Reliefgliederung der Erde

Morphotektonische Reliefformen – Ursachen und Erscheinungen

Damit werden alle die Reliefformen, wie Falten- und Bruchschollengebirge, Grabenbrüche und Verwerfungen oder Bruchzonen auf den Kontinenten und in den Ozeanen, bezeichnet, die im Zusammenhang mit der Plattentektonik (Bild 1) entstehen, folglich primär durch die Wirkung endogener (erdinnerer) Kräfte entstanden sind.
Die großen Kontinente und Ozeanbecken der Erde werden dabei als morphotektonische Reliefformen erster Ordnung bezeichnet, da sie noch in untergeordnete Reliefeinheiten unterteilt werden können (Bild 1):
Bei den Kontinenten sind das einmal die Gürtel aktiver Gebirgsbildung und zum anderen die tektonisch nicht aktiven „Schilde“ alter Gesteine. Während die Gebiete aktiver Gebirgsbildung von seismischen Aktivitäten (Erdbeben) oder von Vulkanismus (meist aber von beiden Prozessen gemeinsam) geprägt werden, fehlen solche Vorgänge bei den kontinentalen Schilden.

Zwei schmale langgestreckte, bogenförmig verlaufende Gebirgsketten sind die derzeit aktivsten Gebirgsbildungszonen der Erde:

  • Der zirkumpazifische (d. h., der den Pazifik umgebende) Gürtel umfasst die Kordilleren Nord- und Südamerikas (Anden, Rocky Mountains)sowie die faltengebirgsreichen Inselbögen der Alëuten, Kurilen, Japans und der Philippinen.
  • Der eurasisch-indonesische Gürtel durchzieht im Atlasgebirge Nordafrikas beginnend die Gebirge Südeuropas, des Naher Osten, setzt sich über den Kaukasus und den Himalaja fort um in den Gebirgen Indonesiens auszulaufen (Bild 1).

Die Kontinentalschilde und Gebirgsrümpfe sind demgegenüber verfestigte und relativ starre Teile der Erdkruste aus sehr alten, z. T. in der Erdfrühzeit entstandenen Gesteinen. Diese Gesteine können an der Erdoberfläche anstehen, wie z. B. beim Kanadischen Schild oder beim Skandinavischen Schild. Man spricht dann von „entblößten Schilden“.
Sie können aber auch von jüngeren Sedimentgesteinen bedeckt sein. Das ist beispielsweise bei der Russischen Tafel im Westen Russlands, der Ukraine und Weißrusslands der Fall, die von eiszeitlichen Sedimenten überlagert und deshalb ein „bedeckter Schild“ ist.

Auch die Ozeanbecken mit ihrem untermeerischen Relief sind nicht einheitlich aufgebaut. Zu unterscheiden sind die Kontinentalränder an den Grenzen zu den Kontinenten, die Tiefseeböden der Ozeanbecken und in die Mittelozeanrücken.

Lithosphäreplatten der Erde

Lithosphäreplatten der Erde

Die Kontinentalränder können tektonisch aktiv oder passiv sein.
Die aktiven Kontinentalränder, z. B. entlang der Westküste Nord- und Südamerikas, weisen meist Gebirgs- und Inselbögen sowie Tiefseegräben auf. Hier kollidieren kontinentale und ozeanische Lithosphäreplatten, in Nordamerika die Pazifische mit der Nordamerikanischen Platte, in Südamerika die Nasca-Platte mit der Südamerikanischen Platte (Bild 2). Das führt in den Grenzbereiche zum Aufschmelzen von Krustenteilen, zu vulkanischer Tätigkeit und zum Druckausgleich u. a. durch Erdbeben.
Der Zusammenhang zwischen aktiven Kontinentalrändern, Inselbögen und Tiefseegräben mit Vulkanismus und den Zentren der Erdbebentätigkeit ist offensichtlich.

aktiver Kontinentalrand am Atacamagraben

aktiver Kontinentalrand am Atacamagraben

Die passiven Kontinentalränder bestehen dagegen morphologisch aus der Küstenebene, dem vorgelagerten Schelf mit seinen Sedimenten, dem oft durch steilwandige Schluchten stark zerschnittenen Kontinentalabhang mit der Fußregion und ihren submarinen Schwemmfächern. Darunter vermitteln Tiefseesedimente den Kontakt zwischen den kontinentalen und den ozeanischen Krusten (Bild 3).

Die Tiefseeböden der Ozeanbecken werden meist von langgezogenen Mittelozeanrücken durchzogen. Alle mittelozeanischen Rücken besitzen einen zentralen Rift. Das sind Großspalten oder -gräben in der Erdkruste mit senkrecht dazu angeordneten Transformations- bzw. Störzonen. Die Rifts
grenzen die großen Lithosphäreplatten voneinander ab (Bild 1). In ihnen dringt Magma aus dem Erdinneren in die Erdkruste ein und „drückt“ die angrenzenden Platten auseinander.

Schnitt durch einen passiven Kontinentalrand

Schnitt durch einen passiven Kontinentalrand

Im Atlantik hat sich beispielsweise der Mittelatlantische Rücken gebildet. Da in seinen Rift immer neues Magma aufsteigt, driften an ihm die angrenzenden Platten auseinander. Der Atlantik dehnt sich folglich west- und ostwärts aus (Bild 4).

Die aktuelle exogene Morphodynamik und ihre Ursachen

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht hierbei die gegenwärtige (aktuelle), durch die Wirkung erdäußerer (exogener) Kräfte, (Wind, fließendes Wasser, Verwitterung, Frost und Eis) verursachte Entstehung und Veränderung der Reliefformen (Morphodynamik) an der Erdoberfläche.
Diese exogene Morphodynamik ist in wesentlichem Maße vom Klima abhängig. Deshalb können auf der Erde auch Räume ausgegliedert werden, die eine gewisse klimazonale Anordnung erkennen lassen (Bild 5).

Innerhalb dieser Zonen vollziehen sich, u. a. durch das Zusammenwirken physikalischer und chemischer Vorgänge, Bedingungen und Faktoren, jeweils gleichartige formbildende (geomorphologische) Prozesse. Diese Prozesse wirken in gleichartiger Richtung auf die Formung der Erdoberfläche ein. Sie müssen folglich auch zur Entstehung gleichartiger, zumindest sehr ähnlicher Oberflächenformen führen.
Reliefformung durch erdäußere Kräfte ist also nichts Beliebiges, sondern gehorcht erdweit gewissen Regeln. Nachfolgend sollen in Anlehnung an Bild 5 die erdweiten Reliefformungszonen mit ihren Regelhaftigkeiten dargestellt werden:

  • Zone I: Zone intensivster Fluvialerosion (Abtragung durch Flüsse) und sehr starker Massenbewegungen: Hier ermöglichen die meist ganzjährig hohen Niederschläge und die gleichbleibend hohen Temperaturen eine intensive chemische Verwitterung, die in Verbindung mit der Erosion der Flüsse zu schwerkraftbedingten Rutschungen erheblichen Ausmaßes führen.
     
  • Zone II: Zone mit fluvialen Prozessen und Flächenspülung (flächenhafte Abspülung durch Starkregen): Aktive Reliefformung ist vor allem an die Regenzeit gebunden, in der die Fluvialerosion wirksam ist, aber auch die Flächenspülung erhebliche Materialumlagerungen bedingt. Die Flächenspülung wird durch die bereits geringere natürliche Vegetationsdichte oder durch bestimmte Bodennutzungsformen gefördert.
Der Atlantik erweitert sich

Der Atlantik erweitert sich

Zonen gleichartiger geomorphologischer Prozesse auf der Erde

Zonen gleichartiger geomorphologischer Prozesse auf der Erde

 

  • Zone III: Zone intensivster Flächenspülung: Die längere Trockenzeit bedingt Lücken in der Vegetationsdecke, die in der Regenzeit eine flächige Abtragung begünstigt. Die Temperaturverwitterung bereitet in der Trockenzeit das Gestein für den regenzeitlichen Abtransport auf. In der Folge entstehen Verebnungsflächen und Inselberge (Bild 6).
     
  • Zone IV: Zone intensivster Winderosion und Dünenbildung: In den Trockenräumen der Erde fallen die wenigsten Niederschläge bei gleichzeitig sehr hohen Temperaturschwankungen. Deshalb wird das Gestein durch physikalische Verwitterung zerkleinert und durch äolische Prozesse (Winde) verfrachtet. Im Ergebnis entstehen Ausblasungs- und Ablagerungsformen, wie die kahlen Gesteinsoberflächen in der Hamada (Bild 7) und Dünen (Bild  8). Flusserosion und Flächenspülung treten nur episodisch, aber mit großer Intensität auf. Die sich dann bildenden Reliefformen, u. a. canyonartige Wadis, erhalten sich sehr lange (Bild 9).
     
  • Zone V: Zone intensiver Hangspülung und periodisch starker fluvialer Prozesse: Diese Zone ist für Teile der wechselfeuchten Subtropen und Tropen charakteristisch. Die Niederschläge fallen periodisch entweder als Winterregen an den Westseiten der Kontinente oder als Sommerregen im Kontinentinneren. Die Ausprägung der Reliefformungsprozesse ist aber gleich. Die fluvialen Prozesse werden periodisch und besonders bei Starkregen wirksam. Das gleiche trifft auch auf die Hangspülung und auf gravitative Massenbewegungen zu. Fördernde Faktoren hierfür sind das steile Relief der jungen Faltengebirge, die lückige und oft degradierte Vegetation (Macchie, Garrigue) sowie die geringe Wasseraufnahmefähigkeit der flachgründigen Böden.
     
  • Zone VI: Zone mäßiger fluvialer und schwacher sonstiger Reliefbildungsprozesse: In Gebieten mit gemäßigten Klimabedingungen wirken chemische und physikalische Verwitterung mit mittlerer oder gar geringer Intensität. Die Flüsse führen ständig Wasser, allerdings mit den Jahreszeiten schwankend. Ihre morphologische Wirkung ist gering und beschränkt sich wie bei Rutschungen auf „seltene Ereignisse“. Hangspülung wird vor allem als Bodenerosion auf den ausgedehnten Flächen akkerbaulicher Nutzung wirksam (Bild 10).
     
  • Zone VII: Zone der Frostprozesse in Verbindung mit intensiver Hangspülung und intensiver fluvialer Erosion: Die periodische Wasserführung der Flüsse wird von winterlicher Gefrornis, durch Speicherung der Niederschläge als Schnee und plötzlichem Abschmelzen hervorgerufen. Damit ist ein saisonal kräftiger fluvialer ErosionsImpuls gegeben. Gleichzeitig ist infolge sich auflösender Vegetationsbedeckung (Waldtundra, Tundra, Frostschuttzone und in Hochgebirgen oberhalb der Waldgrenze) die Hangspülung besonders stark. Der nur sommers oberflächlich auftauende Boden führt zur Materialsortierung und insbesondere in Hanglagen zu sogenannter Solifluktion (Bild 11). Die Frostwechselprozesse bedingen das Auffrieren von Eiskernhügeln und das Ausschmelzen von Hohlformen.
     
  • Zone VIII: Zone der Gletscherprozesse: Die von Inlandeis (Grönland, Antarktis) und von Gletschern bedeckten Hochgebirgsbereiche werden vom Eis abgeschürft und abgetragen. In den Randbereichen erfolgt die Aufschüttung von Gesteinsmaterial.
Inselberge in Namibia

Inselberge in Namibia

Hamada in Namibia

Hamada in Namibia

Düne in Namibia

Düne in Namibia

Canyon-Erosion in Namibia

Canyon-Erosion in Namibia

Erosiver Abfluss auf einem Feld in Tennessee/USA

Erosiver Abfluss auf einem Feld in Tennessee/USA

Gebirgstundra mit Steinstreifensolifluktion

Gebirgstundra mit Steinstreifensolifluktion

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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