Malerei der Hochrenaissance

Luftperspektive/Farbperspektive

Beim Naturstudium entdeckten sie, dass die Umrisse von Dingen immer unschärfer werden, die Details sich aufzulösen scheinen, Eckiges erscheint abgerundet. Dieses Phänomen, das mit den Staubteilchen in der Luft auftritt, nennt man Luftperspektive.

KONRAD WITZ: „Der heilige Christophorus“;um 1435, Holz, 102 × 81 cm; Basel, Kunstmuseum.

KONRAD WITZ: „Der heilige Christophorus“;um 1435, Holz, 102 × 81 cm; Basel, Kunstmuseum.

Bereits KONRAD WITZ (1400–1445/47) wandte die von LEONARDO DA VINCI sfumato genannte Technik an, den Hintergrund des Bildes als atmosphärischen Dunstschleier ungenau und verschwommen in kalten Farben, heller und farbloser darzustellen. Luftperspektive wird in der Literatur oft auch

  • atmosphärische Perspektive bzw.
  • Verschleierungsperspektive

genannt. Die Häuser, Bäume, Berge werden in ihrer Form und Gestalt undeutlicher.

Die Farben verlieren an Sättigung, das Rot wird herausgefiltert, weit Entferntes erscheint blau. Der Vordergrund zeigt warme, dunkle, kontrastreiche Gegenstände. Diese Beobachtung, die man Farbperspektive nennt, wurde bewusst in der Malerei umgesetzt. So gelingt es eine glaubhafte Trennung von Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund malerisch umzusetzen. Diese perspektivischen Darstellungen konnten in dieser Form erst mit der Ölmalerei umgesetzt werden.

TIZIAN

Zu besonderer Meisterschaft in der Verwendung der Farbe als vorherrschendem Gestaltungsmittel brachte es TIZIAN (eigentlich TIZIANO VECELLI, um 1488/90–1576) – „Erster Maler Venedigs“. Sein koloristischer Realismus ist an der holländischen Schule orientiert. Der sinnliche Farbeindruck seiner Bilder beeindruckte bis ins 19. Jahrhundert Maler, wie

  • PETER PAUL RUBENS,
  • EUGÉNE DELACROIX,
  • REMBRANDT VAN RIJN,
  • DIEGO VELAZQUEZ,
  • NICOLAS POUSSIN und
  • JEAN-ANTOINE WATTEAU.

TIZIAN wurde durch seinen Lehrer GIOVANNI BELLINI (gen. GIAMBELLINO, um 1430–1516), einem der Hauptmeister der venezianischen Frührenaissance, sowie durch seinen Mitschüler GIORGIONE (eigentlich GIORGIO DA CASTELFRANCO, um 1478–1510) beeinflusst. Mit Letzterem malte er u.a. die Fresken am Außenbau des Fondaco dei Tedeschi (Kaufhaus der Deutschen).

Ihm gelingt es, durch Farbunterschiede und Lichteffekte die Oberflächen der Dinge plastisch erscheinen zu lassen, typisch ist die Kontrastierung von warmen und kalten Farben in seinen Werken.

TIZIAN wurde bereits zu seinen Lebzeiten gefeiert.

TIZIAN: „Himmlische und Irdische Liebe“;1515, Öl auf Leinwand, 118 × 279 cm;Rom, Galleria Borghese.

TIZIAN: „Himmlische und Irdische Liebe“;1515, Öl auf Leinwand, 118 × 279 cm;Rom, Galleria Borghese.

TIZIANs Schaffen wird häufig in vier Perioden eingeteilt:

  • Frühzeit: etwa 1500–1518 (In diese Zeit fällt seine Zusammenarbeit mit GIORGIONE, die Allegorie „Himmlische und irdische Liebe“ von 1515 sowie „Der Zinsgroschen“ aus dem selben Jahr sind die berühmtesten seiner Frühwerke)
  • 1518–1530 (Den Beginn dieser zweiten Schaffensperiode markiert die „Himmelfahrt Marias“, die sogenannte „Assunta“)
  • 1530–1550 (In dieser dritten Schaffensperiode malte TIZIAN Porträts von berühmten Zeitgenossen)
  • Spätzeit: 1550–1576 (In seiner letzten Schaffensperiode fand TIZIAN zur großen kompositorischen Bildsprache zurück: „Grablegung Christi, 1559, Nymphe und Schäfer. Sein größtes Meisterwerk der Spätzeit stellt zweifelsohne die „Dornenkrönung“ von 1570 dar)
TIZIAN: „Dornenkrönung“;um 1570, Öl auf Leinwand, 280 × 182 cm;München, Alte Pinakothek.

TIZIAN: „Dornenkrönung“;um 1570, Öl auf Leinwand, 280 × 182 cm;München, Alte Pinakothek.

GIORGIONE

GIORGIONE (eigentlich GIORGIO DA CASTELFRANCO, um 1478–1510) gilt als Vater der modernen venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein faszinierender Porträtmaler, er schuf auch poetische Landschaften. Dabei kombinierte er die sfumato-Technik LEONARDO DA VINCIs mit der lasierenden Technik und Farbwahl der Niederländer. Völlig neu ist der Umgang GIORGIONEs mit dem Licht.

Eine idyllische Landschaft flankiert in „La Tempesta“ (dt.: „Das Gewitter“) im Bildvordergrund rechts, etwas erhöht, eine Mutter mit Kind, links ein Wanderer. Hinter ihnen erhebt sich ein gewaltiges Gewitter, das aber diese Idylle nicht trüben kann. Gäbe es die Menschen auf dem Bild nicht, könnte man das Gemälde für ein reines Landschaftsbildnis halten. Die Figuren des Bildes wurden in der Kunstgeschichte unterschiedlich interpretiert.

Der Wanderer im linken Vordergrund wurde schon früh als Soldat oder Hirte gedeutet, die stillende Mutter als Zigeunerin. Zeitgenössische Interpretationen gehen davon aus, dass hier der Sündenfall von Adam und Eva (SETTIS) thematisiert wird. MOTZKIN will eine gemalte Legende der Rom-Gründer Remus und Romulus entdecken, aber es fehlt ein Säugling. Schließlich soll das Bild den trojanischen Königssohn Paris zeigen, der von einem Hirtenehepaar aufgezogen wurde, später eine Nymphe heiratete und mit ihr einen Sohn zeugte (RAPP). Dem gemäß wäre der dargestellte Wanderer/Hirte der Held Paris selbst, die stillende Frau aber Oinone, das Kind der gemeinsame Sohn Korythos. Das Gewitter zeigt die Bedrohung der Stadt Troja im Bildmittelgrund.

All diese Interpretationsversuche zeigen, dass das Rätsel um GIORGIONE bis heute eines bleibt. Ganz sicher wird hier das Sujet vom Menschen im Einklang mit der Natur behandelt, ganz gleich, welche Personen hier dargestellt werden. Einhellig wird das Gemälde von GIORGIONE als „Mysterium“, zuweilen als „Allegorie der Liebe“, begriffen. Diesem Gedanken folgend, wurde eine Werkausstellung 2004 im Kunsthistorischen Museum in Wien „Giorgione. Mythos und Enigma“ genannt. Die Interpretation des Bildes in der Ausstellung folgt weitgehend RAPP.

Eine Röntgenaufnahme zeigt eine andere Version des Bildes: Statt des Hirten wird eine nackte Frau sichtbar, deren Kopftuch sich fast mondförmig unter dem weißen Hemd des Hirten/Soldaten abzeichnet. Das schließt darauf, dass GIORGIONE sein Sujet im Laufe der Arbeit verändert hat. Kunstwissenschaftler gehen davon aus, dass der Maler ursprünglich eine Amazonenidylle vorhatte. Dafür könnte die Haltung der stillenden Frau sprechen. Sie zeigt nur eine ihrer Brüste. Amazonen ließen sich bekanntlich der Überlieferung nach die rechte Brust entfernen, damit sie den Bogen besser halten konnten.

Farblich besticht „Das Gewitter“ durch die Wahl der Farben: Schon Zeitgenossen bewunderten die Lebendigkeit des farblichen Ausdrucks dieses gemalten Gewitters.

Welche Intentionen der Maler schließlich verfolgte, ist wohl mit heutigem Blick kaum feststellbar. Und er selbst äußerte sich nicht: GIORGIONE starb 1510 erst 32-jährig an der Pest.

GIORGIONE: „La Tempesta“;um 1507/1508, Öl auf Leinwand;Galleria dell' Accademia, Venedig.

GIORGIONE: „La Tempesta“;um 1507/1508, Öl auf Leinwand;Galleria dell' Accademia, Venedig.

RAFFAEL

RAFFAEL (1483–1520) bewies sein Talent, erst siebzehnjährig, als er Teile der „Krönung des heiligen Nikolaus von Tolentino“ für einen Altar in Città di Castello malte. Bereits hier zeigen die Gottvater- und Madonnafigur eine Lebendigkeit des Ausdrucks, als hätte RAFFAEL nach der Natur porträtiert.

In Florenz schulte er sich ab 1504 an Werken LEONARDO DA VINCIs und MICHELANGELOs. Er wollte nicht nur seine Fertigkeiten der Darstellung bewegter Gruppen, sondern auch die im Porträt weiterentwickeln. Diese sollten den Ausdruck der menschlichen Seele materialisieren. In Florenz erwarb er soviel Handwerklichkeit und Kunstverständnis, dass die Kompositionen seiner Werke als Inbegriff klassischer Vollkommenheit gelten.

Wegen seiner vielen Madonnendarstellungen wird RAFFAEL auch als der Maler der Madonnen bezeichnet. Nach den Regeln des Goldenen Schnitts entstand RAFFAELs berühmtestes Werk, die „Madonna di San Sisto“, besser bekannt unter dem deutschen Namen „Sixtinische Madonna“, das 1512/1513  entstand und heute das wohl wichtigste Werk in der Dresdener Gemäldegalerie ist.

Die Madonna ist Ausdruck von RAFFAELs Streben nach Schönheit. Die Madonna trägt das Christuskind auf den Armen, flankiert wird sie vom Heiligen (Papst) SIXTUS II. und der Heiligen Barbara. Hinter Barbara ist ihr Attribut, der Turm, in Ansätzen zu erkennen. Zwei Engel schauen am unteren Bildrand der Szenerie zu. Verblüffend ist der Umgang mit der Perspektive: Während die Brüstung, auf der sich die Engel stützend halten, sowie die Tiara Papst SIXTUS’ eindeutig im Vordergrund stehen, befindet sich der Vorhang hinter der Ebene mit der Tiara. Der Hintergrund scheint ins Unendliche zu greifen.

RAFFAEL malte das Bild ursprünglich für den Hochaltar von San Sisto in Piacenza. Auftraggeber war Papst JULIUS II. 1754 wurde es im Auftrag des sächsischen Königs FRIEDRICH AUGUST III. für die Gemäldesammlung in Dresden erworben.

Viele Geistesgrößen rätselten über das Gemälde und beschrieben es. JOHANN JOACHIM WINCKELMANN äußerte sich:

„... Eine Madonna mit dem Kinde, dem heiligen Sixtus und der heiligen Barbara, kniend auf beiden Seiten, nebst zwei Engeln im Vordergrunde. Es war dieses Bild das Hauptaltarbild des Klosters St. Sixti in Piacens. Liebhaber und Kenner der Kunst gingen dahin, um diesen Raffael zu sehen ....
Sehet die Madonna mit einem Gesichte voll Unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen Größe, in einer selig-ruhigen Stellung, in derjenigen Stille, welche die Alten in den Bildern ihrer Gottheiten herrschen ließen ...
Das Kind auf ihrem Arm ist ein Kind über gemeine Kinder erhaben, durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit durch die Unschuld der Kindheit hervorzuleuchten scheint.

Dem Philosophen ARTHUR SCHOPENHAUER entlockte RAFFAELs Madonnenbild sogar Verse:

„Auf die Sixtinische Madonna“

Sie trägt zur Welt ihn: und erschaut entsetzt
In ihrer Gräu'l chaotische Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Torheit,
In ihrer Qualen nie gestillten Schmerz –
Entsetzt: doch strahlet Ruh und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug', verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit.“

(1815)

Und auch der Dichter FRIEDRICH HEBBEL hub eine Lobeshymne an:

Auf die Sixtinische Madonna

Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen!
Das rührt nicht her von einer ird'schen Hand!
Das ist entstanden, wie der Regenbogen,
Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!
Als einst die Himmelskönigin sich zeigte,
Als sie von ihrem Throne, sanft und mild,
Sich auf die dunkle Erde niederneigte,
Da seufzte jedes Herz nach ihrem Bild.

Und sieh: des Äthers reinste Tropfen fallen,
Der Sonne hellste Strahlen schimmern drein,
Und wie sie blitzend durcheinander wallen,
So fangen sie den holden Widerschein.

Er selber aber hält sie nun zusammen,
Und ein kristallner Spiegel bildet sich
Aus glüh'nden Perlen und aus feuchten Flammen,
In dem auch keine Linie erblich.

Schau' hin! Dein Auge wird dir nimmer sagen,
Was Tau ist oder Licht im kleinsten Punkt;
Drum soll sich keiner an dies Wunder wagen,
Der seinen Pinsel bloß in Farben tunkt.

Viel lieber soll's die Zukunft ganz betrauern,
Als nur zur Hälfte sich erhalten sehn:
In einer Sage mög' es ewig dauern,
In einem Abbild nicht zugrunde gehn!

WILHELM KELBER sagte:

„In diesem Jesushaupt selbst, das fast so groß ist wie das der Madonna, kämpft ein pausbäckiges, grübchenreiches Kindergesicht einen erschütternden Kampf mit dem Welternst der Augen und dieser mächtigen Stirn, in der der Heilsplan zu wohnen scheint.“

Übrigens: Die beiden Engel am unteren Bildrand – oft kopiert für Kunst und KItsch – wurden erst nachträglich auf die Wolken aufgemalt, sie stammen nicht von RAFFAELs Hand.

RAFFAEL: „Madonna di San Sisto“;1512/1513, Dresden, Gemäldegalerie.

RAFFAEL: „Madonna di San Sisto“;1512/1513, Dresden, Gemäldegalerie.

MICHELANGELO

Der bedeutendste Künstler des Cinqecento war – neben LEONARDO DA VINCI und RAFFAEL – MICHELANGELO BUONAROTTI (eigentlich MICHELAGNIOLO DI LUDOVICO DI BUONARROTO SIMONI). Sein Werk besticht durch das Hervorheben der Idealformen menschlicher Schönheit. MICHELANGELO war nicht nur Maler, sondern vor allem Bildhauer und sogar Architekt. Zwar lernte er zunächst in der Malschule von DOMENICO GHIRLANDAIO, wurde aber noch vor Beendigung seiner Lehre in die Bildhauerschule gegeben, die LORENZO DE MEDICI hatte gründen lassen.

Die Sixtinische Kapelle in unmittelbarer Nähe des Petersdoms ist die Hofkapelle des Papstes. Das Tonnengewölbe der Kirche verweist auf die Erbauungszeit zwischen 1477 und 1482. Architekt war GIOVANNI DE’ DOLCI. Ihre Ausmaße betragen 40,93 x 20,70 x 13,41 m. Sie soll somit die Idealmasse des Tempels SALOMONs aus dem Alten Testament haben. Dabei entspricht die Länge der doppelten Höhe sowie dreifachen Breite. In der Hofkirche findet die Papstwahl statt, hier treffen sich die Kardinäle zu ihren Zusammenkünften.Das Decken- und Altargemälde der Sixtinischen Kapelle malte MICHELANGELO von 1508 bis 1512 und 1535 bis 1541.Das weltberühmte Deckenfresko zeigt auf 520 Quadratmetern Szenen aus dem 1. Buch Mose (Genesis), das Altargemälde auf 200 Quadratmetern Szenen des Jüngsten Gerichts.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle, Gesamtansicht;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle, Gesamtansicht;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

Für die Decke entwarf MICHELANGELO neun zentrale Geschichten aus der Genesis:

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Der Schöpfergott scheidet Licht und Finsternis (Sonne und Mond)“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Der Schöpfergott scheidet Licht und Finsternis (Sonne und Mond)“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

  • Gott scheidet das Licht von der Finsternis
  • Gott erschafft die Gestirne und Pflanzen
  • Gott trennt Land und Wasser
MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Der Schöpfergott erschafft Adam“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Der Schöpfergott erschafft Adam“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

  • Erschaffung Adams
  • Erschaffung Evas
  • Sündenfall und
  • Vertreibung aus dem Paradies
MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Ursünde und Vertreibung aus dem Paradies“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Ursünde und Vertreibung aus dem Paradies“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

  • Noahs Opfer
  • Sintflut
  • Trunkenheit Noahs
MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Die Sintflut“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte in der Sixtinischen Kapelle,Hauptszene: „Die Sintflut“;1508–1512, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

Es ist eine deutliche Dreiteilung auszumachen: Handeln die ersten drei Fresken von der Erschaffung der Welt durch Gott, werden in den nächsten vier Darstellungen menschliche Gestalten gezeigt. Diese handeln zunächst unschuldig (deshalb werden sie nackt gezeigt). Nachdem die Schlange Eva betört („Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“) und sie überredet, vom Baume der Erkenntnis zu essen („Apfel“), verlieren Adam und Eva ihre Unschuld. Sie erkennen, dass sie nackt sind. Sie werden aus dem Paradies vertrieben. Von nun an ist der Mensch sterblich.

Drei weitere Episoden beschäftigen sich mit der Sintflut. Noah kann sich nach dem Willen Gottes als einziger Mensch retten. Seine Nachkommen sind es, die sich vermehren dürfen.

FRIEDRICH MÜLLER schreibt über die Gottesfigur des Deckenfreskos:

„Gott Vater rauscht darin, von einer Heerschar göttlicher Einzelkräfte seines schöpferischen Worts in der Gestalt von Genien, welche ihn halb tragen, halb von ihm getragen werden und von seinen flatternden Gewanden bedeckt sind, in gewaltigem Fluge dahin“
(FRIEDRICH MÜLLER: „Die Künstler aller Zeiten und Völker“, 1857).

Die Erschaffung Adams nennt er „ein Bild von wunderbar tiefsinniger Komposition und voll der edelsten Hoheit und Majestät in der Ausführung“ (F. MÜLLER). Generationen von Menschen standen und stehen staunend vor diesem Meisterwerk der Malerei.

Im Fresko zum Jüngsten Gericht ist jene Szene festgehalten, die in Mattäus 25, Vers 31–46 dargestellt wird:

„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.“

MICHELANGELO BUONAROTTI: „Das Jüngste Gericht“, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle, Gesamtansicht;1535–1541, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONAROTTI: „Das Jüngste Gericht“, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle, Gesamtansicht;1535–1541, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

Den Mittelpunkt bildet Jesus Christus, an den sich Maria mit leicht zur linken Seite geneigtem Kopf anlehnt. Ihn umringen die Heiligen. Die Engel der Apokalypse darunter lassen ihre Posaunen ertönen, dass die Menschen auferstehen. In der unteren rechten Bildecke steht Charon in seinem Kahn und wirft die Verdammten in den Fluss. Alle Figuren,

  • die Heiligen,
  • die Engel der Apokalypse und die Auferstandenen,
  • Engel und Dämonen,
  • die Verdammten und Charon

erwarten gespannt das Urteil Jesu. MICHELANGELO gelingt hier eine kühne Komposition, in der die griechische Mythologie ebenso zitiert wird, wie DANTEs „Göttliche Komödie“.

MICHELANGELO BUONARROTI: „Das Jüngste Gericht“, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle,Detail: „Christus mit Maria“;1535–1541, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONARROTI: „Das Jüngste Gericht“, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle,Detail: „Christus mit Maria“;1535–1541, Fresko;Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

VASARI überliefert die Meinung eines Zeitgenossen, der meinte, dass

„die vielen nackten Körper, die ihre Scham zur Schau stellten, für einen so ehrwürdigen Ort wie die Papstkapelle unschicklich und eher für eine Badestube oder ein Wirtshaus geeignet seien“
(G. Vasari, „Le vite de' più eccellenti architetti, pittori ed scultori italiani“, deutsch: „Die Lebensbeschreibungen der berühmtesten italienischen Architekten, Maler und Bildhauer“).

MICHELANGELO malte seine Figuren nackt. Nachdem er gestorben war, erhielt DANIELE DA VOLTERRA vom Vatikan den Auftrrag, die pikanten Stellen mit Tüchern zu übermalen. Die Römer riefen ihn von nun an bei seinem neuen Spitznamen „il braghettone“, was auf deutsch „der Hosenmacher“ bedeutet. 1975 wurden die Übermalungen entfernt und die Fresken restauriert.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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