Kultur und Kunst in den Zwanzigern

Die „Goldenen Zwanziger“ – Kunst und Kultur

So bedrückend und grau die politische Kultur der Zwanzigerjahre auch war, Kunst und Kultur dieser Epoche präsentierten sich glanzvoll und experimentierfreudig. Nicht umsonst sind diese Jahre als die „Goldenen Zwanziger“ in der Erinnerung lebendig geblieben. Dabei waren diese Jahre nur für einen kleinen, relativ wohlhabenden Personenkreis wirklich „golden“. Große Teile der Bevölkerung lebten in ärmlichen Verhältnissen und mussten sich um ein ausreichendes Auskommen sorgen. Mit der 1929 eintretenden Weltwirtschaftskrise endete die Partystimmung sehr plötzlich, und die Themen in Kunst und Kultur wurden zunehmend politisch und beschrieben die Not und das soziale Elend der Bevölkerung.

Kunst

Prägend für die Kunst der Nachkriegszeit waren die avantgardistischen Stilrichtungen, z. B. Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus. Ihre Vertreter, etwa MAX ERNST oder PAUL KLEE, fanden beim Publikum großen Anklang, weil sie als Protest einer jungen Generation gegen Selbstentfremdung und den Verlust der Humanität verstanden wurden. Andere Maler wie OTTO DIX, MAX BECKMANN oder GEORG GROSZ schufen – beeinflusst von der Massenkultur und den neuen technischen Medien Film und Hörfunk – Gemälde, die ein nüchternes Bild von der Bewältigung des Alltags malten. Sie prägten mit ihrer „neuen Sachlichkeit“ besonders die zweite Hälfte der Zwanzigerjahre. In der Bildhauerei waren die expressionistischen Plastiken von ERNST BARLACH und KÄTHE KOLLWITZ prägend.

BARLACH, ERNST (1870–1938), Bildhauer, Zeichner, Grafiker: Der Buchleser

Architektur und Design

Auch in Architektur und Design fand die „neue Sachlichkeit“ Eingang und drückte sich durch einfache gerade Formen aus, die Schönheit und Funktionalität miteinander verbanden. Stilprägend wurde hier die von WALTER GROPIUS 1919 in Weimar gegründete Hochschule für Gestaltung, das sogenannte „Bauhaus“, in dem Maler und Designer wie WASSILY KANDINSKY, PAUL KLEE, MARCEL BREUER, MARIANNE BRANDT und später LUDWIG MIES VAN DER ROHE lehrten und arbeiteten. Auch der Komponist PAUL HINDEMITH hielt hier Gastvorlesungen. Im Bauhaus sollten Architektur, Malerei, Design und handwerkliche Kunst zusammengeführt werden. 1925 musste das Bauhaus nach Dessau, der Hauptstadt des Landes Anhalt, umziehen, weil die bürgerliche Regierung in Thüringen dem Projekt die staatliche Unterstützung entzogen hatte.

Das Bauhaus in Dessau

Theater

Mit der Errichtung der demokratischen Weimarer Republik fanden auch die Zensur und das Kunstdiktat des Kaiserreichs ein Ende. Viele Theaterintendanten, -regisseure und Dramaturgen stellten ihr Schaffen in den Dienst einer politischen Idee, so begeisterten sich etwa ERNST TOLLER, ERWIN PISCATOR und BERTOLT BRECHT für sozialistische Ideale und verpackten diese in gesellschaftskritische Theaterstücke – besonders BRECHTS (Text) und KURT WEILLS (Musik) „Dreigroschenoper“ wurde in der ganzen Republik gefeiert. Prägend für die vielfältige und lebendige Theaterszene der Republik waren vor allem die Berliner Bühnen und Regisseure wie MAX REINHARDT und LEOPOLD JESSNER, die sehr experimentell arbeiteten und auch expressionistische Elemente in die Aufführungen einbrachten. Ab Mitte der Zwanzigerjahre hielt der neusachliche Stil auch im Theater Einzug, z. B. mit der antimilitaristischen Tragikomödie „Der Hauptmann von Köpenick“ von CARL ZUCKMAYER.

Kino

Die neuen künstlerischen Ausdrucksformen fanden auch Eingang in den zeitgenössischen Kinofilm. Richtungsweisend wurden die Stummfilme von WILHELM MURNAU (Nosferatu – Symphonie des Grauens, 1922) und FRITZ LANG (Dr. Mabuse, 1922, Metropolis, 1926). Sie schufen neue Bilderwelten im Film, indem sie die Formensprache des Expressionismus übernahmen. Kulissen wurden zum Beispiel perspektivisch verzerrt gebaut, um beim Publikum eine unwirkliche und bedrückende Atmosphäre zu erzeugen. Die Kostüm-, Revue- und Lustspielfilme der Zeit erreichten ein Massenpublikum, denn 1930 existierten in Deutschland rund 5 000 Kinos und bereits 1925 wurden täglich fast 2 Millionen Kinokarten verkauft. Nach den Studios in Hollywood wurde die Universum Film AG (Ufa) die zweitgrößte Filmproduktionsgesellschaft der Welt. Der erste große deutsche Tonfilm „Der blaue Engel“ verhalf MARLENE DIETRICH zu Weltruhm. Alle Gattungen des Kinofilms, die auch heute noch gebräuchlich sind, also z. B. Horror-, Abenteuer-, Science-Fiction- oder Spionagefilme, entstanden in den Zwanzigerjahren.

Literatur und Journalismus

Auch die deutsche Literatur der Zwanzigerjahre erreichte Weltniveau. THOMAS MANN machte 1924 mit dem „Zauberberg“ Furore und erhielt 1929 den Nobelpreis für Literatur. Auch der „Steppenwolf“ von HERMANN HESSE und ERICH MARIA REMARQUES „Im Westen nichts Neues“ wurden weltweit gelesen. Die Liste der bedeutenden Autoren dieser Epoche ist lang, FRANZ KAFKA, ARNOLD ZWEIG, ANNA SEGHERS, JOSEPH ROTH und ERICH KÄSTNER gehören ebenso dazu wie HANS FALLADA, ÖDÖN VON HORVÁTH, LION FEUCHTWANGER, ALFRED DÖBLIN sowie HEINRICH und KLAUS MANN. ERNST JÜNGER („In Stahlgewittern“) und OSWALD SPENGLER („Der Untergang des Abendlandes“) verfassten ebenfalls in dieser Zeit ihre kulturpessimistischen und antidemokratischen Schriften, die bei den Nationalsozialisten starke Beachtung fanden.
Die Journalisten EGON ERWIN KISCH („Der rasende Reporter“), KURT TUCHOLSKY (Zeitung „Die Weltbühne“) und CARL VON OSSIETZKY („Die Weltbühne“) schrieben packende und anspruchsvolle Reportagen zu sozialen und politischen Themen. Die Presse nahm eine Spitzenposition unter den Medien ein. 1928 erschienen über 3 350 verschiedene Tageszeitungen, heutzutage gibt es in Deutschland „nur“ etwa 360 Tageszeitungen.

Sport

Auch in sportlicher Hinsicht tat sich in der Weimarer Republik so einiges. Autorennen zählten zu den populärsten Sportveranstaltungen, die Rennen auf der 1921 bei Berlin fertiggestellten Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße (Avus) zogen Massen von Besuchern an. 1926 wurde dort der erste Große Preis von Deutschland ausgetragen. Die Fahrer stellten mit den bis zu 240 Stundenkilometern schnellen Rennwagen der Firmen Mercedes-Benz, Bugatti, Alfa Romeo Geschwindigkeitsrekorde auf und wurden umjubelte Stars. Fußballspiele verloren allmählich ihren Ruch als Volksbelustigung der Arbeiterklasse und lockten an den Wochenenden Hunderttausende in die Stadien. Radrennen und Boxkämpfe zogen ebenfalls die Zuschauer in Scharen an – die Boxkämpfe MAX SCHMELINGS konnten Millionen von Zuschauern im Radio verfolgen.

Rundfunk

Das Radio begann sich seit Mitte der Zwanzigerjahre als Massenmedium durchzusetzen. Am 29. Oktober 1923 wurde um 20 Uhr die erste öffentliche Rundfunksendung in Deutschland aus dem Berliner Vox-Haus ausgestrahlt. Schon 1924 gab es dann zahlreiche Rundfunkanstalten, die 1925 in einer Dachorganisation, der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, zusammengefasst wurden. Die Zahl der Rundfunkempfänger erhöhte sich von 1924 bis 1932 rasant, von etwa 10000 auf rund 4 Millionen Geräte. Im Radio war vor allem Unterhaltungsmusik zu hören, wie beispielsweise die Schlager der Comedian Harmonists oder die Chansons der Schauspielerin und Sängerin CLAIRE WALDOFF. Ein Drittel der Sendezeit entfiel jedoch auf Wortbeiträge, also Nachrichtensendungen, Reportagen, Vorträge, Hörspiele und Dichterlesungen.

THOMAS MANN

Musik und Tanz

Neben dem Radio waren auch Tanzveranstaltungen äußerst beliebt. Getanzt wurden in den zahlreichen Tanzlokalen vor allem die amerikanischen Modetänze „Shimmy“ und „Charleston“ zu den Jazzklängen von DUKE ELLINGTONS „Chocolate Kiddies“ oder JOSEPHINE BAKERS „Charleston Bigband“ und zahlreicher anderer Bands. Zum Charleston trugen die Herren Anzüge und die Damen Kleider, die bis zum Knie herunterreichten und die mit glitzernden Pailletten und bunten Glasperlen verziert waren. Die französische Tänzerin und Sängerin JOSEPHINE BAKER gastierte 1927 in Berlin und rief mit ihren „wilden“ Tänzen und ihrer „leichten“ Bekleidung – sie trug einen Rock aus Bananen – große Aufregung hervor.
Auch in der ernsten Musik wurden neue Wege beschritten. Die Komponisten PAUL HINDEMITH und ARNOLD SCHÖNBERG experimentierten mit neuen Tonsprachen. Bei HINDEMITH hielt die antiromantische und nüchterne „neue Sachlichkeit“ Einzug, SCHÖNBERG entwickelte darüber hinaus die sogenannte Zwölftontechnik, welche die Grenzen der Tonalität sprengt und daher für Laien schwierig zu hören ist. Die Musik von RICHARD STRAUSS bewegte sich dagegen noch in der klassisch-romantischen Tradition und brachte sie zu einem Abschluss.

Schattenseiten

Während man sich während des Kaiserreichs noch sehr zugeknöpft gegeben hatte, gab man sich jetzt in den Großstädten frivolen Vergnügungen hin. In kleinen Zirkeln, Cabarets und großen Revuen wurden Nacktvorstellungen gegeben, und die Prostitution blühte, verursacht freilich durch die große Armut vieler Menschen. Auch der Konsum von Drogen wie Kokain, Opium und Haschisch war in Szenekreisen weitverbreitet, da Drogen nicht gesetzlich verboten waren und die verheerenden Auswirkungen des Drogenkonsums nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Emanzipation der Frau

Die Emanzipation der Frau machte in den Zwanzigerjahren ebenfalls Fortschritte. Mit der Weimarer Republik war das Wahlrecht auch für Frauen eingeführt worden, und die Anonymität der Großstädte erlaubte es den Frauen, neue Lebensmodelle auszuprobieren. Die sich etablierende sexuelle Freizügigkeit ermöglichte den Frauen, öffentlich über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu diskutieren und zu schreiben. Die Schriftstellerin VICKI BAUM („Menschen im Hotel“) beschrieb die „neue Frau“ als selbstbewusst und den Männern privat wie beruflich ebenbürtig.

Arbeiterkultur

In den Zwanzigerjahren war auch die traditionelle Arbeiterkultur noch lebendig, aber der klassische Lebensweg eines sozialistischen Arbeiters, der von der Sozialdemokratie von der Wiege bis zur Bahre versorgt und betreut wurde, war nicht mehr die Regel. Arbeiterlieder, Arbeitertheater, Arbeiterliteratur und -zeitungen dienten jetzt nicht mehr nur zu Bildungs- und Propagandazwecken, sondern wurden vor allem in der Endphase der Weimarer Republik zu Kampfmitteln gegen das rechtsnationalistische Lager eingesetzt, das mit den gleichen Mitteln agierte.

Gleichschaltung unter dem Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete auch die kulturelle und künstlerische Vielfalt der Weimarer Republik. Viele Künstler wurden verfolgt und ihre Werke verbrannt oder verboten, wenn sie von den Nationalsozialisten für „entartet“ gehalten wurden. Wie alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Lebens wurde auch der Kunstbetrieb in der NS-Zeit gleichgeschaltet.

Die französische Tänzerin und Sängerin JOSÉPHINE BAKER (Karikatur)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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