Michelangelo Merisi da Caravaggio

Stationen aus dem Leben des frühbarocken Malers CARAVAGGIO

CARAVAGGIO, der eigentlich MICHELANGELO MERISI hieß und nach seinem Geburtsort in der Nähe des italienischen Bergamo mit dem Namen CARAVAGGIO in die Kunstgeschichte eingegangen ist, wurde am 28. September 1571 als Sohn des Handwerkers FERMO MERISI geboren.

Mit etwa 13 Jahren kam er um 1584 nach Mailand, wo er von dem Tizian-Schüler SIMONE PETERZANO einige Jahre lang in der Malerei unterrichtet wurde. Nach ersten künstlerischen Erfolgen, aber auch – wie verschiedene Quellen berichten – nach Gefängnisaufenthalten aufgrund einiger Querelen, verließ CARAVAGGIO Mailand und kam 1590/91 erstmals und 1592 schließlich für 14 Jahre nach Rom.

In Rom fand er zunächst Aufnahme im Haushalt des Monsignore PANDOLFO PUCCI, eines Priesters von St. Peter, arbeitete für zahlreiche Auftraggeber und schuf seine bedeutendsten Werke.

Aufgrund seines von den Zeitgenossen als labil und streitsüchtig beschriebenen Charakters wurde CARAVAGGIO in viele kriminelle Handlungen und Strafprozesse verwickelt. Seit dem Jahr 1600 existieren Polizeiakten über mehrere Schlägereien und Streitigkeiten, an denen CARAVAGGIO beteiligt war.

So klagte 1603 der Maler GIOVANNI BAGLIONE gegen CARAVAGGIO wegen der Verbreitung diffamierender Gedichte. CARAVAGGIO wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kam jedoch durch Fürsprache des französischen Botschafters frei. 1605 stand er erneut vor Gericht und nach einem Mord an einem Zechkumpan musste er aufgrund der Mordanklage gegen ihn aus Rom flüchten.

CARAVAGGIO auf einem Lireschein nach einer Kreidezeichnung von OTTAVIO LEONI

CARAVAGGIO entkam nach Neapel, wo er einige Altarbilder malte und schließlich nach Malta, wo er in den Malteserorden eintrat. Als er 1608 auch auf Malta gefangen genommen wurde, entfloh er nach Sizilien.

Im Juli 1610 auf Begnadigung in Rom hoffend, versuchte er, dorthin auf dem Seeweg zurückzukehren. Nachdem er in Porto Ercole (bei Civitavecchia) gelandet war, wurde er erneut verhaftet und erkrankte dann an einem Fieber, an dem er wenige Tage später verstarb.

CARAVAGGIO liebte die Herausforderungen des Lebens und wandelte stets auf dem schmalen Pfad zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Seine Homosexualität, mit der auch immer wieder seine Gemälde in Verbindung gebracht werden, erschwerte ihm ebenso die volle Anerkennung. Trotzdem erreichte seine Malkunst einen unschätzbaren Einfluss auf die europäische Malerei, besonders seine Stillleben und Genremalerei sowie die bahnbrechende Hell-Dunkel-Malerei fand viele Nachahmer.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Die Wahrsagerin“;um 1594, Öl auf Leinwand, 99 × 131 cm;Paris, Musée du Louvre.

CARAVAGGIOs künstlerischer Werdegang

In den frühen Jahren in Rom brach bereits CARAVAGGIO mit den Traditionen der Malerei des Manierismus, die würdevoll dargestellte Heilige als Bildinhalt bevorzugte. Er schuf solche volksnahen Bilder, wie „Die Wahrsagerin“ (1593) und „Knabe mit Fruchtkorb“ (1593/94).

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Knabe mit Fruchtkorb“;1593–1594, Öl auf Leinwand, 70 × 67 cm;Rom, Galleria Borghese.

Mit diesen Gemälden, die Szenen des alltäglichen Lebens darstellen und die der Gattung der Genremalerei zugerechnet werden, erregte CARAVAGGIO großes Aufsehen. Es waren jene einfachen, ja derben Menschen aus dem Volk oder „von der Straße“, die er für bildwürdig ansah und die er mit großer Naturnähe und mitunter recht drastisch auf die Leinwand brachte.

CARAVAGGIOs erster bedeutender Auftraggeber und Förderer war Kardinal FRANCESCO MARIA DEL MONTE. Der kunst- und musiksinnige Kardinal nahm den Künstler in seinen Palazzo Madama auf und regte ihn zu ganz neuen Bildschöpfungen an. 1595/96 entstand „Der Lautenspieler“.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Der Lautenspieler“;um 1595, Öl auf Leinwand, 94 × 119 cm;St. Petersburg, Eremitage.

In Nahsicht ist ein schöner junger Mann zu sehen, der, einen Blumenstrauß zur Rechten sowie Noten und eine Violine vor sich hat. Bereits hierin zeigt sich eine für CARAVAGGIOs gesamtes Werk charakteristische Malweise: die Verwendung scharf abgegrenzter Konturen und hart gegeneinander gesetzte Farbkontraste.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Contarelli-Kapelle in San Luigi di Francesi in Rom,Szene: „Berufung des Hl. Matthäus“;1599–1600, Öl auf Leinwand, 322 × 340 cm;Rom, San Luigi dei Francesi.

CARAVAGGIO war einer der Begründer der Hell-Dunkel-Malerei

Der erste große öffentliche Auftrag für CARAVAGGIO waren die beiden Gemälde „Die Berufung des heiligen Matthäus“ und „Das Martyrium des heiligen Matthäus“ für die Contarelli-Kapelle in der französischen Nationalkirche San Luigi dei Francesi in Rom.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Contarelli-Kapelle in San Luigi di Francesi in Rom,Szene: „Martyrium des Hl. Matthäus“;1599–1600, Öl auf Leinwand, 323 × 343 cm;Rom, San Luigi dei Francesi.

Mit diesen beiden Darstellungen biblischer Szenen begründete CARAVAGGIO um 1599/1600 eine neue Tradition religiöser Malerei: Nicht in würdevoller, angemessener und „heiliger“ Atmosphäre wird das Geschehen gezeigt, sondern in zeitgenössischen Kostümen wird ein genrehaftes Sittengemälde in dem für CARAVAGGIOs Malerei charakteristischen „Kellerlicht“ entworfen.

Das Licht dringt in scharfer, eher künstlicher Ausleuchtung in einen Raum tiefer Finsternis ein und holt Einzelheiten eindringlich, pointiert, ja grell heraus. In der „Berufung des heiligen Matthäus“ sind es die erstaunten Gesichter und vor allem die zeigenden Hände, die ins Licht gerückt werden, damit wesentliche Momente der Handlung betonen und den Betrachter geradezu in das Geschehen hineinziehen.

Mit dieser Hell-Dunkel-Malerei, auch Chiaroscuro genannt, war CARAVAGGIO Vorbild für eine Generation von Malern, die als sogenannte Caravaggisten in die Kunstgeschichte eingingen.

In der „Kreuzigung Petri“ (1600/01) verbindet CARAVAGGIO die Farbgebung TIZIANs mit gewagten perspektivischen Neuerungen: In distanzloser Nahsicht mit stark verkürzt wiedergegebenen Körpern wird die Gewalttätigkeit der Henker und die Todesangst des Heiligen gezeigt. Ein Naturalismus, der auch vor der Darstellung schmutziger Fußsohlen des heiligen Petrus nicht zurückschreckt und eine effektvolle Lichtführung betonen das drastische Geschehen.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo in Rom,Szene: „Kreuzigung Petri“;1600–1601, Öl auf Leinwand, 230 × 175 cm;Rom, Santa Maria del Popolo.

Mit der zur gleichen Zeit gemalten „Bekehrung Sauli“ war CARAVAGGIO auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und Erfolges und wurde in die Accademia di San Luca – Roms bedeutende, 1593 gegründete Kunstakademie – aufgenommen.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: Gemälde der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo in Rom,Szene: „Bekehrung Sauli“;1600–1601, Öl auf Leinwand, 230 × 175 cm;Rom, Santa Maria del Popolo.

In dem 1601/02 entstandenen Gemälde „Amor als Sieger“ greift CARAVAGGIO ein Thema aus der antiken Literatur auf. Der jugendliche Gott der Liebe, Amor, steigt ein wenig lasziv und provozierend lächelnd über die Symbole der intellektuellen Werte hinweg: über die Musikinstrumente Laute und Violine, über den Lorbeer des literarischen Ruhms, über Zirkel und Winkelmesser, die Sinnbilder der Geometrie, über Krone und Zepter als Zeichen der Macht und über eine Rüstung als Symbol des Krieges.

„Amor vicit omnia“ (Liebe besiegt alles) lautet ein bekannter Spruch des römischen Dichters HORAZ (65 v.Chr.–8 v.Chr.). Will auch CARAVAGGIO zeigen, dass die Liebe alles besiegt?

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Amor als Sieger“;um 1600, Öl auf Leinwand, 154 × 110 cm;Berlin, Gemäldegalerie.

Viele der dann geschaffenen Gemälde, wie der „Tod Mariä“ (1605/06) oder die „Madonna dei Palafrenieri“ (1605/06) stießen bei den Auftraggebern auf Ablehnung. Hier wurden wieder die kritischen Stimmen laut, die die würdevollen Darstellungen biblischer Szenen vermissten. Es mögen der große Erfolgsdruck und eben jene Zurückweisungen der künstlerischen Arbeiten gewesen sein, die bei dem von seinen Zeitgenossen als charakterlich labil und streitsüchtig beschriebenen CARAVAGGIO zu verstärkt kriminellem Verhalten geführt haben, weswegen er schließlich auch aus Rom fliehen musste.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Tod Mariä“;1605–1506, Öl auf Leinwand, 369 × 245 cm;Paris, Musée du Louvre.

Eine außergewöhnliche Bildsignatur

Von Juli 1607 bis Oktober 1608 hielt sich CARAVAGGIO in Malta auf. Dort wurde er zum Ritter des Ordens ernannt und schuf als Geschenk für den Orden und seine Kirche in Maltas Hauptstadt Valletta „Die Enthauptung Johannes des Täufers“ (1608).

Dieses Gemälde ging als ein Kuriosum in die Kunstgeschichte ein. Traten die Künstler des Mittelalters zumeist gar nicht namentlich in Erscheinung, so brachten sie seit dem 15. Jahrhundert üblicherweise ihre Signatur auf dem Rahmen an und erst seit dem 16. Jahrhundert auf der Leinwand. CARAVAGGIO bringt seinen Namen hier außergewöhnlich in die Szene: Er bildet seine Signatur mit malerischen Mitteln aus dem Blutstrom, der aus dem abgetrennten Haupt des Heiligen entrinnt.

Mit seinen in nur wenigen Jahren geschaffenen Gemälden hat CARAVAGGIO in der europäischen religiösen Malerei eine neue Tradition begründet.

MICHELANGELO CARAVAGGIO: „Die Enthauptung Johannes des Täufers“;für das Oratorium der Kathedrale San Giovanni die Cavalieri in Valletta;1608, Öl auf Leinwand, 361 × 520 cm;Valletta (Malta), Kathedrale San Giovanni.
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