Das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte

Auf den griechischen Philosophen ZENON von Elea (490 bis 430 v.Chr.) gehen eine Reihe von Paradoxa (griech.: widersinnige Behauptungen) zurück. Das bekannteste davon ist wohl das Paradoxon von ACHILLES und der Schildkröte.

ZENON behauptet darin, dass ACHILLES (griechischer Held des Trojanischen Krieges und als Schnellläufer berühmt) eine Schildkröte, die einen Vorsprung von einem Stadion (etwa 192,27 m) habe, niemals einholen könne, obwohl er mit der zwölffachen Geschwindigkeit wie diese laufe.

Dies begründete ZENON folgendermaßen: Hat ACHILLES das eine Stadion (also den ursprünglichen Vorsprung der Schildkröte) zurückgelegt, ist die Schildkröte bereits 112 Stadion weiter, absolviert ACHILLES den Weg von 112 Stadion (also den noch verbliebenen Vorsprung der Schildkröte), so ist die Schildkröte erneut weiter, und zwar um nun 1144 Stadion usw.

Immer dann, wenn ACHILLES also dort ankommt, wo die Schildkröte zuvor war, ist diese schon wieder an einem neuen Ort. Ihr Vorsprung vor ACHILLES verringert sich zwar immer mehr, verschwindet aber nie. Folglich könne er die Schildkröte niemals einholen.

Da dies jeglicher praktischen Erfahrung widerspricht, glaubte ZENON, die Unzulänglichkeit der Mathematik nachgewiesen zu haben.

Tatsächlich war jenes zenonsche Paradoxon mithilfe der griechischen Mathematik nicht zu widerlegen, da der dazu erforderliche Begriff des Grenzwertes nicht bekannt war. Im Folgenden soll nun der (scheinbare) Widerspruch geklärt werden.

Wann holt ACHILLES die Schildkröte ein?

Es sei s der (ursprüngliche) Vorsprung der Schildkröte, diese bewege sich mit der (konstanten) Geschwindigkeit v1 und ACHILLES habe die Geschwindigkeit v2 (mit v2>v1).

Wir gehen davon aus, dass ACHILLES die Schildkröte nach einer bestimmten Zeit t einholt. Dann gilt für die Wege:
v2t=s+v1t

Bild

Hieraus lässt sich die Zeit t ermitteln, und wir erhalten das folgende Ergebnis:
t=sv2v1

Inwieweit korrespondiert nun dieses Ergebnis mit den Überlegungen ZENONS?

Danach legt ACHILLES den (ursprünglichen) Vorsprung s der Schildkröte in einer Zeit t1=sv2 zurück, währenddessen die Schildkröte einen (neuen) Vorsprung v1t1 gewinnt. Dieser wiederum wird durch ACHILLES in der Zeit t2=v1t1v2=v1v2t1 durchlaufen.

In der Zeit t2 „erarbeitet“ sich die Schildkröte einen Vorsprung v1t2, für den ACHILLES die Zeit t3=v1v2t2=v1v2v1v2t1=t1(v1v2)2 benötigt usw.

Für die Summe der Zeiten gilt dann:
t1+t2+t3+...=t1+v1v2t1+(v1v2)2t1+....=t1(1+v1v2+(v1v2)2+...)=sv2(1+v1v2+(v1v2)2+...)

Bei dieser Summe handelt es sich um eine unendliche geometrische Reihe, die wegen q=v1v2<1 konvergiert.

Nach der entsprechenden Summenformel ergibt sich:
t=sv211v1v2=sv2v2v2v1=sv2v1

Dieses Ergebnis stimmt mit unseren obigen Überlegungen überein.
Der (scheinbare) Widerspruch bestand darin, dass sich die griechischen Philosophen und Mathematiker zur Zeit ZENONS nicht vorstellen konnten, dass eine Addition unendlich vieler Summanden unter bestimmten Bedingungen einen endlichen Wert ergeben kann.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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