Das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt

Die ehemalige Festung Theresienstadt (seit 1945 Terezín) liegt 60 Kilometer nordwestlich von Prag.

Geschichte der Festung

JOSEF II. (1741–1790, 1765–1780 Mitregent seiner Mutter Kaiserin MARIA THERESIA, Alleinregierung 1780–1790), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ließ diese Festung seit 1780 als Schutz Prags gegen Preußen erbauen. Vorausgegangen waren die drei schlesischen Kriege, in denen Österreich große Teile seines Territoriums verloren hatte:

„ ... Teresienstadt und Festung, die wir zur größerer Sicherheit unseres böhmischen Königreiches errichten!“ (JOSEF II.)

Er beauftragte General KARL CLEMENS PELLEGRINI mit der Planung und Ausführung.
JOSEF II. nannte die Festung nach seiner Mutter, der Kaiserin MARIA THERESIA, Theresienstadt. Ursprünglich standen an der Stelle der heutigen Festung zwei kleine Dörfer: Travcice und Deutsch-Konopiste.
JOSEF II. ließ eine Hauptfestung, die eigentliche Garnisonsstadt, und eine, jenseits des Flusses „neue Eger“ gelegene „Kleine Festung“ (Male Pevnost), errichten. Die Bauzeit betrug mehr als zehn Jahre. Umgeben war die Festung durch ein schwer zugängliches Wassergraben-System. Die Festung selbst war durch hohe Mauern und Wälle geschützt und von einem stark verzweigten Tunnelsystem (Gesamtlänge von 28.776 Metern) durchzogen. Sie galt nach seiner Fertigstellung als uneinnehmbar. Die Stadt war für 8000 Einwohner ausgelegt.
Theresienstadt musste nie gegen die Preußen verteidigt werden, denn schon kurz nach der Fertigstellung der Festung waren Österreich und Preußen vereint im Kampf gegen das revolutionäre Frankreich. Die Kleine Festung wurde stattdessen als Gefängnis für politische Gefangene benutzt.
Einer der prominentesten Häftlinge war GAVRILO PRINCIPE, der die tödlichen Schüsse auf Erzherzog FRANZ FERDINAND und seine Gattin abgegeben und so den I. Weltkrieg ausgelöst hatte. Bereits der griechische Freiheitskämpfer ALEXANDER YPSILANTI (1792-1828) war zwischen 1823 und 1827 auf der Festung interniert. Auch ungarische und Prager Aufständische des Jahres 1848 wurden auf der Festung festgehalten.
Während des I. Weltkrieges (1914-1918) war die Kleine Festung ein Gefangenenlager. Mit dem Münchner Abkommen wurde die Garnisonsstadt Grenzstadt zwischen Deutschland (Annexion des Sudetenlandes) und der tschechoslowakischen Republik.

Schaffung eines Ghettos

Böhmen und Mähren wurden von Deutschland okkupiert, am 16. März 1939 wurde das „Protektorat Böhmen und Mähren“ verkündet, und Theresienstadt nun Gefängnis der Prager Gestapo. Hierher wurden politische Gefangene jüdischer und nichtjüdischer Herkunft inhaftiert. Am 14.06.1940 wurden die ersten Häftlinge in die Kleine Festung verbracht. Die Stadt selbst wurde ab 1941 von den ursprünglichen Bewohnern geräumt. Am 10. Oktober 1941 wurde erstmals der Plan geäußert, in der Stadt ein Ghetto für Juden aus Böhmen und Mähren, aus den Niederlanden, Polen und Deutschland zu errichten. Ende November 1941 traf die erste Gruppe Juden aus Prag in Theresienstadt ein. Bis zum Ende des II. Weltkrieges und der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee waren hier über 140.000 Häftlinge „interniert“. Davon waren

  • rund 73.500 tschechische,
  • etwa 5.000 niederländische,
  • 1.270 polnische,
  • 1.100 ungarische und
  • 470 dänische Juden.
  • Außerdem wurden 43.000 österreichische und deutsche Juden

nach Theresienstadt deportiert. Ursprünglich war das Ghetto zur Aufnahme von älteren Juden bestimmt, war dem Anschein nach „Vorzugslager“ für „privilegierte“ Juden, für Wissenschaftler Intellektuelle und Künstler. Und tatsächlich entfaltete sich ein reges kulturelles Leben, das unter der Organisation einer jüdischen Selbstverwaltung stand, im Lager. Es fanden Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen statt. Die Nazis duldeten und förderten diese Initiativen der deportierten Juden. Nur so konnten sie Theresienstadt zum „Muster-Ghetto“ ausbauen. Allerdings wurde die Stadt schnell zu klein und somit Durchgangslager in andere Konzentrationslager der Deutschen. Bereits im Januar 1942 verließ der erste Transport Theresienstadt in Richtung Riga. Auch spätere Transporte führten ausschließlich nach Osten, viele in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz, ab Oktober 1942 nur noch nach Auschwitz.
Im Lager Theresienstadt starben bis Mai 1945 etwa 33.500 Menschen, viele von ihnen an Unterernährung und grassierenden Krankheiten.
Der erste Lagerleiter des KZ Theresienstadt war der Österreicher SIEGFRIED SEIDL (November 1941-Juli 1943). Auch seine Nachfolger ANTON BURGER (Juli 1943-Februar 1944) und KARL RAHM (Februar 1944-Mai 1945) kamen aus Österreich.

„Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“

Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ war der Titel eines im Sommer 1944 gedrehten Propagandafilms der Nazis. Gezeigt werden sollte der Weltöffentlichkeit, vor allem aber dem „Internationalen Komitee vom Roten Kreuz“ eine „jüdische Mustersiedlung“ mit Schulen, Krankenhaus, eigener Selbstverwaltung, mit Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen. Im Vorfeld des Besuchs des IKRK kam es seit 1943 zu Massendeportationen aus der völlig überfüllten Stadt in umliegende Vernichtungslager. Im Juli 1944 wurde den ausländischen Besuchern die Idylle eines perfekten jüdischen Gemeinwesens vorgegaukelt. Man führte Schulen, Kindergärten, Geschäfte und Kaffeehäuser vor. Stattdessen litten die Bewohner an ständigem Hunger, sie hatten kaum medizinische Versorgung, ihnen fehlten sanitäre Einrichtungen, ihre Kleidung war den Witterungsverhältnissen nicht angepasst: Man fror, man litt.
Der Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, in dem nicht nur die Juden Kulissen waren, sondern auch viele der gezeigten Bauwerke, wurde niemals öffentlich zur Aufführung gebracht. Als Regisseur wurde der in Theresienstadt inhaftierte Kabarettist KURT GERRON, der aus Filmen wie „Die Drei von der Tankstelle“ oder „Der blaue Engel“ bekannt war, verpflichtet. Er wurde, wie die meisten Darsteller des Films, nach den Dreharbeiten ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort umgebracht, obwohl die Nazis Freiheit oder zumindest „Überleben“ versprochen hatten (direkte Zeugen ihrer Gräueltaten ermordeten die deutschen Nazis stets zuerst).
Das Negativ des Films existiert nur noch als Teil der Arbeitskopie. Der vollständige Film wurde vor Kriegsende verbrannt. Das erhaltene Fragment von etwa 16 Minuten Länge tauchte 1964 in Prag auf und kam danach in die Bundesrepublik Deutschland.
Es wurde jedoch nicht nur deportiert. Auch im KZ Theresienstadt wurden die Häftlinge ermordet. Zeugnis davon legen heute noch das Krematorium und der Galgen an der Richtstätte ab. In der Kleinen Festung wurden 22 Personen hingerichtet. 2.600 Menschen starben an den Folgen der Haft. Im Ghetto kamen rund 35.000 Menschen um. Sie starben an Hunger, Kälte und Epidemien.

Eine „Bewohnerin“ des Ghettos, ILSE WEBER, schrieb ihre Eindrücke und Sehnsüchte in das folgende Gedicht:

„Ilse Weber

Ich wandere durch Theresienstadt
das Herz so schwer wie Blei
bis jäh mein Weg ein Ende hat
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich an der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus.
Ich möcht so gerne weitergehn.
Ich möcht so gern - nach Haus.

„Nach Haus!“ - du wunderbares Wort,
du machst das Herz mir schwer.
Man nahm mir mein Zuhause fort.
Ich habe keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei.
Theresienstadt, Theresienstadt,
wann wohl das Leid ein Ende hat -
wann sind wir wieder frei?“

Nach 1945

Am 8. Mai 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit. In den Jahren 1945–1948 war die Kleine Festung Internierungslager für Deutsche, die aus der Tschechoslowakei zwangsausgesiedelt werden sollten. Auch hier wurden unter russischer Kontrolle viele Gefangene geprügelt und gefoltert. So mancher wurde aus nichtigem Grunde einfach erschlagen. Nach 1947 wurde die Gedenkstätte Theresienstadt angelegt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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