptvertreter des englischen Positivismus. In seinem Werk „Utilitarism“ (1864) trat MILL für die freie Entfaltung der Persönlichkeit als Voraussetzung für das wahre, nicht exakt aufrechenbare Glück des Menschen ein.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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