Gestaltung in der Architektur: Form

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Form

Unter Form wird die äußere Erscheinung eines Bauwerkes verstanden, seine Struktur, die Gesamtheit seiner Elemente und ihre Beziehungen untereinander. Der Zweck eines Baues beeinflusst die Form. Die Form wird zum Ausdrucksträger. Sie fungiert als Träger

  • von Programmatik,
  • von Symbolik und
  • von Identifikation und
  • bezeugt Ideen und Absichten des Architekten oder Bauträgers.

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Dabei wird die Form selbst bei einfachsten architektonischen Bauten stark davon beeinflusst, dass das Bauwerk oder Teile davon bestimmte Funktionen zu erfüllen hat, außerdem vom Charakter, der Stärke und der Textur der eingesetzten Materialien.

Selbst die einfachsten architektonischen Bauten erzeugen durch die Notwendigkeit, bestimmte Funktionen erfüllen zu müssen, Formprobleme. Entscheidungen über

  • Tragwerk (Massiv-, Skelettbau, Raumtragwerk),
  • Klimatisierung (Solarenergie, konventionelle Energie),
  • Licht (künstlich, natürlich),
  • Lage des Baues (Flachland, Hang, verkehrsreiche Innenstadt),
  • Materialien (Holz, Stein, Glas) usw.

bestimmen wesentlich die Gestaltung. Hinzu kommen ökonomische Erwägungen (Energie und Material sparend, kostengünstig) und die Wünsche der Auftraggeber, die die Ideen zur Formgebung beeinflussen. Trotzdem hat der Architekt gerade bei sogenannten „Sonderbauten“ (Kommunalbauten und sakrale Bauwerke) einen ausreichenden gestalterischen Spielraum, seine Ideen zu verwirklichen.

  • So ist die begehbare Kuppel des Berliner Reichstages (1994–1999, Architekt: NORMAN FOSTER, * 1935) politisch-symbolisch gemeint. Das Volk wird symbolisch über das Parlament erhoben. Nicht nur das Bauwerk, auch die Politik wird gleichsam transparent.
Blick in die gläserne, begehbare Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin (1994–1999, Architekt:NORMAN FOSTER, * 1935). Das Volk wird symbolisch über das Parlament erhoben.

Blick in die gläserne, begehbare Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin (1994–1999, Architekt:NORMAN FOSTER, * 1935). Das Volk wird symbolisch über das Parlament erhoben.

  • Das Jüdische Museum in Berlin (1992–1998, Architekt: DANIEL LIBESKIND, * 1946) ist in seiner Form mit einem zehnfach gezacktem „Blitz“ vergleichbar. Assoziationen an einen gebrochenen Davidstern, an vielfach gebrochene Wege jüdischer Geschichte, an Aggressivität und Vernichtung drängen sich auf.
  • Mit dem Gebäude eines Arbeiterclubs in Moskau (1927, Architekt: ALEXANDER MELNIKOW), der die Form eines Zahnradteiles hat, sollten sich die Arbeiter identifizieren. Den Arbeitern, als antreibende Produktivkraft verstanden, wurde so versucht, auch in ihrer Freizeit das Gefühl ihrer Kraft zu vermitteln.

Der Charakter der Materialien bestimmt entscheidend die Form, den Raum und den Eindruck der Architektur.

  • Im „Löwentor“ von Mykene (13. Jh. v.Chr.) wird mit den Mitteln der Steingröße und der Steinbearbeitung die im Hintergrund wirkende Macht des Bauherren deutlich. In die gewaltigen Ausmaße des Zyklopenmauerwerkes ist das Löwenrelief als besondere Betonung des Eingangs eingefügt. Der beabsichtigte Ausdruck wird in den Eindruck von Unbezwingbarkeit der Festung und Dauerhaftigkeit verwandelt.
Der Charakter der Materialien bestimmt entscheidend die Form, den Raum und den Eindruck von Architektur.Am Beispiel des „Löwentors“ von Mykene (13. Jh. v.Chr.) wird mit den Mitteln der Steingröße undder Steinbearbeitung die im Hintergrund wirkende Macht d

Der Charakter der Materialien bestimmt entscheidend die Form, den Raum und den Eindruck von Architektur.Am Beispiel des „Löwentors“ von Mykene (13. Jh. v.Chr.) wird mit den Mitteln der Steingröße undder Steinbearbeitung die im Hintergrund wirkende Macht d

  • Auch bei der Architektur moderner Bankgebäude werden diese Mittel der Quantität von Steinen, der kostbaren und sorgfältigen Verarbeitung und der Aufmerksamkeit heischenden, in die Straße vorragenden Portalkonstruktionen verwendet.

Materialien haben also einen symbolischen Gehalt. Sie können

  • Üppigkeit oder Strenge,
  • Vergänglichkeit oder Dauer,
  • Pflanzliches,
  • Mineralisches oder Künstliches,
  • Intimität oder Öffentlichkeit,
  • Handwerk oder Industrie

verkörpern. Die Bedeutungen von Holz, Stein, Beton, Metall, Stoff oder Kunststoff verändern sich mit Technologie und Kultur. Ihre Grundeigenschaften und ihre Festigkeit bleiben jedoch weit gehend unverändert. So wird das Material nach

  • Leichtigkeit oder Schwere,
  • Verformbarkeit oder Starrheit,
  • Zerbrechlichkeit oder Stabilität,
  • Wärmeleitfähigkeit oder Kühle,
  • Billigkeit oder Kostbarkeit,
  • Schlagfestigkeit oder -empfindlichkeit usw.

ausgewählt. Strapazierfähig, Dampf diffundierend, aber doch wasserdicht, frostbeständig, fleckresistent, umweltverträglich und vor allem recyclingfähig beispielsweise sind die Anforderungen für Fußbodenbeläge kommunaler Bauwerke.

Auf die Formwahrnehmung hat auch die Stärke des Materials Einfluss. Dickere Mauern z. B. vermitteln durch das Massive den Eindruck von Sicherheit und Dauerhaftigkeit. „Dünnes“ Material, das u. a. in den Raumtragwerken (Gitterschalen, Netze usw.) Verwendung findet, wirkt leicht, elegant, schwerelos und poetisch.

Die Oberflächenstruktur (Textur), die Bearbeitungsspuren des Materials, geben der Form und dem Raum den eigentlichen Charakter, seinen „Status“ und seine „Temperatur“. Material kann zart oder robust, weich oder hart sein. Bei entsprechender Oberflächenbehandlung – z. B. beim Schliff – kann dasselbe Material glatt oder rauh, matt, satiniert oder glänzend sein. Handwerkliche Präzision beim Verlegen von Ziegelmauerwerk erzeugt die Fuge als wichtige Textur, die ein Muster ergibt und auch die Wandfläche gliedert.

  • Römische Maurer verwendeten im Altertum eine gemischte Mauerkonstruktion im Wechsel aus grob behauenen Steinen und Schichten gleichmäßiger Ziegel. Fenster und Maueröffnungen wurden mit Ziegelreihen umrahmt. Auf diese Weise steigerte die Textur die Form- und Zierwirkung.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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