Emser Depesche

Die Kandidatur der Hohenzollern für den spanischen Thron

Im September 1868 kam es in Spanien zu einer Revolution. Die bisherige Königin aus dem Haus der Bourbonen, ISABELLA II., wurde abgesetzt. Die neue spanische Regierung suchte einen Thronnachfolger.
Dabei fasste sie auch LEOPOLD VON HOHENZOLLERN-SIGMARINGEN ins Auge. Er war der Sohn von Fürst KARL ANTON, dem Oberhaupt der katholischen Linie des preußischen Herrscherhauses. KARL ANTON war früher preußischer Ministerpräsident gewesen und ein persönlicher Freund von König WILHELM I.
Für BISMARCK war von Anfang an klar, dass eine Thronfolge LEOPOLDS mit Risiken und Chancen behaftet war. Es stellte sich für ihn nur die Frage, ob die Chancen so erfolgsversprechend waren, dass sie eine Inkaufnahme der Risiken rechtfertigten. Bis Anfang 1870 war er davon offensichtlich nicht überzeugt. Wurde er in dieser Zeit nach diesem Thema gefragt, tat er es damit ab, dass dies eine Familienangelegenheit der Hohenzollern sei, mit der die preußische Regierung nichts zu tun habe. Als LEOPOLD das erste Angebot der Spanier auf den Thron ablehnte, schien BISMARCK mit diesem Ausgang der Angelegenheit zufrieden zu sein.
Im Februar 1870 wiederholten die Spanier aber ihr Angebot. Sie drängten nun auch die preußische Regierung, ihren Einfluss geltend zu machen und LEOPOLD zum Umdenken zu bewegen. BISMARCK gab nun seine bisher zur Schau getragene Gleichgültigkeit gegenüber diesem Thema auf. Am 9. März schickte er seinem König ein Memorandum (Denkschrift), in dem er auf die Vorteile hinwies, die Preußen gewinnen könnte, wenn LEOPOLD annahm.
Woher kam nun dieser Sinneswandel BISMARCKS?
Das Memorandum selbst bietet keine hinreichenden Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser Fragen, da die in ihm angeführten Argumente genau auf die militärische und dynastische Denkweise WILHELMS abgestimmt waren. Auffallend ist aber, dass das Memorandum sich nicht zu den Auswirkungen einer Thronbesteigung LEOPOLDS auf die französische Regierung äußert. Liegen doch in der Einschätzung der politischen Lage Frankreichs die wahren Motive für BISMARCKS Sinneswandel.
In Frankreich gab es zu dieser Zeit am kaiserlichen Hof und im Auswärtigen Dienst eine immer noch einflussreiche antipreußische Partei. Zwar vermochte sie es nicht, ihre Pläne in der auswärtigen Politik dahingehend umzusetzen, dass antipreußische Bündnisse mit anderen Staaten möglich wurden. BISMARCK befürchtete aber, dass ihr Einfluss stark genug sein würde, NAPOLEON III. an einer versöhnlicheren Politik mit der deutschen Nationalbewegung zu hindern.

Die französische Reaktion

Im Januar 1870 übertrug NAPOLEON III. dem liberalen Politiker ÉMILE OLLIVIER die Leitung des neuen Kabinetts. BISMARCK glaubte nun eine größere Chance für eine Anerkennung der Gründung eines deutschen Nationalstaat es durch Frankreich zu sehen, solange die Gründung nicht mit Gewalt herbeigeführt wurde. BISMARCK war sich bewusst, dass bei einer Thronbesteigung durch LEOPOLD eine wütende französische Reaktion zu erwarten war. Er glaubte aber, dass die französische Regierung nur wenig unternehmen könne, solange die preußische Miturheberschaft ein Geheimnis und die Haltung Spaniens fest blieb.
Je lauter sich Paris beklagte, umso mehr Misskredit würde letzten Endes auf die fallen, die das Geschrei erhoben hatten, die Kriegspartei in Frankreich. NAPOLEON müsste sich auf die Seite der Liberalen schlagen, allein schon um seine eigene Stellung zu sichern. Damit würden die Aussichten auf eine friedliche Lösung der deutschen Nationalfrage beträchtlich steigen. In Süddeutschland wiederum würde die Erregung in Frankreich ein Aufleben des Nationalismus bewirken. Dort noch teilweise recht stark vorhandene separatistische und antipreußische Stimmungen würden durch die nationalistische Welle hinweggespült werden. Sollte es wider Erwarten doch zu einem Krieg mit Frankreich kommen, vertraute BISMARCK auf die Stärke des preußischen Heeres.
Diese ganzen politisch-strategischen Gedankenspiele BISMARCKS wurden hinfällig, weil der preußische König die Entscheidung dem Erbprinzen LEOPOLD überließ, dabei aber selbst eine solch kritische Haltung einnahm, dass LEOPOLD jede etwa vorhanden gewesene Begeisterung für die Thronbesteigung verlieren musste.
Als BISMARCK sich im Mai 1870 wegen einer Gelbsuchterkrankung auf sein Gut Varzin zurückzog, hatte er die spanische Karte schon abgeschrieben. Unverhofft kam ihm eine Änderung der innenpolitischen Lage in Frankreich zu Hilfe. Am 8. Mai hatten die Franzosen in einem Plebiszit formal darüber abgestimmt, ob sie den seit 1860 eingeführten liberalen Reformen zustimmten. In Wirklichkeit lautete die Frage, ob NAPOLEON weiterhin auf dem Thron bleiben sollte. Mit überwältigender Mehrheit stimmten die Franzosen dafür. BISMARCK gelangte zu der Überzeugung, dass das Ergebnis dieses Plebizits das Ende der liberalen Ausrichtung der Außenpolitik Frankreichs bedeutete.
Der Rücktritt des liberalen französischen Außenministers DARU und seine Ersetzung durch den HERZOG VON GRAMONT schienen diese Lageeinschätzung zu bestätigen. GRAMONT war als Vertreter einer harten Linie gegenüber Preußen bekannt und galt als Befürworter einer militärischen Allianz mit Österreich. BISMARCK hielt die Heraufbeschwörung einer Krise in dieser Situation für unerlässlich. Er wollte dadurch die neue französische Politik herausfordern und in Misskredit bringen, noch ehe diese ihre Wirkung entfalten konnte. Deshalb ging er nun ohne Rücksicht auf den Standpunkt des Königs daran, Prinz LEOPOLD umzustimmen. Die Annahme des spanischen Throns stellte er als dessen patriotische Pflicht dar. Schließlich willigte LEOPOLD ein, wie auch der über diesen erneuten Sinneswandel sichtlich irritierte König. Am 21. Juni 1870 wurde das entsprechende Telegramm nach Madrid abgeschickt.
Erst am 2. Juli erreichte die Neuigkeit Paris. Der neue Außenminister GRAMONT musste nun entscheiden, wie er darauf reagieren sollte. Am 6. Juli hielt er vor dem Parlament eine agitatorische Rede, in der er Preußen anklagte, das Gleichgewicht der Mächte in Europa zu bedrohen sowie die Ehre Frankreichs. Ganz offen gab er zu verstehen, dass Frankreich zu einem Waffengang bereit sei, falls LEOPOLD seine Kandidatur nicht zurückzog. Mit dieser Rede löste GRAMONT eine Welle der öffentlichen Erregung und des übersteigerten Nationalismus in Frankreich aus, der in der entscheidenden Situation die Regierung nicht mehr widerstehen konnte.

Die Emser Depesche

Anders als sein Ministerpräsident zeigte sich WILHELM I., der sich zur Kur in Bad Ems aufhielt, weniger unnachgiebig. Bedrängt vom französischen Botschafter, wagte er es nicht abzustreiten, dass er der Kandidatur LEOPOLDs zugestimmt und sich auch mit BISMARCK über dieses Thema beraten hatte. Während er einerseits dem Botschafter deutlich machte, dass er keine Möglichkeit habe, LEOPOLD zu einem Thronverzicht zu bewegen, gestand er andererseits zu, dass er mit seinen Verwandten Gespräche über diese Angelegenheit geführt hatte. Aufgrund dieser Eröffnungen verkündete am 12. Juli Fürst KARL ANTON den entschiedenen und endgültigen Verzicht seines Sohnes LEOPOLD auf die Thronkandidatur.
BISMARCK sah sich in Berlin nun in einer ausweglosen Lage und dachte sogar an Rücktritt. Frankreich stand kurz vor einem seiner größten politischen Erfolge. Jedoch schätzte GRAMONT die Lage falsch ein und wollte noch mehr: die öffentliche Demütigung Preußens. Am 13. Juli schickte er den französischen Botschafter BENEDETTI nochmals zu WILHELM I. nach Bad Ems. Auf der Kurpromenade übermittelte BENEDETTI dem König die Forderungen seiner Regierung. Frankreich stellte die Forderung nach einer Zusicherung, dass Preußen auch in Zukunft eine Wiederaufnahme der Kandidatur nicht zulassen werde. WILHELM lehnte es höflich ab, solch eine Zusicherung zu geben.
BISMARCK ließ er telegrafisch eine Schilderung des Gesprächs zukommen. Dieser gab die Schilderung an die Presse weiter. Zuvor hatter er jedoch einige wichtige Kürzungen vorgenommen. Die Sprache des Königs klang dadurch barscher, und die Abfuhr, die BENEDETTI erhalten hatte, erschien weit schneidender, als sie in Wirklichkeit gewesen war.
BISMARCK hatte durch die Veröffentlichung des verkürzten Telegramms drei Ziele erreicht. Der König stand als ein Monarch dar, der sich von einem Botschafter nicht bedrängen ließ, Preußen erschien als Führungsmacht, die sich nicht erpressen ließ, und Frankreich stand vor der Alternative, die preußische Zurechtweisung hinzunehmen oder eine Kriegserklärung abzugeben. Aufgrund der erregten nationalistischen Stimmung im Land konnte die französische Regierung am 19. Juli nur noch die Kriegserklärung abgeben. Alles andere hätte den Sturz des napoleonischen Regimes bedeutet.
BISMARCK hat den Krieg mit Frankreich 1870 sicherlich nicht gewollt. Er hat die Krise aber bewusst herbeigeführt und auch das Risiko eines Krieges in Kauf genommen. Die Emser Depesche war die auch vom Zeitpunkt her geschickt gewählte Antwort auf die französischen Herausforderungen zwischen dem 6. und 13. Juli.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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