Die britisch-irischen Beziehungen

Besatzung Irlands

Die Anfänge der britisch-irischen Konflikte reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück, als die erste Invasion durch englisch-normannische Truppen stattfand: EARL PEMBROKE, auch bekannt als “STRONGBOW”, führte im Jahr 1169 das erste größere Truppenkontingent nach Irland. Zwei Jahre darauf griff HENRY II. in das Geschehen ein, da ihm STRONGBOW zu mächtig wurde. Gestützt auf den päpstlichen Auftrag, die irische Kirche zu reformieren, ernannte sich der englische König zum Lord of Ireland.
Um 1200 hatten die Anglo-Normannen einen Großteil der Insel erobert. Dabei profitierten sie von der Zerstrittenheit der irischen Clans und dem Fehlen einer irischen Zentralgewalt. Unter der normannischen Herrschaft wurden in Irland das Feudalsystem eingeführt und der Städtebau vorangetrieben. Die im Verlauf der folgenden Jahrhunderte zunehmende Vermischung der Bevölkerungsgruppen führte dazu, dass neben den keltischen Iren und den englischen Besatzern eine anglo-irische Bevölkerungsschicht entstand.

Allerdings beschränkte sich die englische Herrschaft bis ins 16. Jahrhundert auf die Ostküste Irlands. Erst nach dem Ende des englischen „Rosenkriegs“ (1455–1485) ergriffen die Engländer einschneidende Maßnahmen, um ihre Ansprüche auf die irische Insel durchzusetzen. Irland galt als wichtiger Stützpunkt im Kampf Englands gegen die spanische Hegemonie. Zunächst wurde das irische Parlament durch das Poyning's Law entmachtet. Es durfte nur noch mit Einverständnis des englischen Königs tagen und Gesetze beschließen. Die eigentliche Unterwerfung begann 1534, als HENRY VIII. den Grafen von Kildare als Stellvertreter absetzte und sich 1541 vom irischen Parlament den Titel eines Königs von Irland übertragen ließ. HENRYS Versuch, die Reformation in Irland zu verankern, scheiterte am Widerstand der katholischen Bevölkerung. Um diesen Widerstand zu brechen, wurden 1609 die ersten englische Protestanten nach Ulster/Nordirland umgesiedelt, wo sie die Ländereien katholischer Iren in Besitz nahmen. Die Ansiedlung der Protestanten in Ulster hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung Nordirlands und die bis heute währenden Auseinandersetzungen mit dem katholischen Bevölkerungsteil.

In den folgenden zwei Jahrhunderten verschärften sich die Konflikte auf der irischen Insel. OLIVER CROMWELL ließ 1649 Irland besetzen und die katholischen Aufstände blutig niederschlagen. Unter seiner Regentschaft wurden die Landverteilung an englische Siedler und Soldaten fortgesetzt und die ursprünglichen Besitzer zu Pächtern degradiert. Derart bildete sich eine neue protestantische Oberschicht heraus, die die Feindschaft der irischen Bevölkerung auf sich zog.

Nachdem WILHELM VON ORANIEN 1690 in der Battle of Boyne den von irischen Aufständischen unterstützten JAMES II. endgültig geschlagen und dessen Versuch einer Rekatholisierung Englands abgewehrt hatte, wurden drastische Penal Laws (Strafgesetze) eingeführt. Sie untersagten Katholiken den Schulbesuch und schlossen sie von öffentlichen Ämtern und aus dem Parlament aus.
In Erinnerung an den Sieg WILHELMS konstituierte sich 1795 die Orange Society, die im Kampf gegen die irische Nationalbewegung hervortrat. Noch heute veranstaltet der Oranierorden jährlich um den 12. Juli Umzüge in Nordirland, die von der katholischen Bevölkerung als Provokation empfunden werden.

Irland als Teil Großbritanniens

1800/01 verlor Irland als Teil des „Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland“ seine Unabhängigkeit. Das irische Parlament wurde aufgelöst und Irland von einer kleinen Zahl protestantischer Parlamentarier im House of Commons (Unterhaus) repräsentiert. DANIEL O'CONNELL, dem Anführer der von ihm gegründeten Catholic Association, gelang es, die Abschaffung der diskriminierenden Penal Laws durchzusetzen. Sein Engagement für die Aufhebung der parlamentarischen Union von Irland und Großbritannien blieb jedoch erfolglos. O'CONNELL wurde 1841 zum ersten katholischen Bürgermeister Dublins gewählt.

Mitte des 19. Jahrhunderts durchlitten die Iren eine schwere Hungersnot (“Great Famine”). Von 1844 bis 1851 halbierte sich die Bevölkerung. Viele Iren entgingen dem drohenden Hungertod durch die Auswanderung nach England oder in die Vereinigten Staaten.

Der Kampf um die irische Unabhängigkeit

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstarkte die irische Unabhängigkeitsbewegung. Seit 1858 verfolgten irische Nationalisten, die sich im Geheimbund der Fenians zusammengeschlossen hatten, die Ablösung von Großbritannien. Einflussreicher als die Fenians war die 1877 entstandene Irish National Party unter CHARLES STEWART PARNELL. Sie vertrat Irlands Interessen im Londoner House of Commons und setzte sich für die parlametarische Selbstregierung der Iren, die so genannte Homerule, ein.

Doch erst 1912 nahm das britische Unterhaus das Homerule-Gesetz an, das aber während des Ersten Weltkriegs ausgesetzt wurde. An die Stelle der Irischen Nationalpartei trat die radikalere Partei Sinn Féin (= „Wir selbst“) unter Führung von EAMON DE VALERA, der auf die völlige Unabhängigkeit Irlands hinarbeitete. 1916 kam es zum Easter Rising, einem blutigen Aufstand, in dessen Verlauf die Irish Citizen's Army das Hauptpostamt in Dublin besetzte und zum vorrübergehenden irischen Regierungssitz erklärte. Obwohl der Aufstand niedergeschlagen wurde, verhalf er der Sinn Féin zu großer Popularität in der irischen Bevölkerung. Die Partei gewann die Wahlen von 1918; doch weigerten sich die gewählten Parlamentarier, ihre Mandate im Londoner Parlament wahrzunehmen und gründeten die erste Dail Eireann (Volksversammlung von Irland). Der inhaftierte DE VALERA wurde zu ihrem Präsidenten gewählt.

Der Unabhängigkeitskrieg

Da die britische Regierung die Unabhängigkeit Irlands nicht anerkannte, entflammte 1919 der Unabhängigkeitskrieg zwischen den in Irland stationierten britischen Truppen und der Irish Republican Army (IRA). Die wachsende Brutalität des Krieges bewog den britischen Premierminister LLOYD GEORGE, im Government of Ireland Act die politische Teilung Irlands anzubieten. Nordirland – bestehend aus den sechs Ulster Counties mit ihrer protestantischen Bevölkerungsmehrheit – gehörte weiterhin zu Großbritannien, während der Rest der Insel im Dezember 1921 zum Irischen Freistaat erklärt wurde. Nach der Unterzeichnung des anglo-irischen Abkommens spaltete sich die irische Nationalbewegung in Anhänger (Fine Gael) und Gegner (Fianna Fáil) des Vertrags. Ein kleiner radikaler Teil organisierte sich – in enger Verbindung mit der IRA – in Nordirland weiter unter dem Namen Sinn Féin.

Irlands Kampf um Unabhängigkeit

Irlands Kampf um Unabhängigkeit

Krisenherd Nordirland

Bis 1937 blieb der Irische Freistaat eine 'British dominion'. Dann konstituierte sich Irland als Republik und trat aus dem Commonwealth aus. Aufgrund der weiteren Zugehörigkeit zu Großbritannien entwickelte sich Nordirland zum Krisenherd.

Die katholische Minderheit machte ein Drittel der nordirischen Bevölkerung aus, wurde jedoch durch verschiedene Maßnahmen bei der politischen Mitbestimmung benachteiligt. Zu diesen Maßnahmen gehörten:

  • das Gerrymandering – die Grenzen der Wahldistrikte wurden so manipuliert, dass jeder Wahldistrikt über eine protestantische Mehrheit verfügte.
  • die Property qualifications bzw. das disfranchisement – die Anzahl der Stimmen richtete sich nach dem Besitzstand der Bürger. Personen ohne Grundbesitz verloren ihr Stimmrecht.

Gegen diese Diskriminierungen setzten sich die Katholiken mit wachsender Entschlossenheit zur Wehr. Nach der Gründung verschiedener Bürgerrechtsorganisationen und Aktionskomitees entstand 1967 als deren Dachverband die “Northern Ireland Civil Rights Association” (NICRA), die sich mit Massendemonstrationen und zivilem Ungehorsam für grundlegende Reformen und die Durchsetzung gesellschaftlicher Gleichberechtigung einsetzte, worauf die Regierung mit repressiven Maßnahmen (gewaltsamen Polizeieinsätzen, wie am 5. Oktober 1968 in Londonderry) reagierte.

Angesichts dieser Entwicklung drängten radikale Gruppen auf nationalistischer wie auch pro-britischer Seite die verständigungsbereiten Kräfte in den Hintergrund. Die katholisch-nationalistische Partei Sinn Féin und die ihr nahe stehende IRA hielten kompromisslos am Ziel der Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland fest. Extremistische protestantische Kräfte bekämpften die gesellschaftliche und politische Integration der katholischen Minderheit in Nordirland. Der Angriff militanter unionistischer Gruppen auf katholische Wohnviertel in Londonderry (heute Derry) und Belfast im August 1969 führte zu blutigen Zusammenstößen. Daraufhin verlegte die britische Regierung Truppen nach Nordirland, um die Eskalation der Gewalt zu stoppen. Das britische Militär wurde jedoch zunehmend selbst in die Auseinandersetzungen verwickelt. Höhepunkt war der “Bloody Sunday” am 30. Januar 1972, als britische Soldaten in Londonderry 13 Teilnehmer einer verbotenen Demonstration erschossen. Die radikalen Kräfte auf beiden Seiten gingen immer stärker zu terroristischen Mitteln über. Auf katholischer Seite trat dabei besonders die illegale IRA mit zahlreichen Bombenanschlägen und Gewaltakten hervor. Der Gegenterror ging v. a. von der protestantischen UDA (Ulster Defence Association) und den mit ihr verbundenen “Ulster Freedom Fighters” (UFF) aus. In den Jahren 1972/73 und erneut ab 1974 übernahm die britische Regierung die direkte Verwaltung (Direct Rule) in Nordirland.

Friedensinitiativen

Während sich in den 1980er Jahren die Attentats- und Sabotageakte der IRA ausweiteten, unternahm die britische Regierung mehrere Versuche, den Nordirlandkonflikt politisch zu lösen. 1985 wurde das Hillsborough Agreement von MARGARET THATCHER und dem irischen Präsidenten unterzeichnet. Es bewilligte der Republik Irland ein Mitspracherecht bei der Verwaltung Nordirlands. Im Gegenzug verpflichtete sich Irland zur Kooperation mit Großbritannien in Sicherheitsfragen. Die von dem britischen Nordirlandminister PETER BROOKE initiierten Gespräche zwischen den nordirischen Konfliktparteien zur Beendigung der Bürgerkriegssituation scheiterten 1991. Ein Haupthindernis stellte die Weigerung der IRA dar, sich vor dem Beginn von Friedensverhandlungen entwaffnen zu lassen.

Im Jahr 1999 zog Großbritannien die Direct Rule zurück und übergab damit die Regierungsmacht wieder an Nordirland. Die Autonomie Nordirlands wurde allerdings zwischen Februar und Mai 2000 wieder ausgesetzt, als Großbritannien neuerlich die Direktherrschaft über Nordirland übernahm. Anfang Mai 2003 legten die britische und die irische Regierung einen gemeinsamen Friedensplan vor. Darin wurden eine Reduzierung der britischen Truppen in Nordirland in Aussicht gestellt und die Gründung eines internationalen Kontrollgremiums zur Beobachtung der Aktivitäten der republikanischen und loyalistischen Untergrundorganisationen angekündigt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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