Ars nova

Entstehung

Die Epoche der Ars nova (neue Kunst) umfasste etwa die Zeit von 1320 bis 1380 und knüpfte an die Traditionen der Ars antiqua (alte Kunst) an. Sie konstituierte sich im Umkreis des Pariser Königshofes und war zunächst eine Erscheinung der französischen Musik. Erstmals erwähnt wurde dieser Begriff im Traktat „Ars nova“ (1322/1323) von PHILIPPE DE VITRY (1291–1361), der darin den neuartigen Modus der Notation von Musik (modus notandi) systematisierte. Daher bezeichnete der Terminus „Ars nova“ ursprünglich die Neuerungen der Notation im Kompositionsprozess. Erst im Nachhinein wurde die Bezeichnung „Ars nova“ zum Epochen- und Stilbegriff und bündelte das gesamte französische Repertoire des 14. Jh. Der Begriff ist auf die französische Musik begrenzt, da England und Italien eigenständige musikalische Traditionen entwickelten und erst wesentlich später auf den Ars-nova-Stil zurückgriffen.

Kennzeichen der Ars nova

Die Ars nova grenzte die französische Notation des zweiten bis letzten Viertels des 14. Jh. gegenüber den früheren Erscheinungsformen der Mensuralnotation in Frankreich ab. Die Neuerungen gingen vorwiegend auf PHILIPPE DE VITRY zurück. Notenwerte konnten von nun an nicht mehr nur in

  • dreizeitige Mensuren (Mensura perfecta), sondern auch in
  • zweizeitige Mensuren (Mensura imperfecta)

(Mensur = in der Mensuralnotation die Geltungsdauer der einzelnen Notenwerte untereinander) eingeteilt werden, die beide als gleichberechtigt anerkannt waren. Somit konnte beispielsweise das Verhältnis von Longa zu Brevis bzw. von Brevis zu Semibrevis sowohl zwei- als auch dreizeitig festgelegt sein.

Dass dreizeitige Notenwerte perfekt genannt wurde, hing damit zusammen, dass die Zahl drei ein Symbol für die Dreieinigkeit Gottes und somit heilig war. Genauso verhielt es sich beim Rhythmus. Da die Notenform die Darstellung des Rhythmus angab, verdeutlichten Mensurzeichen einen Rhythmuswechsel:

  • Tempus perfectum – ein Dreier-Rhythmus, der mit einem Kreis als Symbol der Vollkommenheit angegeben wurde;
  • Tempus imperfectum – ein Zweier-Rhythmus, der mit einem Halbkreis angegeben wurde.

Infolgedessen war die Gleichstellung von zwei- und dreizeitiger Mensur möglich. Ein nur vorübergehender Mensurwechsel einer Stimme wurde durch eine Rotkolorierung der jeweiligen Passagen verdeutlicht.

Eine weitere Neuheit war die Hinzugewinnung kleinerer Notenwerte durch die Erweiterung der Zahl der Mensurarten. Die Semibrevis ließ sich in Minima und diese nochmals in Semiminima aufspalten. Grafisch unterschieden sich diese Unterarten der Semibrevis durch die Halsung der Mensurzeichen.

Neue Möglichkeiten des Komponierens

Die Neuerungen der Notationsweise setzten von nun an den notationstechnischen Standard und erweiterten die kompositorischen Möglichkeiten, was zu einer Verfeinerung der Musik führte. Das nun mögliche Gewebe aus verschiedenen Tondauern besaß weitreichende Auswirkungen auf die Einzelstimmen, ihr Zusammenwirken im Satz und ihren harmonischen Zusammenklang. Diese neue Art der Notierung und die neue Art der Komposition ließen auch den Komponisten in einem völlig neuen Licht erscheinen, da doch der Produzent von Musik nicht Komponist, sondern häufig nur Notator genannt wurde.

Eine zentrale Wertvorstellung im kompositorischen Denken der Ars nova umschrieb der Begriff „dulcitudo“, was Süßigkeit oder Lieblichkeit heißt. Der Begriff bezeichnete eine sinnliche Wahrnehmung oder eine ästhetische Vorstellung von dem, was schön war, bezog sich auf die „Süße“ der Melodie, der Klänge und der Klangfolgen. Musikalisch trat diese Erscheinung in der gesteigerten Verwendung

  • imperfekter Klänge (Terzen, Sexten, Dreiklangsbildungen) sowie in der kunstvollen Komposition dissonierender Reizklänge auf. Maßgebend waren nämlich bisher die
  • perfekten Klänge (Einklang, Oktave, Quinte, insbesondere der Quint-Oktav-Klang), die an entscheidenden Stellen des Tonsatzes, am Anfang, an den Gliederungspunkten und am Schluss auftraten. Diese blieben auch weiterhin das Grundgerüst, wurden aber durch klangliche Imperfekte harmonisch „versüßt“.

Hauptgattungen der Ars nova

Die Neuerungen der Ars nova vollzogen sich besonders auf den Gebieten

  • der Motette,
  • des mehrstimmigen Liedes und
  • im liturgischen Repertoire (Messe).

Vor allem innerhalb der Gattung der Motette konstituierten sich diese stilistischen und notationstechnischen Entwicklungen. Die Motette war ein mehrstimmiger Gesang mit weltlichem Inhalt und zeichnete sich durch Mehrtextigkeit und Isorhythmie aus. Unter Isorhythmie verstand man Tonsätze, in denen unabhängig von Melodie und Text ein rhythmisches Grundgerüst genau wiederholt wird.

Das Werk GUILLAUME DE MACHAUTs (um 1300–1377), in dem die Ars nova kulminierte, bildete den Mittelpunkt der französischen Musik des 14. Jh. und den Höhepunkt der mehrstimmigen Musik des französischen Mittelalters überhaupt. Er war auch maßgeblich an der Entwicklung der Liedform beteiligt, denn mit seinen rund hundert weltlichen Liedsätzen begründete er die Gleichrangigkeit dieser Kompositionskunst neben der Motette.

Die Vielfalt der Liedform manifestierte sich in drei Hauptgattungen:

  • Ballade,
  • Rondeau und
  • Virelai.

In der ersten großen Liedquelle der Ars nova waren Ballade und Rondeau durchweg mehrstimmig (zwei- bis vierstimmig) gesetzt, nur das Virelai blieb eine mensural notierte einstimmige Gattung. Ab Mitte des Jahrhunderts wurde auch das Virelai mehrstimmig, ältere Kompositionen wurden oft einfach nur überarbeitet.

Anschaulich wird die Entwicklung des Liedes am Werk MACHAUTs, dessen Satzmodell an JEHANNOT DE L'ESCUREL (vor 1250–1304) anknüpfte. Von ihm waren bereits 34 Lieder aus der Zeit der Jahrhundertwende überliefert. Das Satzmodell besteht aus

  • Cantus,
  • Tenor und
  • Contratenor und kann im Einzelfall durch ein
  • Triplum

zur Vierstimmigkeit erweitert werden. Dieser Satzverbund ist ab Mitte des 14. Jh. zur Regel geworden. Das Melodiegerüst besteht – wie auch bei der Motette – aus

  • Longen,
  • Breven und
  • Semibreven,

und wurde mithilfe melodischer Floskeln in den kleineren Notenwerten (Semibrevis und Minima) ausgeziert.

MACHAUTs Werk prägte auch das liturgische Repertoire. So war seine „Messe de Nostre Dame“ in Anspruch und Konzeption einzigartig. Er komponierte diese durchweg vierstimmige und weitgehend isorhythmische Messe etwa zwischen 1360 und 1365.

Das liturgisches Repertoire der Ars nova befasste sich im Gegensatz zur liturgischen Mehrstimmigkeit des 13. Jh. nahezu ausnahmslos mit der Ausschmückung des Messordinariums und legte damit die Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Messkomposition im 15. und 16. Jh. Das Hauptinteresse galt den Vertonungen von Gloria und Credo sowie Kyrie, Sanctus und Agnus. Hier ist eine beträchtliche Anzahl mehrstimmiger Sätze überliefert. Die meisten Messsätze sind im Gegensatz zur Motette nicht isorhythmisch und offensichtlich von der Oberstimme statt vom Tenor aus konzipiert. Allerdings lassen sich Verbindungslinien zwischen der Motette und den Ordinariumsvertonungen im Satz nachweisen, da die meisten Messsätze vom Höreindruck der Ars-nova-Motette inspiriert waren. Auch in diesem Bereich entstanden Neukompositionen oft als Bearbeitung älterer Stücke. Weitgehend sind die Komponisten liturgischer Werke anonym.

Die Kompositionen der Ars nova sind in verschiedenen Handschriften und Sammelhandschriften festgehalten, welche hauptsächlich aus Motetten und Liedsammlungen bestehen.

Das Ende der Ars nova orientierte sich am Tode MACHAUTs im Jahre 1377 und wurde dann vom Stil „Ars subtilior“ abgelöst, welcher sich durch weitere Differenzierungen und eine rhythmische Komplexität auszeichnete.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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